Rück(en)kehr
Kann man von Daheim nach Hause fahren? Ich weiß es nicht und tue es dennoch.
Kann man von Daheim nach Hause fahren? Ich weiß es nicht und
tue es dennoch. Völlig umsonst, doch leider nicht kostenlos. Zukunftsoptimist,
der ich war, bevor man mir es austrieb, habe mal wieder die Katze im Sack
gekauft, in dem sie mit ihren Geschwistern im See ertränkt wurde. Soll heißen,
ich fliege zu einem Geburtstag auf den ich weder geladen noch willkommen bin.
Doch ich würde sowieso nicht mehr hingehen. Aus dem gleichen Grund, weshalb es
keine Glückwunschkarten für die erste gefüllte Windel gibt – weil man ein Stück
Scheiße schlichtweg nicht feiert.
Ich stehe mit den beschlipsten Businesskaspern und den beschwipsten Kegelcluberinnen als Trolligeschwader am Gate und warte auf die Schlacht um die bereits verteilten Plätze. Die lauwarmen Stewardessener tanzen ihre Sicherheitschoreografie mit solcher Inbrunst, dass man weiß: die Musicalkarriere ist noch lange nicht abgehakt. Man dankt für die nicht vorhandene Aufmerksamkeit, ist doch der Absturz einer Aktie im Börsenteil der Zeitung wichtiger als der unwahrscheinliche Eigene. Und im Notfall geht man sowieso über Leichen, Exit-Schilder und Leuchtstreifen hin oder her.
Mein ungutes Gefühl in der Bauchgegend wird beim Start nicht besser. Ich schaue
aus dem Fenster und fresse Chips aus einer Mogelpackung. Tagsüber fliegen ist
romantisch. Man schwebt über jungfräulich weißen Inseln aus Wolke in einem
tiefen Meer aus hellblauem Nichts. Doch nachts ist wenig ehrlicher als die
Aussicht eines Flugzeugfensters. Dann blickt man vom Himmel hinab auf die
Hölle, die wir Erde nennen und von der wir hofften ein tieferer Abstieg wäre
möglich. Die orangrotglühenden Fegefeuer der Städte leuchten in der Dunkelheit.
So schlimm kann keine Hölle sein, wie das, was wir als Leben durchstehen müssen.
Ich frage mich, ob die Menschen heutzutage darum so gestresst sind, weil sie
die Anspannung des Fluges nicht mehr wegklatschen dürfen.
Die Luft in der Heimat atmet sich schlecht. Dick, staubig, erstickend. Der Kloß im Hals fängt alles auf und lässt mich bis zur Abreise meine Restseele aus dem Leib husten, die als schwarze Krümel im Taschentuch landet.
Der Sleepassistent informiert zumindest mich, dass mein
Taxifahrer langsam schlafen gehen sollte.
Je strahlender die Helden aus der Schlacht in fernen Ländern nach Hause zurückkehren, um so größer sind die Schatten der Vergangenheit, die sie in der Heimat verfolgen. Während in Hamburg die Frauen langsam ihr Gesicht verlieren und wieder blond, schlank und hübsch sind, sehe ich sie in Stuttgart an jeder Ecke. Auch wenn ich weiß, dass sie es nicht sein kann, schiebe ich meine Para-Parade durch die ganze Stadt. Sie hat meinen Geburtstort zu einem Mienenfeld gemacht, auf dem ich nirgendwohin flüchten kann, ohne in eine schmerzhafte Erinnerung zu treten, die schlagartig hochkommt.
Ich treffe auf halbfremde Menschen, die mich freudig begrüßen. Man erkennt mich kaum wieder. Wie auch, kannten sie mich vorher im Grunde ja auch schon nicht. Lange habe man sich nicht gesehen. Aus gutem Grund, wie ich mir denke. Aber interessant, dass es überhaupt bemerkt wird. Wie Steine flitschen unsere flachen Gespräche über das tiefe stille Wasser der Wahrheiten. Nur nicht in Themen eintauchen und womöglich Wellen schlagen.
Protokollfolgend fragt man mich desinteressiert, wie es mir geht und antwortet einfach direkt selbst darauf, als hätte ich ihnen die Frage gestellt. Nicht abwartend bis ich meine einstudierte Lüge loswerden konnte.
Ich führe rauchend farblose Unterhaltungen mit grauen Herren, die mir die Zeit stehlen in dem sie Geschichten erzählen aus längst vergessenen Tagen. Konservierte Geschehnisse, die bei jedem Wiedersehen aufgewärmt werden. Ein deutliches Indiz, dass sich hier tatsächlich nichts ändert und die Antwort auf: „Was gibt’s Neues?“ –„Och, eigentlich nix“ auch nach drei Monaten nicht gelogen ist. Meinen Blog würden sie verfolgen. Sehr nachdenklich stimme er sie. Andere sorgen sich mehr um mein Leben als ich selbst. Dabei stehe ich nur hoch oben auf der Empore meines Elfenbeinturms und lasse mich mit ausgebreiteten Armen feiern. Und wenn der Qualm meiner Selbstbeweihräucherung aufsteigt denkt der Pöbel er hätte einen neuen Papst.
Dabei bin ich nur ein Straßenkehrer am Rand der Welt, der zur Zeit den Ballsaal der Hölle fegt und sich selbst bemitleidet, weil er noch Platz auf seiner Tanzkarte hat.
Mit gekreuzten Fingern schüttele ich Hände zum Abschied, mit dem Versprechen eines baldigen Wiedersehens. Ich will nur noch weg. Doch der Zug hat Verspätung.







Kommentare
Michael Ende Fan, wie es mir scheint?!
05.12.2012, 20:08 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tascheWas für ein Sprachjongleur hier seine Sätze wirbeln lässt, dass es eine helle Freude ist. Die flitschenden flachen Gespräche fand ich ganz besonders genial gelungen.
oho, nicht schlecht!
dem vorhergehenden applaus schließe ich mich an.
13.10.2012, 11:31 von zehnmomentegern gelesen hab ich deinen text.
"Die Luft in der Heimat atmet sich schlecht. Dick, staubig, erstickend. Der Kloß im Hals fängt alles auf und lässt mich bis zur Abreise meine Restseele aus dem Leib husten, die als schwarze Krümel im Taschentuch landet."
Bin neidisch, dass das nicht meine worte sind.
10.10.2012, 04:28 von Leslein"Beim Abonnieren ist ein Fehler aufgetreten."
Diese Frage hab ich mir auch immer gestellt, wenn ich meine fast 6- stündige Zugfahrt nach Hause angetreten hab.So'n Kack. Hat aber trotzdem irgendwie geklappt.
Antwort: Ja man kann. ;-)
10.10.2012, 00:47 von mirror87
Ich mag die Art deines Texteschreibens nach wie vor.
Super Schreibstil, danke für den Text!!
09.10.2012, 22:41 von Schreierdie mann kann sprache. haut rein. sehr gut
09.10.2012, 22:22 von Par4droidda passt alles.schlichtweg.
09.10.2012, 17:39 von frau.von.eden.Doch ich würde sowieso nicht mehr hingehen. Aus dem gleichen Grund, weshalb es keine Glückwunschkarten für die erste gefüllte Windel gibt – weil man ein Stück Scheiße schlichtweg nicht feiert.
WUNDERJUT! :-)
09.10.2012, 11:22 von Jens-Talib