yellowdanger 18.07.2008, 11:03 Uhr 2 0

Signale

Mein Vater ächzte. Normalerweise begleitete er mich nicht noch bis zum Bahnsteig, sondern ließ mich am Taxistand bei laufendem Motor rausspringen.

An diesem Tag aber wollte er mit. Er schnaufte schwer, als wir die vielen Treppen zu Gleis drei endlich geschafft hatten.

Wir waren früh dran, weil mein Vater einen so großen Pünktlichkeitsfimmel hatte, daß er immer viel zu früh und somit ja eigentlich auch unpünktlich kam, aber ich hatte es nach einiger Zeit aufgegeben, ihm das zu erklären.

Er schaute mich an.
„Schön, dass Du uns mal wieder besucht hast, Junge.“

Ich nickte. Er klopfte mir obligatorisch auf die Schulter und musste sich recken, um sie zu erreichen. Das war früher nicht so gewesen. Da ich schon lange nicht mehr wachse (jedenfalls nicht in die Höhe), mußte er wohl geschrumpft sein. Er schaute an sich herunter, als hätte er die gleichen Gedanken und meinte:

„Früher sind wir viel Bahn gefahren. Erinnerst Du Dich noch? Du warst immer so aufgeregt.“

„Vater, ich war nicht aufgeregt. Alle anderen Kinder sind immer in Urlaub geflogen. Dorthin, wo’s warm ist.“

„Ach!“ Das war sein Lieblingswort, um Argumente einfach wegzuwischen. „Du fandest es immer toll, wenn ich Dich an den Bahnhöfen aus dem Fenster gehalten habe und ich durfte Dich erst wieder reinholen, wenn der Zug schon wieder volle Fahrt aufgenommen hatte.“

Das Thema war mir unangenehm. Wie hatte ich mich früher geärgert, wenn wir mal wieder nur einen Urlaub im Sauerland gemacht hatten, während alle Schulfreunde in die Welt hinaus gejettet waren. Ich hatte eigentlich keine Lust auf ein Streitgespräch mit meinem alten Herrn und meinte recht kleinlaut:

„So toll war das auch wieder nicht.“

Mein Vater ließ sich aber nicht stoppen:
„Im Auto ist Dir ja auch immer schlecht geworden. Im Zug warst Du aber quietschvergnügt. Vielleicht sollten wir uns mal wieder die alten Fotos angucken.“

„Die haben wir doch alle schon hundertmal gesehen.“

„Ach! Das waren halt die guten alten Zeiten. Als wir noch eine richtige Familie waren. Jetzt bist Du schon über zehn Jahre nicht mehr bei uns, und Deine Mutter macht auch Ihren eigenen Kram und ich meine Modelleisenbahn. Jeder für sich. Keine Familie. Drei Einzelgänger.“

Sollte das eine Aussprache werden? Eine Familientherapie? Ich erinnerte ihn an Steffi.

„Vier.“

„Wie? Vier? Vier was?“

„Einzelgänger. Vier Einzelgänger, Vater! Du hast auch noch eine Tochter. Steffi wäre sauer, wenn sie Dich hören könnte.“

„Ja, Steffi.“ Er blickte kurz in die Richtung aus der, hoffentlich, bald der Zug kommen würde. Dann schaute er streng und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach!“

Er gluckste plötzlich und sein Blick schweifte in die Ferne.

„Wie Dein Haar immer vom Fahrtwind zerzaust wurde, wenn ich Dich rausgehalten habe. Du hast versucht nach vorn zu gucken, aber das war schwierig.“

„Vater, bitte...“

„Ja, der Wind war scharf. Die Tränen kullerten über Dein Gesicht, und Du kniffst die Äuglein winzig klein zusammen. Du warst so ein süßer Fratz.“

Ich glaubte, den Braten zu wittern.

„Vater. Willst Du mir irgendwas bestimmtes sagen?“

„Nein. Wieso? Darf ich nicht in Erinnerungen schwelgen?“

„Schwelgen? Sag bitte nicht dieses Wort. Du hast dieses Wort noch nie benutzt, es passt nicht zu Dir. Du redest so viel über meine Kindheit. Ist das wieder die ewige Enkeldiskussion?“

Mein Vater wirkte erschreckt.

„Nein, nein, wirklich nicht.“ Er streckte abwehrend seine Hände in die Höhe. „Tut mir leid, wenn ich Dir den Eindruck vermittelt hätte, ich wollte... Oh nein. Ich bin vielleicht im Moment ein bisschen sentimental, aber ganz sicher will ich hier nicht den alten Streit vom Zaun brechen. Deine Mutter und ich haben uns damit abgefunden.“

Streit vom Zaun brechen? Hatte mein Vater das wirklich gesagt? Er sprach nicht mehr wie der sprichwörtliche Mann von der Straße sondern ein wenig anders. So, als wäre Ostern. Oder Weihnachten. Ein wenig festlich halt.

„Was ist mit Dir? Du sprichst so komisch. Du bist so komisch.“

Er schaute noch einmal beide Richtungen des Bahnsteigs entlang und dann zog er seine Augenbrauen hoch.

„Oh, das Signal geht auf grün. Er kommt jetzt.“ Er klopfte wieder auf meine Schulter. „Dann komm mal gut nach Hause.“

Während das Schnaufen des Zuges bereits aus der Ferne an mein Ohr drang, klopfte ich nun meinem kleiner gewordenen Vater auf die Schulter.

„Das werde ich schon“, sagte ich. „Aber Du hast mir eben nicht geantwortet. Ist alles in Ordnung mit Dir?“

Er lächelte. Der Zug fuhr nun ein. Es wurde laut und wir konnten nur über Blicke miteinander kommunizieren. Ich nahm seine Hand und spürte, dass sie zitterte. Auch das war neu an meinem Vater. Seine Hände waren nicht mehr die starken, Werkerhände sondern wirkten zart und zerbrechlich.

Als der Zug stand und die Türen sich öffneten, meinte er:
„Denke nur daran, wie schön es früher war, wenn wir zusammen Zug gefahren sind, nicht?“

Ich nickte und drehte mich um. Als ich einen Platz am Fenster gefunden hatte, schaute ich noch einmal heraus. Mein Vater hatte sich bereits herumgedreht, ging auf die Treppe zu, stockte dort und machte sich zaghaft auf den Weg hinab. Seine vorsichtigen Bewegungen erinnerten mich an jemanden, der versuchte, ein rohes Ei heil die Treppe hinunterzukullern.

Es war einer dieser alten Waggons, ich konnte das Fenster öffnen und mich hinauslehnen.

„Vater! Vater?“ rief ich ihn während die Türen knallend zuschnappten. Er schien mich nicht zu hören.

Dann fuhr der Zug langsam an. Langsam verschwanden seine weißen Haare in der Unterführung. Ich drehte mich um, die Signale rauschten an mir vorbei, und ich reckte mein Gesicht in den Fahrtwind, der immer stärker wurde. Ich spürte meine Haare im Wind flattern und ich musste lächeln. Dann kullerte eine Träne aus meinen zusammengekniffenen Augen.

2 Antworten

Kommentare

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    Toller text.
    Schön geschrieben, ich hatte richtig das gefühl auch mit meinem Vater am Bahnhof zu stehen...

    04.08.2008, 15:45 von aless89
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    liebe(r) yellowdanger,
    mir gefaellt, wie du schreibst. obwohl ich deinen "passanten-artikel" lieber mag. er wirkt auf mich authentischer. dieser hier ist ein wenig gewollt, - fuer mich. eine prise zuviel "bahnung im gehirn des rezipienten", wo es nicht noetig ist, ein wenig zu stark und im kontext nicht ganz passend das wort "enkeldiskussion". ein wenig zu kantig, um dem bild des vaters, und der situation, die du entwirfst, gerecht zu werden. dein protagonist, wenn er nur einen funken von dir haette, wuerde nicht so reagieren, nicht wahr?
    ganz zauberhaft: "Ich nahm seine Hand und spürte, dass sie zitterte. Auch das war neu an meinem Vater."
    bitte mach eine fortsetzungsgeschichte daraus. "gespraeche zwischen vater und sohn"...oder so *g*

    ich freue mich auf mehr. lieben gruss
    neongolden.

    21.07.2008, 20:03 von neongolden
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