Volkaracho 30.11.-0001, 00:00 Uhr 13 6

Silvesternasen

1.1.09, das neue Jahr ist keine 4 Stunden alt und schon hab ich keine Lust mehr!

Wiedermal ein Silvester ohne Liebe. Irgendwie schaffe ich das immer. Meine Feiergenossen, ausschließlich Pärchen, habe ich gerade eben verlassen und mit ihnen diesen ausschließlich von Pärchen bevölkerten Club. Ich beende den tatsächlich ersten Silvesterabend in dieser Stadt, die ich nun schon seit über 7 Jahren Heimat nennen müsste, deutlich früher als jede Neujahrsnacht, an die ich mich bewusst erinnern kann.

Mein Heimweg wird geprägt durch Gedanken an Dich, meine Seelenverwandte! Meine Melancholie angetrieben durch meinen kleinen, silberweißen und displaylosen Begleiter, den ich an meinen Kragen geklippt habe.

Zum xten Mal formuliere ich einen Brief an Dich, den ich einfach nicht gut hinbekommen will. Seit wenigen Minuten bilde ich mir ein, endlich eine Argumentation gefunden zu haben, der Du bestimmt niemals wiederstehen kannst. Ich wiederhole sie immer und immer wieder in meinem Kopf, feile an jedem Buchstaben. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass diese kleine Provinzstadt mir meine Gedanken jemals klauen könnte.

Mein üblicher Heimweg und die freudige Erwartung, meine betrunkene Einsamkeit und Traurigkeit mit den eben konstruierten Sätzen mal wieder im Schlaf des Betrunkenen zu vergessen, diese immer wieder sinnlose Euphorie zu beenden, lässt mich meinen Schritt beschleunigen. Die überwiegend von kalten, hässlichen und pragmatischen Nachkriegsbauten geprägte Umgebung scheint noch weniger Notiz von mir zu nehmen als ich von ihr. Ich biege um die vorletze Ecke, bevor ich endlich in die wärmende Behaglichkeit meiner Wohnung und meines Bettes eintauchen werden kann.

Eine Gruppe gröhlender Jugendlicher mit offensichtlichem Migrationshintergrund tummelt sich auf diesem kleinen Stück Bürgersteig, der mit Sicherheit der schmalste in NRW sein muss. Eine große Jägermeisterflasche wird herumgereicht und ich setze mein selbstbewusstes Augenkontaktgesicht auf, das ich in vielen Jahren des ghettoisierten Jugendfußballs erfolgreich bis zur Perfektion trainiert habe. Da ich es, ebenfalls bewusst, vermeide, einen weiten Bogen um die Gruppe zu machen, muss ich dem tiefroten Schwall Mageninhaltes, der vor mir auf den Asphalt platscht, mit einem eleganten pas de bourée ausweichen, um meinen Weg mit unbesudelten Schuhen fortsetzen zu können.

Der in einwandfreiem Kanak geäußerte Ruf: “Ey, geh nicht weiter als sei nix gewesen!” versichert mir, daß meine automatisierten Bemühungen der alkoholisierten Manifestation von Gruppenzwang nicht genügt haben müssen. Der absolut gängige Versuch, meiner Umgebung vorzutäuschen, nichts von ihr wahrzunehmen, da ich ja sichtlich Ohrstöpsel trage, scheint ermunternd zu wirken und ich vernehme, leicht gedämpft durch Jimmy Eat World’s Song “Pain”, welch Ironie, die durchaus unerfreuliche Ankündigung: “Ey, ich stech Dich ab wenn du weitergehst, du Arsch!” So weit so gut. Hab die nächste Ecke ja schon erreicht, also einfach weitergehen. Ich hör ja schließlich nichts.

Ein von lautem Gemurmel begleitetes Getrappel mehrerer flinker Fußpaare, einige eindeutig schwer bestiefelt, zwingt mich endlich doch zur Konfrontation. Ein Messer kann ich glücklicherweise nicht erkennen während ich mich, immer noch darauf bedacht, eine gelassene und selbstbewusste Haltung zu bewahren, umdrehe.

Die letzten Meter nach Hause lege ich in einem Sprint zurück, den Carl Lewis auch nur schwerlich hätte toppen können.

So beginnt also dieses tolle neue Jahr. Ohne Liebe, voller Hass und Gewalt. Aber es war schon schlimmer, wenigstens eine positive Bilanz.

Saisonleistung: Gebrochene Nasen +2

Das heißt seit genau einem Jahr endlich wieder ne positive Gesamtbilanz, 4:3.

Und schon wieder kann es nur besser werden, dieses verdammte neue Jahr.

Nur weiß ich leider nicht mehr was ich Dir schreiben wollte, und das ist eine riesige Schande, denn es war so gut.

6

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13 Antworten

Kommentare

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    hmpf. silvester. der einsamste letzte und erste tag des jahres....

    01.02.2010, 20:55 von linksrum
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    das war einmal zu viel :)

    09.01.2009, 21:39 von anna.g.
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    hallo.
    der text gefällt mir. die art wie du schreibst.
    ich kenne dieses gefühl, irgendwie zwischen euphorie und traurigkeit.
    verwirrend.
    anna

    09.01.2009, 21:09 von anna.g.
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    hallo.
    der text gefällt mir. die art wie du schreibst.
    ich kenne dieses gefühl, irgendwie zwischen euphorie und traurigkeit.
    verwirrend.
    anna

    09.01.2009, 21:04 von anna.g.
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    Wo warst du da bitte unterwegs? Rote Erde?

    09.01.2009, 13:42 von ichundelaine
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Vom dramatischen Ende mal abgesehen mag ich besonders deinen Anfang. Er klingt so ehrlich und mir auch sehr vertraut. Ich bin extra bis Berlin gefahren, um dem Jahr 2009 "Pärchenfrei" zu begegnen, doch auch dort gibt es Pärchen....selbst, wenn ich so schnell wäre, wie du könnte ich wohl nicht davor weglaufen. Mein Vorsatz für die Zukunft : Muss ich nochmal alleine Silvester verbringen, dann bleibe ich einfach im Bett ! =)

    08.01.2009, 00:44 von greenpony
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    Oh mann ... :-(
    Ich hoffe sehr, dass sich alles zum Positiven für Dich wendet.

    05.01.2009, 15:32 von Dschanni
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    Silvester ist wirklich ne Zumutung, wenn es überall von Pärchen wimmelt. Aber was ich eigentlich sagen wollte: cool geschrieben - den offensichtlichen Migrationshintergrund war auch mein Liebling ;o)

    03.01.2009, 15:16 von cats82
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    "mit offensichtlichem Migrationshintergrund" und "in einwandfreiem Kanak".... ich schmeiß mich weg. Lach!! Aber die Stimmung und das Gefühl mit welchem du auf dem Heimweg warst, kommt sehr gut rüber. Dass du die Gedanken an diese Frau mit reingeflochten hast, gibt dem Ganzen noch eine Prise Romantik.

    03.01.2009, 01:14 von Lisoli
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