ninasofie 06.08.2010, 06:33 Uhr 1 1

Sonntagswettergedanken

Sonntagswetter, weil es sonntags doch immer schlecht ist. Naja, meistens zumindest oder oft.

Sonntagswetter, so nenn ich es, das Wetter, wenn es mal wieder den ganzen Tag nicht richtig hell werden will und sich der Himmel wie eine dunkle Haube über uns stülpt.

Sonntagswetter, weil es sonntags doch immer schlecht ist. Naja, meistens zumindest oder oft. Der Regen allein stört ja gar nicht, nein. Den Regen mag ich irgendwie. Früher liebte ich es, neben Papa auf dem Beifahrersitz zu sitzen und gegen die Regentropfen anzufahren. Dabei sangen wir lauthals „I’m singing in the rain“ von Gene Kelly und schoben uns ein Werthers nach dem anderen in den Mund. Dieses Ritual habe ich bis heute nicht aufgegeben und habe immer eine Tüte Werthers Original in meinem Handschubfach. Für alle Fälle.

Nein, der Regen ist schon okay. Ohne ihn könnten wir uns wohl gar nicht so richtig an der Sonne erfreuen, die seine Tröpfchen wieder wegzaubert und uns so lange an der Nasenspitze kitzelt, bis ein Lächeln, oder manchmal vielleicht auch nur ein Hauch davon, unumgänglich ist. Nein, der Regen stört nicht. Ich mag es, mich danach auf den Balkon zu stellen und einfach kräftig durchzuatmen. Die Luft ist nach einem Schauer so klar und rein, als käme sie von weit weit her. Aus einer Welt ohne Autoabgase und Fabrikschornsteinen. Nein, er stört nicht. Aber die Trübheit stört, die einem diese Tage vermitteln. Weil sie viel länger währt und nicht einfach - schwups- mit den vielen Himmelstränen auf der Haut wieder von uns abfällt. Himmelstränen. Der Himmel weint, hat meine Oma immer gesagt.

Schon am Morgen beim Aufwachen, als mein Blick die düsteren Wolken wahrnimmt, die an meinem Fenster vorbeiziehen und die eigentlich ganz süß aussehen, wie Zuckerwatte nämlich nur eben dunkler und vielleicht auch etwas weniger süß, weiß ich, wo dieser Nebeltag enden wird. Dort, wo er immer endet, wenn ich der Trübheit des Tages ausweichen, dem Schicksal einen Streich spielen möchte, wenn ich nachdenken und trotzdem nicht alleine sein will. Langsam steige ich aus dem Bett und stapfe müde ins Bad. Ich lasse mir enorm viel Zeit dabei. Wozu sollte ich mich auch unnötig beeilen? Morgen geht alles wieder von vorne los. Eine neue Woche, Uni, Klausuren, Arzttermine. Der ganz normale Alltagsstress. Und mir bleibt kaum noch Zeit zum durchatmen. Trotz der Klarheit in der Luft, besonders an Montagen.

Zeit. Ich mag dieses Wort nicht. Was ist das überhaupt? Zeit. Heute habe ich sie und zeitgleich weiß ich, dass ich mich morgen schon nach ihr sehnen werde. Wenn man keine hat, dann lässt sich daran nichts drehen und wenden, egal wer man ist. Da hat niemand eine Chance, weil man Zeit nicht einfach schnell kaufen kann, wenn sie fehlt, wie die Eier zum Kuchenbacken. Vielleicht ist Zeit ja auch einfach nur gerecht, gerade weil man sie nicht kaufen kann und man selbst zusehen muss, wie man mit ihr umgeht. Und geht es jenen, die sich bewusst Zeit nehmen, nicht viel besser, als den Workaholics unter uns, die selbst in der kleinsten Atempause noch nach Aufgäbelchen suchen, die sie glauben erledigen zu müssen oder vielmehr erledigen zu können?

Ich lasse mir also bewusst viel Zeit, wohlwissend dass mir dieses Sonntagsprivileg nur heute zusteht und ich schon bald wieder eilig von Zimmer zu Zimmer huschen werde um rechtzeitig aus dem Haus zu kommen. Ich koste jeden meiner langsamen Schritte aus, so wie ich zum Beispiel auch Omas Rhabarberkuchen immer bis ins Unendlich auskoste, weil es den nur einmal im Jahr gibt und ein Jahr Warten ja ziemlich lang sein kann. Und jedes Jahr schmeckt er wieder nach Kindheit und unbefangenen Tagen, nach denen ich mich jetzt so sehne, die aber schon längst vorüber gezogen sind.
Als ich mich frisch gemacht habe und fertig umgezogen bin, mache ich mich schließlich auf den Weg zum Bahnhofshäuschen. Ich schlage einen kleinen Umweg ein, in der Hoffnung Herrn Müller zu sehen, der sich immer so freut, wenn ihm jemand zu seinem Zimmer hinauf winkt. Das Fenster ist leer, ich winke trotzdem. Aus Gewohnheit. Dann gehe ich weiter zum Bahnhof. Wieder mal ist das Häuschen leer und wieder wird mir vor Augen geführt, in welch einem kleinem und unbedeutendem Ort ich wohne. Ein winziger Punkt auf der Landkarte, ein unbekanntes kleines Pünktchen. Die Mehrheit der Menschen weiß überhaupt nicht, dass dieser Ort existiert. Und gleichzeitig ist dieses scheinbar bedeutungslose Fleckchen für all diejenigen so wichtig, die hier ihre Wurzeln verankert wissen. Die meisten Familiennamen, die man an den Haustüren lesen kann, gibt es hier schon seit vielen Generationen. Stehen an Haustüren und auf Grabsteinen. Mit den Jahren sterben manche Namen aus, manchmal wird ein Doppelname daraus. Die Schulzes gibt es zum Beispiel nicht mehr. Das heißt jetzt Schulze-Müller und klingt viel besser. Wichtiger. Ganz selten kommen auch neue Namen hinzu. Die erkennt man sofort. Das sind dann Jokobs, Krüger und Thielemanns. Sie haben kleine Kinder und wohnen im hinteren Teil des Dorfes. Dort, wo die neuen Siedlungen und der neue Spielplatz gebaut worden sind. Noch sieht man dort die Kleinen auf Klettergerüsten herumturnen, doch in ein paar Jahren, wenn aus den kleinen Rotznasen Teenager geworden sind, wird auch dieser Platz zum abendlicher Treffpunkt der Dorfclique werden. Die ersten Zigaretten, ein heimliches Bier, Petting auf der Rücksitzbank. So ist es wohl in jedem kleineren Ort, denke ich. Der Dorfspielplatz, ein Ort erster Annäherungen. Erst lernt man seine zukünftigen Kindergartenfreunde kennen, später seinen ersten Schwarm. Und irgendwann fühlt man sich reif genug, um sich wieder unter den Rest der Dorfgemeinschaft zu mischen. Egal ob mit ohne Händchenhalten. Irgendwann schaut keiner mehr.

Ich setzte mich noch ein wenig in das leere Wartehäuschen, das, als der Spielplatz schon von einer neuen Generation besetzt wurde, vor einigen Jahren auch zu meinem heimlichen Treffpunkten gezählt hatte. Die erste Zigarette, der erste Kuss.

Kein Einziger kommt, der dieser Ödnis des Sonntages ausweichen möchte und mir beim Warten Gesellschaft leistet. Wie wenig Menschen sich doch nach der Stadt sehnen. Oder wagt sich heute nur keiner aus dem Haus, weil das Sonntagswetter die Familien vor die Kiste bestellt um ihnen Geschichten zu erzählen? Weil Geschichten vom Fernsehen erzählt und nicht mehr selbst gesponnen werden.

Ich mache mir da lieber meine eigenen Geschichten, an so Tagen, an Sonntagen, die für Geschichten da sind. Siebenundzwanzig Minuten fahre ich mit dem Regionalzug zum Hauptbahnhof. Ich liebe das Zugfahren und genieße den Anblick der vorbeiziehenden Landschaft. Trotz der Trübheit wirken diese Bilder friedlich und warm auf mich. Die Welt da draußen wird zur Bühne, wir sind nur die Zuschauer, unbeteiligt am Geschehen, gezwungen dem Spiel der Natur zu folgen.

Ich sitze bequem auf dem blaubezogenen Sitz, schaue aus dem Fenster und freue mich, ein ruhiges Abteil gefunden zu haben, in dem ich meinen Gedanken nachhängen kann. Ich freue mich auf mein Ziel und fast freue ich mich auch über die vielen dicken Wolken, die meinen Bahnhofsausflug rechtfertigen. Ein bisschen zumindest. Ich freue mich auf meinen Becher Kaffee, den Gang durch die Bahnhofsläden und dann noch auf die Geschichten, wie es sie nur am Bahnhof gibt.

Ich steige aus dem Zug, stapfe die Treppenstufen zum Bahnhofsgebäude hinunter und hole mir bei meinem Stammkiosk einen Milchkaffee im Pappbecher. Wie immer will ich zuerst, an meinem heißen Kaffe nippend, durch die süßen Geschäftchen bummeln, die den Sonntagsmuffeln offen stehen und ihnen Zuflucht gewähren vor der Langenweile und vielleicht auch vor der Zeit und sich selbst. Weil heute alles so hektisch ist und man gar nicht mehr weiß, was man tun soll, wenn am Wochenende der Stress nachlässt und man dann dasteht mit einem leeren Sack an Aufgaben.
Bis zu den Bahnhofsläden komme ich jedoch gar nicht. Zu schnell beginnt die Sonntagsgeschichte ihre Zeilen zu schreiben über diesen Mann, der mir sofort aufgefallen und unweigerlich zu meinen Hauptdarsteller geworden ist. Aufgefallen, ja. Aber nicht so aufgefallen, wie einem sexy Typen in die Augen springen. Er ist ja gar nicht so hübsch. Nein, hübsch nicht. Aber schön. Gerade dass er nicht hübsch ist, macht ihn schön und gerade deshalb ist er mir aufgefallen. Die Narbe zum Beispiel, über seinem linken Auge, die kann ihn ja nicht hübsch machen. Aber schön macht sie ihn. Oder die Nase, die irgendwie zu groß und auch zu schief ist. Genauso wie der Bauch zwar nicht zu dick, aber vielleicht zu rund ist, wenn man ihn jetzt mit Waschbrettern vergleichen würde, was ich ja gar nicht tun möchte, weil mir das eh viel zu hart und kantig vorkommt.
Was er da wohl macht, so ganz alleine am Bahnhof? Und da vor ihm am Boden? Eine Rose. Ob sie von ihm ist? Merkwürdig ist das schon. Ich würde sie aufheben, wenn sie nicht zu mir gehören würde, nur um nicht den Eindruck zu erwecken, ich würde so achtlos mit Geschenken umgehen. Also ist es bestimmt seine eigene. Aber wie kann er sie dann so einfach fallen lassen?
Oder ist es ein Geschenk an jemanden? Vielleicht wartet er ja schon lange auf seine Freundin. Ja, das wird es sein. Bestimmt wartet er schon Stunden und das ist sein Geschenk an sie. Dass sie mit ihm nicht so umspringen kann, will er ihr damit jetzt sagen. Bestimmt ist das so.

Das ist sicher so eine Fernbeziehung, die eh bald zu Ende ist, weil so was einfach nicht hält. Nicht wenn man einen Mann so sitzen lässt. Und schon gar keinen so schönen Mann. Vielleicht hat sie ja bereits einen anderen Typ kennen gelernt. Einen hübschen nämlich. Sie ist gewiss so ein verzogenes Töchterchen, das nur nicht weiß, was wahre Schönheit wirklich ist und wie man sie erkennt. Auf die würde ich auch verzichten. Ganz richtig macht er das, ganz richtig.

Aber sollte er nicht lieber ganz weggehen? Ich meine, was bringt es ihm denn schon, sich noch länger dort aufzuhalten? Am Ende kommt sie doch noch auf ihren Pumps angestolpert und labert wie ein Wasserfall auf ihn ein, überhäuft ihn mit Küsschen und erzählt ihm am Ende noch Märchen sie habe dringend etwas in der Uni erledigen müssen, deshalb den Zug verpasst und sowieso und überhaupt…. Natürlich glaubt er ihr. Welcher Mann kann denn schon den weiblichen Reizen so ohne weiteres wiederstehen?
Jaja, so wird es kommen. Bestimmt, bestimmt.
Sie gehen zusammen nach Hause in seine Zweizimmerwohnung, machen Spaziergänge, gehen ins Kino, essen Popcorn und Chips und liegen einander in den Armen. Er hat eingekauft, kocht für sie. Das ganze Programm eben. Und dann, nach ein paar Tagen, da geht sie wieder und lässt ihren Schönling zurück. Ihr bleibt neben Uni, shoppen und schminken bestimmt kaum Zeit ihn zu vermissen. Er denkt dagegen womöglich viel zu viel an sie, verbietet sich Liebeleien mit hübschen Frauen und glaubt ab Treue und ewige Liebe.

Gibt es das? Die ewige Liebe, die niemals endet. In gewisser weiße gibt es sie schon, klar. So wie man seine Mutter liebt zum Beispiel. Das kann ewig sein. Oder auch seinen Hund. Aber sind es Freundschaften und Beziehungen denn? Wer kann nicht sagen, dass bei den Eltern ab Mitte 40 alles immer weiter gen Wasserfall geht? Irgendwie sind sie noch zusammen, doch die Strömung reist sie mit, sie verlieren sich immer mehr unter den Wellen und am Ende, wenn es ruhiger wird, sitzen sie zwar wieder im selben Boot, haben sich aber doch irgendwie verloren.

Darf ich mich dann überhaupt lieben trauen? So richtig lieben? Oder soll ich mich auf eine endliche Liebe einstellen? Auf etwas Vergängliches, weil Glück nun mal nicht endlos ist. Manchmal will ich kein Glück haben, nur weil das Bewusstsein, es bald wieder abgeben zu müssen, das Schöne daran verdeckt und ich Angst bekomme, ich könnte es viel zu sehr vermissen. Dann sind es wieder die kurzen Glücksmomente, die es letztendlich möglich machen zu leben. Wenn mir Menschen unerwartet einen Gruß ausrichten oder wenn ich einen Brief in meinem Briefkasten finde, dessen Absender mir schon die Wärme der Zeilen verrät. Das ist schönes Glück, weil es kurz und doch so kraftvoll ist. Aber die Liebe? Mit ihr ist das anders, weil sie dauert und oftmals der Schmerz viel tiefer sitzt als sie selbst.

Da denke ich über Liebe nach, über Glück und Angst und bin ganz abgekommen von der Geschichte vom Rosenmann und seiner Freundin. Und als er mir wieder einfällt blicke ich erschrocken von meinem Kaffeebecher auf, auf welchem ich gedankenverloren den Schaum zugesehen habe, wie er ruhig auf der Oberfläche kreist. So müsste das Wasser ruhen, in das die Liebenden geworfen werden und wo es keinen gefährlichen Wasserfall gibt, der einen auseinander treibt. Dann traute ich mich lieben.

Ich hebe den Blick, weil ich doch unbedingt wissen möchte, ob sie kommt, seine Liebste, oder wer überhaupt kommt, was sie ihm auftischt und wie es weitergeht.

Doch da ist nichts mehr an seinem Platz. Nichts mehr außer viele Schritte und unter ihnen weinen Rosenblätter.

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Kommentare

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    "zukünftige Kindergartenfreunde"


    Wann willst du denn in den Kindergarten gehen?

    06.08.2010, 08:43 von Surecamp
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