Borussia 19.04.2007, 15:37 Uhr 0 0

Schöne neue Welt

oder schöne alte Welt?

Ich habe Bekannte, deren ICQ-Freundesliste ist bestimmt einen halben Meter lang. Anzahl der „Freunde“ in irgendwelchen Foren: gerne zweistellig. Ihre Mailbriefkästen quillen über, und sowie sie online gehen, werden sie permanent angechattet, und selbstverständlich haben sie alle Profile bei Myspace und haste nicht gesehen wo sonst noch. Jetzt auch noch Second Life. Ich fühle mich allmählich schwer hintendran und abhängt, mehr als einen Artikel in der Zeit über Second Life zu lesen habe ich nämlich bisher noch nicht geschafft. Dabei soll es doch so wahnsinnig großartig sein: man erschafft für sich einfach eine neue Identität und das virtuelle Ich ist dann genau so, wie man sich selbst immer haben wollte – fehlerfrei und einfach toll! Und natürlich findet man auch bei Second Life Freunde en masse.

Offensichtlich ist da etwas komplett an mir vorbei gelaufen. Mir fehlt der Draht zur virtuellen Realität – und auch schlicht die Zeit. Die wird mir „gestohlen“ von meinem ausufernden Freundeskreis: Hier ein Geburtstag, da jemand mit Liebeskummer, dort ein gemeinsames Kochen und Plauschen – da geht der eine oder auch der andere Abend über den Jordan. Wie soll ich auf die Art einen virtuellen Freundeskreis aufbauen? Dabei ist das doch viel schöner und problemloser, wie ich mir neulich darlegen ließ. Virtuelle Freunde machen keinen Ärger. Wenn sie rumstänkern, sich sonstwie nicht erwartungskonform verhalten oder lästig werden – ein Klick, und die Sache hat sich erledigt. Kurzerhand den Stänkerer auf die Ignorierliste gesetzt, und man hat wieder seine Ruhe. Außerdem lässt sich die Kontaktpflege viel einfacher nebenher erledigen. Ein paar flappsige Bemerkungen über Messenger hin und her geschickt, schon hat man das Gefühl, seine Freundschaften gepflegt zu haben – ohne dass gleich der ganze Abend beim Teufel ist und man am Ende noch Aufwand betreiben musste wie Essen einkaufen, Geschenk besorgen usw.

Seit kurzem allerdings fühle ich mich in meiner alten Welt wieder sehr gut aufgehoben. Ich musste nämlich ins Krankenhaus, nichts Dramatisches, aber dann halt noch eine Woche zu Hause rumhängen, einigermaßen bewegungsunfähig. In der Zeit meinen Alltag wuppen? Kein Problem. Ich hatte Mühe, die ganzen Krankenbesuche einzutakten und alle, die mir ihre Hilfe angetragen hatten. Meine realen Freunde wollten für mich einkaufen, kochen, mich zum Arzt fahren und überhaupt für mich da sein.

Solche Freunde gibt es eher nicht bei Second Life, auch nicht für das ganze virtuelle Geld, das da schon in Umlauf sein soll. Ich denke, ich verzichte auch künftig auf eine zweite Identität im Netz und verbringe meinen nächsten freien Abend lieber mit einer rotweingeschwängerten liebeskummerkranken Freundin.

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