Oliver_Bach 28.06.2009, 14:50 Uhr 4 2

SportSchreck!

Wir kochen nicht mehr, um zu kochen. Wir sporteln nicht mehr, um zu sporteln. Wir leben nicht mehr um zu leben. Wir machen es, um darüber zu sprechen.

Holland-Fans? Ich habe gar nicht mitbekommen, dass heute, mitten in der Sommerpause ein Länderspiel gegen die Niederlande stattfindet. Und das auch noch in München! Ich steige in die U-Bahn ein und bin umgeben von lauter verschwitzen Menschen in orangenen T-Shirts. Aber diese Menschen riechen nicht nach Bier, ihr Schweiß entstammt nicht dem Dunst des Hofbräuhauses und, freililch, Holländer sind das auch nicht.
Es sind Teilnehmer des 31. Münchner Stadtlaufes. Sie sind unterschiedlichen Alters, sie sind verschiedenster Herkunft, aber sie sind verschwitzt, verschmitzt, vereint in ihren orangefarbenen T-Shirts. Sie haben es getan, sie haben es geschafft und sie machen mir in meiner sonntäglichen Bürokluft vor allem eines deutlich: ich habe es nicht geschafft. Ich war nicht beim Stadtlauf dabei. Ich gehöre nicht dazu.
Bei dieser U-Bahn-Fahrt erwische ich Blicke, welche ich eigentlich verdrängt zu haben hoffte. Ich habe immer gehofft, dass diese Blicke in die Präpubertät gehören und dort auch bleiben. Es sind die gleichen Mimiken, die mir als Zehnjähriger von meinen Altersgenossen entgegenschlugen, wenn ich mich im Freibad nicht auf den Zehner traute (ich traute mich nicht einmal auf den Fünfer). Es ist das musternde Abscannen von meinem Scheitel bis zu meiner Sohle, welches mich bei der Mannschaftswahl immer als Letzten übrig blieben ließ. Es waren die Blicke eines eben präpubertären Konkurrenzdenkens, welches jede wache Sekunde des Tages dazu nutzt, zu bewerten, zu beurteilen, zu verurteilen. Irgendwann hatte ich gelernt, damit umzugehen, irgendwann hatte ich gelernt, mir die Blicke wo vorbei gehen zu lassen.
Warum irritieren mich nun also plötzlich diese Blicke? Nicht nur, weil ich sie bislang anscheinend fälschlicher Weise einer bestimmten Phase der werdenden Adoleszenz zugeordnet hatte. Nein, sie irritieren mich, weil sie nicht nur von Altersgenossen oder Jüngeren kommen. Da ist ein Typ schräg gegenüber, der belegt mich mit dem Superlativ von triumphierendem Geringschätzungs-Augenrollen. Er hat etwas von einem Diplom-Finanzwirt und erinnert mich an Ted aus Scrubs. Ich gehöre nicht dazu.
Wo ist MEIN Sport-Scheck-Stadtlauf-2009-Ich-hab’s-geschafft-und-du-nicht-T-Shirt? Denn ich weiß jetzt schon, dass genau wie letztes Jahr noch über alle Sommermonate hinweg die Menschen mit diesen T-Shirts in der Gegend herumlaufen werden, ohne gerade zu sporteln. Sie werden im Englischen Garten auf der Parkbank sitzen. Sie werden in der dm-Drogerie hinter mir an der Kasse stehen. Sie werden überall sein. 2008 hatte sogar auf einer Party einer so ein Ding an. Damit war die Party für mich gelaufen. Bei jedem Bier bekam ich ein schlechtes Gewissen: so wirst du nie den Halb-Marathon schaffen, mein Lieber. So wirst du nie das orangene Leibchen bekommen. Du wirst nie dazu gehören.
Erst als ich meiner Freundin zu Hause mein Leid klagte, öffnete sie mir die Augen für das Wesentliche an dem Problem. Sie sah mich etwas irritiert an: „Seit wann willst du denn Marathon laufen?“ – „Ich will doch gar nicht Marathon laufen!“ – „Ja, aber wieso willst du dann ein solches T-Shirt bekommen?“
Ich war erleichtert. Für mich war damit das T-Shirt-Problem gelöst. Aber die Frage, welche meine Freundin als letztes gestellt hatte, blieb interessant. Wieso willst du ein solches T-Shirt bekommen? Wir wollen nicht ein solches T-Shirt bekommen, weil wir am Stadtlauf teilgenommen haben. Es ist keine Ursache-Wirkung-Relation. Es ist eine Teleologie: wir wollen ein solches T-Shirt bekommen, um zu zeigen, dass wir am Stadtlauf teilgenommen haben (und DU nicht).
Es ist wie mit so vielem Anderen: Mitmenschen, die es bis vor zwei Jahren nicht einmal gebacken bekamen, den Dosenöffner zu bedienen, um an ihren Aldi-Erbsen-Eintopf zu kommen, tun plötzlich kund, dass Rucola „so was von vorbei“ ist, „Rauke ist weitaus sanfter im Geschmack“. Der beste Freund, von dem man über Jahre hinweg bei Fernsehabenden mit Hawaii-Toast verköstigt wurde, schwärmt von gegrillten Austern-Pilzen mit Erbsen-Minz-Pesto. Der Bruder, der eigentlich immer nur FHM und den Kicker gelesen hat, erzählt dir plötzlich etwas vom Mystizismus im Mann ohne Eigenschaften und dem Bewusstseinsstrom im Ulysses. Von vielen solchen Leuten habe ich dann auch tatsächlich Rauke bekommen und Erbsen-Minz-Pesto probiert und ja, die Rauke tatsächlich weicher im Geschmack und das Mystik-Ding bei Musil ist tatsächlich interessant. Genau so viele Leute hatten aber nicht Gelegenheit, ihr in möglichst großen Abend-Gesellschaften kundgetanes Fachwissen in der Praxis unter Beweis zu stellen. Vielleicht waren wenigstens das nur Großmäuler!?
Das ist genau der Punkt: es kommt gar nicht darauf an, ob es das ganze Rauken-Austernpilz-Stadtlauf-Gerede stimmt oder nicht. Eine Wirklichkeit des Gegenstandes dieser Gespräche ist eigentlich vollkommen irrelevant. Das Gespräch selber rückt ins Zentrum seiner selbst. Wir kochen nicht, um zu kochen. Wir sporteln nicht, um zu sporteln. Sein wir ehrlich: braten wir unser Entrecote wirklich nur deshalb auf den Punkt, um selber dann Genuss davon zu haben? Oder haben wir nicht immer schon im Hinterkopf, wie wir das da draußen verkünden werden? Ich bin der Steak-Mann, Leute! (und ich BIN der Steak-Mann!). Würden wir tatsächlich auch nur einen halben Tag in den Stadtlauf investieren, wenn wir nicht noch ein halbes Jahr danach mit dem neon-orangenen Emblem herumlaufen könnten?
Wahrscheinlich haben wir noch nie soviel kommuniziert wie jetzt. Noch nie so viel Zeit und vor allem: noch nie so viel Stoff. Auf ihren Facebook-Profilen posten User Fotos von Sommerfesten, Poker-Abenden, Abendessen und Stadtläufen. Man muss sich diese Fotos genau anschauen! Sind das Poker-Abende, bei denen zufällig ein paar Schnapp-Schüsse gemacht wurden? Nein, die Kontingenz liegt nicht mehr beim Festhalten unserer Freizeit-Tätigkeiten. Das Festhalten-Müssen, das Fotografieren, das Filmen, das Darüber-Sprechen haben sich gegenüber der eigentlichen Freizeit-Beschäftigung zur eigentlichen rahmengebenden Sinnstiftung ausgewachsen. Hatten wir eigentlich Spaß letzten Samstag beim Pokern? Ob ja oder nein, ist total irrelevant. Was ist das überhaupt für eine Frage? Das primäre Bewertungskriterium unserer Freizeitbeschäftigungen ist längst kein intrinsisches mehr wie etwa Spaß, Unterhaltungswert oder Anspruch. Ausschlaggebend ist allein, dass wir darüber sprechen, dass wir es tun. Unsere Beschäftigungen erhalten ihren gleichermaßen ontologischen Status nicht mehr durch sich selbst, sondern durch das ihnen eigentlich äußerliche Sprechen.
Der Linguist findet das interessant! Im Prozess einer sich selbst überstülpenden Semiose rückt das Zeichen gegenüber dem Bezeichneten in den alleinigen Focus, wird selbst zum eigentlich Bezeichneten. Das Signifikans wird Signifikat. Der Soziologe findet es ebenfalls interessant! Wir wissen, dass wir unaufhörlich beobachtet werden. Und wir versuchen als Promoter unser selbst, darauf ständig kalkuliert zu reagieren. Wir sind Beobachter unserer Beobachter unserer etc.. Luhmann würde sich freuen!
Der Mensch jedoch sollte das besorgniserregend finden. Ich will wieder kochen, um zu kochen. Ich will wieder Sport machen, um Sport zu machen. Ich will wieder lesen, um zu lesen. Ich will wieder leben, um zu leben. Und nicht, um es heute Abend zu erzählen. Ich werde das nicht schaffen. Ich würde wahrscheinlich auf alle mehr als minder autistisch wirken. Aber vielleicht sollte mir das bis zu einem gewissen Grad egal sein.

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      @[Benutzer gelöscht] Das ist schon wahr...ich komme natürlich als allererstes nicht aus dieser Schleife raus. Will ich darüber was schreiben, muss ich selbst so handeln, wie ich es eigentlich verfluchen will.

      29.06.2009, 10:51 von Oliver_Bach
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    Genau diesen Gedanken hatte ich vor kurzem auch in einem Artikel festhalten wollen. Vielleicht nicht so gelungen wie deiner, aber vielleicht machst du dir mal selber ein Bild davon? "Individualisten und andere Plagiate"
    Teilweise führen deine sehr langgezogenen (dennoch aussergewöhnlich artikulierten) Sätze, zu erschwertemLesefluss.

    29.06.2009, 01:06 von See_Emm_Why_Kay
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    Du hast so Recht! Dinge NUR tun, damit man hinterher was zu erzählen hat, ist in meinen Augen auch nicht wirklich erstrebenswert.

    28.06.2009, 19:20 von amidala
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