Royal TS mit Pommes, Cola und Leichen
Absurde Normalität: Claudius der III. und das Pommesfett. Der gefinkelte Ferdinand samt Exkrementregen. Gedärme in 3-D und ein Schäferhund.
Man steht am Tresen bei McDonalds und verheddert
sich in Thesen: eigentlich will man nur was essen, aber das Denken
verleidet einem das Genießen. Noch ist man nicht dran. Man steht
nicht am Tresen, sondern in der Reihe und neben sich. In Reih und
Glied, um gemästet zu werden, in einer schier endlosen Schlange und
ist auf einer Skala des bevorstehenden Nervenexitus von 1-10 unlängst
bei der 11 angekommen. Man fragt sich, warum 21 Leute von 2
Service-Fachkräften bedient werden. Schweißperlen. Muff. Ekel. Das
inwendige Zittern der Nerven verbrennt so viele Kalorien wie das
Stemmen eines ausgewachsenen Rindviehs. So ein graziles Rindvieh in
rosa Plüsch mit Schaum vor dem Mund, muh muh muuuh und trampelt den geschmacklosen Laden und die geschmacklosen Gäste nieder und tanzt auf den Hinterbeinen
beschwingt einen Polka und sieht seine verflachten Artgenossen und
dreht sich im Kreis und verdreht die Augen und dreht durch und stürzt
sich gackernd in das Pommesfett; geht heroisch unter, schweigend mit
verschränkten Hufen, ernstem Blick, stoisch wie ein buddhistischer Mönch im
Feuer. Diese Geschmacklosigkeiten. Ich stehe neben mir, ganz sicher;
auch wenn da kein Platz ist.
Man sieht sich um, lacht sich
insgeheim ins Fäustchen, weil man argwöhnt, dass manche
Servicekräfte ihr Gehalt in Burgern ausbezahlt bekommen. Da dieser
Gedankengang bösartig, krank und völlig geschmacklos ist, verwirft
man ihn wieder. Selbsterhöhung durch Erniedrigung, Erniedrigung durch das Selbst, wie tief kann man noch sinken. Diese Geschmacklosigkeiten. Was für eine Brutstätte.
Man sieht nach vorn, nur noch 18 Leute in der Schlange. Blick
nach links, eine knapp 14-Jährige mit goldenem Gürtel, Top bis zum
Bauchnabel und Tanga bis zum Haaransatz, sie schmatzt ihr Kaugummi in
Moll. Daneben ihr diamantverzierter Gangsterfreund, dessen Gesicht
einem Burger unheimlich ähnelt. Unheimlich. Woher ein durchdrehendes
Rindvieh nehmen, wenn man mal eins braucht. Ich würde es Herrn
Claudius den III. nennen, würde sagen: Herr Claudius der III. so
nicht, aus, böses Rindvieh, du sollst den Gangster nicht sofort ins
Pommesfett schmeißen, gut Braten will Weile haben, lass dir Zeit,
Claudius (der III.). Diese Geschmacklosigkeiten. Gäb's keine
Misanthropen, sie würden hier entstehen.
Man dreht sich weg.
Rechts der Fernseher. N-TV, Bericht: 2. Weltkrieg, man verharrt. Eine
Welt in schwarzweiß, fast angenehmer als diese hier, mal von den
Granaten und den Häusern und den Leichen abgesehen. Das ist
ästhetisch ja eher gewagt. Eher fragwürdig. Aber zumindest die Löcher sind fast
systematisch platziert, immerhin!, immerhin, das lässt die Hand des Menschen vermuten, das ist ja fast schon wieder
modern, kommt ja alles wieder. Die Geschmacklosigkeiten.
Man
steht vor der Bedienung, denkt an ihr Gehalt, bekommt erst ein
schiefes Grinsen, dann ein schlechtes Gewissen und starrt dann auf
die Tafel. Überlegung. Womit quält man sich vorzugsweise? Die Qual
der Wahl und kein Rindvieh, das helfen mag. Überlegung. Was würde
Claudius der III. tun? Überlegung. Dafür muss Zeit sein - vor 31
Minuten wusste man schließlich noch, was man wollte. Aber man
vergisst. Man vergisst sich selbst in solchen Umgebungen, unter
solchen Umständen, in solchen Geschmacklosigkeiten.
"Maxi-Menü
Royal TS, Pommes, Cola, ohne Ketchup, ohne Mayo, zum Hieressen,
danke" murre ich gequält. Ist nicht ihre Schuld. Ist ja nicht
ihre Schuld. Hat ja keiner Schuld. Ruhig Claudius, guck einfach nicht
hin. Guck weg, Claudius (der III.), das machen die anderen auch. Sie
hat nicht verstanden, ich höre mich dumpf wiederholen. "Oh, das dauert noch,
das tut mir Leid, hier haben Sie ein Schild, ich bring ihn vorbei",
zwitschert sie mir entgegen. Ich mag ja höfliche Menschen, die noch im
Höllenkochtopf schmorend ihre Gelassenheit behalten und eine
freundliche Antwort geben. Manchmal kann man nicht mehr geben, da
gibt man alles, wenn man „bitte“ oder „danke“ sagt. Ich mag
solche Kämpfernaturen. Nicht so Claudius der III., der hätte sich
ja halb weinend halb wiehernd ins Pommesfett geschmissen, der kann ja auch nichts ab,
diese Memme, dieser Elfenbeinturmbewohner, dieser Realitätsverweigerer.
Also Warten. Wenn Godot nicht kommt, dann bleibt's bei Gammelfleisch.
Grummlige Drehung, Platzsuch-Blick, Ah-Da-Moment, Hinsetzen,
Mustern der Umgebung. Man sollte in den Park gehen. Aber die Vögel
und Bäume und Winde würden einen ausstoßen, wenn man sich
so überhaupt in den Park traute. Die gemeine Parktaube würde trotz all
ihrer Neurosen eine Pickpause machen und einem gehörig auf den Kopf
kacken. Wie sich das gehört. Vielleicht würde ich diese ganz
besondere Taube den gefinkelten Ferdinand nennen. Er würde mich
begleiten. Als treuer Kumpan. Als mein Assistent. Ich würde sagen:
Herr Ferdinand, sollte meine absurde Wenigkeit abermals so eine
Bockmistmission planen, dann hat er meine uneingeschränkte
Erlaubnis, - ich würde ihm allein aus Respekt vor seiner Arbeit mit
der größten Höflichkeit begegnen -, mir so gewaltig wie
formvollendet und treffsicher auf den Kopf zu kacken, dass es
spritzt. Damit ich was merke, sollte ich mal nichts mehr merken. Ja,
das könnte klappen. Es muss. Man vergisst sich so schnell. Man
braucht hin und wieder jemanden, der einen daran erinnert, wer man
ist. Aber heute nicht, heute bleibt man, heute bleibt man notgedrungen man selbst und hier. Wenn geißeln, dann
konsequent. Ein Fernseher. Also ein Hinseher, der so groß ist, dass
auch die Kurzsichtigen ihrem Verstand unbezahlten Urlaub geben können.
Man guckt nicht fern, nicht in die Weite, nicht in die Tiefe, nicht
in sich hinein, man guckt hin und weg, erst ein wenig hin, und dann
hinein, und sobald man drin ist: weg. Man will eigentlich nur weg.
Man entfernt sich vom Leben und sich selbst: Fernseher vs. Entferner.
Im Hinseher läuft:
N-TV, 2. Weltkrieg, brennende Leichen und dazu der
aufdringliche Geruch des Fastfoods. Was hier verheizt wird. Die Servicekraft bringt das
Essen. Mh. Nomnomnomnom, her mit dem Gift, hinein damit, nimm das, du
schwache Kreatur. Lass es dir richtig gut schmecken. Und hör nicht
auf den Darm, der hat doch keine Ahnung. Sieh dir mal die goldgelben
Pommes an und die Werbung, überall die glänzende Werbung zu den
goldgelben Pommes. Wohl bekomm's! Genieß diese schmackhaften
Geschmacklosigkeiten.
Die Pommes starren
mich verständnislos an und der Burger..., ich muss an 15-jährige
Gangster denken, beiße aber doch missmutig ab. Dazu ein Schluck
Cola, Spülen und nebenher ein wenig hinsehen: Granaten in Häuser,
Granaten in Bunker, verstümmelte Männer mit einem Bein,
verstümmelte Männer ohne Bein, Frauen ohne Männer, mein Burger
könnte heißer sein. Und überhaupt, wenn man einen schon warten
lässt, könnte der Käse wenigstens geschmolzen sein. Im Hinseher
fällt ein brennender Soldat in den gelb-sandigen Matsch, bleibt
liegen, sein Helm wird noch von einer Kugel durchlöchert, ich kaue
an einer goldgelben Pommes.
Dann ein Flammenwerfer auf 10
Uhr, auf was für eine Entfernung, das ist doch ganz erstaunlich,
dass aus so einem kleinen Rucksack so viel Feuer kommt. Die brennen
ja wie Claudius der III. im Pommesfett. Und dann dieser
Stabgranatenregen zum Geläut des Doms. Ding-Dong-Bums! Fast wie der
gefinkelte Ferdinand. Fast poetisch, oder wie sagt man?: Krass. Bzw.
kross, aber gesalzen sind die goldgelben Kartoffelstäbchen nicht
wirklich. Stabgranaten für die Soldaten, Kartoffelstäbchen für
uns. Aber alles kommt wieder, früher oder später, in welcher Form
auch immer. Aber irgendwie öden mich die Pommes an, sie wirken auf
dem Tablett wie die Leichen bei N-TV.
Auch der Royal TS hat
seinen königlichen Reiz verloren. Auf schlammbedeckten Straßen
kriechen Kinder in zerbombte Häuser und der heiser-polemisch vor
sich hin schreiende und tanzende kleine Mann streichelt seinen
Schäferhund. Ein goldiges Tier. Ein ganz Lieber bestimmt. Gibt einem
vielleicht die rechte Pfote. Das ist raffiniert gemacht: Neben dem
Hund wirkt die Bestie wie ein Mensch. Wie ein ganz normaler Mensch
aus unserer Mitte, der seinen Hund streichelt. Und wer Tiere liebt,
kann ja kein schlechter Mensch sein. Das sagte jedenfalls früher mal
ein Philosoph und danach einer im Hinseher und der wird’s ja wohl
wissen. Ob es bei McDonalds in China den Mc Dog gibt? Ach, die
Geschmacklosigkeiten.
Die Cola ist beinahe leer; der
Flammenwerfer wurde getroffen und fällt brennend in eine Pfütze.
Plotsch. Er explodiert effektarm. In einem Actionfilm würden die
Gedärme spritzen. In 3-D sogar um einen herum, so ein bisschen Darm
links vorbei und ein wenig Darm rechts vorbei, und das noch
schlagende Herz so voll auf die Zwölf und jeder fasst sich an den
Kopf und will sich vom Herzen säubern und alle so WHOAA! und so,
dass man das Gefühl bekommt, man würde sich in all diesem Gedärm
verheddern und verstricken und vergessen.
Ich schlucke, meine Herren, die vielen Kalorien – ob das gut war, das war bestimmt nicht gut, so eine Geschmacklosigkeit; wenn ich Herr Claudius der III. und ein sensibles Rindvieh wäre, ja, vermutlich würde ich mich dann auch hysterisch lachend ins Pommesfett stürzen. Aber so bleibe ich sitzen und sehe hin und esse und trinke, bis alles leer ist.
Tags: Claudius der III., der gefinkelte Ferdinand, Gedärmspektakel, verdauen muss jeder, hinten kackt die ente, Hitler und sein Hund, Pommesfettfest, Rinderwahnsinn






Kommentare
Kommst du klar im Alltag?
07.10.2012, 02:16 von ToraBitte ein Buch in dem Schreibstil!
07.10.2012, 00:23 von Wasisteloquentaber wie kann denn der gelb-sandige matsch gelb sein, wenn alles in schwarz-weiß ist. :)
ja äh... da hast du völlig Recht ^^ so gefärbt kann Erinnerung/Phantasie sein, bzw. das von der Wahrheit (was ist schon die Wahrheit) entfernende Schreiben sein. Abgesehen davon: Danke dir :)
08.10.2012, 00:34 von AlcesteHochamüsantes Gedankenkarussell. Von welchem Dom ist denn die Rede?
03.10.2012, 02:24 von justanotherpictureMan, so bösartig und realistisch, zum Tod lachen noch dazu, schreib bitte ein Buch hha
02.10.2012, 13:40 von ahimas93Menschenmast an Kriegsschauplatz. Filigran eingedickt und abgefackelt. Voll das böse HappyMeal.
Ich wähl' sie wieder Burgermeister!
02.10.2012, 10:23 von Kokomiko