Spekulationen über einen Passanten
Auf ihn traf das Gegenteil der Behauptung zu, er ziehe die Aufmerksamkeit auf sich. Trotzdem hatte er etwas an sich, das mich ins Grübeln brachte.
Ich saß gerade in einem Steak-Restaurant, das wir nur ausgewählt hatten, weil es das einzige war, wo die Nichtraucherplätze nicht in einer dunklen Nische, sondern vor den Fenstern neben dem Eingang angesiedelt waren. Leider gab es draußen trotzdem nicht viel mehr als Autos zu sehen.
Auf der anderen Straßenseite war ein altes Kino, das ab und zu Passanten dazu anhielt, in ihrem Schlendrian innezuhalten und über die Leuchtschrift zu huschen.
Er fiel mir auf, weil er mir leid tat. Ich wusste zunächst nicht, woran das lag. Er hatte einen grünen Pullunder an und eine Cordhose. Sein Übergewicht drückte sich in einem vornüberhängenden Bauch aus und auch sonst war sein Auftreten und sein Gang eher grobschlächtig. In seiner großen Hand hielt er eine Sonnenblume, die er mit keinerlei Bedacht trug. Ich glaube, dass es das war, was mich interessierte. Er hielt die Blume wie eine volle Einkaufstüte von Aldi, wie eine Mülltüte, wie eine Hundeleine, an der er einen kleinen, lagsamen Hund hinter sich herziehen muss. Dabei war sein Schritt sehr zügig.
Ich überlegte. Irgendwie passte das nicht zusammen. War er auf dem Weg zu seiner Freundin? Ich stellte mir vor, wie er vorhin bei dem Blumenstand am Platz um die Ecke die Blume erworben hatte, um sie gleich seiner Angebeteten zu überreichen.
Nein, das geht nicht. Er würde diese Pflanze ganz anders anfassen. Ihm war offenkundig egal, ob seine Pflanze beim Marsch durch die Innenstadt an einen Laternenmast prallt oder anderweitig beschädigt wird.
Er schaukelte so heftig mit den Armen wie es eben nötig war, um schnell voranzukommen. Die Blume in der Hand war eher unwichtig.
Vielleicht hatte er die Blume gefunden. He! Eine Blume! Vielleicht sollte er die mal mitnehmen! Man weiß ja nie! Sollte man solch einen Fund nicht trotzdem ein wenig bedeutsamer behandeln? Er trug sie nach Hause, als wollte er sie dort essen. Scheinbar bedeutete sie ihm nichts. Oder etwa nichts mehr?
Er wurde abgewiesen. Er war dreißig und hatte zum ersten Mal jemanden gefunden, dem er sein Herz zu schenken bereit war. Vielleicht aber auch lediglich zum ersten Mal jemanden, der ihm genügend Aufmerksamkeit schenkte, was er toll fand, sich verliebte in diese Person. Man ist nur zu einfach bereit, seine Liebe zu verschenken, wenn man nur alle zehn Jahre dazu Gelegenheit bekommt.
An diesem Tag war der große Tag gekommen. Er hatte nicht viel Ahnung von Frauen, woher auch, aber er erinnerte sich an seine Mutter und wie sie Sonnenblumen geliebt hatte.
Vielleicht war er zum nächsten Blumenladen gegangen, vielleicht war er extra raus aus der Großstadt gefahren, um sie in einem Feld selbst zu pflücken. Sie trafen sich nachmittags und ihr wurde plötzlich klar, daß er wohl zuviel in ihre Zuwendung hineininterpretierte. Sie hatte doch nur Mitleid gehabt, weil er ihr immer so einsam vorgekommen war. Sie wollte ihm ein wenig Aufmerksamkeit widmen, wenn es schon sonst niemand tat. Dass er sich in sie verliebte, hatte sie nicht auf der Rechnung, wer denkt sich schon sowas.
Wer denkt sich schon sowas, dachte darauf sicherlich auch der grüne Pulloverträger. Wie konnte er nur so dämlich sein? Frauen wollten noch nie was von ihm, wieso sollte diese hier anders sein? Aber seine Gefühle zu kontrollieren ist natürlich nicht einfach, wenn alles was man verlangt, das ist, was sonst auch alle um einen herum haben.
Man macht sich Hoffnungen, oft auch unberechtigte, einfach nur, weil da dieser kleine Funken ist, es könnte alles wirklich so schön sein, wenn es meist auch nur zu schön um wahr zu sein ist.
Er warf die Blume nicht weg, weil er einfach nicht mehr an sie gedacht hatte. Er war stumm wieder gegangen und wollte nur noch nach Hause. Die Blume in seiner Hand war einfach nicht mehr existent. Er zog an meinem Fenster vorbei und wenn er um die nächste Ecke gebogen ist, wird er an sich herunterschauen und sie erblicken, die Erinnerung an seine eigene Dummheit, seine Niederlage, seine Frustation. Er wird die Hand öffnen und die Blume langsam in den Rinnstein fallen. Dann geht er weiter. Was soll er jetzt noch tun?
Ich sprach ihm in Gedanken meinen Zuspruch aus, als die Bedienung den Nachtisch servierte. Ich lächelte mein Gegenüber an und sie lächelte zurück. Welch ein Glück.





Kommentare
hey
25.08.2008, 13:22 von flozialistdas erinnert mich an Wilhelm Genazino
schön, schön. jeder kennt solche situationen, aber die wenigsten bringen sie aufs Papier
ich mags voll. ich verbring ungefähr mein ganzes leben damit, mir irgendwas auszudenken. & keine ahnung, ist gut, wenn andere auch sowas amchen :)
04.08.2008, 21:46 von revolutionaermir gefällt der text :)
01.08.2008, 00:51 von L.E.N.A.eine sache nur, ohne den miesmacher spielen zu wollen: wer geht mit aldi-tüte, mülltüte und Hund zu seiner Angebeteten um ihr seine Liebe zu gestehen?
@L.E.N.A. Ich glaube, Du hast den Satz, auf den Du Dich hier beziehst, nicht richtig verstanden. Das mehrfach vorkommende "wie" ist komparativ und nicht konnektiv zu verstehen.
07.08.2008, 13:41 von yellowdangerDie Sonnenblume war ein Werbegeschenk.
22.07.2008, 21:10 von sohalt@sohalt super Idee!
22.07.2008, 22:18 von JanisLaBohemeDas Schöne daran, wenn man fremde Passanten beobachtet ist, dass sie einem nicht sagen, wie banal ihr Leben in Wirklichkeit ist. Sondern dass wir in unserer Gedankenwelt spazieren gehen können, und eine neue Welt für einen Unbekannten erfinden können.
21.07.2008, 22:34 von FranzelchenSehr schöne Idee, finde ich jedenfalls.
sehr schöne beschreibung und interpretation
21.07.2008, 17:05 von Link17Aber seine Gefühle zu kontrollieren ist natürlich nicht einfach, wenn alles was man verlangt, das ist, was sonst auch alle um einen herum haben.
21.07.2008, 12:30 von pinselkindwundervoll!! fabelhafte geschichte!
danke! :)
was fuer eine ausserordentlich schoene geschichte. danke :)
21.07.2008, 12:04 von neongoldenEin schönes Gedankenspiel
20.07.2008, 17:13 von JenelinSchön.
20.07.2008, 16:23 von Sturmkind