FinnChristoph 14.11.2010, 03:52 Uhr 4 4

Rotbart

...

Vor einigen Jahren, während der Spätschicht auf einer Intensivstation, wurde ein Mann eingeliefert, der in der Psychiatrie einen Suizidversuch unternommen hatte. Sein Zustand war kritisch und wir mussten schnell handeln.

Man hatte ihn in einem Zimmer untergebracht, das jede Selbstverletzung nahezu unmöglich macht. Pflegekräfte kontrollierten es engmaschig, um seiner Suizidalität keinen Raum zu geben.

Also band der Mann sein Hemd zu einem Strick. Er legte es um seinen Hals, kroch in Bauchlage unter das Pflegebett und verknotete das andere Ende der Schlinge fest am Lattenrost. Er griff nach dem Bedienungsmodul des Bettes, um es so weit wie möglich nach oben zu fahren und langsam zu ersticken. Dann legte er beide Hände auf den Hinterkopf, um noch mehr Druck auf seine zugeschnürte Kehle ausüben zu können. Man sagt, dass er regungslos und konzentriert darauf wartete, das Bewusstsein zu verlieren. Als man ihn fand, hatte er aufgehört zu atmen.

Nachdem wir ihn stabilisiert hatten, stand ich noch eine Weile in seinem Zimmer und sah ihn an. Das wallende Haar und der rote Bart, die Hämatome an seinem Hals und die Herzschläge auf dem Monitor.

Ich erinnere mich daran, dass ich beeindruckt war, wie laut der Tod einen Menschen zu rufen vermag.

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4 Antworten

Kommentare

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    erdrückend.

    10.01.2012, 19:51 von mo_chroi
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    Ich hab neulich zu nem ähnlichen Thema nen Bericht im TV gesehen, wo ein pensionierter Arzt, der manisch-depressiv war, sich bei seinem geplanten Selbstmord in der Schweiz hat helfen lassen.
    Das fiel mir beim Lesen des Textes grad ein.

    06.03.2011, 15:18 von topfbluemchen
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    Du schreibst gut.

    23.02.2011, 21:52 von drehmoment.
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    ... und wie wenig psychiatrische Instanzen tatsächlich zu "ändern" vermögen.

    14.11.2010, 15:20 von MyaBeer
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