init-admin 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 6

Schwul ist cool

In Deutschland werden Homosexuelle inzwischen nicht mehr von der Sittenpolizei verfolgt, sondern von SCHWULOPHILEN Frauen. Ein Opfer klagt an.

Manchmal ärgert man sich sogar als Schwuler über Klatsch. Neulich las ich in der »Sun« ein Interview mit Victoria Beckham: »Ich mag Frauen als Freunde«, sagte da das Ex-Spice-Girl. »Aber ich liebe schwule Männer! Ich sage es immer wieder. Tief in mir drin steckt ein schwuler Mann, der hinaus will! «

So sieht mein persönlicher Alptraum aus: ganz tief in der dürren Frau Beckham stecken. Trotzdem weiß ich, dass sich das Fashion-Victim Victoria gut auskennt mit den Konjunkturen des gesellschaftlichen Geschmacks. Und diesmal folgt sie nicht dem Trend zum metrosexuellen Datingobjekt, höher gelegten Brüsten oder Size-zero-Jeans, sondern hat den Schwulen als Accessoire der Saison entdeckt: »Schick, edel und ein klein bisschen crazy - hol auch du dir deinen Privathomo! Alle werden dich darum beneiden!«

Solche Gedanken muss sich auch Martina gemacht haben. Die hübsche Praktikantin aus der Personalabteilung (rote Haare, herausforderndes Hohlkreuz) wagte am Kaffeeautomaten den Erstkontakt. Ob ich am Wochenende mit meiner Freundin unterwegs gewesen sei? Der Fangfragenklassiker: Ist der Typ noch zu haben? Als ich erwiderte, dass ich eher auf Männer stehe, war Martina nur eine Sekunde enttäuscht. Dann grinste sie so breit, dass ich fürchtete, etwas Lippenstiftfarbe bliebe an ihren Ohren hängen, streichelte mir über den Oberarm und bettelte: »Gehen wir dann mal zusammen aus? Nur wir beide, da, wo du so hingehst?!« Noch dringender als einen Boyfriend suchte Martina einen Gayfriend. Aber wieso setzte sie voraus, dass ich ein Dauerabonnement für die besten Dancefloors und Darkrooms dieser Republik habe? Und sogar wenn: Warum soll ich ein wildfremdes Wesen (noch dazu ein weibliches) dorthin mitnehmen? Ist jeder Schwule ein ehrenamtlicher Partydienstleister?

»Ich brauche noch einen Schwulen in meinem Freundeskreis. Hast du am Wochenende Zeit?« - diesen Satz bekomme ich oft zu hören, natürlich nur von Frauen. Die wissen zwar, dass nicht jeder Türke nach Knoblauch riecht, ein paar Vorurteile über Schwule bewahren sie sich aber gerne. Immerhin schreibt die schwulophile Frau Homosexuellen ausschließlich positive Eigenschaften zu:
Riecht gut, sieht gut aus.
Hat immer Zeit. Anruf genügt. Der Privathomo hat keine zeitintensive Beziehung, höchstens einen Pudel.
Tanzt gut, feiert gut. Man darf ihn auch küssen, sogar mit Zunge, aber er wird niemals mehr wollen: der ideale Mann.
Im Heteroclub: Der Privathomo kümmert sich ausschließlich um seine weibliche Begleitung, er hat ja keine Flirtziele (anders als die beste Freundin, die mit dem erstbesten Typen abstürzt, der ihr einen Gin Tonic spendiert).
Im Homoclub: Es läuft ABBA und es geht zur Sache. Die weibliche Begleitung des Privathomos ist die einzige Frau im Raum. Die anderen Schwulen bilden um sie einen Kreis, klatschen, tanzen und werfen Kusshände.

Lange Zeit war die Freundin im Schlepptau des Schwulen die sogenannte »Gaby«. Die meist wörtlich »dicke« Freundin war das Anhängsel des affektierten Schwulen auf der Suche nach einem Schwanz und durfte ihm bis zur gelungenen Beischlafanbahnung im Club die Zeit vertreiben. Gaby machte das gerne, sie schwärmte ja auch für hübsche Männer (bekam allerdings nie einen ab). Weil Gaby alle Schwulen liebte, ging sie davon aus, dass sie auch von allen Schwulen geliebt wurde und diese deswegen hemmungslos begrabschen durfte. Heute ist die Gaby out. Für schnellen Sex muss man nicht mehr in Schwulenbars, man kann ihn sich im Internet viel bequemer organisieren, die Gaby darf dann nur noch neben dem Computer sitzen. Und in den Clubs und Bars, im öffentlichen Raum, wird sie von Frauen wie Victoria Beckham oder der Praktikanten- Martina verdrängt. Die Gaby 1.0 war die weibliche Manövriermasse des Schwulen. Bei der Gaby 2.0 ist es genau umgekehrt. Eine attraktive Frau nimmt sich einen Schwulen: Spice up your life!

Wie begehrenswert ein homosexueller Freund ist, lernt die Gaby 2.0 jeden Tag im Fernsehen, wo außer Köchen eigentlich nur noch Homosexuelle auftreten. Allmählich wird der tuntige Clown (Typ: Dirk Bach) vom gut aussehenden und lebensklugen High-End-Homo verdrängt. In der amerikanischen Erfolgsserie »Will und Grace« lebt der erfolgreiche und schwule Anwalt Will Truman mit seiner besten Freundin in einem stylischen New Yorker Apartment und berät kompetent bei der Auswahl von Teeservice und Sexualpartnern. »Six Feet Under« wirkt wie ein Werbespot der Rosa Liste: Die bei weitem attraktivste, klügste, sexuell und psychologisch kompetenteste Person ist der schwule Polizist Keith. Und in »Der Teufel trägt Prada« kann sich Andy dank der Hilfe des Redaktionsschwulen Nigel vom Mauerblümchen zur Großstadtschickse upgraden.

Ich kann ja verstehen, dass mediale Klischees und Handlungsmuster auch unser Erleben im Alltag beeinflussen und Schwule, ganz nebenbei, einem gigantischen Erwartungsdruck aussetzen. Aber man sollte es nicht übertreiben. Ich werde nur ungern von wildfremden Menschen angerufen, die mich fragen, ob man denn nun zu Button-down-Hemden Krawatten tragen kann. Nur weil ich homosexuell bin, eigne ich mich nicht zum Modeexperten! Würden dieselben Leute auch einen Juden fragen: Dein Volk kennt sich doch gut mit Geld aus, kannst du mir einen Anlagetipp geben?

Neulich war ich in Hamburg auf der Party einer Bekannten, Monica, einer Unternehmensberaterin. Monica führte mich durch ihr Haus, das aussah, als sei es für ein Fotoshooting von AD präpariert worden, bei einem Gästegrüppchen blieben wir stehen: »Das ist Gregor«, sagte Monika, »Gregor ist schwul.« Ich hätte fast meine Bierflasche in der Hand zerdrückt: Hatte sie mich nur eingeladen, um zu zeigen, dass sie jetzt auch so einen Homo hat? Schwule eignen sich gut, um Liberalität und Fortschrittlichkeit zu demonstrieren. Und in einer Zeit, in der sich der durchschnittliche Großstadtmensch oversexed und underfucked fühlt, sind Homos die Letzten, die noch Spaß im Bett zu haben scheinen: die edlen Wilden des Westens. Ein wenig von dieser Verruchtheit und exotischen Erotik wird auch auf die weibliche Begleitung abfallen, kalkuliert die Gaby 2.0.

Schon klar: Es ist besser, von Frauen verfolgt zu werden als von der Polizei, was für Schwule in vielen Ländern immer noch traurige Realität ist. Und ich freue mich auch über jede Frau, die sich mit mir anfreunden will. Nur: Ich habe noch jede Menge andere Talente außer meinem Interesse an anderen Männern und ich will verdammt noch mal, dass sich die Gabys und Gabys 2.0 dieser Welt auch dafür interessieren. Es ist doch nicht schwer zu kapieren: Ich will keine Handtasche sein!

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7 Antworten

Kommentare

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    Auch gerade gemerkt. ^^ Hab den Artikel nur über einen Link gefunden, deswegen. ;)

    15.12.2011, 00:28 von ChicoBueno
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      Hmm..noch besser, er ist lt. Profil erst seit 2011 angemeldet. Wie geht das?

      15.12.2011, 07:15 von konsTante
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  • 0

    Also erstmal: Find ich sehr gut, dass mal jemand dieses Thema anspricht. Diese Erwartungshaltung, besonders von Frauen, gegenüber Homosexuellen ist wirklich albern und undurchdacht.

    Aber trotzdem muss ich den Autor fragen:
    Warum zur Hölle erzählst du denn Martina und Monica überhaupt, dass du schwul bist, wenn du weißt, dass Frauen dazu neigen, dich als Accessoire zu betrachten? Genauso wie Martina vom Getränkeautomaten. Wieso der Kommentar?

    Ich denke, indem man Menschen im Vorhinein schon so etwas sagt, haben sie ja allen Grund, zu denken, deine Sexualität sei mitunter dass, was dich am meisten ausmacht.

    Das soll jetzt nicht polemisch wirken, ich bin selber den Herren der Schöpfung nicht ganz abgetan, aber ich behalte das ganz einfach für mich. Guten Freunden, oder wenn sich die Situation ergibt, dann mache ich auch kein Geheimnis draus, aber wieso sollte ich denn bitteschön jemanden in den ersten 5 Minuten Gespräch so etwas schon sagen?

    14.12.2011, 23:51 von ChicoBueno
    • 0

      Er ist gefragt worden. Ich finde das als Grund mehr als angemessen. Aber vielleicht liegt das ja an mir.

      11.02.2012, 00:45 von Wilke
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