Golbanuh 13.04.2012, 21:03 Uhr 10 2

Springerstiefel

Meine Begegnung mit Herrn Nazi - eine wahre Begebenheit

Es ist ein Samstag, 01Uhr. Ich laufe in Richtung Hauptbahnhof. Der Wind weht in eisigen Böen, Regen peitscht mir ins Gesicht. Ich ärgere mich, dass ich an diesem ungemütlichen Abend nicht einfach zu Hause geblieben bin. Tief eingepackt in meine Winterjacke, versteckt unter einer Mütze, stapfe ich die Straße entlang. Meine Stilettos machen einen Heidenlärm, so kommt es mir vor. Leise fluche ich vor mich hin. Tief in meinen Gedanken versunken, bemerke ich die Männer gar nicht, die sich ins Dunkle eines Hauseingangs drängen. Bis deren immer lauter werdende Sprüche mich aus meinen Gedanken reissen. 


"Hey! Wohin des Weges, schöne Frau? Soll ich dir nicht ein bisschen Gesellschaft leisten?"

Verdutzt drehe ich mich um. Ich traue meinen Augen nicht.

Vor mir stehen fünf Männer. Breite Schultern, groß. Der Mann, der mich angesprochen hat, sieht sogar richtig gut aus. Er hat kurze braune Haare, blaue Augen. Das mag ich.

Nur eine Kleinigkeit trübt das Bild. Die Männer sind Nazis. So richtig. Mit allem drum und dran. 
Ihre Springerstiefel scheinen mich anzustrahlen. Mein Herz setzt aus. Ich habe Angst.

Ich drehe mich um, versuche in normalem Tempo weiter zu gehen.

"Ey! Ich rede doch mit dir, wohin?"

Ich bleibe stehen. Das Blut pocht mir in den Schläfen. Langsam gehe ich auf die Männer zu. Direkt vor Ihnen stehend, kann ich das Blut in meinen Ohren rauschen hören. 

Wie in Zeitlupe gehen meine Bewegungen, habe das Gefühl über meinem Körper zu schweben und mich selbst beim Selbstmord zu beobachten. Ich denke mir noch, was das für eine Situation ist und wieso ich nicht einfach weitergegangen bin. Doch mein Körper hört mein Gehirn nicht rebellieren. Meine zitternden Hände greifen an meine Mütze. Ich ziehe sie ab, schüttele meine dunklen Locken durch und gucke den Nazi an.
"Möchtest du mir jetzt immer noch Gesellschaft leisten?"

Das Leben läuft so schnell an einem vorbei, selten hat man die Gelegenheit die Mimik des Gegenübers im Detail zu studieren. Die meisten Züge gehen unbewusst an uns vorbei. Umso erstaunlicher finde ich die sich mir bietende Gesichtsentgleisung. 
Das süffisante Lächeln verwandelt sich in eine hässliche Grimasse, die Augen des Nazis funkeln. Er bebt vor Wut.
Selbst seine grölenden Kumpel sind verstummt. Man hört nur ein wütendes Grummen. Ich stehe fünf Kampfhunden gegenüber, als Meerschweinchen. 

Der Nazi zittert, versucht die Worte in seinem Gehirn zu sortieren. Ich sehe richtig, wie es in ihm arbeitet. 
"D-d-du k-k-kleines d-d-reckiges Stück. Scheiss T-t-t-t-ürkin!" 
Sein Stottern irritiert mich. Ich sage ihm, dass ich keine Türkin bin, sondern Perserin. Dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren kann, dass Menschenhass nur zu Vereinsamung führt. Ich erzähle ihm, dass ich studiere, dass ich eigentlich nur deutsche Freunde habe, dass ich am liebsten Sauerbraten esse. Ich versuche ihn zu bekehren. Ich versuche zu argumentieren. 
Ich kämpfe mit meinem Mitleid für Ihn. Er kämpft mit seinem Hass gegen mich. 
Am liebsten würde ich seinen Kopf nehmen, einmal aussaugen und den ganzen braunen Schrott entfernen, der sich dort im Laufe der Zeit angesammelt hat. Aber das kann ich nicht.

Der Nazi beschimpft mich. Er sagt mir, ich solle mich verpissen. Beim nächsten Mal wird er mich kleine dreckige Schlampe durchnehmen und dann im Schlamm verbuddeln, so wie ich es verdiene.
Er spuckt mir vor die Füße.

Ich senke den Blick. Gebe auf. Laufe zum Hauptbahnhof, fahre nach Hause.

Zu Hause dusche ich eine Stunde lang. Ich fühle mich dreckig.
Als hätte mich jemand im Schlamm verbuddelt und erst nach meiner einsetzenden Verwesung meine Maden-zerfressene Leiche ausgebuddelt. So fühle ich mich. Wie ein Zombie. Als würde ich hier nicht hingehören.




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10 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich hab noch nie eine gut aussehende Bomberjacke getroffen...

    Mir is der Text zu konstruiert- man zittert nicht und macht sich ins Höschen und dann "bekehrt" man den Schlägerhaufen mit Geschichten über Studium und Sauerbraten. Und natürlich stottert der braune Inzestbube ob der schier wahnsinnigen Enthüllung- als ob man die Abstammung nur an den Haaren erkennen könnte.

    Aber nice wenn's wirklich so war.

    14.04.2012, 02:09 von Dalek
    • 0

      Ich kann verstehen was du meinst und mir ist so etwas Absurdes auch bis dahin noch nie passiert. Aber es ist ein Tatsachenbericht. Und so eine Bekehrungsdiskussion würde ich auch nie wieder starten. Ich war an dem Abend echt mies drauf und wollte mir das in dem Moment nicht gefallen lassen. Darum geht es ja eben auch. Habe mich echt geärgert, dass mir nichts einfallsreiches, kluges in den Sinn gekommen ist. Stattdessen nur Geschwafel über Studium und Sauerbraten. Eben das wurmt mich immernoch! 

      14.04.2012, 11:46 von Golbanuh
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  • 1

    Meine dunklen Locken machen aus mir nun also eine Türkin oder Perserin? Das wär mir neu.
    Joa, ich weiß... Sinn des Textes is ein anderer... aber auch das is mir zu sehr über einen Kamm und so.

    14.04.2012, 01:13 von nyx_nyx
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    • 1

      Das würde son bisschen erklären, warum ich daaaaamals vor gefühlten 100 Jahren von nem Klassenkameraden "Schulterrorist" genannt wurde. :D

      14.04.2012, 16:20 von nyx_nyx
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  • 0

    Sehr gruselig! Und Du bist verdammt mutig! Hut ab!

    14.04.2012, 00:35 von Mrs.McH
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  • 1

    also waren es die Stiefel und die kurzen Haare, die die Männer als Nazis preisgegeben haben?


    Aber ich fühle, was du damit meinst...
    Dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren kann, dass Menschenhass nur zu Vereinsamung führt. Ich erzähle ihm, dass ich studiere, dass ich eigentlich nur deutsche Freunde habe, dass ich am liebsten Sauerbraten esse. Ich versuche ihn zu bekehren. Ich versuche zu argumentieren.

    13.04.2012, 21:44 von rafael.k
    • 0

      wenn man alle Rassisten an ihren Springerstiefeln und kurzgeschorenen Haaren erkennen könnte, wäre die Welt ein wenig ungefährlicher... aber bei dieser Truppe war es einfach die komplette Montur. Oberflächlichkeit ist das letzte, aber wenn jem Longsdale trägt von oben bis unten, Bomberjacke, Springer und mich scheiss Türkin schimpft .. dann ist doch alles klar, oder?

      13.04.2012, 22:35 von Golbanuh
    • 0

      du hast Recht :)

      aber vielleicht wäre es besser gewesen, wenn du die Beschimpfung vor der "Nazi-Identifizierung" geschrieben hättest.Das verwirrt leider.

      14.04.2012, 23:38 von rafael.k
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