Rückkehr ins Paradies.
Josefa,
genannt "Tausendschön" oder "Siebenstirn", weil sie das Sternzeichen der Plejaden unterhalb ihres Bauchnabels als Ansammlung feiner Leberflecken trug, hegte Axtmordfantasien. Just in dem Moment, da sie sich vorstellte, wie sie den mit Benzin übergossenen gespaltenen Schädel ihres Opfers entzünden würde und er als flammenleckender Streichholzkopf den toten Körper wie eine brennende Fackel, die den Weg leuchten würde, in eine grausig schöne Erscheinung verwandelte, kam Adam zurück.
Adam hielt die Geldkassette unter dem Arm, in der er auch die Waffe hielt. Die Hand mit der 9mm zitterte. Josefa legte den Gang ein, wartete nicht ab, dass Adam komplett im Wagen war und trat aufs Gaspedal. Mit quietschendem Reifen bogen sie in den flüssigen Nachmittagsverkehr, Adam schlug die Tür hinter sich zu, warf die Knarre ins Handschuhfach und barg die Kassette unter dem Sitz. "War nicht sehr ergiebig heute. Vielleicht fünftausend..." "Na ja. Reicht ja erst mal."
Die Polizei war ihnen dichter auf den Fersen, als sie annahmen, trotzdem gelang es ihnen, sie zügig abzuschütteln. Routine wird aus Erfahrung geboren. Und die Erfahrung, dass Nervosität alles schnellstens zerstören kann, hatten sie bereits gemacht. Noch vor wenigen Wochen waren sie zu dritt gewesen. Konstantin seinerseits fehlte es jedoch an der ihrer gegenwärtigen Situation gebührenden Abgeklärtheit. Unnützes Mitleid hatte er noch obendrein. So hatten sie ihn zwangsläufig zurücklassen müssen, als er über den toten Polizisten gebeugt einen Nervenzusammenbruch erlitt. Im Rückspiegel konnte Josefa noch sehen, wie Konstantin von einer Schusssalve durchlöchert worden war. Als Adam sich anschickte, traurige Dinge zu sagen, die betonten, dass Konstantin "zwar ein feiner Kerl, aber mit zu weichem Herzen ausgestattet war", ohrfeigte ihn Josefa und sagte, dass sie nie wieder ein Wort von Konstantin hören wollte. Die feige Sau hatte sich seinen erbärmlichen Tod schließlich selbst zuzuschreiben.
Adam saß in der Abendsonne und zählte Geld zu Stapeln. Sein strohblondes Haar schimmerte golden. Die Bewegungen waren souverän und flüssig. Er murmelte Zahlen, kritzelte mit einem abgebrochenen Bleistift auf knisterndem Butterbrotpapier nicht enden wollende Kolonnen und zog die Stirn kraus. Josefa stand in ein Handtuch gewickelt in der Tür und beobachtete den schönen Adam. Sehnte sich nach ihm. Versagte sich jedes romantische Gefühl, knupperte unbeholfen am Holz des Türstocks, schluckte einen dicken Gefühlskloß.
"Und?"
Adam erschreckte sich, verkrampfte und zog reflexartig die Pistole aus dem Holster; bis ihm klar wurde, dass Josefa zu ihm gesprochen hatte. Er drehte sich zu ihr, nickte traurig und flüsterte "Noch drei Wochen vielleicht. Wenn nichts dazwischen kommt."
Seit sie mit dem ganzen Theater begonnen hatten, zählten sie das Geld nur selten in realen Summen. Vielleicht wenn es um die Ausbeute des Tages ging. Aber weitaus wirklichkeitsnäher war stets die Zeit, die das Geld sie über Wasser halten würde.
Dass Sonderkommissionen zu ihren Ehren gegründet worden waren, die auf Hochtouren arbeiteten, keine Pausen machten und das Netz aus Fallstricken um sie früher oder später (dem Gefühl nach eher früher) enger werden würde, wussten sie nur zu gut. Die Boulevardpresse feierte Josefa und Adam seit Wochen als postmoderne Bonnie und Clyde. Was für eine Scheiße das doch war!
"Iss doch mal was, du siehst so abgemagert aus, Siebenstirn!" "Hör auf mich so zu nennen!" "Stimmt aber. Du bist nur noch Haut und Knochen!" "Lass mich. Ich krieg eh keinen Bissen runter." Josefa schob entschieden den Teller von sich und strich sich die Haare hinter die Ohren. Lehnte sich an und nahm einen tiefen Schluck von dem längst kalten Milchkaffee.
"Wir müssen hier weg." Adam räusperte sich: "Aber wenn wir jetzt gehen, bleiben uns keine anderthalb Wochen." "Dann müssen wir eben noch mal Kohle ranschaffen." "Denkst du nicht, dass wir unseren Spaß zur Genüge hatten?" In Josefa blitzt die menschliche Fackel auf - "Nicht ganz, mein Lieber."
Dass sie längst von Scharfschützen umringt waren, die ihre Fadenkreuze auf sie gerichtet hatten und nur auf den theatralischen "Zugriff!" warteten, konnten Adam und Josefa nicht wissen. Leise besprachen sie die nächsten Tage, die Route, die Fluchtwagen und Einzelheiten, die sie sich zuvor an jedem Abend bis zum Erbrechen eingeprügelt hatten.
Die Tausendstelsekunde, in der Josefas Augapfel durch das Projektil eines Scharfschützen barst, dehnte sich. Schwoll an. Blies sich auf. Josefa hatte Zeit, über vieles nachzudenken. Alles "Revue passieren" lassen. Schon wieder so ein ausgemachter Scheiß! Sie dachte an den toten Konstantin. Sah im Augenwinkel, dass Adam, der schöne Adam, zur Seite kippte. Auch tot. Blut pulste in schönen Wellen auf seinen makellosen weißen Pulli. Drei Wochen hätten es noch sein können. Wenn nichts dazwischen gekommen wäre. Sie fühlte keinen Schmerz. "Der Tod ist ein lausiger Geselle, der Dramatik mit Krach zerstört." dachte sie in der jahrhundertelangen Tausendstelsekunde ihres eigenen Todes.
Sie hatte noch ausreichend Zeit, Adams Hand zu nehmen, einen letzten Kuss draufzudrücken - das bisschen Kitsch konnte sie sich jetzt auch noch gönnen - bevor sie durch die Wucht des Schusses rücklings über die Terrasse gefegt wurde. Am Geländer klebte etwas Hirnmasse. Blut überall. Im sanften Licht gefiel ihr das Purpurne. Sie hatte nicht erwartet, dass sie selbst die Fackel werden würde, von der sie vorher noch geträumt hatte.






Kommentare
Find ich gut.
27.11.2010, 13:13 von MoogleEin bisschen blutig, aber toll geschrieben.
01.11.2010, 11:49 von mixtapeape@mixtapeape SPLATTER! "axtmordphantsien" - der text wird mir helfen, meinen alltag zu bestreiten und ich bedanke mich artig dafür.
12.11.2010, 16:49 von lavishCool - ich hab immer *Ädem* gelesen; dann hörte es sich noch mehr nach Bonnie & Clyde an.
30.10.2010, 16:20 von Jackie_GreyFein. Da sind ein zwei Fehlerchen drin (Leerzeichen nach Punktation, Zweimal mit 'Sein' hintereinander angefangen).
30.10.2010, 00:22 von quatzatAnsonsten: FETT!
..also..also..ich..äh..ich..bin...hingerissen..
30.10.2010, 00:06 von Kokomikodas ist ein wunderbares Sück Arbeit!
wunderbar.
29.10.2010, 17:10 von Icke_un_du_ooch