Icke_un_du_ooch 28.05.2012, 18:11 Uhr 5 4

Solfer und Sildas.

Aus Zwang entsteht keine Liebe.

Solfer und Sildas waren seit jeher unglaubliche Geschöpfe. An ihre Geburten konnten sich beide nicht mehr erinnern, auch nicht an die Frauen, die sie austrugen oder die Männer, deren Temperament sie lebten. Sildas träumte des Nächtens oft von ihrer Vergangenheit, sie sah Krieg und Liebe, aber ihre Eltern konnte sie nur aus geträumten Windschatten erahnen. Nicht dass sie das traurig machen würde oder gar entzürnen. Das wäre zu viel gesagt, das Gefühl Sildas sah eher aus wie das weit entfernte Auftürmen von Windrosen. Schön, aber erleichternd zu wissen, dass es weit weg stattfand.


Solfer hingegen war gänzlich ohne Erinnerungen an seine Kindheit zu einem stattlichen Mann herangewachsen, er war sich manchmal nicht mal sicher, ob er je ein Kind gewesen war und ob ihn eine Mutter zärtlich in ihren Armen gehalten hatte. Das Leben begann für Solfer mit Beginn seines 16. Lebensjahres und er musste innerhalb kurzer Zeit all das Lernen was Sildas ohne große Mühe vollbrachte. Sildas.

Solfer wusste nicht, wie die Zwei sich kennen gelernt hatten, sie waren einfach immer zusammen gewesen von dem Tag an, wo sich für ihn die Welt öffnete, als ob er aus einem langen Schlaf erwachte. Manchmal ärgerte Sildas ihn und erzählte ihm furchtbare Geschichte über ihr erstes Zusammentreffen, so furchtbar und Angst einflößend, dass Solfer die darauf folgende Nacht nicht die Lider seiner Augen schließen mochte, aus Angst, er könnte sich im Traum nun doch an seine Kindheit erinnern und wirklich und wahrhaftig feststellen, dass er der Sohn eines Drachen sei. Sildas freute sich immer diebisch, wenn sie das verängstigte Antlitz Solfers sah, nachdem sie an ihm ihre schlechte Laune ausließ.


Auch sie wusste nicht wirklich, warum sie stets zusammen waren. Verschiedene Versuche, über Jahrtausende hinweg verteilt, sich zu trennen ergaben immer nur schreckliche Dinge. Die Trennung von Sildas und Solfer brachte die Welt aus dem Gleichgewicht. Oft haben sie abends zusammen gesessen und bei Bier und Wein darüber geflüstert, gestritten und geschrieen, was das Schicksal sich wohl einen üblen Scherz mit ihnen erlaubt haben mochte. Sie wussten nicht, ob sie Geschwister waren – obwohl das Alter passen würde – sie konnten sich nicht lieben, weil sie gezwungen waren, beieinander zu sein. Und aus Zwang entsteht keine Liebe. Sie achteten einander, aber lediglich aus dem Grund, weil sie am eigenen Leib erfahren mussten, was passiert, wenn man andere Lebewesen dieser Erde nicht achtet. Und diese Erfahrung, da waren sich Solfer und Sildas ein einziges Mal einig, musste sich nicht wiederholen.


Beide hatten besondere Eigenschaften, das war ihnen klar geworden über die Jahrtausende, die sie schon auf dieser Erde verweilten. Dass die eigenartigste Eigenschaft ihre Unsterblichkeit war, diese Einsicht verweigerte sich vor Sildas und Solfer. Sie fanden ihre formwandlerische Künste um eine vielfaches besser. Gerne erzählten sie sich Geschichten, abends bei Bier und Wein. Wenn sie sich schon nicht ihre eigene Kindheit oder Vergangenheit erzählen konnten, so berichteten sie von Erlebnissen anderer Menschen. Solfer glänzte immer ein wenig mit seinen Heldentaten, nicht selten fing eine seiner Geschichten an mit: „Damals, als ich mich im Kugelhagel zu Boden warf…“ oder „Als ich das Schwert hob, da wurde mir ganz warum ums Herz.“. Sildas wurde dann immer richtiggehend wütend, während Solfer an Wüstenrosen dachte. Ihre Geschichten waren immer so langweilig wie sie fand. „Und dann gab ich ihm die Hand und das Volk jubelte.“ Wer wollte jemandem schon die Hand reichen, wenn er mit einem Schwert spielen konnte. Sildas war voller Neid, aber obwohl sie sich oft alle Mühe gab, sie hatte noch nie eine Geschichte wie die von Solfer erzählen können.


Sildas und Solfer waren Formwandler, sie konnten jede Form annehmen, die eines Steins oder die einer Taube, aber konnten sie auch in Menschen hineinschlüpfen und deren Leben übernehmen. Das geschah meist nicht geplant, eher durch Gevatter Zufall bestimmt. Wenn Sildas und Solfer unterwegs waren und Menschen trafen, so passierte es nicht selten, dass einer von ihnen ganz wuselig wurde und sich mehr und mehr in Luft auflöste. Einmal ging dieses Spektakel bei Solfer so fix, dass Sildas sich erstaunt um ihre eigene Achse drehte, um nach ihm zu suchen. Erst als die einen fremden Mann mit Solfers spöttischem Grinsen grinsen sah, wusste sie, dass nun ein neues Spiel anstand. Und auch sie wurde dann schnell durchsichtiger und durchsichtiger, bis sie sich im Körper des Mannes wider fand, der sich neben Solfers Gästekörper (so nannten sie ihre Verwandlung im Geheimen) wiegend mitbewegte. Manchmal dauerte es Jahre, bis sie die Körper wieder verlassen konnten, manchmal nur Sekunden. Die Dauer des Spiels war stets überraschend. Für alle Teilnehmer. Solfer erzählt heute noch von einer Bombe, die sein Gästekörper auslöschen und damit das Spiel beenden sollte. Das wollte er allerdings nicht und so wand er sich aus der gefährlichen Situation – mitunter auch durch seine jahrtausend andauernde Erfahrung.


Sildas hasste diese Geschichte, sie hätte wissen müssen, dass Solfer ihrem Kofferattentat auf die Schliche kommen würde. Und so wurde die Dauer des Spiels verlängert. Aber es ist nicht so, dass Sildas weniger gewinnt bei ihren Spielen, nur wirkt ihr Sieg nie so nachhaltig wie der von Solfer. Das ist eine Eigenart der Menschen, die Sildas nie verstehen wird, warum das Böse mehr beachtet, mehr bejubelt wird, obwohl sich das Gute immer so viel Mühe gibt.


„Wie im Sportuntericht, sie hat sich stets bemüht“ dachte Sildas und trank ihren morgendlichen Kaffee, während Solfers die Bild-Zeitung laß und ihr über den Rand der Zeitung Schmeißküsse zukommen ließ.  

4

Diesen Text mochten auch

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Endlich mal wieder!

    01.06.2012, 11:01 von Kokomiko
    • 1

      ja, muss ja auch wieder mal sein. es sprudelte mehr oder minder begabt aus mir heraus.

      01.06.2012, 11:11 von Icke_un_du_ooch
    • 0

      Erinnere mich an die Krimis in zerissenen Jogginghosen. Watn Spass! Tiffys Tatorte :-)


      Gestern Père Lachaise im Fernsehen. Außerdem D-Day. Ich pass auf Dein Eichörnchen auf.

      01.06.2012, 11:17 von Kokomiko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich glaube ich habe es nicht wirklich verstanden, ist so ein Text, den ich verdauen und morgen nochmal lesen muss. Aber der Schreibstil, den mag ich.

    28.05.2012, 22:56 von Mrs.McH
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schön! Klasse Pointe:

    Sildas hasste diese Geschichte, sie hätte wissen müssen, dass Solfer
    ihrem Kofferattentat auf die Schliche kommen würde.

    28.05.2012, 19:00 von wordmage
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android