Alceste 01.10.2012, 22:01 Uhr 8 17

Royal TS mit Pommes, Cola und Leichen

Absurde Normalität: Claudius der III. und das Pommesfett. Der gefinkelte Ferdinand samt Exkrementregen. Gedärme in 3-D und ein Schäferhund.

Man steht am Tresen bei McDonalds und verheddert sich in Thesen: eigentlich will man nur was essen, aber das Denken verleidet einem das Genießen. Noch ist man nicht dran. Man steht nicht am Tresen, sondern in der Reihe und neben sich. In Reih und Glied, um gemästet zu werden, in einer schier endlosen Schlange und ist auf einer Skala des bevorstehenden Nervenexitus von 1-10 unlängst bei der 11 angekommen. Man fragt sich, warum 21 Leute von 2 Service-Fachkräften bedient werden. Schweißperlen. Muff. Ekel. Das inwendige Zittern der Nerven verbrennt so viele Kalorien wie das Stemmen eines ausgewachsenen Rindviehs. So ein graziles Rindvieh in rosa Plüsch mit Schaum vor dem Mund, muh muh muuuh und trampelt den geschmacklosen Laden und die geschmacklosen Gäste nieder und tanzt auf den Hinterbeinen beschwingt einen Polka und sieht seine verflachten Artgenossen und dreht sich im Kreis und verdreht die Augen und dreht durch und stürzt sich gackernd in das Pommesfett; geht heroisch unter, schweigend mit verschränkten Hufen, ernstem Blick, stoisch wie ein buddhistischer Mönch im Feuer. Diese Geschmacklosigkeiten. Ich stehe neben mir, ganz sicher; auch wenn da kein Platz ist.

Man sieht sich um, lacht sich insgeheim ins Fäustchen, weil man argwöhnt, dass manche Servicekräfte ihr Gehalt in Burgern ausbezahlt bekommen. Da dieser Gedankengang bösartig, krank und völlig geschmacklos ist, verwirft man ihn wieder. Selbsterhöhung durch Erniedrigung, Erniedrigung durch das Selbst, wie tief kann man noch sinken. Diese Geschmacklosigkeiten. Was für eine Brutstätte.

Man sieht nach vorn, nur noch 18 Leute in der Schlange. Blick nach links, eine knapp 14-Jährige mit goldenem Gürtel, Top bis zum Bauchnabel und Tanga bis zum Haaransatz, sie schmatzt ihr Kaugummi in Moll. Daneben ihr diamantverzierter Gangsterfreund, dessen Gesicht einem Burger unheimlich ähnelt. Unheimlich. Woher ein durchdrehendes Rindvieh nehmen, wenn man mal eins braucht. Ich würde es Herrn Claudius den III. nennen, würde sagen: Herr Claudius der III. so nicht, aus, böses Rindvieh, du sollst den Gangster nicht sofort ins Pommesfett schmeißen, gut Braten will Weile haben, lass dir Zeit, Claudius (der III.). Diese Geschmacklosigkeiten. Gäb's keine Misanthropen, sie würden hier entstehen.

Man dreht sich weg. Rechts der Fernseher. N-TV, Bericht: 2. Weltkrieg, man verharrt. Eine Welt in schwarzweiß, fast angenehmer als diese hier, mal von den Granaten und den Häusern und den Leichen abgesehen. Das ist ästhetisch ja eher gewagt. Eher fragwürdig. Aber zumindest die Löcher sind fast systematisch platziert, immerhin!, immerhin, das lässt die Hand des Menschen vermuten, das ist ja fast schon wieder modern, kommt ja alles wieder. Die Geschmacklosigkeiten.

Man steht vor der Bedienung, denkt an ihr Gehalt, bekommt erst ein schiefes Grinsen, dann ein schlechtes Gewissen und starrt dann auf die Tafel. Überlegung. Womit quält man sich vorzugsweise? Die Qual der Wahl und kein Rindvieh, das helfen mag. Überlegung. Was würde Claudius der III. tun? Überlegung. Dafür muss Zeit sein - vor 31 Minuten wusste man schließlich noch, was man wollte. Aber man vergisst. Man vergisst sich selbst in solchen Umgebungen, unter solchen Umständen, in solchen Geschmacklosigkeiten.

"Maxi-Menü Royal TS, Pommes, Cola, ohne Ketchup, ohne Mayo, zum Hieressen, danke" murre ich gequält. Ist nicht ihre Schuld. Ist ja nicht ihre Schuld. Hat ja keiner Schuld. Ruhig Claudius, guck einfach nicht hin. Guck weg, Claudius (der III.), das machen die anderen auch. Sie hat nicht verstanden, ich höre mich dumpf wiederholen. "Oh, das dauert noch, das tut mir Leid, hier haben Sie ein Schild, ich bring ihn vorbei", zwitschert sie mir entgegen. Ich mag ja höfliche Menschen, die noch im Höllenkochtopf schmorend ihre Gelassenheit behalten und eine freundliche Antwort geben. Manchmal kann man nicht mehr geben, da gibt man alles, wenn man „bitte“ oder „danke“ sagt. Ich mag solche Kämpfernaturen. Nicht so Claudius der III., der hätte sich ja halb weinend halb wiehernd ins Pommesfett geschmissen, der kann ja auch nichts ab, diese Memme, dieser Elfenbeinturmbewohner, dieser Realitätsverweigerer. Also Warten. Wenn Godot nicht kommt, dann bleibt's bei Gammelfleisch.

Grummlige Drehung, Platzsuch-Blick, Ah-Da-Moment, Hinsetzen, Mustern der Umgebung. Man sollte in den Park gehen. Aber die Vögel und Bäume und Winde würden einen ausstoßen, wenn man sich so überhaupt in den Park traute. Die gemeine Parktaube würde trotz all ihrer Neurosen eine Pickpause machen und einem gehörig auf den Kopf kacken. Wie sich das gehört. Vielleicht würde ich diese ganz besondere Taube den gefinkelten Ferdinand nennen. Er würde mich begleiten. Als treuer Kumpan. Als mein Assistent. Ich würde sagen: Herr Ferdinand, sollte meine absurde Wenigkeit abermals so eine Bockmistmission planen, dann hat er meine uneingeschränkte Erlaubnis, - ich würde ihm allein aus Respekt vor seiner Arbeit mit der größten Höflichkeit begegnen -, mir so gewaltig wie formvollendet und treffsicher auf den Kopf zu kacken, dass es spritzt. Damit ich was merke, sollte ich mal nichts mehr merken. Ja, das könnte klappen. Es muss. Man vergisst sich so schnell. Man braucht hin und wieder jemanden, der einen daran erinnert, wer man ist. Aber heute nicht, heute bleibt man, heute bleibt man notgedrungen man selbst und hier. Wenn geißeln, dann konsequent. Ein Fernseher. Also ein Hinseher, der so groß ist, dass auch die Kurzsichtigen ihrem Verstand unbezahlten Urlaub geben können. Man guckt nicht fern, nicht in die Weite, nicht in die Tiefe, nicht in sich hinein, man guckt hin und weg, erst ein wenig hin, und dann hinein, und sobald man drin ist: weg. Man will eigentlich nur weg. Man entfernt sich vom Leben und sich selbst: Fernseher vs. Entferner. Im Hinseher läuft:

N-TV, 2. Weltkrieg, brennende Leichen und dazu der aufdringliche Geruch des Fastfoods. Was hier verheizt wird. Die Servicekraft bringt das Essen. Mh. Nomnomnomnom, her mit dem Gift, hinein damit, nimm das, du schwache Kreatur. Lass es dir richtig gut schmecken. Und hör nicht auf den Darm, der hat doch keine Ahnung. Sieh dir mal die goldgelben Pommes an und die Werbung, überall die glänzende Werbung zu den goldgelben Pommes. Wohl bekomm's! Genieß diese schmackhaften Geschmacklosigkeiten.

Die Pommes starren mich verständnislos an und der Burger..., ich muss an 15-jährige Gangster denken, beiße aber doch missmutig ab. Dazu ein Schluck Cola, Spülen und nebenher ein wenig hinsehen: Granaten in Häuser, Granaten in Bunker, verstümmelte Männer mit einem Bein, verstümmelte Männer ohne Bein, Frauen ohne Männer, mein Burger könnte heißer sein. Und überhaupt, wenn man einen schon warten lässt, könnte der Käse wenigstens geschmolzen sein. Im Hinseher fällt ein brennender Soldat in den gelb-sandigen Matsch, bleibt liegen, sein Helm wird noch von einer Kugel durchlöchert, ich kaue an einer goldgelben Pommes.

Dann ein Flammenwerfer auf 10 Uhr, auf was für eine Entfernung, das ist doch ganz erstaunlich, dass aus so einem kleinen Rucksack so viel Feuer kommt. Die brennen ja wie Claudius der III. im Pommesfett. Und dann dieser Stabgranatenregen zum Geläut des Doms. Ding-Dong-Bums! Fast wie der gefinkelte Ferdinand. Fast poetisch, oder wie sagt man?: Krass. Bzw. kross, aber gesalzen sind die goldgelben Kartoffelstäbchen nicht wirklich. Stabgranaten für die Soldaten, Kartoffelstäbchen für uns. Aber alles kommt wieder, früher oder später, in welcher Form auch immer. Aber irgendwie öden mich die Pommes an, sie wirken auf dem Tablett wie die Leichen bei N-TV.

Auch der Royal TS hat seinen königlichen Reiz verloren. Auf schlammbedeckten Straßen kriechen Kinder in zerbombte Häuser und der heiser-polemisch vor sich hin schreiende und tanzende kleine Mann streichelt seinen Schäferhund. Ein goldiges Tier. Ein ganz Lieber bestimmt. Gibt einem vielleicht die rechte Pfote. Das ist raffiniert gemacht: Neben dem Hund wirkt die Bestie wie ein Mensch. Wie ein ganz normaler Mensch aus unserer Mitte, der seinen Hund streichelt. Und wer Tiere liebt, kann ja kein schlechter Mensch sein. Das sagte jedenfalls früher mal ein Philosoph und danach einer im Hinseher und der wird’s ja wohl wissen. Ob es bei McDonalds in China den Mc Dog gibt? Ach, die Geschmacklosigkeiten.

Die Cola ist beinahe leer; der Flammenwerfer wurde getroffen und fällt brennend in eine Pfütze. Plotsch. Er explodiert effektarm. In einem Actionfilm würden die Gedärme spritzen. In 3-D sogar um einen herum, so ein bisschen Darm links vorbei und ein wenig Darm rechts vorbei, und das noch schlagende Herz so voll auf die Zwölf und jeder fasst sich an den Kopf und will sich vom Herzen säubern und alle so WHOAA! und so, dass man das Gefühl bekommt, man würde sich in all diesem Gedärm verheddern und verstricken und vergessen.

Ich schlucke, meine Herren, die vielen Kalorien – ob das gut war, das war bestimmt nicht gut, so eine Geschmacklosigkeit; wenn ich Herr Claudius der III. und ein sensibles Rindvieh wäre, ja, vermutlich würde ich mich dann auch hysterisch lachend ins Pommesfett stürzen. Aber so bleibe ich sitzen und sehe hin und esse und trinke, bis alles leer ist. 


Tags: Claudius der III., der gefinkelte Ferdinand, Gedärmspektakel, verdauen muss jeder, hinten kackt die ente, Hitler und sein Hund, Pommesfettfest, Rinderwahnsinn
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8 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Kommst du klar im Alltag?

    07.10.2012, 02:16 von Tora
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  • 1

    Bitte ein Buch in dem Schreibstil!

    07.10.2012, 00:23 von Wasisteloquent
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  • 1

    aber wie kann denn der gelb-sandige matsch gelb sein, wenn alles in schwarz-weiß ist. :)


    abgesehen davon, ne runde sache mit einem schönen schreibstil 

    04.10.2012, 09:28 von FrauTina
    • 0

      ja äh... da hast du völlig Recht ^^ so gefärbt kann Erinnerung/Phantasie sein, bzw. das von der Wahrheit (was ist schon die Wahrheit) entfernende Schreiben sein. Abgesehen davon: Danke dir :)

      08.10.2012, 00:34 von Alceste
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Hochamüsantes Gedankenkarussell. Von welchem Dom ist denn die Rede?

    03.10.2012, 02:24 von justanotherpicture
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  • 1

    Man, so bösartig und realistisch, zum Tod lachen noch dazu, schreib bitte ein Buch hha 

    02.10.2012, 13:40 von ahimas93
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  • 2

    Menschenmast an Kriegsschauplatz. Filigran eingedickt und abgefackelt. Voll das böse HappyMeal.


    Ich wähl' sie wieder Burgermeister! 

    02.10.2012, 10:23 von Kokomiko
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