ninnie. 21.03.2012, 10:18 Uhr 2 4

So anders.

... und am liebsten würdest Du mir für meine Eitelkeit ins Gesicht spucken.

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen Du über mich gelacht hast.

Und wieder habe ich Dich entspannt angelächelt und mir wurde einmal mehr bewusst, wie beschränkt Du eigentlich bist.

Du betratst den Raum und allen stockte der Atem. Deine Aktivisten-Freunde grinsten und zeigten 'Daumen hoch'. Die ganz Unentspannten unter uns schüttelten sacht die Köpfe, einige fingen an zu flüstern. Und ich? Ich habe Dich angelächelt.

Alles nur Äußerlichkeiten. Das, was Du so verabscheust und verurteilst.

Deine Haare sind kurz. Unförmig, schief, wie schnell mit der Heckenschere geschnitten. Es passt so gut zu Deinen kaputten Doc Martens, Deiner zerschlissenen Hose und Deinem knappen Top in Batik-Optik. Trotz der kalten Temperaturen hast Du oft kaum was an und ich mache mir Sorgen, dass Du krank werden könntest. Tja, so bin ich.

Deine Sitznachbarin fragt Dich, bei welchem Frisör Du warst. Ich höre mit einem Ohr hin und verstehe, dass Deine Mitbewohnerin Dir die Haare schnitt, als ihr betrunken auf einer Party wart. Das finde ich ja schon wieder mutig. Manchmal wäre ich auch gern so durchgeknallt und wagemutig. Aber ich möchte so ungern Deine neue Frisur tragen. Daher lasse ich es.

Ein paar Tage später, wir sitzen wieder in der gleichen Konstellation, sprechen wir mit der Dozentin über Partnerschaftsmuster. Jeder hat etwas dazu beizutragen. Auch ich. Nach mir meldest Du Dich und sagst, was Du immer sagst: "Es ist sehr schwierig dazu etwas zu sagen, denn man kann doch nichts verallgemeinern!" Dabei schaust Du mich überheblich an und machst keinen Hehl daraus, wie ätzend Du mich findest.

Während ich etwas später an diesem Tag in eine private Diskussion über Politik verwickelt bin, springst Du halb über die Tische, um Deine radikale Meinung kundzutun. Die Diskussion entflammt neu, ich halte mich zurück. Du erzählst, dass Du Dich vor nicht allzu langer Zeit an Gleise gekettet hast, Dich nackt der Polizei vor die Füße geworfen hast. Ich streue vereinzelt ein paar "Ah's" und "Oh's" ein und kritzele einen dicken Smiley auf meinen Block. Langweilig.

Das ist wieder einer dieser Momente, in denen Du Blut leckst und mein Gesicht für Dich zur Zielscheibe wird. Da Du Dich für so besonders schlau hältst, versuchst Du mich mit vereinzelten, kleinen Beleidigungen aus der Reserve zu locken.

Du seiest ja Vegetarierin. Und das Voll-Ei in Keksen und anderen Lebensmitteln meidest Du auch. Eingekauft wird sowieso nur im Bioladen. Ich stimme Dir uneingeschränkt zu, denn daran gibt es gar nichts zu rütteln. Und Du bist sauer.

Hat also nicht geklappt. Da müssen wir dann mal mehr in die Tiefe gehen.

Ich sei ja sowieso total die Tussi. Und was mir eigentlich einfallen würde, eine eigene Wohnung und ein Auto zu haben, immerhin seien wir ja Studenten. Und sowieso, mein ganzes Auftreten, mein Aussehen, meine Klamotten, das würde Dich jeden Tag total abnerven und am liebsten würdest Du mir für meine Eitelkeit ins Gesicht spucken. Und als dumme Kapitalistin höre ich sicherlich auch noch dumme Musik. Du könntest mir gar nicht vermitteln, wie beschissen Du mich eigentlich findest. Sowieso wäre ich sicher zu dumm, zu verstehen, wo hier eigentlich das Problem liegt.

Und ich muss einmal mehr in mich hineinlächeln.

Das Problem ist, dass Du mich nicht kennst, meine Liebe.
Du bist so beschäftigt damit, mir klar zu machen, wie anders und besonders Du bist, wie wenig 'mainstream', dass Du Dir nie die Mühe gemacht hast, herauszufinden, wer ich bin.

Sonst würdest Du wissen, dass ich politisch nicht extrem bin, weil ich keine Extreme mag und Gewalt verabscheue. Ich wurde dazu erzogen, mir meine Meinung selbst zu bilden und nicht, die meiner Familie zu übernehmen. Ich bin höflich und habe Manieren, deshalb schreie ich nicht jedem ungefragt ins Gesicht, was ich von ihm halte. Das verletzt. Und ich verletze ungern.

Zudem habe ich eine Wohnung und ein Auto, weil ich dafür arbeite. Und das nicht gerade wenig. Und wenn ich nicht arbeite, engagiere ich mich in einem Kinderhospiz, einem Tierheim, für Greenpeace, gebe Erste-Hilfe-Kurse beim DRK und nein, ich bekomme dafür keine materielle Entlohnung, sondern eine emotionale.

Ich habe mich als Stammzellenspenderin typisieren lassen, als Du Dich noch sorgtest, was die denn mit Deiner DNA machen und ob die Resultate an die Polizei übergeben werden. Ob das damit zusammenhängt, dass Du Dein Geld gern für chemische Pülverchen, Pillchen und big partying ausgibst?

Und während Du Dich dauernd über meine Klamotten aufregst um damit wieder und wieder Deine Einzigartigkeit zu unterstreichen, denke ich mir, dass Du aussiehst wie jede Zweite. Du schwimmst mehr mit der Masse als ich. Je ranziger jemand rum läuft, aussieht, riecht, desto individueller ist er Deiner Meinung nach. Warum hebe ich mich dann mehr von der Masse ab, als Du?

Stimmt, ich habe keine bunten oder raspelkurzen Haare. Sie sind langweilig braun, lang und glänzend. Bezeichnenderweise rieche ich auch immer gut, schminke mich natürlich und halte alle Vorsorgetermine bei den Ärzten ein.

Ich bin nicht auf eine Musikrichtung festgelegt und mir ist es egal, ob ich aus der Reihe falle, wenn ich mit Jeans und Chucks auf Elektro-Parties abdance. Genauso gut kann ich mit Heels im Rockschuppen pogen und im Blümchenkleid zu HipHop mit dem Popo wackeln.

Ich gestalte mein Leben so, wie ich es will. Weil ich weiß, wer ich bin.

Zu gern würde ich Dein Gesicht in dem Moment sehen, in dem Du all diese Dinge über mich erfährst und dieses Selbstkonstrukt meiner Person in sich zusammenkracht, welches Du Dir zusammengekotzt hast.

Bis dahin lächle ich weiter in mich hinein. Ich darf das nämlich.


Tags: Individualilität, Extreme, Existenz
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2 Antworten

Kommentare

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    super text!!!
    so habe ich mich vor einiger Zeit gefühlt, als mich ein Strassen-Punk beinahe angespuckt hat. Mich verächtlich "Rich Kid Tussi" nannte. Neben mir stand meine beste Freudin- punk. Ich "normal" angezogen. Bin ich schlechter, nur weil ich mich um  meine Zukunft kümmere und meine Chancen packe und ausnütze? nein danke.

    02.12.2012, 23:26 von deterioratedSystem
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  • 1

    Es besser wissen, geniessen und schweigen :) Mag ich!

    22.03.2012, 06:55 von Mrs.McH
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