schriftstehler 30.11.-0001, 00:00 Uhr 73 29

Siegessicher

Die meisten Menschen sehen nicht aus wie ein Totalschaden, aber unter dem matten Lack ist vom Hochglanz aus den Kindertagen nicht mehr viel übrig.

Über den Dächern sitzen die Tauben und hören nicht zu. Auf den stadtfeinen, glatt steinernen, grauen Betonfliesen wanken Männer siegessicher in die Spielhallen und Wettbüros, als hätten sie nichts zu tun und nichts zu verlieren. In einem Hinterhof weht die Flagge Dänemarks, und ich sehe den bewaffneten Frontspoilern zu, wie sie die Gehsteigkanten küssen. Hier gibt es alles im Überfluss, vor allen Dingen den Überfluss. Wir brauchen mehr Arme. Nicht nur einen oder zwei, wir brauchen viele. Aber einiges ist eben zu viel und vieles ist eben zu einfach. Es geht uns zu gut, wir brauchen mehr Arme, damit sich die Welt bewegt. Einen Globus in den Arm nehmen und der kalten Kugel ins Eismeer flüstern, dass wir sie warmhalten.

Uns aber reicht die Wärme der von Pads beseelten Kaffeemaschinen und die des 39-Zoll-Flachbildschirmfernsehers, dessen Programm sich auch nicht vom Rest Scheinwelten erhebt. Niemand erhebt sich, alles ist flach, alles ist schnell, auch die Frauen ziehen wie Ferraris vorbei und klappen ihre Augenscheinwerfer nur einmal auf, um zu blenden. Die meisten Menschen sehen nicht aus wie ein Totalschaden, aber unter dem matten Lack ist vom Hochglanz aus den Kindertagen nicht mehr viel übrig. Unfallschäden kaschiert man mit Gel und Schminke oder mit einem Lebenslauf, dem man meilenweit hinterherhinkt, da nimmt man es nicht zu genau. Es bleibt die Hoffnung, an einen guten Besitzer in zweiter Hand zu geraten. Das Altöl wird entsorgt, die Kratzer der Seele poliert und die Beulen am Herzen mit dem Gummihammer des Therapeuten beseitigt.

Da draußen wanken die dickbäuchigen Damen durch das Leben und lassen sich beim Betreten des warmen Cafés von freundlichen Männern öffnen, während das Leben weiter wächst. Überall im Latte-Macchiato-Land schwirren die freundlichen Servicekräfte herum, die zuvorkommend schnell gehen. Es riecht nach Karamell und Schweiß, dazwischen immer der Hauch eines teuren Parfüms mit der persönlichen Note, die niemand riecht. An den Ecktischen sitzen Männer, die ihren Schal nie abnehmen und deren Bärte gepflegter aussehen als ihre Zähne; aber wer sieht schon nach drinnen. Sie benutzen ihre angebissenen Rechner einhändig, wissen, dass sie beobachtet werden und genießen es. Irgendjemand ist wichtig und telefoniert halblaut, spricht von Deadlines und vom Pitchen, nichts, was wirklich Sinn ergibt, aber der Gesichtsausdruck hat Charisma. Vor der Tür steht ein Bärtiger, der einen Coffee-To-Go-Becher in der Hand hält, und jemand lässt eine Münze hineinfallen. Die Grenzen verschwimmen.

Die freien Bürger bestimmen, wo es lang geht, sie haben die Macht, andere und sich gehen zu lassen. Aber niemand kehrt zurück, jeder kehrt den anderen den Rücken zu und blickt dahin, wo das Unheil nicht hinkommt, wo das Licht ist, weil es dort sicher ist. Weil einigen Menschen angeblich die Sonne aus dem Arsch scheint, kriechen andere dort hinein. Aber wer ständig fremde Ärsche küsst, der kann irgendwann keine Gesichter mehr erkennen. Die Welt steckt unter einer Decke, aber jeder hat seinen eigenen Zipfel, an dem er zieht und zupft, und alles kommt immer zu kurz. Dann packen wir die Koffer, vergessen, was dort hinein gehört und machen uns auf Weg. Es geht darum, im eigenen Tempo alles zu erreichen und als Erster dort zu sein, wo andere schon sind. Insbesondere an roten Ampeln.

Das Zauberwort der noch jungen Generation ist »gelangweilt«. So sieht sie aus, so verhält sie sich. Enthusiasmus gibt es nur unter Drogen; Zigaretten und Alkohol gehören nicht dazu, daran stirbt man nicht. Man stirbt an Einsamkeit, an Langeweile und am Abwinken. Und auf den Plakaten werben die Modelle der Menschheit mit offenen Mündern für Frisuren und Produkte, die Individualismus versprechen. Deshalb laufen sie nun alle mit offenen Mündern herum, weil das sexy sein könnte und sie kaufen alle die individuellen Produkte für ihre individuellen Uniformen und wissen alles besser, was nichts Neues ist, denn das machen alle heranwachsenden Generationen.

Der Zauberwort der älteren Generation ist »erhoben«, so wie der Zeigefinger und der Stand der Dinge und das Podest, auf dem sie stehen. Wobei sie wissen, dass sie genauso waren, wie die jungen Leute. Nur anders. Aber das will niemand wissen. Damals war alles anders, es war nicht besser, es war immer schwieriger und schlimmer. »Wir hatten ja nüscht anderes!« Die ältere Generation lebt in einer Vergangenheit, vor der sie andere bewahren will, vergisst aber, in die Gegenwart zu reisen. Und natürlich wissen die Älteren alles besser, denn sie haben ja die Erfahrungen des Lebens gesammelt und sie haben keine Zukunft mehr zu verlieren. Deswegen können sie alles ganz anders betrachten und besser wissen. Das ist nichts Neues, denn jeder weiß etwas besser, aber nichts ändert sich.

Über den Dächern sitzen wir und zählen die Tauben, die Blinden und die Stummen, zu denen wir selbst nicht gehören wollen. Wir brauchen mehr Arme, mehr, denen es schlecht geht und die ihre Arme heben gegen die Ungerechtigkeit. Wir gehören nicht dazu, wir haben unsere Armut verkauft an irgendetwas, dass uns satt und dick macht und im Alter weiterhelfen soll. Wir sind die Tauben und hören nicht zu und wir gehören nicht dazu. Wir schütteln gern den Kopf und sagen, dass wir ganz anders sind und mit »Wir« ist immer jemand anderes gemeint. Denn Pauschalisieren, das kann man nicht, wir sind Individuen, wir machen alles selbst und allein und einzigartig. Wir sind siegessicher.

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73 Antworten

Kommentare

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  • 1

    "[...] und ich sehe den bewaffneten Frontspoilern zu, wie sie die Gehsteigkanten küssen. Hier gibt es alles im Überfluss, vor allen Dingen den Überfluss."


    In dieses Bild (und in so Vieles mehr) habe ich mich sofort verliebt. 
    Ich mag, wie du schreibst und was du schreibst. Du Wortzauberer.

    14.06.2016, 10:46 von Drahtseilakt.
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  • 1

    Sehr schöne Wortspiele reingebracht! Die bringen den WItz und gleichzeitig die Traurigkeit des ganzen sehr gut hervor!! Joa..was soll man sonst noch sagen ne, genialer Text, aber das weisst du ja jetzt sicher schon :D ;)

    17.01.2015, 04:57 von Lavenda17
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    Ich glaub nicht, dass man alles wörtlich nehmen muss, was da steht. Das klingt ja eigentlich eher wie ein Eindruck an einem bestimmten Tag und muss nicht unbedingt so gedeutet werden, dass ALLE für IMMER "taub" oder "Totalschäden" sind. Ich find den Text toll. Das kann nun wirklich nicht jeder so schreiben.

    04.01.2015, 18:54 von ruma
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    • 1

      das meinte ich mit "nicht alles WÖRTLICH nehmen".  :D aber lustig, dass du dich dann so darüber aufregst und auch direkt persönlich wirst.

      05.01.2015, 16:16 von ruma
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  • 4

    Selbst der großartigst geschriebene Text, voll von schweren Offenbarungen und reich an Gleichnissen, vollkommen formuliert, stürzt in die Tiefe asozialen Denkens, wenn er meint, ermächtigt zu sein, in nihilistischer Weise Menschen auch nur annähernd in die Nähe der Bedeutung des Wortes "Totalschaden" zu rücken.

    04.01.2015, 17:17 von BremsBacke
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  • 1

    Ich finde du schreibst toll und sehr bildhaft und der Text hat bei mir auf jeden Fall ein Gefühl hervorgerufen, das ich von gesellschafts- und konsumkritischen Momenten kenne.
    Ausserdem toll wie man (oder zumindest ich) "Arme" am Anfang als Körperteil verstehe und am Schluss als Personengruppe.

    Gibt sicher auch einiges am Text auszusetzen aber alles in allem fand ich das schön:)

    04.01.2015, 01:32 von MariaG13
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  • 0

    Die Dekadenz dieser Gesellschaft ist GERADE der Grund warum soviele
    Kinder verhungern! Meine Fresse, wenn Dummheit stinken könnte, wären
    einige Kommentare hier perfekt für einen riesengroßen Misthaufen...
    Hat irgend einer dieser vielen kritikgeilen schon jemals Durkheim gelesen? Ich schätze NEIN.
    Wenn
    Krieg herrscht, helfen sich die Menschen. Wenn Frieden herrscht,
    bekriegen sich die Menschen. Könnte man in Kürze sagen. Die heutige
    Gesellschaft wird in diesem Text wunderbar beschrieben. Einseitig
    sicherlich, aber deswegen wird ja auch das Wort Inidviduen verwendet.
    Der
    Stillstand ist keine Weiterentwicklung. Der Wohlstand ist ein falscher
    Wohlstand (auf Kredit gekaufte Wohnungen, weil sich Geld anlegen nicht mehr lohnt). Frau Merkel ist beispielhaft für fehlende Innovation. Das beste Symbol für Gleichberechtigung und Tierrechte, die Grünen,
    haben leider auch ihre Seele verkauft. Die Vorstellung, dass diese mit
    den Schwarzen zusammen Politik machen wollen ist für mich nicht mal im
    Vollrausch nachzuziehen. Auch diese Liste wäre unendlich fortzuführen.
    Als
    allerbestes Beispiel biete ich den Blick gerade auf die Artikel jener
    Seite an: es trieft vor Liebes- und Weltschmerz hier unter den Menschen.
    Ist das eine glückliche Zivilisation? Sind das glückliche Menschen?
    Oder leiden sie unter dem Preis eines Wohlstandes, der zu Taubheit,
    Blindheit und Ähnlichem führt?
    Who knows. Aber es kann sein. Und
    solange etwas sein kann, sollte es die Möglichkeit geben sich diese
    Furcht von der Seele schreiben zu können.

    03.01.2015, 23:03 von Filousoph
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    Naja, ich denke man müsste hier zwischen Wohlstand und Überfluss differenzieren. 

    Eine Zivilisation kann sich wesentlich besser weiterentwickeln, sofern sie im Wohlstand lebt.

    Niemand, der am Hungertuch nagt oder sich über ein Dach über'm Kopf kümmert, würde einen Gedanken an z.B. Gleichberechtigung der Geschlechter oder Tierrechte verschwenden.
    Auch vernünftige Bildung von Kindesbeinen an ist bloß in einer Wohlstandsgesellschaft möglich und so könnte man die Liste unendlich weiterführen.

    Natürlich leben wir im absoluten Überfluss, allerdings ziehe ich eine dekadente Gesellschaft immer jener vor, in der Kinder verhungern und wahrscheinlich nicht einmal eine Matraze schon Schlafen besitzen.

    03.01.2015, 22:33 von MiguelStinson
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    • 3

      ich finde das in seiner gesamtheit reichlich unreflektiert...und zum teil auch menschenverachtend.
      ich  meine- wer bitte zitat

      Die meisten Menschen sehen nicht aus wie ein Totalschaden, aber
      unter dem matten Lack ist vom Hochglanz aus den Kindertagen nicht mehr
      viel übrig.
      sowas geht als einleitung nicht.
      und falsch ist es auch...

      03.01.2015, 21:09 von yuhi
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      ich sag nix mehr....

      03.01.2015, 21:24 von yuhi
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    • 0

      so ist es ...
      danke :)

      03.01.2015, 21:28 von yuhi
    • 0

      Ich persoenlich finde den Vergleich von Kindheit und Hochglanz gar nicht so verkehrt. was ist so verwerflich daran ?

      05.01.2015, 03:55 von AnnaChaos
    • 0

      Das ist ja der Punkt, nach meinem Verständnis, die Dekadenz übernimmt sogar die Kritik an ihr, über sie.

      18.01.2015, 10:29 von Nem
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