Schafe
Schön gesagt, wirklich schön gesagt.
Wir befinden uns in einer Bar. Eine angeheiterte Gruppe von zehn Personen erfreut sich an ihrer eigenen Herrlichkeit, was jedoch in der Fülle des Betriebs weitestgehend untergeht. Der Kellner tritt auf.
KELLNER: Guten Tag, was darf ich Ihnen bringen?
DER ERSTE: Einen white russian, bitte.
DIE ZWEITE: Chardonnay, halbtrocken.
DER DRITTE: Long Island.
DER VIERTE: Bier!
KELLNER: Was für Bier, werter Herr?
DER VIERTE: Bier!
DER SECHSTE: Ich auch!
DER SIEBENTE: Ich auch!
DIE ACHTE: Hm, ich weiß nicht…was nehmt ihr denn?
DER ERSTE: Ich glaube, ich nehme doch ein Bier.
Der Kellner krakelt etwas auf seinem Notizblock.
DER ZWEITE: Dann nehme ich auch Bier!
DER DRITTE: Long Island und Bier!
Der Kellner krakelt noch etwas mehr und versucht dabei, das professionelle Lächeln zu erhalten.
DIE ACHTE: Ich war ja ohnehin unentschlossen. Ein kleines Bier, bitte.
Die Neunte- Hornbrille, weiße Bluse, dazu jedoch eine Jeansjacke (aus der Jackentasche ragt demonstrativ „der Fänger im Roggen“)- und der Zehnte- ebenfalls Brillenträger, asymmetrisch geschnittenes Haar, Norwegerpullover- mustern die anderen und eröffnen den intellektuellen Diskurs. Dieser verläuft nicht besonders authentisch, da reichlich viel Intellektualität durch das leichte Lallen beider eingebüßt wird.
DIE NEUNTE: Fürchterlich, die Entscheidungslosigkeit dieser Generation. (seufzt)
DER ZEHNTE: seufzt ebenfalls ja. Wir sind alle Schafe im geistlosen Geist des Zeitgeistes.
Der Rest sieht verwirrt aus.
DIE NEUNTE: Sehr schön gesagt, sehr schön gesagt! Aber eigentlich liegt es ja nur an der Überforderung, die die Gesellschaft mit sich bringt.
DER ZEHNTE: Es traut sich einfach Niemand mehr Entscheidungen zu treffen.
DIE NEUNTE: Ja! Es fehlt uns an Mut zur Entscheidung! Allen Schafen fehlt es an Mut zur Entscheidung!
DERZEHNTE: Es bräuchte mal wieder Einen, der einfach etwas macht.
DER KELLNER: Dürfte ich bitte die Bestellung aufnehmen?
Neun und zehn stieren eine Weile auf die Karte. Anschließend stieren sie auf sich. Dann auf die anderen.
NEUN UND ZEHN: Ich glaube, ich brauch noch fünf Minuten.
Tags: Theaterstück, Parodie






Kommentare
Wir sind alle Schafe im geistlosen Geist des Zeitgeistes.
28.06.2012, 16:18 von Die.sass.daSo ist das also. Aha!