andreas.schwarz 09.03.2018, 23:05 Uhr 2 0

Ruhe sanft: Das Radio hat schon Schnappatmung

Gute Laune am Morgen.

Übertrieben gute Laune. Wenn ich morgens mein Radio anstelle und versehentlich mal nicht SWR3 eingestellt ist, möchte ich am liebsten wieder abschalten. Da begrüßt mich eine ganze Morgencrew, entsetzlich gut gelaunt und vor allem eines: Laut. Der Vortänzer, also der Anchorman macht einen Witz (den ihm vorher jemand aufgeschrieben hat) und die ganze Crew lacht sich kaputt. Ich dagegen starre ungläubig und angewidert auf mein Radio und denke: „Haltet die Fresse!“

Was hat sich eigentlich im Radio verändert? Ich erinnere mich noch an Sendungen, die ich als Kind und Jugendlicher gezielt eingeschaltet habe. Samstags um 14 Uhr kam die Hitparade, für die ich stets eine freie Kassette haben musste, um die neuen Songs aufzunehmen. Sonntagmittags kam Elmi und abends gleich nochmal. Nun kann man über Elmi heutzutage denken, wie man mag, aber damals war er ein Held für uns. Ich war nicht nur ein Hörer, ich war ZUhörer.

Und heute? Heute konzentriert sich alles auf die Morgensendung. Hier werfen die Verantwortlichen alle ihre vermeintlichen Asse in den Ring, um nur ja aufzufallen. Klar, denn morgens hören die meisten Leute Radio. In diesen Morningshows tönen dann also in der Regel mehrere „Moderatoren“ aus den Lautsprechern und versuchen witzig zu sein. Warum eigentlich? Wieso soll ich morgens durch Comedy-Serien und „witzige“ Ableser zum Lachen gebracht werden? Vielleicht will ich das gar nicht? Vielleicht wäre es mir lieber, einfach nur zu erfahren, was es Neues auf der Welt gibt und was ich sonst noch heute wissen sollte. Musik brauche ich eigentlich auch keine. Die habe ich auf meinem Smartphone. Und außerdem spielen die eh immer das Gleiche.

„Jaja“, sagen die Sender, „wissen wir alles. Wir machen das aber trotzdem so, weil unsere Berater uns das so gesagt haben.“ Berater -die Totengräber des Radios, die irgendwann in den 90ern kamen, weil man das in den USA damals auch so gemacht hat, und weil sie erkannt haben, dass man damit richtig Kohle machen kann. Diese Menschen reduzieren Radio auf eine streng messbare Ebene. Auf Statistiken und Erhebungen, die sie selbst gefälscht erarbeitet haben. Das Bauchgefühl bleibt irgendwo auf der Strecke. Macht ja auch nichts, denn so lange die Sender uns einen Haufen Geld für den Dünnschiss, den wir ihnen erzählen, bezahlen, machen wir natürlich weiter.

Also trommeln die Sender auf Geheiß ihrer Berater regelmäßig eine Gruppe Menschen zusammen, die sie für ihre Zielgruppe halten und spielen ihnen Lieder vor. Manche machen das auch am Telefon. Da spart man sich die Schnittchen. Anhand dieser Ergebnisse wird die Playlist, also die Liste der Songs, die bei diesem Sender laufen, zusammengestellt. Und nur diese Liste gilt. Keine Ausnahmen. „Das sind die Songs, die unsere Hörer hören wollen. Keine anderen. Nur diese.“ Aye Aye, Berater, zu Befehl!

Das Ergebnis ist eine „Rotation“ aus vielleicht 400 Liedern (bei manchen Sendern wesentlich weniger), die fortan in unterschiedlicher Reihenfolge laufen. Der Eine häufiger, der Andere weniger häufig. Robbie Williams, Genesis, Michael Jackson und die anderen ewig Gleichen. Wenn man den Leuten natürlich nur, sagen wir mal, 1.000 Songs vorspielt, dann können diese Leute ja auch nur diese 1.000 Songs bewerten. Was ist mit den anderen 10 Millionen, die allein bei Spotify zu hören sind? „Braucht’s nicht“, sagen die Berater, „dafür haben die Leute ja ihre iPods“. Sägt man sich auf diese Weise nicht den Ast ab, auf dem man sitzt? Vermutlich schon, aber solange es funktioniert…

Weshalb sollte ich denn sonst noch Radio hören? Wegen der „Personalities“? Sind das die, die jeden Morgen laut sind und über jedes krumme Stöckchen lachen? Oder die Ableser, die am Nachmittag nichts anderes auf den Appel kriegen, als auf die lauten Lacher am Morgen hinzuweisen und mir zu erzählen, dass ich bald Feierabend habe? Als wüsste ich das nicht selbst.

Redet Euch doch nichts ein, Ihr Radiomacher. Radio wird sterben! Keine Sau braucht mehr Radio. Musik haben wir auf den Smartphones (die richtig Geile übrigens), News bekommen wir online, sogar vorgelesen. Kultur, Information, Weltgeschehen, Comedy – gibt’s alles als Podcast. Und mit der entsprechenden App kann man sich das alles ganz einfach zusammenstellen. So, wie man das haben möchte.

Die Alten, bei denen der Umschaltknopf am Radio schon eingerostet ist – die werden Euch immer hören. Aber die sterben halt irgendwann weg. Die anderen hören noch zu, weil sie es halt so gewohnt sind. Gewohnheiten ändern sich aber von Zeit zu Zeit. Wer hätte damals gedacht, dass es keine Handys mit Tasten mehr braucht, die wir damals gewohnt waren?

Ihr haltet an der Grütze die Ihr da produziert, verbissen fest. Solange es noch funktioniert, wird das Bestmögliche rausgeholt. Ihr wisst ganz genau, dass Euer Stündlein geschlagen hat, wenn die Leute einmal verinnerlicht haben, dass sie sich ihr ganz eigenes Radioprogramm online selbst zusammenstellen können.

Ruhe sanft.


Tags: Radio, Morningshows, Podcast
2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wer Formatradio hört, ist selbst für die Folgeschäden verantwortlich...

    10.03.2018, 11:45 von sailor
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    Video killed the radio star, 1979.

    10.03.2018, 08:50 von JackBlack
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