B.tina 17.05.2011, 18:47 Uhr 17 27

Schwestern von Gestern.

Adel vernichtet.

Guillaume Graf von Gestern ritt im Morgengrauen über seine Ländereien. Das tat der 95-jährige täglich. Er war verdammt fit für sein Alter, denn er hatte die Kraft der zwei Herzen. Plötzlich donnerte ein wahrer Kugelhagel durch den Frühnebel! Der Adlige wurde von seinem Pferd gerissen und war auf der Stelle tot.

Die Nachricht vom Tode des Grafen breitete sich aus wie ein Lauffeuer. Alle waren erschüttert: Der fromme Mann hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen, war stets freundlich und gerecht zu seinen Untertanen gewesen. Und nun hatte ihn jemand eiskalt ermordet! Fragen warfen sich auf: Was sollte aus dem malerischen Wasserschloss "Gut Glück" werden? Guillaume Graf von Gestern hatte dies mit seinen Töchtern und Angestellten bewohnt und es außerdem als exquisiten Veranstaltungsort seiner Heizdeckenevents genutzt. Immerhin war er mit seiner Heizdeckenfirma "Heizlust" Marktführer und hatte selbstverständlich ein großes Interesse am wärmebedürftigen Publikum. Jedes Wochenende platzte der Parkplatz des Schlösschens förmlich aus allen Nähten, vor lauter Reisebussen, die heizdeckeninteressierte Rentner ankarrten. Guillaumes Produkte waren heißbegehrt.

Der Verstorbene hinterließ zwei unverheiratete Töchter: Gunilla Gräfin von Gestern und Griseldis Gräfin von Gestern. Die beiden Frauen hätten nicht unterschiedlicher sein können: Gunilla zählte bereits 63 Lenze und war eine frustrierte, verlebte Jet Set-Tussi. Sie stammte aus der dritten gräflichen Ehe. Griseldis dagegen war zarte 25 Jährchen jung, anmutig, blond und blind. Sie war das Ergebnis Guillaumes sechster Ehe. Die dazu gehörenden Mütter und andere Exfrauen waren verblichen oder verschwunden, daher zeigten sich die adligen Schwestern gewillt, das hochkarätige Erbe anzutreten. Allerdings hatte der Graf in seinem Testament niedergeschrieben, dass nur die Tochter, die als erste einen Stammhalter gebären würde, "Gut Glück" und das Heizdecken-Imperium erben sollte.

Griseldis, die schöne Jüngere, befand sich zwar gerade erfolgreich als Sängerin im Wettstreit einer Casting-Show, würgte aber auf der Stelle ihren Karrierestart ab, um den Heizdecken-Konzern, an der Seite des attraktiven stellvertretendenden Geschäftsführers Guntram Gertner, im Sinne ihres Papas weiterzuführen, bis die Erbfrage abschließend geklärt sein sollte.

Gunilla, die abgehalfterte Ältere, hatte in ihrem 63-jährigen Erdendasein noch nie einen Finger krumm gemacht, doch stets auf der Überholspur der High-Society und Kosten ihres Vaters gelebt. Mit Heizdecken hatte sie ein echtes Problem: Sie fühlte sich viel zu nah dran an der Zielgruppe. Dennoch war sie bereit, alles zu tun, um das Erbe zu ergattern. Ihr erster Schritt führte sie daher zu einem Zentrum für Reproduktionsmedizin.

Der kauzige Kommissar Krämer hatte derweil die Ermittlungen in dem Falle von Gestern aufgenommen. Dem Fastrentner war noch kein Räuber durch die Lappen gegangen. Dennoch tappte er komplett im Dunklen.

Gunillas Besuch im Reproduktionszentrum endete niederschmetternd: Ihr fortgeschrittenes Alter stellte bei künstlicher Befruchtung kein Problem dar. Dass sie unverheiratet war schon. Ein Retortenbaby versprach man der Adligen nur, wenn sie einen Ehemann mitbrächte. In den USA wäre der nicht von Nöten. Leider hatte die unjunge Gräfin, obwohl sie dem Jet-Set angehörte, schreckliche Flugangst. Sie hatte ihr gesellschaftliches Saus- und Brausleben stets auf das europäische Festland beschränkt, welches mit ihrem Sportwagen zu bezwingen war. Sie beschloss, schnellstens weitere Zentren aufzusuchen. Es wäre doch gelacht, wenn sich kein experimentierfreudiger Mediziner auftreiben ließe! Die Gräfin von Gestern war sogar bereit, sich einen Scheidungs-Embryo, von denen in der heutigen, morallosen Zeit, mehr als genug auf Eis lagen, einpflanzen zu lassen.

Griseldis hatte, obwohl sie von Heiratsanträgen nur so überschüttet wurde, noch keinen Gedanken an einen potentiellen Stammhalter verloren. Von den Fans der Casting-Show, bei der sie kürzlich ausgestiegen war, erhielt sie täglich Wäschekörbe voll Fanpost. Ihr lag jedoch einzig und allein die Firma am Herzen. Mit Guntram Gertner verstand sie sich übrigens blind, was ihrerseits gar nicht anders möglich war.

Kommissar Krämer kam in seinen Ermittlungen überhaupt nicht voran. In wenigen Monaten sollte er in Rente gehen, vielleicht hatte er einfach keinen Biss mehr? Sein Durst nach Feierabend war im Gegensatz dazu umso größer. Jeden Abend traf man ihn in der Dorfschänke. Seine Besuche dort rechtfertigte er mit dem Argument, dass ihm das Gerede der Einheimischen beim Lösen der dorfinternen Fälle helfen täte.

Gunilla Gräfin von Gestern hatte bereits beim Besuch des zweiten Zentrums für Reproduktionsmedizin das verdammte Glück, auf einen Doktor zu stoßen, der ein Faible für Härtefälle und reife Ladies hatte und sich zudem als absolut korrupt und gesetzlos entpuppte. Er zeigte sich bereit, der 63-jährigen den Weg zur verspäteten Mutterschaft zu ebnen. Dafür hatte diese aber einige Auflagen zu erfüllen.

Es trug sich zu, dass Griseldis mit Guntram Gertner gemeinsam zu einem Heizdeckenkongress nach Heinsberg fuhr. Der stellvertretende Geschäftsführer, der ein Auge auf die potentielle Erbin geworfen hatte, wollte diese Geschäftsreise nutzen, um sie im Sturm zu erobern. Griseldis ließ es sich gefallen, obwohl sie zaghaft argwöhnte, dass er möglicherweise nur auf ihr Erbe aus sei.

Sie schob alle Bedenken beiseite und die beiden wurden ein Paar. Dass ihr die Übernahme der Firma nun so gut wie sicher war, spielte für die Adlige eine eher untergeordnete Rolle. Eigentlich fühlte sie sich fürs Kinderkriegen noch zu jung, doch für das väterliche Vermächtnis würde sie sich opfern. Natürlich erst nach der Hochzeit! Die sollte ein rauschendes Fest werden. Das Gesinde von Gut Glück war überglücklich, als es die Nachricht von der gräflichen Vermählung vernahm. Sogar Gunilla zeigte sich hocherfreut. Hatte die ältere Schwester am Ende doch kein Interesse an dem Unternehmen?

Die festlichen Vorbereitungen liefen auf Hochtouren und dann war er endlich da, der schönste Tag im Leben einer Frau: Der Hochzeitstag! Mitten im Wonnemonat Mai - die Sonne schien schon schön warm, die Vögel zwitscherten ihr lustiges Lied - schritt Griseldis in der Kapelle zu Gut Glück zum Altar. Um das schwestern-interne Verhältnis zu stärken, hatte sie Gunilla zur Trauzeugin genommen. Jene erschien zum Fest mit einem blutjungen Herrn, von Beruf Arzt. Als sich die Jungfrauen versammelten, um den Brautstrauß zu fangen, gesellte sich Gunilla verdächtigerweise nicht dazu. Griseldis wunderte sich nicht weiter, ihre Schwester war einfach eine komische Person.

Im Anschluss wurden - wie das bei solchen Festen Brauch ist - rührende Reden geschwungen. Auch Gunilla ließ es sich nicht nehmen, ein paar warme Wünsche an die Brautleute zu richten und schloss mit folgenden Worten: "Und nun habe ich auch noch eine kleine Überraschung in eigener Sache. Ich möchte Euch hiermit meinen Gatten vorstellen: Dr. Vladimir Natalowiszc. Wir haben letzte Woche in ganz kleinem Rahmen geheiratet und ich erwarte ein Kind von ihm. Schön, dass Ihr Euch mit uns freut!" Durch diesen hinterhältigen Auftritt hatte Gunilla ihrer Schwester die Hochzeitsfeier natürlich komplett verdorben. Und sogar gelogen! Die alternde Adlige erwartete nicht nur ein Kind. Nein: In ihr gediehen Zwillinge!

Griseldis konnte die Firma ihres Vaters jedoch nicht so einfach kampflos dieser rücksichtslosen Person nebst windigem Gatten überlassen und daher machte sie sich mit ihrem Angetrauten eifrig an die Kinderproduktion. Dank Eisprung klappte es bereits in der Hochzeitsnacht, leider hatte ihre Schwester Vorsprung.

Ein weiterer Schicksalsschlag ereilte die junge Gräfin: Gatte Guntram stand unter Mordverdacht im Fall Guillaume Graf von Gestern! In Guntrams Junggesellenbude hatte man belastendes Material gefunden. Er stritt alles ab und seine junge Frau glaubte an seine Unschuld. Dummerweise hatte er für die Tatzeit kein Alibi und landete in Untersuchungshaft. Kommissar Krämer hatte bei der Festnahme so etwas wie "Ist doch klar: Der Gertner ist immer der Mörder.", gelallt. Gewagte Theorie!

Griseldis war untröstlich: Schwanger, das Erbe so gut wie zerronnen und der Gatte hinter schwedischen Gardinen. Konnte ihr zartes Wesen so viel Unheil verkraften? Doch sie stand tapfer ihre Frau und führte das Heizdecken-Imperium allein weiter. Die Umsatzzahlen explodierten förmlich unter ihrer Leitung. Sie war für das Unternehmen einfach wie geschaffen. Neu im Programm: Heizwäsche. Ein echter Verkaufsschlager unter verfrorenen Pensionärinnen.

Ganz nebenbei hatte sie wieder ihre musikalische Karriere in der Casting-Show aufgenommen. Nicht zuletzt um auf ihr tragisches Schicksal aufmerksam zu machen und ihrem Ehemann auf freien Fuß zu verhelfen. Während eines Auftritts passierte Dramatisches: Griseldis tanzte ein wenig zu wild, stürzte singenderweise und stolperte eine steile Showtreppe herunter. Werdende Mutter und ungeborenes Leben in Gefahr ... Die Fernsehnation war in heller Aufregung! Der Unfall ging glücklicherweise glimpflich aus für die beiden. Die Junggräfin hatte sogar ausnahmsweise Glück im Unglück. Durch den Vorfall, erhielt sie - es grenzte an ein Wunder - ihr Augenlicht zurück. Griseldis Gräfin von Gestern-Gertner konnte tatsächlich wieder aus den eigenen Augen schauen! Nicht wirklich gut, aber immerhin. Gemeinerweise büßte sie als sehende Sängerin massiv Sympathiewerte ein. Man wählte sie letztendlich sogar ab. Ob das wohl an der dicken Brille lag, die sie nun trug?

Gegen Guntram verhärtete sich der Mordverdacht. In einem Blumenkasten seiner alten Wohnung wurde die Tatwaffe sichergestellt. Guntram legte noch am gleichen Tag ein umfassendes Geständnis ab. Er hatte tatsächlich Guillaume Graf von Gestern kaltblütig ermordet, seine blinde Tochter vorsätzlich umgarnt und diese nur geheiratet um sich das Heizdecken-Imperium unter den Nagel zu reißen. Er war Guillaumes Toyboy - der Graf hatte auf seine alten Tage endlich, wenn auch nur heimlich, seine Homosexualität ausgelebt - und einziger Vertrauter gewesen und daher in die Details des Testamentes eingeweiht. Was für ein Halunke!

Griseldis reichte auf der Stelle die Scheidung ein. Dummerweise gefiel ihr Guntram, seit sie gucken konnte, noch besser als vorher. Der Lover und Mörder ihres Papas war eine echte Sahne-Schnitte, aber eben auch schwuler Schwerverbrecher. Schade, schade. Der Bauch unter ihrem adligen Herzen wurde immer runder. Zu allem Überfluss wuchs darin ein Mädchen. Kein Stammhalter!

Gunilla stand bereits kurz vor der Niederkunft. Die Regenbogen-Presse quoll über vor Stories ihrer angehenden veralteten Mutterschaft. Griseldis? freudloses Privatleben wurde in dem Zusammenhang leider ebenso beleuchtet. Guntram wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er war selbstverständlich voll schuldfähig, zeigte keine Spur von Reue. Wie hatte sich Griseldis in diesem, ihrem Ex-Manne nur so täuschen können?

Kurz darauf erblickten die Zwillinge von Gunilla und Vladimir das Licht der Welt. Man gab ihnen die flotten Namen Hanno und Manni. Griseldis erlitt einen wohlverdienten Nervenzusammenbruch und wurde ins Krankenhaus eingeliefert, das sie bis zur Entbindung nicht mehr verlassen durfte. Durch das Fernsehen erfuhr sie, dass Dr. Vladimir Natalowiszc die neugeborenen Zwillinge ihrer Schwester aus der Klinik entführt hatte. Von Vater und Kindern fehlte jede Spur. Unter Tränen gestand Gunilla, dass es sich bei den Babies um Klone Vladimirs handelt. Die Welt zeigte sich schockiert! Griseldis verspürte sowohl eine gewisse Genugtuung als auch mittelmäßiges Mitleid mit ihrer schrecklichen Schwester. Eines hatten die Gräfinnen von Gestern wohl gemeinsam: Kein gutes Händchen bei der Herrenwahl.

Eines frühen Morgens verspürte Griseldis unerträgliche Schmerzen im Unterleib: die Wehen setzten ein. Die Kontraktionen der Gebärmutter wurden immer heftiger, die Abstände kürzer. Leider wurde die Klinik gerade renoviert. Neben dem Kreißsal ratterten Presslufthammer. Was für eine Zumutung! Die Schmerzen, der Krach, die Rinder, der Wahn. Die gebärende Gräfin schrie und wälzte sich auf dem Entbindungsbett hin und her ... Bäumt sich auf, bis sie schließlich von der Liege plumpste.



Da wachte sie neben ihrem Himmelbett auf Gut Glück auf. Die Serbische Bohnensuppe war ihr gestern scheinbar nicht bekommen. Und? Hatte sie da gerade etwa Schüsse gehört?

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17 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "Mit Guntram Gertner verstand sie sich übrigens blind, was ihrerseits gar nicht anders möglich war."
    ..du bist böse!^^

    "Dank Eisprung klappte es bereits in der Hochzeitsnacht, leider hatte ihre Schwester Vorsprung."

    Du wirst oberste Cheftexterin in meiner nächsten Firma.
    Definitiv.

    13.06.2011, 12:16 von der_mueller
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  • 0

    Mein Grinsen wurde von Absatz zu Absatz breiter. Wegen der Länge des Textes ist es jetzt breiter als mein Gesicht ;-)

    Super geschrieben, mit dem typischen B.tina-Humor. Ich liebe es!

    20.05.2011, 16:57 von Songline
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    Toll gemacht! Ich hab noch nie soviel abgefuckte Vornamen mit G gesehen.

    19.05.2011, 10:41 von Pametnjakovic
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  • 0

    Also, ich find den Text klasse :-)
    Und die Wortspiele gefallen mir auch seeeeeeeehr gut!

    18.05.2011, 15:23 von Wilma_W
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  • 0

    ... und ich denke an Muff Potter.

    18.05.2011, 14:35 von ahoicutter
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  • 0

    Habe mich bestens unterhalten gefühlt!

    18.05.2011, 13:44 von Bender018
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  • 0

    Wunderbarer Edgar Wallace-Stil :-)
    Nur witziger!

    komm Du mir nochmal, ich wäre Fantasieverliebt!

    18.05.2011, 13:39 von Kokomiko
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  • 0

    Ich will ja nicht nerven aber:
    Geschäftsführers Guntram Gertner, in Sinne ihres Papas weiterzuführen

    chrrrm.... ähm... es heißt:

    ....im Sinne ihres Papas...

    18.05.2011, 11:49 von Stefania2703
    • 0

      @Stefania2703 Ansonsten gefällt der Text sehr.

      18.05.2011, 11:58 von Stefania2703
    • 0

      @Stefania2703 Danke fürs Lektorieren. Ich kann Dir meine Texte demnächst gerne vorm Veröffentlichen schicken ...

      Ich werde den Fehler beheben.

      18.05.2011, 15:13 von B.tina
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  • 0

    super. gefällt mir ausnahmslos sehr gut.

    18.05.2011, 10:51 von kiga
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  • 0

    haha .. da wohnt humor drin ;))

    18.05.2011, 10:12 von ilofi
    • 0

      @ilofi endlich, endlich mal ein märchen, dass auch ich lesen mag! dafür gibt es hundert punkte.

      18.05.2011, 10:35 von lavish
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