Die.sass.da 03.10.2014, 14:10 Uhr 6 10

Sonntag

Zur besten Fernsehgarten-Zeit

Aus dem Innenhof der Burbacher Notaufnahme wird live, zeitgleich auf allen TV-Kanälen die Gameshow "Bleiben Oder Gehen" in die Wohnzimmer der Republik übertragen. Moderiert von einer quietschfidelen Kiwi.

Acht Kandidaten aus acht nichteuropäischen Nationen treten in verschiedenen Disziplinen - unter anderem Hindernisparcours, Schiffeversenken, Mensch Ärgere Dich Nicht und zum Schluss ein großes Deutschlandquiz, gastmoderiert von einer unsympathischen Pflaume - gegeneinander an um den bleibenden Sieger zu ermitteln. Aufgelockert wird der schweißtreibende Wettbewerb durch Interviews mit den Teilnehmern und musikalische Acts.
 
Gleich zu Beginn der Show heizt unser bestens aufgelegter Kuschelpräser Jo G. - coole BayRan Sonnenbrille und silberstreifiger Glitzeranzug - mit seiner Version des George Michael-Gassenhauers "Freedom" ein. Tanzend unterstützt wird er dabei von der schwarz uniformierten Schlagstockballettgruppe "Pain & Gain", frei nach einer Choreographie der jenseitigen Pina Bausch.

All we have to do now
Is take these lies and make them true somehow
All we have to see
Is that I don't belong to you
And you don't belong to me

Freedom (
I won't let you down. So please don't give me up. Because I would really, really love to stick around)

You've gotta give for what you take

Vor der Bühne stehen die Kandidaten mit ihren Angehörigen. Komplett ausgestattet von einem weltweit bekannten, deutschen Sportartikelhersteller/Generalausrüster des DFB und gesundgeschminkt von den besten Masken unseres Landes. Sie wippen verkniffen lächelnd mit ihren Oberkörpern vor und zurück und klatschen hängarmig in die Hände. Frei nach einer Choreographie der schwarz uniformierten Schlagstockballettgruppe "Pain & Gain".

Nach drei Stunden stehen endlich die Finalisten der Show fest. Es sind der Syrer Saffet A. (29 J.) und der Somalier Mohamud S. (54 J.). Die Ausgeschiedenen samt Familien freuen sich auf die Rückkehr in ihre jeweiligen Länder. Sie werden in Zweierreihen zu den Bussen eines weltweit bekannten, deutschen Fahrzeugherstellers/Generalsponsors des DFB geführt. Vorneweg hüpft die quietschfidele Schlagerqueen Chelene Angler und singt ihren textlich leicht abgewandelten Megahit "Heimatlos". Die Ausgeschiedenen wippen verkniffen lächelnd mit ihren Oberkörpern vor und zurück und klatschen hängarmig in die Hände. Dann steigen sie in die Busse und verschwinden.

Mit großem Vorsprung gewinnt der Syrer Saffet A. (29 J.) - alleinstehend, Ingenieur - das große Deutschlandquiz-Finale. Der Somalier Mohamud S. (54 J.) - sechsfacher Familienvater - freut sich auf die Rückkehr in sein Land.

Saffet bekommt von Jo G. einen Handschlag, eine Ehrenurkunde und ein Photo. Danach wird er umgehend von zwei Schutzmännern durch den Hinterausgang abgeführt.

Im großen Bankettsaal des lauluftigen Schlosses "Subjonctif" verfolgen nägelkauend die Herrschschaften um Angie, zusammen mit den Möchtegernimperatoren der Opposition und den anderen, die selbstinitiierte Gameshow auf einer Riesenleinwand. Als zum allgemein beschmunzelten Auftritt Jo Gs das eigens installierte Quotenbarometer die hundert Prozent bebimmelt, brechen wilde Jubelstürme aus. High Fives, Umarmungen und tosender Applaus. Den Rest der Sendung schaut sich niemand mehr an. Von der Begeisterung übermannt verschwinden Uschi vdL und Sigmar auf die Toilette. Angie schnappt sich Lucky Lucke in den Schwitzkasten und rubbelt dessen Fontanelle. Beide lachen glücksbeseelt. Nur einem ist nicht so ganz nach feiern zumute. Der kleine Gregor steht etwas Abseits und macht sich süffisant lächelnd Notizen. Für später.

Etwas später im Büdchen vom Hildchen in München. Chelene führt lautlos auf einer kleinen s/w Flimmerkiste im Hinterraum die Flüchtlingspolonaise in die Busse. Hildchen überreicht Julya ihr Frühstück. Eine Einmilliliterflasche Weinbrand für achtfuffzig und ein Päckchen Schwarzhändle ohne Filter. Julya riecht ums Kinn herum ein bisschen nach Pimmel und Muschi. Hildchen sieht pausbäckig strahlend darüber hinweg. Geld stinkt eben nicht. Julyas Nachtaugen werden von einer nicht echten BayRan Sonnenbrille verdeckt. Ihr fettiges Haar schmiegt sich wenig elegant um ihr Haupt. Braunverblichene Hämatome bilden ein Raubkatzenmuster auf ihren Armen. Sie trägt Schlappen eines weltweit bekannten, deutschen Sportartikelherstellers/Generalausrüsters des DFB. Seufzend bläst sie eine Rauchfahne in den Wind.

Eine behelmte Bilderbuchfahrradfamilie radelt vorbei. Vorneweg der Vater - gestärktes Weißhemd, Designerjeans. In der Mitte das Kind - rosa Hello Doggie Shirt, Designerjeans. Hinten die Mutter - gestärkte Weißbluse, Designerjeans. Der Vater starrt auf Julyas hochdrapierte Brüste unter dem eng anliegenden Tanktop. Julya starrt auf die im Fahrtwind wehenden Goldlöckchen des Kindes. Die Mutter starrt auf die Weinbrandflasche. Sehnsüchte. Das Kind singt inbrünstig schief "Price Tag" von Jessi J. Sehnsüchte kennt es noch nicht.

Auf der anderen Straßenseite zittert die freilaufende Hündin Vroni eine Kackwurst auf das von Bürgerarbeiterhänden frisch gemähte Gras. Ihr Frauchen Nina Rüge beugt sich zu ihr herunter, krault ihr das Kinn und sagt haifischlächelnd "Alles wird gut."

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6 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wie konnte ich deine exzellente Schreibe bloß so lange übersehen??

    Vielleicht magst du das-kluger Kopf :

    http://www.laweekly.com/topic/henry-rollins-2369899

    24.12.2016, 02:23 von zippy
    • 0

      Das frag ich mich auch, ey! :) 


      Rollins geht immer. Donkeyshane!

      25.12.2016, 16:32 von Die.sass.da
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Ich mag ja so deinen Schreibstil. Breitgrinsend gelesen, danke!
    Die behelmte Bilderbuchfahrradfamilie... :-D

    06.10.2014, 09:26 von zooropa
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  • 0

    nina rüde rügt ihre hündin, hmm?

    05.10.2014, 12:54 von libido
    • 0

      Von mir aus.

      05.10.2014, 14:46 von Die.sass.da
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