meredith_haaf 28.01.2013, 11:50 Uhr 436 5

Sexismus

Sexismus versteckt sich heute hinter einer ironischen Maske - und ist deshalb noch schwerer zu fassen. Könnt ihr über Hipster-Sexismus lachen?

Als vor ein paar Wochen die Debatte um Rainer Brüderle, Sexismus in der Politik und die Aktion #Aufschrei anfing, hatte ich, wie viele Deutsche in jenen Tagen, auf Twitter eine Diskussion. Es ging um Georg Baselitz, den 75jährigen Künstler, und ein Interview, das er in derselben Woche dem SPIEGEL gegeben hatte. Baselitz ist vor allem für seine aufregende Malerei bekannt und die Tatsache, dass er seine Bilder stets kopfüber hängt, wofür er bisher nicht bekannt war, ist Geringschätzung von Frauen. In dem Interview aber konnte man nachlesen, dass Baselitz der Meinung ist, dass es keine großen Künstlerinnen gebe. „Frauen können einfach nicht sehr gut malen“, sagte er, ihnen fehle nicht das Talent, sondern von Natur aus die Brutalität, die große Künstler malen.

Unter #Aufschrei twitterte jemand das Zitat und ich antwortete, man könne wenigstens froh sein, dass Baselitz mit offenen Karten spiele. Ich finde: Baselitz ist ein unverbesserlicher, alter Sexist. Aber die aufgeklärten, jungen Sexisten von heute sind auch nicht besser. Sie haben es besonders leicht: Wenn wir heute über Frauenfeindlichkeit diskutieren, scheint es immer nur um alte Männer zu gehen. Oder jedenfalls um irgendwelche anderen Männer, um Politiker, Skandalrapper, schmierige Chefs. Sexisten, das sind immer die anderen – nicht der beste Kumpel, der Lieblingskollege oder gar man selbst.

Doch wenn wir über Sexismus reden, dann muss es auch darum gehen, dass beim Fußballgucken immer irgendwer „Jetzt lauf doch, du MÄDCHEN!“ brüllt. Dass junge Chefinnen oder Dozentinnen immer noch oft genug unter Verdacht gestellt werden, entweder mit Zickigkeit oder Körpereinsatz an ihren Posten gekommen zu sein. Dass coole, junge Typen die natürlich für Gleichberechtigung sind, es trotzdem voll okay finden, ironisch auf Bushido-Konzerte zu gehen und dass Skepsis gegenüber Pornografie spätestens als uncool gilt, seitdem American Apparel mit quasipornografischen Fotos Werbung macht. Entwürdigende Darstellungen und abfälliges Gerede über Frauen gelten wieder als total okay – schließlich ist das alles doch nicht so gemeint.

Sexismus, finde ich, ist heute umso schwerer zu fassen, weil er sich hinter einer ironischen Maske versteckt. Das macht ihn, im Gegensatz zu der offenen Geringschätzung von Frauen eines Georg Baselitz, auch schwerer zu kritisieren und für mich eigentlich fast schlimmer. Mein Twitter-Gegner, übrigens ein Mann, war anderer Meinung. 

Was denkt ihr? Könnt ihr über Hipster-Sexismus lachen, oder findet ihr diese Art Ironie eher zum Heulen?


Tags: Sexismus
5

Diesen Text mochten auch

436 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    habe  selten bei einem artikel so gelacht, wie bei diesem. Freut mich, wenn einige frauen (betonung auf einige) mal wieder in eine "Opferrolle" schlüpfen können. 
    Wer keine Probleme hat, macht sich welche. Wenn ich gleich arbeiten gehe und Trinkgeld kassiere, frage ich am besten gleich mal nach ob das jetzt wegen meiner brüste kriege... wer keine probleme hat macht sich welche... 

    22.03.2013, 18:54 von Robbs
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Toller Artikel in der Print-NEON. Habe hier mein Statement veröffentlicht: http://www.welt.de/print/wams/hamburg/article114078375/Maenner-sind-kuehn-Frauen-zaudern.html

    17.03.2013, 12:12 von Katiunims
    • Kommentar schreiben
  • 0

    06.03.2013, 22:02 von Lillilly
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nein, über Hippstersexismus kann ich genausowenig lachen, wie über jeden anderen Sexismus. Oder über Themen wie diese hier.

    06.03.2013, 15:21 von saschakleiner85
    • Kommentar schreiben
  • 5

    Können wir nicht lieber über Pferdelasagne diskutieren?

    18.02.2013, 01:46 von kirschgruen
    • 0

      Nein das hat zu wenig Sex als Inhalt, das geht bei Neon nicht.

      18.02.2013, 11:20 von 0dB
    • 0

      Essen ist Sex.

      18.02.2013, 16:47 von kirschgruen
    • 0

      aber nur die roten Kirschen

      18.02.2013, 18:03 von SteveStitches
    • 1

      Die gehören wiederum auf eine Donauwelle.

      19.02.2013, 06:36 von kirschgruen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Die Diskussion ist für mich extrem beschwerlich... Einerseits finde ich, ich muss meine Meinung dazu ausdrücken, weil die ganze Diskussion in die Irre läuft und ich mit vielen prominenten Statements überhaupt nicht einverstanden bin. Andererseits lärmen so viele Leute durcheinander, dass es gar keinen Sinn macht, seine Meinung schreiben zu wollen. Man redet in den Wind. Summa summarum bleibt einem eigentlich nur noch übrig, selber das zu machen, was man für richtig hält, und mit den Konsequenzen zu leben.

    17.02.2013, 23:27 von dvizard
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Anfrage: ich möchte mit einem Comiczeichner Geschichten vom Superfatbumgirl herausbringen. Das Superfatbumgirl rettet ständig die Welt weil es mit seinem Hintern Bomben auffängt, Schutz bietet, Gangster verprügelt. Ich weiß nur nicht ob das politisch korrekt ist? Oder ist das sogar sexistisch?

    17.02.2013, 23:03 von SteveStitches
    • 0

      Und wenns mal aufs Klo muss?

      18.02.2013, 10:49 von quatzat
    • 1

      Klingt verdächtig nach einem Robert Crumb Comic

      18.02.2013, 11:23 von 0dB
    • 0

      OdB - als großer Crumbfan, hab ich natürlich seine Mädels im Kopf, für unsere Superheldin.

      18.02.2013, 18:02 von SteveStitches
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      es wird ein generalverdacht gegenüber alle männer ausgestellt, in vielen
      belangen und der ist für mich und viele andere männer ebenso eine
      belastung.


      halt ich für großen Quatsch.

      17.02.2013, 21:09 von FrauKopf
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      ich halts für quatsch, dass man auch hier erstmal allen und jeden etwas nachsagt.
      Generalverdacht und dann am besten alle... nee nee.

      in dem moment, wo männer das als "sexismus" bezeichnen und sich gestört fühlen wollen,
      isses das halt nicht mehr


      Nee.
      Ich erkenne das an und habs selbst erlebt also...nee.

      17.02.2013, 22:02 von FrauKopf
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      es wird ein generalverdacht gegenüber alle männer ausgestellt, in vielen belangen

      entschuldigt bitte.

      17.02.2013, 22:19 von FrauKopf
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @einmachglas,

      Hier wird alles gelesen, irgendwann...

      18.02.2013, 10:42 von Tanea
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Im neuen Stern wird Deutschland, bei den Ländern die schlecht mit Frauen umgehen, mit Indien oder Südafrika verglichen. Die tolle Schweiz wird zum Vorzeigeland, ich will nicht wissen wieviel häusliche Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigungen in der Eidgenossenschaft unter den Teppich gekehrt werden. Klar gibt es in Deuschland Vergewaltigungen und häusliche Gewalt, aber es mit Indien und Südafrika gleichzusetzten ist abgrundschlechter Journalismus. 

    17.02.2013, 19:35 von SteveStitches
    • 0

      gerade fällt mir auf, dass die Philippinen auch so ein Muster-  Vorzeigeland sind wie die Schweiz. In den fünfzigern und sechzigern (die Nazizeit nicht zu vergessen!) waren wir genau so ein ekelhaftes Vorbildlichland, weil da niemand über solche Sachen redete und sich keine Frau traute ihre Vergewaltiger anzuzeigen, im so vorbildlichen Wirtschaftswunderdeutschland.

      17.02.2013, 19:39 von SteveStitches
    • 1

      Und in Luxemburg erst!

      17.02.2013, 20:32 von quatzat
    • 0

      Hat jetzt nur allgemein mit dem Thema (fehlende) Gleichberechtigung der Frau in Deutschland zu tun, möchte es aber unbedingt mal erwähnen:
      Unter 182 Dax-Vorständen sind nur vier Frauen, womit Deutschland weit
      abgeschlagen hinter Schweden, den USA und Großbritanien liegt, und zwar
      zusammen mit Indien auf dem letzten Platz.
      Nur ein Viertel der jungen deutschen Väter gehen in Elternzeit, davon 70
      Prozent nur für zwei Monate. Frauen gelingt nach der Baby-Pause zwar
      meist wieder der berufliche Einstieg, jedoch selten der Aufstieg. Nach
      den neuen Scheidungsgesetzen (und man führe sich hierbei die hohe Scheidungsrate vor Augen) gehen sie ein hohes Armutsrisiko ein; 60
      Prozent der alleinerziehenden Mütter bezieht ALG II (und Mütter sind es
      ja meist, alleinerziehende Väter sind eine kleine Minderheit).
      Frauen verdienen noch immer ca. 20 Prozent weniger als Männer, und die immer wieder gern als Argument herangezogenen besseren Schulabschlüsse junger Frauen gegenüber denen junger Männer nützen den Betreffenden herzlich wenig - sie stoßen an die
      berüchtigte gläserne Decke.
      Deutschland hinkt, was die Gleichstellung der Frau angeht, nicht nur ein bißchen, sondern stark hinterher, das ist leider ein Fakt.

      21.02.2013, 13:56 von Tinete
    • 0

      Oh Gott! Es ist doch wie in Indien!

      21.02.2013, 23:20 von SteveStitches
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Alles ist Sexismus. Willkommen in der kleinen protestantischen Prüderei. Willkommen im 16. Jahrhundert.

    17.02.2013, 18:18 von Boahmaschine
    • 0

      Dass Frauen im 16.Jahrhundert rein gar nichts zu sagen hatten, selbst der niederste Knecht gegenüber seinem Herrn mehr Rechte hatte als dessen Ehefrau und Frauen fast weniger als das Vieh im Stall wert waren, weißt du aber schon? Dass das Frauenbild dieser Zeit allgemein von Zweitrangigkeit, Minderwert und Unfreiheit der Frau
      geprägt war? Dass sie rein rechtlich erst als das Eigentum ihres Vaters, nach der Heirat als das ihres Ehemannes (daher kommt auch der "Brauch", den Nachnamen des Mannes anzunehmen - dies sollte diesen Besitz anzeigen) und nach dessen Tod wieder als das des nächsten männlichen Familienangehörigen galten? Dass sie kaum eine Möglichkeit hatten, gerichtlich gegen Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe (von sexueller Belästigung ganz zu schweigen) vorzugehen? Dass sie ohne den Mann, dessen Eigentum sie waren, so gut wie verloren waren und verstoßenen Frauen dann eigentlich nur Prostitution (und somit größtmögliche soziale Ächtung) übrig blieb (denn Handwerke o.ä. durften sie natürlich nicht ausüben)? Dass auch Hexenverbrennungen Ausdruck von Frauenhass waren (es handelte sich bei den Opfern fast ausschließlich um Frauen)?
      Dass die katholische Kirche erst im 20.Jahrhundert anerkannt hat, dass Frauen eine Seele haben?

      21.02.2013, 14:14 von Tinete
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 8
  • Chronik einer Liebe

    Passend zur Titelgeschichte erzählen im NEON-Blog zwei weitere Paare ihre digitale Liebesgeschichte - wir zeigen ihre unbearbeiteten Nachrichten.

  • »Wir sind alle egozentrisch«

    Die 26-jährige Zosia Mamet aus der Serie »Girls« erzählt im NEON Blog, was man macht, wenn ältere Frauen in der U-Bahn über Oralsex reden möchten.

  • Die Fluchthelferin

    Einen Tag lang haben wir Deutschlands berühmteste Poetry-Slammerin Julia Engelmann begleitet. Im Blog gibt sie Tipps für einen gelungenen Auftritt.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android