jule.th 30.06.2017, 12:13 Uhr 19 3

same-sex marriage: JA

Als kleines Mädchen wollte ich immer meine beste Freundin heiraten, das geht jetzt.

Als kleines Mädchen wollte ich immer meine beste Freundin heiraten, das geht jetzt. Ich muss schmunzeln und zwei oder drei Freudentränen kullern meine Wangen hinab.

Es ist Freitag, der 30. Juni 2017 09:11 Uhr MESZ, als der deutsche Bundestag die Ehe für alle beschließt. Ganz ruhig, etwas sprachlos aber überglücklich, lese ich die Meldung auf Spiegel-Online immer und immer wieder. Das Erste, das mir in den Sinn kommt ist meine Frau, die nun wirklich meine Frau werden kann.

Ich wuchs zur Wendezeit in einem kleinen Dorf in einem der neuen Bundesländer auf. Meine Mutter, eine katholisch-konservativ erzogene Frau mit riesengroßem Herz, die in der ehemaligen DDR meinen Vater beim Studium kennenlernte. Sie erbten schließlich ein Haus, fingen an es auszubauen und mittendrin: ich. Ich war nie so eine Kleidträgerin, geschweige denn Puppenwagenumherfahrerin. Ich hatte kurze Haare und half Papa lieber auf der Baustelle - mit meinem Plastikwerkzeug. Ich spielte gern Fußball und kletterte gern auf Bäume um Baumhäuser zu bauen, ich fuhr Seifenkiste und spielte mit Matchboxautos. Alles völlig normal, würde manch einer sagen, doch ich lernte, dass die Welt um mich herum gern in Schubladen steckt. Sie kategorisiert und weist Dingen richtig und falsch oder natürlich und unnatürlich zu, weil die Gesellschaft es so vorgibt.

Ich zog weg, fing an zu studieren. Ich war und ich bin immer noch nicht das Paradebeispiel für den Stereotypen Frau. Mein Auftreten würde ich als androgyn bezeichnen. Schließlich erfolgte mein Outing vor meinen Eltern unfreiwillig. Meine Mutter reagierte zunächst klischeeerfüllend mit "Was habe ich nur falsch gemacht?", "Das ist nicht natürlich" und so weiter. Doch ich konnte mich nun scheinbar frei entfallen. Fern ab von Menschen, die meine Eltern kannten, oder mich, oder sonst wen. Ich durchlebte eine zweite Teenie-Phase. Ich datete Frauen und konnte nun nachvollziehen, was Schmetterlinge im Bauch sind und was richtiger Liebeskummer ist. Meine Eltern verfolgten meine Entwicklung und hörten auf, das Thema totzuschweigen. Ja, es wurde normal. Ich wurde letztlich zu einer emanzipierten Frau, in der das kleine Mädchen schlummerte, das auch immer heiraten wollte.

Gleichauf durfte ich erleben, wie es sich anfühlt als eine gesellschaftliche Minderheit behandelt zu werden - diskriminiert zu werden. Wie man auf der Straße angestarrt wird und sogar manchmal beschimpft wird. Ich kenne das Gefühl "anders" zu sein, obwohl sexuelle Orientierung gleichzusetzen ist mit Musikgeschmack. Ich kenne die nervtötenden Fragen, ob einer von beiden der Mann in der Beziehung sei oder ob man das therapieren könne. Unsere Gesellschaft ist wie ein Schuhschrank voller Schubladen und in einer von ihnen sind die bunten High Heels, die die glitzern und voll im Trend sind, aber nicht für den Alltag zu gebrauchen - das sind dann wohl wir. Es ist schlicht verletzend dafür verschmäht zu werden, dass man jemanden liebt, der das gleiche Geschlecht hat.

Für alle, die nun lauthals das nachplappern, was idiotische und ideologische Politiker*innen faseln, möchte ich fragen: genießt ihr eines oder mehrerer dieser Privilegien: weiß, heterosexuell und eventuell männlich? Ich zitiere an dieser Stelle Politiker*innen, die gegen die Öffnung der Ehe plädieren.

Martin Patzelt (CDU, weiß, heterosexuell, männlich): "Die Ehe ist von alters her eine selbstbestimmte, von der Kirche bestätigte Verbindung zwischen Mann und Frau. Unverzichtbare Voraussetzung für ihre Wirksamkeit war und ist der Wille zu leiblichen Kindern." Wenn ich mich recht entsinne, wird bei der Vermählung vor dem Ja-Wort nicht die Kontrollfrage gestellt, ob man auch wirklich Kinder haben möchte um das Bündnis gültig zu machen. Kann auch sein, dass ich mich irre und die Frage nun Teil der offiziellen Zeremonie ist.

Peter Ramsauer (CSU, Ehem. Verkehrsminister, weiß, heterosexuell, männlich): "Deutschland hat ganz andere Probleme. Aber die CDU-Führung soll sich davor hüten, auch noch die letzten konservativen Werte zu zerstören." Das klingt, als hätte da jemand Angst vor dem Verlust der konservativen Werte seiner Partei. Deutschland hat auch andere Probleme, ja, zum Beispiel, dass Leute wie Herr Ramsauer die Diskriminierung von Minderheiten nicht als Problem sehen.

Michael Kretschmer (CDU, weiß, heterosexuell, männlich): "Wir haben bereits eine hohe Toleranz und Akzeptanz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in diesem Land. Daher sehe ich keinen Bedarf für eine Veränderung."  Legitim so etwas zu sagen, wenn man zu Hause vor dem Fernseher hockt und es keiner hört. Es ist besteht dringender Bedarf, aus dem einfach Grund: gleichgeschlechtliche Paare möchten genauso behandelt werden, wie heterosexuelle Paare und da beginnt Gleichberechtigung beim Titel der Partnerschaft.

Barbara Woltmann (CDU, weiß, heterosexuell, weiblich): "Der Artikel 6, Absatz 1 des Grundgesetzes schützt die Ehe und Familie. Mit dem Begriff Ehe ist die auf Dauer angelegte, auf freiem Entschluss und Gleichberechtigung beruhende und förmlich geschlossene Lebenspartnerschaft zwischen Frau und Mann gemeint." Das Einzige, was an dieser Aussage stimmt ist der erste Satz. Denn, dass mit Familie Mann und Frau gemeint ist, steht da nicht.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich erkenne da ein Muster. Privilegierte Politiker*innen äußern sich zu einem heiklen Thema und antworten emotional. Sie haben da so ein "Bauchgefühl". Kommt das jemandem bekannt vor?

Es wird noch einige Tiraden zu diesem Thema geben, aber es ist beruhigend zu wissen, dass das Bauchgefühl von weißen, heterosexuellen Politiker*innen nicht darüber entscheidet, ob ich meiner Frau irgendwann einen Ring an den Finger stecken und vor dem Gesetz mit ihr verheiratet sein darf. Was Frau Merkel angeht. Seien wir doch mal ehrlich: in ihrer Partei wäre eine Befürwortung politischer Selbstmord gewesen. Ich finde, sie hat clever agiert. Man sollte ihr einräumen, dass sie als Kanzlerin den Weg geebnet hat und persönlich abgestimmt hat. Also lieber Mark Forster, es heißt richtig: Bauch sagt zu Kopf nein, doch Kopf sagt zu Bauch ja.

In diesem Sinne.

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19 Antworten

Kommentare

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  • 3

    warum eigentlich "ehe"?

    04.07.2017, 11:33 von ga
    • 0

      Es gibt keine Erklärung für Ost und West.

      05.07.2017, 09:11 von sailor
    • 1

      vielleicht kommt's von "ehedem" ...


      ich finde es lustig, wenn rückschrittliches denken als fortschrittlich gilt.


      05.07.2017, 17:09 von ga
    • 0

      Damit kann man im Geltungsbereich des Grundgesetzes seit ehedem gut Wahlen gewinnen...

      06.07.2017, 10:19 von sailor
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  • 1

    "weiß, heterosexuell, weiblich"

    Ich würde auch noch "alt" mit anfügen, dann hast Du die Schublade die den Amis (und uns) Trump eingeracht hat voll bedient...

    Frag mal zur Differenzierung einen Jamaikaner, oder auch einen Moslem, wie er/sie das findet, oder auch gerne einen orthodoxen Juden...aber ach nee, lieber nicht, passt ja dann nicht in Dein selbstkonstruiertes Feindbild...

    Und bevor mich der Sturm der Entrüstung, bzw. das "Chor der Rache" niederstrecken will:

    Natürlich war es mehr als überfällig, dass man das endlich so regelt, aber hört doch bitte endlich mit diesen Scheiß-Schubladen auf...!


    03.07.2017, 18:02 von chiral
    • 0

      Privilegien sind keine Schubladen. In diesem Text geht es um die Ehe für Alle in Deutschland. Fragen wir doch mal einen Jamaikaner oder einen Moslem, der in der deutschen Politik was zu sagen hat. Schwierig, oder?

      Es geht nicht darum, dass ich die Meinungsfreiheit angreifen möchte, sondern darum, dass privilegierte Machthaber für weniger privilegierte sprechen und Entscheidungen treffen. Und das ist hier der Fall. Weiße Menschen, die heuchlerisch auf Werte pochen, die weder zeitgemäß noch realistisch sind. Ich möchte damit deutlich aufzeigen, dass meistens die am lautesten brüllen, die von Diskriminierung am wenigsten erfahren haben.

      04.07.2017, 09:22 von jule.th
    • 0

      "Die privilegierten Machthaber" ?

      Ich mag diesen Diskriminierungs-Kram auch nicht. Ich mag ganz sicher auch nicht wenn man die Hautfarbe von Personen betont, ganz grundsätzlich nicht. Woanders rege ich mich darüber auf, dass man Moslems und Farbigen pauschal Dinge unterstellt und darum mache ich das auch, wenn die sogen. "Linken" Hauptfarbe und Geschlecht als Kampfbegriffe einsetzen - Das ist für mich im großen und ganzen das selbe, wie es die Rechten machen. Alles dumme Arschlöcher!

      Ich würde bei dem von Dir angesprochen Thema behaupten wollen, dass alle Menschen die Konservativ, oder Religiös-Konservativ sind damit ein Problem haben (unabhägig von der Hautfarbe, oder ethnischen Zugehörigkeiten). Das finde ich auch sehr dumm, aber natürlich haben die absolut das Recht das so zu sehen...


       

      04.07.2017, 11:04 von chiral
    • 2

      "Die privilegierten Machthaber" sind dann also die Majorität einer Gesellschaft und wenn die Ihre Majorität erfolgreich durchsetzen (was ja in Demokratien völlig logisch und nachvollziehbar ist) ist das eine Minderheitendiskriminierung und für Dich nicht in Ordnung?

      Das ist nicht besonders demokratisch gedacht... wenn Du das wirklich so siehst?

      04.07.2017, 11:07 von chiral
    • 1

      Die "privelegierten Machthaber" wurden demokratisch gewählt.... und sind somit Repräsentanten ....

      04.07.2017, 12:31 von Gluecksaktivistin
    • 1

      Demokratie heisst nicht nur 'die Macht der Mehrheit', sondern auch 'der Schutz der Minderheit'.

      Ich hielt die Priveliegierung heterosexueller Partnerschaften qua 'Ehe' immr für grundgesetzwidrig.


      05.07.2017, 09:16 von sailor
    • 0

      ...was ist los mit Euch, doppelter Legasthenieanfall, oder was? Heisst doch Privilegierung, oder nicht?

      Ich mag dieses Opfer spielen in einer so offenen und freien Gesellschaft wie der unseren nicht sonderlich, finde es geradezu grotesk. Ich finde diese Fixierung auf die Hautfarbe außerdem ziemlich schlecht (egal in was für einem Kontext).

      Eigentlich ist es eine Form von Rassismus. Man stelle sich nur mal vor, dass man statt der  Schuldzuweisung beim Thema konservativen Denkens "weiß, heterosexuell und männlich", in einem anderen Kontext von "schwarz, heterosexuell und männlich" sprechen würde... sofort wäre es eine (berechtigte) Diskriminierung....
       

      06.07.2017, 10:09 von chiral
    • 1

      Ein Anteil von Rassismus ist die Inanspruchnahme einer Deutungshoheit für andere Gruppen. Passt hier in der Tat nicht so ganz richtig hin, weils ja vorzugsweise um sexuelle Orientierung geht...

      06.07.2017, 10:23 von sailor
    • 0

      Und wieso Opfa? Opferrolle mag ich auch nicht. Nur, weil mir keinen mit einem ernsthaften Argument erklären kann, warum eine Ehe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechtes etwas 'anderes' sein soll, was nicht den gleichen Schutz und die gleiche Priviligierung wie eine heterosexuelle Ehe genießt, bin ich ja noch nicht in einer Opfarolle...

      06.07.2017, 10:28 von sailor
    • 2

      Gleichgeschlechtliche Ehe: Sehe ich genau so, dazu kommt, dass ich kein besonders großer Freund davon bin (schlechte Erfahrung undso).

      Opfa: Ja, natürlich.... na meinen dafürhalten übertreiben wir als Gesellschaft es zur zeit etwas mit dem Lobbyismus für Minderheiten, da kommt mir zu sehr die Gesellschaftsmehrheit unter den Hammer, dass ist alles. Außerdem wer fühlt sich nicht als Opfa? Ich reklamiere für mich auch das ich das ganze Leben in die Schnauze gekriegt habe... interessiert aber ja auch keinen... trotzdem würde ich nie auf den Trichter kommen, da öffentlich auf die Tränendrüse zu drücken, nur um da die Beachtung zu bekommen, die ich benözige um mein Ego zu kraulen... 

      06.07.2017, 11:15 von chiral
    • 0

      Scheiße, schön blöd formuliert:

      "...dass ich kein besonders großer Freund davon bin (schlechte Erfahrung undso)...."

      Meint natürlich die Institution Ehe ansich, nicht die gleichgeschlechtliche....!

      06.07.2017, 11:17 von chiral
    • 0

      Nunja... Diskriminierungsminimierung auf Verfassungsebene würde ich jetzt nicht 'Minderheitenlobbyismus' nennen.

      06.07.2017, 12:14 von sailor
    • 0

      Naja, eigentlich ist es nur eine steuerliche Fehlbetrachtung. Ehe ansich ist auch eine Form von Diskriminisierung, eine steuerliche Bevorteilung von Verheirateten gegenüber Nicht-verheirateten. Und nun hat man diese steuerliche Ungerechtigkeit auf eine Minderheit mit ausgedehnt... 

      06.07.2017, 13:49 von chiral
    • 1

      Da denke ich nochmal drüber nach...

      07.07.2017, 16:02 von sailor
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