Spione wie wir
Mit SUCHMASCHINEN kann man eine ganze Menge über Freunde und Feinde erfahren. Die Autorin dieses Textes hat jahrelang Bekannte »ausgegoogelt«.
Zunächst mein Dank an Dr. Barbara Höfler. Ihr Engagement für Straßenkinder in Haiti wertet mein Profil erheblich auf. Nicht so du, Machtlfinger Schützenverein, der du die Geschich te nicht ruhen lässt: Ja, ich war Breznkönigin am Luftgewehr. Aber das ist lang her, und es hatte seine Gründe! Bei wie vielen jungen städtischen Kreativen ich wegen dieser Info für immer unten durch bin, werde ich nie erfahren. Ein Mantel des Schweigens liegt über dem Phänomen, das so tabu ist, dass es noch nicht mal einen Namen dafür gibt. Nennen wir es schlicht: die »Suchmaschinen-Spionage«.
Jeder macht’s, aber keiner gibt’s zu: Freunde, Fremde und Feinde ausgoogeln, bis man sie besser kennt als sich selbst. Ich war nicht gleich auf Zack als es Mitte der 90er Jahre losging. Die ersten Suchmaschinen wurden von mir noch seriös befragt. Wo liegt Kuala Lumpur? Welche Zeitschriften gibt’s gratis im Netz? Den geheimen Zusatznutzen des Teufelswerkzeugs Suchmaschine habe ich erst mit der Erfindung von Google entdeckt. Das war vor acht Jahren. Dank einfacher Benutzerführung war die richtige Taktik rasch erlernt. Vor- und Nachname in Anführungszeichen setzen, Plus-Suche, Minus-Suche, Suche in übersprungenen Resultaten. Eine professionelle Ausforschung fängt mit dem Namen des Objekts in Anführungszeichen an – »Peter Mustermann« – und endet mit vielen Pluszeichen: +wohnort +vita +ex* +saufen. Und eben mit Suffixen, die jeder schnell drauf hat, der es wirklich wissen will. Wo der andere wohnt, was er arbeitet. Was er in der Freizeit treibt und mit wem. Wer seine Exfreundinnen und/oder -freunde sind. Und was Sternzeichen und Aszendent (zum Beispiel auf www. noeastro.de) über die gemeinsame Zukunft sagen. Machen wir uns nichts vor: Die private Stasi sitzt an Millionen Rechnern, legt Akten im eigenen Auftrag an. Es sind Hobbyagenten ohne Tipps Unrechtsbewusstsein. Auch ich bin eine.
Angefangen hat der Wahnsinn mit sogenanntem »Ego-Googeln«. Eine Tätigkeit, die einen offiziellen Wikipedia-Eintrag verdient, weil nichts Unehrenhaftes daran ist, nach sich selbst zu suchen. Das begann bei mir zu einer Zeit, da meine Namensvetterin Dr. »Barbara Höfler« mit ihren Straßenkindern noch keinen einzigen Treffer im Netz landen konnte. Ich schon! Mit einem Artikel aus dem Jahr 1996. Es war toll. In meiner Vorstellung war ein Sachbearbeiter von Fireball mit der Einspeisung meines Werkes ins Netz betraut. Der Sachbearbeiter mit dem Buchstaben H wie »Höfler«. Nach Prüfung des von mir vorliegenden Materials, wohl auch nach ein paar Telefonaten mit den wichtigsten Redaktionen des Landes, lautete sein Ergebnis: Nicht uninteressant! Wahrscheinlich war der Artikel über die Jahreshauptversammlung des Ortsvereins der Grünen brillant gewesen. Mit der neu gewonnenen Zuversicht, eine Person des öffentlichen Lebens – des World Wide Web – zu sein, fühlte ich mich sofort eingeladen zu schauen, wie es um die anderen stand. Erst war die berufliche Konkurrenz, dann der Freundeskreis dran. Allmählich ging ich dazu über, das Netz als Sekundärliteratur für jeden Menschen zu benutzen, der mich interessierte. Neue Zeiten brachen an.
Früher hatte ich Leute kennen gelernt, indem ich mich mit ihnen traf. Plötzlich lernte ich sie noch besser kennen, wenn ich mich nicht mit ihnen traf. Oder nur kurz. Daheim, vor der Büchse der Pandora, konnte ich meine Schlagwortsammlung nachbearbeiten. Wie hieß die Exfreundin? Wo hat er früher gearbeitet? Alles kam in die Suchmaske. Am Anfang war das noch harmlos. Denn über die meisten meiner Opfer stand nur wenig im Netz. Doch über die Jahre schwoll die Datenmenge an wie das Meer bei Vollmond. Und inzwischen lässt sich nach fast allem fischen. Vorausgesetzt, man ist in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen. Meine Namensvetterin Dr. »Barbara Höfler« bekommt heute zehnmal mehr Treffer bei Google als ich. Dass ich aber nicht Frau Doktor bin, lässt sich durch Gesichtsvergleich mit der Google-Bildersuche erkennen. Und mit Google-Earth kann man sich inzwischen fast bis zum Hauseingang der Opfer vorarbeiten. Villa oder Mietskaserne? Durchaus aufschlussreich. Die vollständige Adresse gibt’s auf www.telefonbuch.de, wo man, anders als bei der 11833, alles kriegt. Und die Zeiten werden immer besser: In der europäischen Google-Zentrale in Dublin, wo mehrere Millionen Computer täglich neue Infos sammeln, ohne veraltete jemals zu löschen, arbeitet man zur Zeit an einem neuen Tool: eine Bildersuche, die ein einmal eingescanntes Gesicht auf sämtlichen Fotos findet, später auch auf Videos. Bisher muss man Bilder ja immer noch mit Stichwörtern suchen. Für viele Freizeitagenten bisher ein frustrierendes Problem.
Suchmaschinen haben sich mittlerweile zu ernsthaften Spionageinstrumenten entwickelt. Nicht von ungefähr vertrauen der Methode auch kommerzielle Unternehmen oder das Finanzamt. Das FBI seit kurzem sogar mit einer eigenen Abteilung. Klar ist, welchen Nutzen diese Institutionen von der Internetsuche haben: Bewerber checken, Steuerlügner finden, Verbrecher fangen. Unklar bleibt dagegen, was Privatpersonen zur Großfahndung treibt. In den allermeisten Fällen greifen Suchmaschinen nämlich sehr zerstörerisch ins Leben ein.
Zum Beispiel, wenn sich herausstellt, dass der scharfe Zahn vom Wochenende an anderen Wochenenden »Galphar« heißt und in Strumpfhosen zum mittelalterlichen Live-Rollenspiel fährt. Belastungsproben für ein junges Glück. In einem anderen Fall habe ich beim verträumten Surfen meine damalige Affäre mit seiner damaligen Affäre erwischt. Auf einer dieser üblen Seiten mit Schnappschüssen von Clubnächten in ganz Deutschland. In Blogs und Gästebüchern – den verräterischsten aller Quellen – plaudern Leute wie der User »Dal« über noch größere Katastrophen: Dal hat die Protokolle der Lieblingschats seiner Freundin näher untersucht. Der grausige Fund nach Eingabe ihres Benutzernamens: »dass wir um 2 uhr schlafen sind und um 3 uhr hat sie da wieder kommentare geschrieben. « An fremde Männer, durchaus auch ein »i loooove you too«.
»Eisbaer08« berichtet auf einer Feministinnenseite, dass die oberschlaue Google-Suche nach dem Nickname ihres Freundes direkt auf die Homepages sämtlicher Swingerclubs des Landes geführt hat. Wer suchet, der findet. Aber Eisbaer08 hat obendrein den Anfängerfehler gemacht, ihren Macker zur Rede zu stellen. Natürlich hat der Schluss gemacht. Heimlich erworbenes Wissen muss heimlich bleiben. Sonst sieht’s ja genau nach dem aus, was es ist: hinterherspionieren. Im schlimmsten Fall gilt man als Psychopath. Im harmlosesten zeigt man übertriebenes Interesse. Was ist es wirklich?
Man will dem Unbekannten ins Auge blicken, bevor es einen von hinten kalt erwischt. Aber die Grenzen zwischen Selbstschutz und Kontrollsucht zerfließen. Das ist umso fataler, als Netzidentitäten keine Identitäten sind. Wie lässt sich ein Mensch erfassen, der alle paar Monate online in tausend Rollen zerfällt? Je nach Ort und Tageszeit? Geschriebene Quellen gaukeln eit jeher Verlässlichkeit vor. Dabei macht das Netz die Menschen noch schwieriger greifbar, als sie es ohnehin schon sind.
Die tägliche Suche nach sich selbst und anderen im Netz ist ein sozialer Fakt. Arbeitgeber googeln Bewerber, Bewerber googeln Arbeitgeber. Verliebte vergewissern sich im Netz der Aufrichtigkeit ihrer Gefühle – oder des Gegenteils. Die Web-Identität wird zum Türöffner fürs richtige Leben. Suchmaschinen haben das Internet zu einem gewaltigen Gerücht mit tausend Ohren und Augen gemacht. Sie entziehen dem Einzelnen die Deutungshoheit über sich selbst. Anführungszeichen bestimmen, wer man ist, Plus-Zeichen den Rest des eigenen Lebens. Sämtliche digitalen Splitter einer Person ergeben zusammengesetzt aber nie ihr ganzes Bild, sondern nur eine Fratze mehr oder weniger übler Couleur. Vielleicht ist das der wahre Erfolg von Personalityportalen wie MySpace: Hier kann man seine außer Kontrolle geratene Suchmaschinenidentität geraderücken. Millionen haben sich schon ihre Schokoladenseiten gemacht. Geshapte Visitenkarten mit Geschmacksproben (Musik, Buch, Film) und prominenten (Internet-)Freunden als Referenz. Diese Seiten sagen dann zwar tatsächlich nur die halbe Wahrheit – »ich, wie ihr mich sehen sollt.« Aber die volle Wahrheit ist ja doch zu grässlich, als dass man sie sich und anderen wirklich zumuten sollte.






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