andiderspowi 02.03.2019, 10:54 Uhr 0 0

rückwärtig

was war geschehen? wer hatte den fortschritt abgeschafft, wer würde hören?

eins: Raum

 

Der Geruch von Vergangenheit, künstlich haltbar gemacht und entseelt. Blaue Nebelschwaden daneben. Ein altgewordener Film. Diese durften das, hatten sich früh fürs Sterben angemeldet und dürfen nun verrotten, glückliche Bastarde.

Sie liegt unbewegt ganz und gar. Sie lässt sich nicht ertappen, zeigt keine Schwäche und ist doch voll am Leben. Streckt die Definition von "voll am Leben" während sie nicht einmal genug Genuss empfinden kann sich zu räkeln.

In den Fluren, die keiner sich zu zählen wagt, weil es ehrlichgesagt deprimierend wäre, kann man Fetzen hören, die Stimmen sein könnten und von Zivilisation zeugen. Niemand aber ist sicher. Es wäre auch gut möglich, dass ein gas ausgetreten ist, vor geraumer Zeit schon und sich ins Rückenmark der Sauerstoff atmenden Bevölkerung gefressen hat und diese an Ort und Stelle zu Boden sacken ließ. Was folgte wäre kein naheliegend kurzer und schmerzloser Tod gewesen sondern ein lange rund aussichtsloser Kampf ums Überleben. Sie würden genug zeit haben, die Leidenden, Sterbenden, sich der Ironie bewusst zu werden, während ihre Lungen mit jeder Minute weniger Leistung erbringen würden und doch genug Widerstand gegen das Ende mobilisierten um die Schmerzen zu vervielfachen. Das langsame Ersticken würde mit der Panik einhergehen, die einer empfinden würde, der sich unglücklich im Vorgang des Ertrinkens befünde.

Wie bei jeder gescheiterten Apokalypse, die nur ein anderes Wort für Fortschritt geworden ist, würde eben doch nicht jeder dran glauben und es muss ja sichergestellt werden, dass irgendwer die unglaublich langweilige Erzählung vom Beinahe-Ende der Menschheit weiterträgt ins Unendliche.

Sie würde gern versinken zwischen diese beiden riesigen, sumpf riechenden Kissen, die sie bereits halb absorbiert haben. Wenn im Film geschossen wird, kann sie kaum etwas verstehen, auch wenn das Schlimmste vorüber ist. Dröhnen legt sich über die Worte der ausgedachten Menschen. Der Unterleib schmerzt weil er taub geworden ist, was Aufstehen weiterhin unwahrscheinlich macht.

Stimmen, im Flur, nicht im Film, nicht dröhnend, aber laut, nicht kreischend laut, zu laut aber rund zu schnell, schnell genug um entschlossen zu sein, entschlossen ist bedrohlich, Entscheidungen folgen dann und Entscheidungen sind nie in Sofa- oder Fernsehernähe.

Raum ist gut, Raum ist groß genug darin zu verschwinden, wenn sie sich nur tot genug stellt, sie gehen oft genug an ihr vorüber, behelligen sie nur selten. Raum ist nah, Raum ist hier. Raum ist voller Schweigen, wenn Filme reden. Raum riecht betäubt aber nicht tot.

 

 

zwei: Elterngespräch

 

In einer Pause reden sie über Vergangenes. Zugewandte Stimmen, weitschweifige Blicke. Das Jetzt ist keine Blaupause mehr, es ist kein erster Spatenstich und auch kein Richtfest, es ist eine ausgewachsene Siedlung, bei der jemand dachte es wäre lustig Häuser im Kreis zu bauen und so eine künstliche Sackgasse zu erschaffen. Jetzt ist die zweite Siedlung, die man in der Folge nebenan gebaut hat, so ähnlich, dass man hin und wieder deprimiert hinüberschaut und sich fragt, ob man zu früh oder zu spät gebaut hat, auf jeden Fall sei es schon schade, irgendwie, man wüsste auch nicht wie, denn man habe es ja auch nicht schlecht, aber an sich sei man schon ein bisschen ab vom Schuss, was das überhaupt bedeute, ab vom Schuss, das würden doch eh nur die Großeltern sagen, ja, die hätten sich gefreut, weil man dann doch vernünftig genug gewesen sei, sich "richtig" niederzulassen, ihre schweigende Genugtuung verstärkte dabei nur das Gefühl der eigenen Niederlage, aber was solle man tun, man habe es nun wirklich nicht schlecht im, haha Spechtweg 28.

Früher auf jeden Fall habe man noch über Bildungsziele geredet, einzelne Bereiche, die es zu fördern gab, allgemein und doch individuell anwendbar, wenn man heute darüber redet, klingt es wie revolutionäre Fiktion. Wörter wie Individuum sind zwar nicht abgeschafft, aber sie von der Geschichte beiseite gefegt worden, unbedeutend und anachronistisch.

Eine zutiefst selbstzufriedene Gesellschaft ist auf lange Sicht eben doch ein endlos bockiger Vierzehnjähriger. Die Welt als Fleisch gewordene Grimasse, darüber reden ist nicht gleich darüber jammern, schlimmer es versucht sich in Gleichgültigkeit und kulminiert doch nur in impotenter Aggression.

Es fühlt sich so an, als müsste irgendwer Protokoll führen, nicht das es jemand lesen würde, aber die ganze Geschichte, wirkt so locker, unbedeutend. Jemand sollte an den roten Faden denken. Jemand sollte sich stark machen oder wenigstens Streit suchen mit irgendwem. Niemand will Fragen stellen, weil jeder weiß wie nervtötend Antworten sind. Es bietet sich an in Binären zu handeln und zu urteilen. Vielleicht sollte das anders herum sein, aber wer kann sich daran noch erinnern. Institutionalisiertes Wissen ist zu einem Bilderbuch geworden, das jeder für sich interpretiert.

Unklarheiten machen sich breit, als es um das Thema der Rückführung geht. Ein Kollege hat offensichtlich einen Tag mit einer Extraportion Eifer erwischt, meint es geht um die Rückführung in die Familie und fragt sich wie der zeitliche Rahmen dazu aussehen würde und ob man sich sicher sei, ob ihre sprachlichen Ausdrucksmittel fortgeschritten genug seien, für den alltäglichen Gebrauch. Was folgt ist wortloses, schnaufendes Kichern, wissende Blicke, viel Augenbrauen- und Wimpernarbeit und allgemeinhin kollegiale Herablassung, mit erniedrigenden Tendenzen, wenn auch nur impliziert.

Man sah einander mit glühender Gleichgültigkeit an, es gebe, wenn man ehrlich sei wenig Aussicht darauf, dass dieses Mädchen die Ausnahme von der Regel sei. Und natürlich sei es von Politiker Seite unverantwortlich diese jungen Schicksale ohne klare Anweisungen ganz in Institutionen wie diese zu übergeben. Aber es sei auch nicht hilfreich sich daran aufzureiben, man müsse eben mit dem arbeiten, was man habe. Wiederum seien Einrichtungen gar nicht auf die Bedürfnisse der Mädchen ausgelegt, was die sich dabei dachten, das Problem würde nicht gelöst, sondern die Kapazitäten nur kleiner und die Not größer.

Zumindest war man sich einig, vom eigentlichen Thema abgeschweift zu sein. Im Epilog-Teil der Versammlung besprach man dann doch die "Fortschritte" des Mädchens, ihr Austausch mit der unmittelbaren Umwelt, das Sozialverhalten, das immer wieder Grund zur Hoffnung böte, dem gegenüber aber das absolute Desinteresse an persönlicher Hygiene stand. Somit einige man sich auf die vorläufige Weiterführung bereits begonnener Maßnahmen, worin man einander ansah, als wäre des ein verbotener Zauberspruch oder Regentanz gewesen und nun bräche die zeit des Hoffen und Bangens an. Ratlosigkeit und Tatendrang, soviel war sicher schlossen einander keineswegs aus.

 

 

drei: Pangäa

 

Das Jahrtausend hatte gut begonnen, alles in allem. War das Fiktion, etwas das man auf eine Grußkarte schrieb, die man an einen an Krebs erkrankten schickte, die aber klingen sollte als sei sie für ein beliebiges Jubiläum bestimmt? Man war schließlich immer noch hier, dachte die Menschheit kollektiv und hielt inne anstatt sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen.

Man konnte immer den Silberstreif sehen, das waren die vielen Jobs, die entstanden während man Hände wringend versuchte neue Behausungen zu errichten und der Ruck der durch die Gesellschaft ging, nachdem endlich massenhaft Männer in die bisher verhassten Pflegeberufe gingen.

Es war mitunter nicht klar, welcher Moment der gewesen war, an dem man erkannte, dass die Geburtsfehler nicht verschwinden würden und die Zahlen sich auf lange Sicht nicht erholen würden. Ein langanhaltender Scherz war, dass die neue Regierung sich nur schwer von bereits beschlossenen Förderprogrammen trennen konnte, die Frauen nun doch endlich in technische Berufe spülen sollte und wenn man beide Augen zukneifen würde meinetwegen auch in Führungspositionen.

Aus einzelnen Erfahrungsberichten renommierter Gynäkologen konnte man die Sorgen herauslesen, dass mit dem Erbgut neugeborener Mädchen etwas nicht stimme. Diese zutiefst unwissenschaftliche Vagheit konnte indes nicht überschatten, dass durchaus ein Phänomen seine Krallen schärfte, das man zwar nicht fassen konnte, weg reden ließ es sich jedoch auch nicht.

Im Folgenden schienen die kognitiven Leistungen von Mädchen im Kindergarten und Grundschulalter Pädagogen rätseln, die durchaus gehemmt deklarierten, das erstmals Jungen im gleichen Alter bessere Leistungen erbracht hätten, was im Nachhinein richtig gestellt wurde, da die Mädchen schlicht weniger gut abgeschnitten hatten als zuvor, die Jungen hingegen durch reines Stagnieren triumphierten.

 

 

 

 

 

 

vier: Prequelle

 

Ein Kind wird geboren.

Man wird das Geschlecht als weiblich beziffern.

Es ist eines von vielen, im Krankenhaus, in der Stadt, dem Landkreis, dem Bundesland, dem Breitengrad, der Nation, des Kontinents, der Welt.

Es wird gewogen, begutachtet, man zählt Gliedmaßen und Finger, bestätigt ihre Vollständigkeit.

Es wird den Eltern gereicht, es wird angelegt.

Man wird es mit einem Namen versehen und aus dem Krankenhaus entlassen.

Es wächst, isst und entwickelt sich.

Erste Besuche beim Arzt, Pflichttermine, bleiben unauffällig.

Unauffällig heißt im Umkehrschluss normal.

Normal ist kein eigenständiger Begriff oder Zustand, er ergibt sich aus Zusammenhängen und Abhängigkeiten.

Ein Jahr vergeht, auf der Welt, im Leben des Mädchens.

Es wächst noch immer, erste Schritte sind zu berichten.

Der Kinderarzt wird es betrachten und erstmals das Gesicht in falten legen. Es wird beunruhigend aussehen, für eine Sekunde und dann fürsorglich. Er wird von Dingen reden, die man im Auge behalten müsse, nicht weiter schlimm bis jetzt, aber im Auge behalten solle man sie dennoch.

Andere Kinder im gleichen Alter beginnen ihre Umwelt zu erkunden, Schritt für Schritt. Das Mädchen wird sitzend zusehen.

Das Kind steht nun unter Beobachtung. Der Verdacht der Entwicklungsverzögerung nagt an dem Selbstwertgefühl der Eltern. Das Kind ist ein fröhliches, waches Kind, es spielt, es lacht.

Und doch verweigert es Anstrengung, der Muskeltonus kann als schlaff bezeichnet werden, die Eltern entscheiden sich für Physiotherapie.

Der Kinderarzt tut was er kann, doch am Ende kann er die Eltern nur trösten, das Kind ist, sagt er, wie es ist.

Anderswo auf der Welt  sagt ein anderer Kinderarzt einer anderen jungen Familie, weitere Tests könnten Klarheit verschaffen. Wieder anders wo vertröstet eine Ärztin eine Familie, so etwas gäbe es manchmal, nicht diagnostizierbar und doch da.

Kleine Punkte. Leuchtend und still. Die Welt ist ein riesiges Blatt Papier.

Man wird den Zusammenhang erkennen, die Schlüsse ziehen. Nicht sofort.

Ein junger Arzt aus der Türkei wird bei der Recherche Auffälligkeiten markieren, Ungereimtheiten, die zwar nicht das Ziel  seiner Forschungen darstellen, ihm jedoch keine Ruhe lassen werden.

Abends, fern von Laborgeräten und Tabellen wird er seine Frau betrachten und sich in verschwurbelten Gedankenspielen verlieren. Wieder und wieder werden ihm Zahlen begegnen, Perzentile, Berichte von Kinderärzten, Vergleichswerte aus verschiedenen Ländern.

Danach wird alles ganz schnell gehen, eine Lawine der Erkenntnis wird sich in Bewegung setzen und alles unter sich begraben. Man wird nun immer mehr Mädchen mit ähnlichen Symptomen ausmachen, wird ein Krankheitsbild erstellen, ein Syndrom nach dem jungen Arzt benennen.

Man wird nicht wissen, was das alles zu bedeuten hat, Mädchen, ausschließlich Mädchen werden geboren, größtenteils gesund, gut entwickelt, jedoch mit verminderter Intelligenz, von der Welt überfordert.

Ein paar Jahre vergehen und nun scheint es als ob alle Mädchen von nun an nach diesem Typus geboren werden.

Man wird sie nicht integrieren können, in die Gesellschaft, weswegen Heime gebaut werden, speziell, modern, tragisch.

Die Welt wird die Luft anhalten, bis sie erkennt, dass dies nicht das Ende sein wird. Die Mädchen wachsen heran, ihre Entwicklung mag gestört sein, vielleicht ist sie aber auch nur eine Gleichung, die falsch umgerechnet wurde. Vielleicht ist ihr Format nicht fehlerhaft dafür aber unpassend.

Das Fortbestehen stand irgendwann nicht mehr in Frage, also stellte man sich ein, auf eine Welt, in der Mädchen in Heimen lebten in denen sie den ganzen Tag spielten und vor Fernsehern lungerten. Man betrachtete sie und konnte nicht sehen, was mit ihnen nicht stimmte. Sie schlossen die Augen und wussten nicht was mit der Welt nicht stimmte.


Tags: dystopie
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