kerstin_kullmann 14.09.2006, 18:01 Uhr 0 3

Stoff für Alpträume

300 Frauen riefen im vergangenen Jahr bei deutschen Notrufen an, alle mit dem Verdacht: durch eine Droge betäubt und vergewaltigt worden zu sein.

Jessica, so möchte die Frau in dieser Geschichte genannt werden, ist im September letzten Jahres mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Verbrechen zum Opfer gefallen, von dem sie selbst sagt: »Ich weiß nicht, was passiert ist.« Ihre Vermutungen deshalb als fragwürdig abzutun, wäre voreilig. Licht ins Dunkel der Ereignisse dieser Nacht zu bringen, ist für alle Beteiligten schwer. »Um nicht zu sagen«, so sieht Jessica das: »Es ist unmöglich.«

Unmöglich für die Frau in der Notrufstelle, in deren Besprechungszimmer Jessica Monate später saß. Für die Polizei, die Jessica damals nicht gerufen hat und die sie auch nicht beabsichtigt, von dem Vorfall noch in Kenntnis zu setzen. Für die Gerichtsmediziner, die keine Blutprobe bekommen haben und die nun ohnehin nichts mehr tun können. Es ist unmöglich, vor allem für Jessica selbst.

Jessicas Vermutung lautet folgendermaßen: Sie glaubt, dass zwei Arbeitskollegen ihrer besten Freundin ihr auf einer Gartenparty die Droge Liquid Ecstasy in ein Getränk gekippt und sie dann, als sie bewusstlos wurde, in eine Wohnung verschleppt haben. Sie vermutet, die Männer vergewaltigten sie dort und legten ihren Körper am nächsten Morgen auf dem Rasen des Schrebergartens, in dem das Fest stattfand, ab.

Jessica vermutet das und hätte gerne Unrecht. In ihrem Leben geht es nicht mehr darum, wie das Wetter ist, was im Kino läuft oder wie viel Milch noch im Kühlschrank steht. In Jessicas Kopf reiht sich seit dieser Nacht ein Verdacht an den anderen. Was hat man mit ihr gemacht? Woher kam das Blut? Weshalb hat man das getan? Aber auch: Hat sie provoziert? Hat sie leichtsinnig geflirtet? Ist sie selbst schuld? Myriaden von Vermutungen, die keinen Anfang und kein Ende nehmen. Vermutungen, die »zu rein gar nichts führen.« Aus diesem Grund hat sie beschlossen, das Problem möglichst sachlich anzugehen.

Jessica ist kein Wrack. Sie vernachlässigt ihr Äußeres nicht. Sie trägt saubere Kleidung. Ihre Hose, ihre Bluse sind gebügelt und in unaufdringlichem Schwarz und Weiß kombiniert. Sie ist 29 Jahre alt und trägt kein Make-up, obgleich man die dunklen Ringe unter ihren Augen schnell überschminken könnte. Sie trägt keine Frisur, sondern Haare, die sie mit einem Band, das sie bisweilen am rechten, dann wieder am linken Handgelenk aufbewahrt, zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet. Jessica ist ein Mensch, dem man erst auf den zweiten Blick ansieht, dass er sich nicht mehr im Spiegel betrachtet.

Jessica hat sich mit ihrer Ungewissheit arrangiert. Derart, dass sie, sobald ihr diese Ungewissheit klar wird, die Toilette aufsucht, um sich für einige Minuten zu übergeben. Nachdem Jessica runtergespült, sich die Hände gewaschen, ihr dunkelbraunes Haar geordnet und den Rock glatt gestrichen hat, trinkt sie für gewöhnlich einen Schluck stilles Mineralwasser. Das Wasser beruhigt ihren Magen, der sich in den letzten Monaten als, wie sie sagt, »unkooperativer Partner« erwiesen hat. Jessica wünschte, ihr Magen wäre so bemüht wie sie selbst, die Geschehnisse des letzten Septembers zu vergessen. Doch seit dieser Nacht haben sich in Jessicas Kopf einige Indizien zu einem Gesamteindruck zusammengefügt, der keinen anderen Schluss zulässt als den, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Man könnte sagen: ein Gesamteindruck, den ihr Magen schon kannte, als Jessica noch damit beschäftigt war, ihn zu leugnen. Den immer wieder aufkommenden Schmerzen in ihrem Unterleib hat Jessica, ähnlich wie ihrem Magen, bisher nur unwillig ihre Aufmerksamkeit geschenkt.

Über 300 junge Frauen haben im letzten Jahr die Nummern von Notrufen gewählt und dann nicht recht gewusst, was sie sagen sollen. Sie vermuteten, dass ihnen etwas zugestoßen war. Sie zögerten und wussten nicht, wie sie das formulieren sollten: »Ich glaube, ich bin vergewaltigt worden. Ich bin mir nicht sicher.« Wer einen Frauennotruf anruft, der besitzt normalerweise Gewissheit. Aber eine Vielleicht-Vergewaltigung, was soll das sein? Gewalt, Schmerzen: Bei einer Vergewaltigung gibt es nur Ja oder Nein. Aber doch kein Vielleicht.

Jessica wachte einige Stunden nach Sonnenaufgang unter einem Baum auf, den sie erst zweifelnd und dann mit ratloser Sicherheit als den Baum, unter dem sie in der Nacht zuvor gestanden hatte, ausmachen konnte. Der Himmel hing flach und vergilbt wie ein altes Plakat über ihr. Drei Garnituren Bierbänke halfen Jessica dabei, sich zu orientieren. Die Veränderungen, die sie in den Momenten danach an ihrem Körper entdeckte, konnte sie nicht so zügig einordnen. Jessicas Vermutungen setzen sich in erster Linie aus dem zusammen, was sie nicht weiß.

Sie weiß zum Beispiel nicht, weshalb sie am Morgen nach besagtem Abend auf dem Rasen wach geworden ist. Sie kann sich nicht daran erinnern, sich dorthin gelegt zu haben. Ihre Freundin hätte sie, egal, was an dem Abend vorgefallen war, nicht auf dem Boden schlafen lassen.

Jessica weiß nicht, wie sie in dieses schwarze Loch fallen konnte. So betrunken, sagt sie, wäre sie in 15 Jahren Nachtleben nicht gewesen. »So betrunken ist man einfach nicht.« Nicht von zwei Gläsern Wasser und zwei Gläsern Erdbeerbowle. »Soll ich dir was mitbringen«, hätten die beiden Arbeitskollegen sie immer wieder gefragt. Wie nett.

Sie sagt, ihre Erinnerungen wären bis zu einem bestimmten Zeitpunkt klar, sehr klar, und hätten dann ausgesetzt. Es sei so gewesen, wie wenn man ohnmächtig ist, nur kann Jessica sich weder daran erinnern, dass ihr die Knie wegsackten, noch daran, dass ihr Kreislauf Anstalten gemacht hätte, sie zu verlassen. Es sei nur eben so, dass sie sich an nichts erinnern könne. Auch nicht daran, wie sie die Erinnerung verloren hat.

Jessica erinnert sich an eine Treppe. Irgendwann fand sie sich vor einer Treppe in einem Flur wieder, den sie nicht kannte. Sie hörte das Blut in ihrem Kopf rauschen und dachte: »Wenigstens im Kopf ist welches.« In ihren Beinen war keines mehr. Sie ging schwach, und jetzt, wo sie wusste, dass sie eine Treppe hinaufgehen musste, war sie froh, dass jemand da war, um ihr zu helfen. Einer hakte sich links ein, der andere rechts. Die Kollegen der besten Freundin nahmen Jessica in ihre Mitte. »Gott sei Dank«, dachte sie. »Ein Mädchen, das so weggetreten ist, soll nicht an einem Treppenabsatz liegen. Das wäre peinlich.« Mehr dachte sie nicht.

Jessica weiß auch nicht, woher das Blut kam. Als sie am nächsten Morgen auf dem Rasen die Arme anwinkelte und auf die Beine kommen wollte, verkrampfte sich ihr Unterleib. Der Schmerz strahlte zur Seite. Ihr Kleid war hoch über den Slip gerutscht. Sie wollte es nach unten streifen, dann sah sie das Blut. Es war überall. Zwischen ihren Schenkeln, an den Knien, verschmiert in langen Schlieren. Jessica fasste hin: Das Blut war hellrot. Wie Blut, das aus einer Wunde fließt. Es war nicht dunkelrot wie das Blut, das eine Frau jeden Monat verliert. Jessica wusste, sie hatte vor einer Woche ihre Periode gehabt.

In einem Drogenscreening überprüft die Polizei normalerweise nur die üblichen Verdächtigen: Amphetamine, Kokain, Barbiturate oder Cannabis. Sie testet nicht auf Gamma-Hydroxy- Buttersäure (GHB), auch Liquid Ecstasy genannt. Das Verfahren ist mühsam, es dauert Stunden und kostet vergleichsweise viel Geld, fünfzig Euro. Es ist kein Standardtest.

Man hätte Jessicas Blut an diesem Morgen in eine Zentrifuge geben müssen, es rütteln, eindampfen, die Lösungsmittel herauslösen, um zu sehen, wie viel GHB übrig bleibt. Die Droge gleicht einem körpereigenen Neurotransmitter, der Jessica möglicherweise in hoher Dosis verabreicht wurde. »Vielleicht hätten wir dieses Mal Glück gehabt«, sagt Lars Kröner. Er ist Chemiker am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln. »Ein paar Milligramm pro Liter Blut zu viel hätten es noch sein können.«

Denn GHB ist flüchtig wie ein Dieb. Die Substanz hat eine kurze Halbwertszeit. Sie baut sich alle 30 Minuten um die Hälfte ihrer Konzentration ab und passt sich dann, als hätte sie in Tarnfarbe gebadet, dem körpereigenen Level an GHB an. »Liquid Ecstasy hinterlässt keine Spuren. Wenn die Opfer zu lange warten, können wir der Polizei nur noch sagen: ›Tut uns leid, wir haben nichts gefunden‹«, sagt Lars Kröner. Im Moment sagt Kröner diesen Satz beinahe wöchentlich. Im Sommer, in der Zeit der Grillfeste und Gartenpartys, häuften sich die Anfragen der Polizei, auf GHB zu testen.

Liquid Ecstasy gibt es im deutschen Nachtleben zu kaufen. Es ist flüssig, farb- und geruchlos und wird in kleine Plastikbehälter abgefüllt. »Fünf Milliliter kosten drei bis 15 Euro«, sagt Reinhold Zimmer vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz. Ein billiger, schneller Rausch. In geringer Dosis, unter einem Milliliter, wirkt GHB enthemmend. Doch schon ab zwei Millilitern, so steht es in einer Richtlinie des LKA, setzen ein: »Benommenheit, Übelkeit, Bewusstlosigkeit, Tod.«

Liquid Ecstasy ist schlauer als andere Vergewaltigungsdrogen. Es imitiert die Gesetze des Nachtlebens. »K.-o.-Tropfen hauen auf der Stelle um«, sagt Lars Kröner. Kein Mann könnte eine Frau bewusstlos von einer Party, aus einem Club tragen, ohne dass jemand es bemerken würde. Doch Liquid Ecstasy macht langsam. Es vergehen fünfzehn, zwanzig Minuten, bis zur Bewusstlosigkeit. Es sind diese Minuten, die es dem Täter ermöglichen, die Frau an einen einsamen Ort zu bringen. Der Frau ist schwindlig und schlecht, als hätte sie zu viel getrunken. Der Mann stützt die Frau und bringt sie nach draußen. Ein Kavalier rettet eine Dame. Wohin er sie rettet, bleibt ihm selbst überlassen. In einen Keller, einen Hausflur, in seine eigene Wohnung. Die Zeugen der Nacht haben nur gesehen, wie das Mädchen mitging. Und sonst nichts.

Immer ist es »nichts«. Das deutsche Bundeskriminalamt sagt: »Wir haben nichts.« Das Berliner LKA sagt: »Wir haben auch nichts. Wirklich. Viele Drogen sind hier ein Problem. Aber nicht Liquid Ecstasy.« Und in Rheinland-Pfalz heißt es: »Wir kennen den Verdacht. Aber ein Fall ist uns noch nicht untergekommen.« Kriminaler und Staatsanwälte kommen nicht weiter, es gibt keine Anzeigen. »Die Frauen reden nicht. Und wenn sie reden wollten, müssten sie es schnell tun«, sagt ein Sachbearbeiter für Delikte gegen Kinder und Frauen. Sobald das GHB nicht mehr nachweisbar ist, kann auch einem Straftäter nichts mehr nachgewiesen werden. »Es gibt keine Kratzspuren, keine blauen Flecken. Wehren können sich die Frauen ja nicht.« Und mit Vermutungen fange man keine Verbrecher.

In Großbritannien kaufen Frauen im Nachtleben ihre Getränke am liebsten in Flaschen. Die englische Zeitung »Guardian« schreibt: »Zwischen jedem Schluck halten sie den Daumen über die Öffnung.« Vergewaltigungsdrogen sind in Großbritannien seit Beginn der neunziger Jahre ein Problem. Das britische Innenministerium gibt eine Studie heraus, den »Sturman- Report«, die den Zusammenhang von Drogen und Vergewaltigungen beleuchtet. »Date-Rape-Drugs« sind dort ein Phänomen, dem Frauen mit Plastikdeckeln auf ihren Longdrinkgläsern, mit dem Kauf von Flaschen, mit geteilten Taxis bis vor die Haustür begegnen. Man passt auf sich auf, weil man oft von diesen Fällen gehört hat: Frauen, die in fremden Hotelzimmern, Wohnungen, in Straßengräben aufwachen, mit Unterleibsschmerzen, blutend, ohne zu wissen, was ihnen passiert ist. Ein Alptraum, der in England regelmäßig durch die Lokalzeitungen geistert.

Die britische Regierung gab unlängst zu: Vergewaltigungen unter Zuhilfenahme von Drogen sind das sich am schnellsten ausbreitende Verbrechen gegen Frauen im Land. Verurteilt wurde aber auch dort bisher nur eine Handvoll Täter. Und die nur, weil sie zufällig Bilder der missbrauchten Frauen auf ihrem Rechner gespeichert hatten oder in der Hosentasche mit sich herumtrugen.

»Fotzen«, schreibt ein Mann ins Internet. »Dumme Fotzen.« Er schreibt, es wäre geil, sie zu ficken, wenn sie sich nicht bewegen könnten. Wenn sie träumten wie die Engel. Das Wort Engel hat der Mann in Anführungsstriche gesetzt, denn in Wahrheit denkt er ja, dass Frauen Fotzen sind. Er schreibt im Forum einer »Date Rape«-Seite, auf die jeder klicken kann. Der Mann teilt seine Erfahrungen, vielleicht sind es nur seine Fantasien, mit anderen Männern, die gerne mit bewusstlosen Frauen schlafen würden. Er schreibt, er sei froh, wenn die Frauen sich nicht rühren könnten und er dann alles machen könne. Auch mit dem Messer.

Margit Schnorr betreut seit zwei Jahren die einzige bundesweite Hotline für Opfer von Vergewaltigungsdrogen. Sie betreut auch Jessica. Ihr Büro liegt in Westerburg im Westerwald. Mit ihrem Wissen um Liquid Ecstasy ist Margit Schnorr, die Mitte Fünfzig ist, aus ihrer ländlichen Idylle in eine Nachtlebenwelt gerutscht, in der die Grenzen von Freiwilligkeit und Zwang verschwimmen. In eine Welt, in der Menschen erst freiwillig Drogen nehmen und dann Dinge tun, die sie später bereuen. In der Menschen unfreiwillig Drogen nehmen und dann mit ihnen passiert, was sie niemals wollen.

Fünf Fälle schwerer Vergewaltigung sind es, bei denen sich Margit Schnorr sicher ist, dass Liquid Ecstasy im Spiel war. Sie sagt: »Die Frauen lügen nicht.« Sie sagt, es ginge nicht um Rache oder Aufmerksamkeit. In keinem der Fälle habe eine Frau bisher Anzeige erstattet. Es sei nur einfach so: »Bis die Frauen sich selbst glauben, was passiert ist, ist ihr Leben schon zerbrochen.«

Sie weiß, dass viele Opfer ihre Vergewaltiger kennen. »Verbrechen im sozialen Nahraum« heißt das im Psychologendeutsch. Die Opfer könnten sich nicht erklären, wie eine solche Tat geschehen konnte, unter Freunden, unter Bekannten. Auf Partys, Geburtstagen, in der Stammdisko. In einer Nachtwelt, in der man es gewohnt ist, sich schnell zu mögen und zu vertrauen. Wer für einen Small Talk, für ein wenig Flirten so schlimm bestraft würde, der wisse nicht mehr, was falsch und was richtig sei auf der Welt.

Jessica ist nicht zur Polizei gegangen. Sie hat das getan, was die meisten Frauen nach einer Vergewaltigung machen. Man könnte auch sagen, sie hat falsch gemacht, was die meisten Frauen nach einer Vergewaltigung falsch machen. Sie ist nach Hause gegangen und hat geduscht. Eine Stunde, zwei Stunden, sie weiß es nicht mehr. Alle Flaschen, Duschgel, Shampoo, Spülung, sogar Bodylotion, alles, was rund um ihren Badewannenrand stand, war danach leer, sagt sie. Sie hat versucht sich wegzuschrubben. Sich einzuweichen und dann aufzulösen. Sie hat nicht nach unten geschaut, sondern ihr Gesicht an die Fliesen gepresst und das Wasser laufen lassen. Ozeane von Wasser, die unter ihren Füßen im Ausguss verschwanden. Wenn man selbst vergeht, ist es hilfreich, wenn etwas anderes auch vergeht.

Weshalb hat sie ihrer besten Freundin nichts erzählt? Die Arbeitskollegen, sagt Jessica, stünden in einem Ruf. In dem Ruf, Aufreißer zu sein. Am Abend des Geburtstags sprühten sie Jessica voll mit Charme. Jessica versuchte, Freundinnenblicke mit ihrer Freundin zu tauschen. Aber die prallten ab. »Es war ihr Geburtstag«, sagt Jessica. »Und ich stand da wie die Queen.« Der besten Freundin gefiel es nicht, dass Jessica von ihren Kollegen umtänzelt wurde. »Du willst immer im Mittelpunkt stehen«, hatte die Freundin kurz zuvor am Telefon gesagt. »Und du huscht und versteckst dich. Und wenn dir einer gefällt, dann hängst du an mir dran«, hatte Jessica erwidert. Der Abend begann also mit einer Fortsetzung dieses Streits. Mit einem Muskelspiel zwischen Freundinnen, die aneinandergeraten waren. Der Abend endete mit einem Vorfall, den Jessica in schwachen Momenten als eine gerechte Strafe dafür empfindet, dass sie dieses Muskelspiel gewann.

Jessicas Freundin ruft nicht mehr an. Am Tag nach der Nacht hat sie sich ein paarmal gemeldet. Jessica ging ran. »Wo warst du?«, fragte die Freundin. Ihr Ton war kalt, in der Frage schwangen die Vorwürfe des letzten Abends mit. Sie sagte es nicht, aber sie meinte: Bist du mit einem von denen mitgegangen? Jessica schwieg. »Ich hab dich irgendwann nicht mehr gesehen«, sagte die Freundin. Jessica schwieg weiter. »Um elf warst du weg. Die anderen haben gesagt, die Kollegen hätten dich heimgebracht. « Kein Wort. »Sag, wo warst du?«, fragte die Freundin noch einmal. Jessica sagte nichts.

Dann sagte sie, ihr sei schlecht. Ob sie später noch einmal telefonieren könnten? »Ja, gut.« Aber Jessica rief nicht mehr an. Sie plant auch nicht, es in Zukunft zu tun. Sie kann es nicht, so lange sie noch in der Welt der Vermutungen lebt.

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