Sofie_Amundsen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 28 15

Schreibtischgespenster

Schwere Stiefel auf Asphalt. Die Antifa marschiert. Nazis raus! In geschlossener Reihe gegen den Faschismus, gegen den Rassismus.

Gegen den Militarismus, in Bundeswehrparka und Palästinensertuch. Oder als Parodie des Feindes, mit bunten Stachelkämmen auf den Glatzen und Nieten und Flicken auf den Bomberjacken. Linke und Pseudo-Anarchisten machen Front gegen die braune Gefahr. Von den eigentlich Bedrohten fehlt jedoch jede Spur, keine dunklen Gesichter, keine Frauen mit Kopftuch ziehen vorüber. Fast könnte man meinen, das Ganze sei nichts als ein Bandenkrieg, dessen Akteure sich nur durch die Frisur und die Farbe ihrer Schnürsenkel voneinander unterscheiden. Als kämpften sie nicht für ein Ziel, sondern für die Gruppenzugehörigkeit. Eine fieberhafte Identitätssuche, deren Projektionsfläche austauschbar ist.

Wir, wir lassen uns natürlich nicht in den Sog der Massenbewegungen hinabziehen. Stattdessen betrachten wir das ganze mit kritischer Reflexion, stellen fest, dass die Linken genauso dogmatisch sind wie die Rechten und somit quasi-faschistoid, seufzen kurz auf, schütteln den Kopf über die Blindheit des Proletariats und lehnen uns dann mit dem Feuilleton der „Zeit“ im Sessel zurück.

So stehe ich im dritten Stock hinter der Gardine und beobachte die unten Marschierenden mit einem kühlen, überheblichen Lächeln, und der einzige Finger, den ich rühre, ist mein erhobener Zeigefinger, der auf ihre Schwachstellen zielt. „Natürlich meinen sie es gut. Aber sie gehen die Sache leider völlig falsch an“, spricht die Vernunft. „Und du, du tust gar nichts“, grummelt mein Bauch dagegen an.

Wir, wir haben nie etwas getan, außer in verrauchten Jazzkellern gesessen, Cocktails geschlürft, über Globalisierung und Massenarbeitslosigkeit diskutiert und uns hinterher gut gefühlt, weil man sich ja wenigstens Gedanken macht. Als wir letzten Freitag in betrunkener Glückseligkeit nach Hause gewankt sind, hast du plötzlich zu mir gesagt, dass dir das wie ein Stein im Magen liege, dieses ganze sozialistische Getue, und schließlich lande man nach dem Studium doch in der Wirtschaft und die mit dem Hauptschulabschluss auf der Straße.

„Vielleicht auch nicht. Das kommt darauf an, wie lange es noch dauert, bis alles kollabiert.“ „Glaubst du das wirklich noch? Guck dir die Leute doch mal an! Die meisten beißen die Zähne zusammen und ziehen den Kopf ein. Die wollen gar nichts mehr verändern, verstehst du?“ „Und du, was würdest du machen?“ „Ich weiß nicht. Ich will einfach nur nicht mehr mein Gewissen damit beruhigen, mir zu sagen: „Wenn ich könnte, wäre ich Robin Hood.“

Die Revolution braucht Helden. Wir aber sind Schreibtischgespenster. Vielleicht ist das unser Fluch, dass wir mit diesem Schuldbewusstsein leben müssen. Erst habe ich gar nichts gesagt. Dann sagte ich: „Ach Scheiße.“ Sonst nichts. Es gab nichts zu sagen. Du hast deine Hände in den Jackentaschen vergraben und bist mit gekrümmtem Nacken weitergestapft. Zum ersten Mal seit ich denken kann, empfand ich das Dröhnen unserer Schritte auf den Metallstufen und ihren Widerhall in der Fußgängerunterführung als angenehm. Sie schluckten das Schweigen, welches nicht einmal mehr nach Unstimmigkeit klang, sondern eine absolute Geräuschlosigkeit darstellte. Game over.

Mitten in dem nach Pisse stinkenden und an den Wänden über und über mit Graffiti und Schmierereien bedeckten Tunnel bist du plötzlich einen halben Schritt zurückgeblieben, hast an meinem Ärmel gezupft und mit dem Kinn nach rechts gedeutet, auf ein überdimensionales Anarchiezeichen inmitten eines Schriftzugs, der das Wort „Chaos“ ergab. Vermutlich ein Werk rebellischer Teenager, genau so viel oder wenig wert wie die Liebeserklärungen und Schimpfwörter, die es umzingeln.

„Lächerlich, nicht wahr?“ „Ja. Kinderkacke. Gegen wen richten die sich schon? Ihre Eltern? Die Schule?“ Dein sarkastisches Lächeln rann wie eine bittere Flüssigkeit die Kehle hinunter und sammelte sich in meiner Magengrube. Seit diesem Moment weiß ich, wie es funktioniert. Man begreift die Vergeblichkeit des Widerspruchs, würgt diesen hinunter und lebt weiter. „Ein Krebsgeschwür“, wird es dann später heißen, wenn man mit Ende Vierzig plötzlich am Ende ist. Bis dahin können wir in aller Ruhe unser sauer verdientes Geld in die Weinhandlungen, Theater und Zeitungsverlage dieser Welt tragen, die Grünen wählen und ab und zu besorgt den Kopf über die marktliberale Regierungspolitik und den Sozialabbau schütteln.

Vielleicht erwischt es uns eines Tages selbst. Es ist gut möglich, dass uns bald niemand mehr haben will, die Geisteswissenschaftler und Kulturpädagogen, die schöngeistigen Träumer in ihren Elfenbeintürmen fernab der harten Realität von Produktion und Finanzwirtschaft. In der Welt des Spätkapitalismus gibt für uns keinen Platz mehr. Die Solidarisierung mit der „neuen Unterschicht“ wirkt verfehlt, lachhaft - verlogenes Gutmenschentum, das verschleiern soll, dass wir auf der Seite der Privilegierten stehen, und somit auf der Seite der Täter. Unser Selbstwertgefühl baut auf Selbstbetrug auf, auf der Verweigerung, uns aktiv schuldig zu machen, selbst Manager und Controller zu werden, Löhne zu kürzen und Angestellte zu entlassen. Dabei wäre das das Einzige, was wir für das Proletariat tun könnten, wenn wir davon ausgehen würden, dass es früher oder später notwendigerweise zu einer Revolution von unten kommen müsse.

Wir könnten die Wendeltreppen hinuntersteigen und den Verfall beschleunigen, das Elend des Volkes verschlimmern, solange, bis es sich wehrt. Wir könnten das Zepter aber auch kampflos abgeben, indem wir uns von den Zinnen stürzen. Du hast Recht. Wird sind nicht Robin Hood. Wir sind die Bösen, ob es uns nun passt oder nicht. „Warte mal.“ Du wolltest gerade weitergehen, wolltest es hinter dir lassen, das Zeichen der jugendlichen Aufmüpfigkeit gegen das Absurde, als ich begann, in meiner Tasche zu kramen, in meiner studentischen braunen Lederaktentasche. Bereit für den erneuten Selbstbetrug, den erneuten Versuch, etwas zu sein, das wir nicht sein können, weil es zu sehr Punkrock, zu sehr Vandalismus ist für unsere ethische Vernunft, habe ich einen Edding zutage gefördert und male in großen, schwarzen Buchstaben an die vollgeschmierte Wand:

WIR SIND DIE BOURGEOISIE.
WIR SIND GLÜCKLICH.
WIR SIND ZUM TODE VERURTEILT

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28 Antworten

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    Interessante Diskussion.

    Einem Aspekt will ich aber widersprechen, der in der Diskussion aufkam: Linke und Rechte gleichen sich NICHT nur im Extrem-Sein.
    (was übrigens nicht mal eine wesentliche Gemeinsamkeit ist: es gibt auch extreme Ökos, Religiöse, Staatsfanatiker und Liberalisten...)

    Sie ähneln sich in (das bezieht sich nur auf die im Text beschriebenen Antifa-Truppen):
    - ihrer Gewaltbereitschaft
    - ihrer Frontenbildung
    - ihrer Dialog-Nichtbereitschaft und Demokratiefeindlichkeit

    Sie ähneln sich (verbreitetes Linkes Denken in heutiger Zeit):
    - Vertrauen in nationale Zusammenhänge und Protektion von Wirtschaftsräumen
    - Vertrauen in einen mächtigen Staat, der ihre Ziele (die sich natürlich nicht vollkommen gleichen, besonders nicht in der Frage von Kultur, Lebensstil und Einwander- und Sozialpolitik)
    - Ablehnung und Ausblendung von Globalisierungsaspekten
    - pauschale Ablehnung herrschender Ordnung (aus verschiedenen Gründen)

    Vieles Kritische am Text wurde schon angesprochen und von Sofie_Amundsen in vorbildlicher Weise gewürdigt. DAS ist wirklich etwas Besonderes hier.

    Zwei Aspekte noch:

    Die Ausgegrenzten heutzutage sind nicht das Proletariat, was es in der Form kaum noch gibt, sondern Arbeitslose, Nichtausgebildete, Nicht-Integrierte und marginalisierte Milieus, in denen sich diese drei Dinge noch manifestieren.

    Es ist gut, daß es die Antifa gibt, die den Finger in die Wunden legt und die gemäßigten Schichten herausfordert.

    Ansonsten gilt vieles von dem, was kreaives_chaos angebracht hat: Es gibt durchaus Handlungsräume, in denen es möglich ist, das eigene Menschenbild und Demokratieverständnis zu zeigen und auszuleben.
    Ein positives Beispiel spielte sich am letzten Wochenende in Frankfurt/Oder ab, wo eine NPD-Demo von Bürgern gewaltfrei ausgepfiffen worden ist und nicht allein bzw. mit jeweils linken Gegendemonstranten die Schlagzeilen die Schlagzeilen beherrschte. (Stichwort: Meile der Demokratie, Frankfurt/Oder)

    30.01.2007, 16:29 von LudwigMartin
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    @Sofie
    Wunderbarer Text.
    Ich wiederhole vielleicht den einen oder anderen aber während ich gelesen habe hat es mir die Sprache, und den Kommentar, welchen ich nach dem Einleitungssatz schreiben wollte verschlagen.

    Einen Kommentar muss ich dann doch noch loswerden.
    Den unreflektierten Blick auf DIE Antifa.
    Erstmal, es gibt nicht DIE Antifa. Es gibt verschiedene Aktionen, die sich unter einem Symbol vereinigen. Dieses Symbol zeigt eine Ablehnung des Faschismuses.
    Erst einmal nichts anderes. Innerhalb "der" Antifa differenziert es dann. In Anarchisten und Kommunisten und Sozialisten und eben auch in Demokraten.
    Es gibt Schläger innerhalb der Antifa, es gibt Leute in der Antifa die noch nicht mal an Demos teilnehmen, Bitte hört auf alle Antifas über einen Kamm zu kehren, in eine Richtung von mir aus- diese darf aber erstmal nur links heißen.

    26.01.2007, 16:07 von Tschilli
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      @Tschilli schön, dass du einen differenzierteren blickwinkel auf die antifa gibst.
      das braucht die welt. und keine klischees. eigentlich war der text als provokation gedacht, ich hätte mir gewünscht, dass noch mehr leute mir widersprechen (nicht nur in bezug auf die antifa, sondern auch in bezug auf das bildungsbürgertum).

      aber mich würde wirklich mal interessieren, wie in der antifa die zusammenarbeit mit ausländern ist. kannst du mir darüber mal ein bisschen was erzählen?

      "gegen faschismus" beinhaltet - unter anderem - schließlich auch "gegen rassismus", oder etwa nicht?

      29.01.2007, 23:08 von Sofie_Amundsen
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      @Sofie_Amundsen also.
      in bezug aufausländern gibts einmal halt die antirassistische arbeit, diese beinhaltet die unterstützung von abschiebungsbedrohten immigranten in deutschland. zu diesem werden oft solidemos, oder auch partys organisiert z.b. um einen rechtsanwalt für den immigranten bezahlen zu können. rechtsbeistand wird aber zur not auch von der roten hilfe organisiert, diese ist eine organisation, welche sich als ströumgsübergreifende gruppe verteht, und so jedem aus der linken hilfe gegen repression etc. gewährt.

      gegen faschismus wird in vielen antifa gruppen wirklich nicht auf das reine bekämpfen von faschismus bezogen, oft steht dahinter noch die antira arbeit wie oben beschrieben, antisexismus, antispeziesmus, also die tierrechtsbewegung und auch antikapitalismus.

      ich versuche aber auch gerade einen artikel zu schreiben, welcher auf alle diese punkte nochmal genauer eingehen wird :)

      grüße Tschilli

      01.02.2007, 14:31 von Tschilli
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    tja, solange unsere gesellschaft keine ernsthaft
    kommerzkritischen und aktiven subkulturen hervorbringt bleib ich autonom...
    also unterm strich "antifa", auch wenn ich nicht besonders glücklich damit bin

    22.01.2007, 21:02 von kleinstadtguerilla
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    @Sofie:
    "Man begreift die Vergeblichkeit des Widerspruchs, würgt diesen hinunter und lebt weiter. 'Ein Krebsgeschwür', wird es dann später heißen, wenn man mit Ende Vierzig plötzlich am Ende ist. Bis dahin können wir in aller Ruhe unser sauer verdientes Geld in die Weinhandlungen, Theater und Zeitungsverlage dieser Welt tragen, die Grünen wählen und ab und zu besorgt den Kopf über die marktliberale Regierungspolitik und den Sozialabbau schütteln."

    Ganz einfaches Gegenrezept: BILD lesen, BIER trinken, FERNSEHEN schauen, Sonnenstudiotussen/Boygroupboys flachlegen. Und GRÜN wählen - für's Gewissen. Sich einfach mal so richtig SUHLEN.

    "WIR SIND DIE BOURGEOISIE.
    WIR SIND GLÜCKLICH.
    WIR SIND ZUM TODE VERURTEILT"

    Treffender:

    WIR SIND DAS DIENSTLEISTUNGSPROLETARIAT
    WIR SIND UNGLÜCKLICH, da der "straighte" Weg nach oben als uncool gilt, uns aber eigentlich keine andere Möglichkeit bleibt, um die materiellen Süchte zu befriedigen.
    WIR SOLLTEN MEHR KINDER KRIEGEN (sagt die olle Leyen)

    VG J. Hartz

    22.01.2007, 13:47 von bemmenbuechse
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    ein sehr gut geschriebener text. Ich war früher auf vielen solchen demos und fande es teilweise erschreckend, dass es teilweise leute gab die das als freizeitbeschäftigung sahen und nicht einmal wussten wofür protestiert wurde, auch finde ich linksextremismus nicht sehr viel weiger schlimm als rechtsextremismus. Und es ist schade, dass die bedeutung des palituchs sich verliert und als zeichen des linken durchgesetzt hat. Ebenso kann ich auch nur lachen, wenn ich anarchistische zeichen sehe und gruppen von jugendlichen, die mit vandalismus auf rebellisch tun, obwohl sie wissen damit nichts bezwecken zu können.

    21.01.2007, 18:04 von Existenz
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      @[Benutzer gelöscht] danke, hätte es mit neon politik fast aufgegeben...
      antifa sind längst nicht alle wohlstandskinder, besonders die militanteren nicht. auch pali-tücher
      sind in vielen degenerierten antifa-lifestyle-cliquen
      nicht mehr angesagt. die sind ja gegen die juden (=israelis) und die nazis warn auch gegen die juden, also sind wir gegen die palestinenser. kein kommentar.

      22.01.2007, 20:59 von kleinstadtguerilla
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    Rechts und Links ähneln sich nur bei einem einzigen Aspekt: Sie können extrem sein. (Meinung)

    Die geschichtlichen Aspekte einer Revolution und deren "Anstiftern" wurden schon genannt, kann ich nur zustimmen: Es war zu großer Wahrscheinlichkeit ein Mensch, der zuvor diskutierend nach Alternativen gesucht hat und diese danach umsetzen wollte. Unter anderem (!) ist jedoch die Lethargie mancher Angehörigen der "gebildeten Schicht" ausschlaggebend für die Verlagerung der Bewegung nach "unten".

    20.01.2007, 22:24 von bibliophile
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    Ich als junger Pseudo Anarchist und Pseudo Kommunist muss auch sagen dass es unheimlich Spaß macht betrunken linke Parolen durch die Luft zu werfen, oda jemandem ein "KapitalistenSchwein" oda "Deutscher!!" an den Kopf zu werfen^^ und, wenn solche AOK-Bewerbungstrainingsmenschen in der Klasse fragen: "Es gibt doch hier auch Eltern, die was höheres machn als die normalen...nunja...arbeiter, so professoren, die auch ma über weltgewandte themen diskutieren" ja also, da machts auch spaß mal ein ironisches "jaa...es gibt doch bestimmt hier eltern die besser sind als das scheißproletariat!" reinzurufen^^
    naja soviel dazu un ich denk, wenn schon meinungsloses parolenschreien, dann lieber linke parolen :P
    inna jugend gehört son scheiß einfach dazu ...

    20.01.2007, 20:30 von DerVerdammtePoet
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      @Ragman Antonio Negri, Michael Hardt: The Empire, solltest du mal lesen. Ich denke es wird dir gefallen... und ansonsten so ziemlich jede Kritik die die letzten Jahre Über das "Ende der Geschichte" von Fukuyama erschienen ist.
      Kurz gefasst Teil der Ideologie ist zu behaupten, es gäbe keine Ideologie mehr. Neo-liberalismus und Demokratie und die Welt hat alles erreicht wass es zu erreichen gibt. Macht die Augen auf Leute, es ist noch viel zu tun und man sollte nicht in unseren Generationsfehler der Ohnmacht, Depression, Beklagerei und Endzeitstimmung fallen.

      20.01.2007, 16:38 von Waldesmann
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