ElisLogbuch 24.04.2019, 19:55 Uhr 0 2

Sich beim Anstehen anstellen II

Andere gucken Game of Thrones. In meiner Freizeit warte ich meistens einfach nur. Zumindest kommt es mir so vor.

Eigentlich wollte ich nur einige Dinge erledigen, doch die nicht vorhandene Geduld meiner Mitmenschen hat mir mal wieder erstklassige Beobachtungen beschert. Und so ist er hier, der zweite Teil von Sich beim
Anstehen anstellen.

Hier geht es zu Teil I http://elis-logbuch.de/2018/05/16/sich-beim-anstehen-anstellen/

 

1. Aus der Reihe Mensch gegen Maschine: a) Mysterium Pfandflaschenautomat

Zugegebenermaßen sind mir diese Gerätschaften auch etwas suspekt. Sie stinken immer nach Bier, sind schmierig und man möchte gar nicht wissen, was alles für Schmodder an ihren Außenseiten klebt. Aber hey, das nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dafür, dass ich brav mein Wasser ausgetrunken habe, mit Geld belohnt werde. Doch bevor es soweit ist, heißt es natürlich erstmal warten. Es gibt zwei Automaten, von denen einer kaputt ist. Sofort steigt der Stressspiegel meines Vordermanns. Der Einkaufswagen voll Flaschen und Dosen der Person, die gerade an der Reihe ist, scheint sich wenn überhaupt nur in Zeitlupe zu leeren (Immer diese Studenten!).

Nur zu gerne würde ich jetzt meinen Schrittzähler inklusive Pulsmesser an dem Herrn vor mir anbringen. Es handelt sich bei ihm mit Sicherheit um Frequenzen, die sonst nur im Hochleistungssport gefahren werden. Respekt. Auch eine Art von Workout. Doch nach diesen anfänglichen Strapazen hat auch das kleine HB-Männchen es irgendwann geschafft. Er ist am Zug und beginnt schnaufend und leicht verschwitzt seine Flaschen in den Automaten zu schieben. Anscheinend ist er aber noch immer leicht angesäuert und versucht seine üble Laune an den Flaschen (oder dem Automaten?) auszulassen. Sie werden regelrecht in die runde Öffnung geprügelt. Es knallt und quietscht ein bisschen. Doch der Automat wehrt sich. Ein schrilles Piepsen ertönt und ein rotes Lämpchen fängt an zu blinken. Der Schriftzug „Flaschen bitte einzeln einlegen“ leuchtet auf der Anzeige auf. Das kann MC Choleriker nun aber gar nicht haben. „Sach ma!“

Statt die nicht angenommenen Flaschen noch einmal einzulegen, versucht er diese mit einer weiteren durchzustopfen. So kann man also auch Systeme hacken. Mich interessiert ab dieser Stelle zunehmend die Frage, wer hier das wahre Opfer ist?
„Der nimmt die Scheiße nicht an!“, ertönt es vor mir.

Mit hochrotem Kopf dreht er sich um. Offenbar ist er auf der Suche nach Hilfe. Doch da stehe nur ich. Eine Frau. Blond. Mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht. Mister Stress ist soeben in seiner persönlichen Hölle gelandet. In seiner Verzweiflung drückt er den Knopf, um Personal anzufordern (ungefähr 50 Mal). Es ist deutlich zu erkennen, wie entwürdigend und erniedrigend die gesamte Situation für ihn ist. Es wird geflucht, gepresst, gekloppt, und gedrückt, der Automat schreit auf, leuchtet in allen Farben und schließlich gibt das Männchen sich geschlagen. Zumindest vorerst. Ich könnte mir vorstellen, dass eine üble Rache folgen wird. Er schmeißt alle Flaschen pöbelnderweise zurück in seine Taschen und verlässt mit einer Hasstirade aus Einwortsätzen das kleine Kabuff. „Mist. Dreck. Gibtsnicht.  Wah. Unverschämt. Gnarf. Scheiß.“

Ich frage mich, wie dieser Herr wohl reagieren mag, wenn er sich in einer wirklich stressigen Situation befindet?

 

2. b) Der Bankautomat

Gewiss gibt es Online-Banking. Aber wenn man mal ehrlich ist, können das Betreten einer Bank und die manuelle Abwicklung diverse Prozesse doch auch ziemlichen Spaß machen. Da kann man noch so richtig nachvollziehen, was man getan hat. Kurzum: Ich wollte auf dem Weg nach Hause lediglich eine Überweisung tätigen.

Gleich zu Beginn lässt sich eine eindeutige Parallele zum Pfandflaschenautomaten erkennen. Nur zwei der drei vorhandenen Geräte sind funktionstüchtig. Einer dieser Automaten wird von einem Mann besetzt, der einen 15cm hohen Stapel bestehend aus EC-Karten vor sich liegen hat. Ihm kleben bereits die Schweißtröpfchen auf der Stirn.

„Sorry, ich bin hier noch etwas beschäftigt“, bringt er mit einem gequälten Lächeln hervor und wird mit passiver Aggressivität aller Anwesenden gestraft. Hier lächelt niemand mehr. Nicht einmal gequält. Die Schlange der Wartenden konzentriert sich also auf einen einzigen Automaten. Es lässt sich das Muster erkennen, dass neue Personen, die die Bank betreten, schnurstracks zum defekten Automaten gehen. Schließlich ist der ja komplett frei. Eine Frau zückt also gleich ihre Karte, um sie in den Schlitz zu stecken. Das aufblinkende „außer Betrieb“ verunsichert sie überhaupt nicht. Widerstand. Die Karte wird nicht angenommen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nur vor sich hin murmelt oder bereits im leisen Meckermodus angelangt ist. Oder zischend verschiedene Voodoo-Zauber aufsagt. Weiter versucht sie noch mehrmals die Karte irgendwie in den Automaten zu bekommen. Ein bisschen kräftiger, ein bisschen aggressiver. Hilft aber nichts. Weiterhin flüsternd reiht sie sich nun aber ebenfalls in der Warteschlange ein. Zunächst war ich davon ausgegangen, dass es sich bei der Dame und einen Sonderfall gehandelt hat. Sie hatte durchweg ihre Sonnenbrille auf, hat aus diesem Grund die Welt vielleicht ein wenig anders wahrgenommen und somit hätten ihre Handlungen durchaus etwas Nachvollziehbares gehabt. Doch Pustekuchen. Nach ihr folgten noch zahlreiche andere Personen, die eben dieses Verhalten an den Tag legten. Außer, dass sich deren Flüche nicht so sehr wie verwunschene Voodoo-Zauber anhörten. Karte rein, Mist das geht nicht, das muss doch irgendwie, warum nimmt der die denn nicht gleich…? Es dauerte immer etliche Versuche, bis der Lerneffekt einsetzte.

Ich bin also abgelenkt, beobachte das Geschehen in all seinen Facetten, denke über dies und das nach, oder über gar nichts, und ehe ich mich versehe, ist es geschehen. Der in Teil I beschriebene aus-der-Reihe-Tänzer ist wie aus dem nichts aufgetaucht und steht nun unmittelbar vor mir. Ganz unbemerkt hat er sich vorgedrängelt. Nun spüre auch ich den Zorn der Ungeduld in mir brodeln. Ich bin kurz davor, diesen Mann auf das vermeintliche Missverständnis anzusprechen, da hat er schon einen ganz anderen Gesprächspartner gefunden: Sich selbst.
Nicht hier und nicht heute, denke ich mir. Mir fällt ebenfalls auf, dass seine Haare nicht mit Styling-Produkten in Form gebracht wurden, sondern einfach nur vor Fett triefen. Ich würde nur zu gerne einige (Kilo)Meter nach hinten ausweichen, doch ich habe Angst, dadurch meinen Platz in der Warteschlange zu verlieren („Stehen Sie hier an?“ - „Nein, ich zähle die Glühbirnen“).

Warum nochmal mache ich nicht alles über Online-Banking?

 

3. Der Serious-Biker

Einige von uns werden wahrscheinlich ebenfalls statt zu Fuß, mit der Bahn, dem Bus oder dem Auto mit dem Fahrrad im Alltag unterwegs sein. Hier herrschen allerdings gewaltige Unterschiede in Bezug auf die Qualifikation. Denn neben den normalen Freizeitfahrern befindet sich auf den Radwegen noch eine ganz spezielle Form der Drahtesel-Benutzer: Ich nenne diese den Serious-Biker.
Diese besondere Art des Verkehrsteilnehmers ist auf den ersten Blick an einer professionellen Hochleistungsmontur zu erkennen. Helme mit racing-Optik, Brillen zum Schutz vor extremen Fahrtwind,  reflektierende Wesen, Hosen und Jacken, sowie praktische Fahrradtaschen. An dieser Stelle bitte nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Sicherheit im Straßenverkehr. Doch der Serious-Biker macht keine halben Sachen und besitzt das komplette Programm.
So weit, so gut. Doch obwohl diese Profis eine ganz andere Klasse als beispielsweise ich mit meinem Blümchenfahrrad bilden, müssen wir uns ein und denselben Radweg teilen. Den des Durchschnitts. Da kann es schonmal zu Differenzen kommen.
Kurz vor einer Ampel klingelt es also eindringlich hinter mir. Der Fahrradweg ist schmal, ich kann mich nicht in Luft auflösen und so geht mein Reifen schon beinahe mit dem angrenzenden Bordstein auf Kuschelkurs. Living on the edge. Schließlich werde ich von einer Serious-Bikerin überholt, doch just in diesem Moment schaltet die Ampel auf rot mit und wir tun das, was wie alle am liebsten tun. Warten.

Es geht weiter. Ich fahre mein ganz normales ab-nach-Hause-aber-am-besten-in-einem-Stück-Tempo und überhole besagte Radfahrerin erneut. Ich, als Freizeitfahrerin, ohne ernsthaften Anreiz oder tatsächliche Ahnung darüber, was ich hier überhaupt tue. Das denkt die Frau sich wohl auch und vor der nächsten Ampel wiederholt sich exakt dasselbe Spiel. Ich beschließe, ab jetzt lieber in ihrem Windschatten zu bleiben, damit die Situation nicht noch ausartet.
Doch Entspannung ist noch lange nicht in Sicht. Das stressige Geklingel geht unaufhörlich weiter. Es lag also nicht an mir, sondern ist für sie eine reine Routine.
Andere Radfahrer, die normal zu überholen sind. KLINGELING.
Ein Mann, der in sein Auto einsteigen möchte und wartet, bis der Radweg frei ist. KLINGELING.
Ein Fußgänger, der sich auf dem Gehweg befindet und überhaupt nicht involviert ist. KLINGELING.
Irgendwo in der fünften Etage schmeißt jemand 200g Nudeln in kochendes Wasser. KLINGELING.
Ich kann mich nicht entscheiden, ob diese Person einfach übervorsichtig ist, akustisch gerne auf sich aufmerksam macht oder sich in ihren Möglichkeiten als fortgeschrittener Verkehrsteilnehmer eingeschränkt fühlt.

Mir jedenfalls klingeln jetzt noch die Ohren.


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