Shehera 11.08.2009, 16:05 Uhr 9 1

Rollenprobleme

Früher mal war alles irgendwie klarer. Auf der Bühne gabs nur Männer, in der Küche hinterm Herd Frauen, Männer Jäger, Frauen Sammler.

Frauen hatten keine politische Rechte, das haben nämlich die Männer gemanagt, mit der Politik, Männer zogen in den Krieg und Frauen schrieben Briefe.

Meine Freundin erzählte mir vorhin von ihrem Date. Der totaaale Macho. Der wird sie nie wieder sehen. Nach dem Essen gabs getrennte Rechnungen, er hielt ihr nirgends die Tür auf und zum Auto hat er sie auch nicht gebracht.
Mein Bruder und sein Freund haben eine sehr liebevolle Beziehung, meistens zahlt mein Bruder, dafür kocht sein Freund meist und putzt auch eigentlich immer, wenn ich sie besuche.
Eine gewisse Judith Butler schrieb mal was über das Unbehagen der Geschlechter. Kann ich nachvollziehen. Man weiß ja nicht mehr so genau, wie weiblich man jetzt sein kann, oder wie männlich man sein muss. Da fängt es allerdings schon an. Was ist denn nun bitte männlich?
Hitzig überzeugt erzählt jener etwas von biologisch natürlich und Trieben und abnormalem Verhalten, diese spricht näselnd von gesellschaftlicher Konstruktion und Machtkonstellationen und Feinden, und ich steh etwas unentschlossen mit meinem in diesem Moment zu kurzen Kleid und den High Heels in der Mitte. Feinde? Wer jetzt?

Eine gute Bekannte, die auf dem Land wohnt, ist immer wieder Gesprächsthema bei den anderen Müttern aus dem Kindergarten. "Die kriegt das doch nicht wirklich alleine auf die Reihe." "Oh guck mal, ihre Kleine hat ja schon wieder einen Fleck auf dem T- Shirt." Alleinerziehende Mütter sind heute durchaus besser abgesichert als noch vor 50 Jahren, aber gesellschaftlich irgendwie immer noch nicht akzeptiert. "Die kann wohl nicht kochen."

Und völlig exotisch ist der alleinerziehende Vater. Als seltenes Exemplar seiner Art streift er auf der Suche nach Nahrung durch die Supermärkte seiner Stadt, streichelt dabei seinem Sohn den Kopf und erntet entsetzte Blicke in der Schlange wenn er sagt: "Wenn du am Sonntag wieder von der Mama heimkommst, dann gehen wir beide noch zur Oma."

Beauvoir hat in ihrer Bibel der weiblichen Emanzipation in der Einleitung phänomenologisch argumentiert, und das ist auch in dieser ganzen gender studies Geschichte noch mit am einleuchtendsten.

Aber wie man dann ist und wird und was man eigentlich ist, und warum man irgendwie sein muss ist einerseits nicht mehr so genau definiert, andererseits immer noch erschreckend tief in manchem Kopf festgefahren.

Singles gelten scheinbar als tendenziell unglücklich, Männer die nicht Fußball oder Formel 1 gucken als seltsam, Frauen, die gerne ein schönes Dekolleté tragen als Schlampen.
Und Ehepaare, die keine Kinder haben, sind vermutlich asozial oder ein Teil ist unfruchtbar.

Ich habe das Problem meiner Freundin, die in einer IT- Firma eine Abteilung leitet, in der ihr nur Männer unterstehen, und die es auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn in geschäftlichen Angelegenheiten ihre Weiblichkeit betont wird, nicht ganz verstanden.
Mir wirft sie regelmäßig vor, ich würde mich zu sehr zum Hausmütterchen meines Freundes machen, der mir regelmäßig frische Blumen schenkt, mit fast immer die Tür aufhält und beim Essen gehen ganz selbstverständlich die Rechnung übernimmt.

Mal sehen wie das in 50 Jahren aussieht mit der Rollenverteilung. Vielleicht herrscht bereits eine gynozentrische Gesellschaftsstruktur oder vielleicht wieder ein Leben ohne Frauenwahlrecht, weil ein neuer Irrer der Frau die Vernunft abgesprochen hat.
Oder vielleicht, aber sehr unwahrscheinlich, verbreitet sich doch mal die Einsicht, dass wir es auch irgendwie leichter haben könnten. Ohne diese Rollenbilder.

1

Diesen Text mochten auch

9 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Gähn ...!!!

    Irgendwie ist das alles soweit weg von meiner Wirklichkeit. Bei uns macht der die Tür auf, der ihr am nächsten ist, und bezahlen tut der, der gerade genügend Geld dabei hat. Blumen bringt der mit, der an den anderen gedacht hat, putzen tut der, der Lust und Zeit hat. Von Fußball hat mein Freund keine Ahnung, ich erklärs im gerne, Formel 1 finden wir beide doof.

    Wie es aussieht sind wir in der Außenwirkung anscheinend ganz schön seltsam. Na und, mir doch egal!

    05.05.2011, 12:12 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Rollenbilder sind toll.
    Sie sollten nicht zu Dogmen verkommen oder sklavisch dem biologischen Geschlecht zugeordnet werden.

    Frauen, die ein Problem damit haben, daß ihnen die Tür aufgehalten wird, haben... nuja... ein Problem.
    Vieles hätte einen Sinn, wenn es einen Sinn hätte.

    Deine Freundin und ihre Aversion gegen die Betonung von Weiblichkeit kann ich nachvollziehen.

    Ich kenn eine, die war in den siebzigern eine von drei (!) Frauen, die bundesweit da gearbeitet hat, was heute im allgemeinen IT-Abteilung heisst. Die kann auch lustige Chauvi-Anekdoten erzählen...

    05.05.2011, 11:50 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    »Männer Jäger, Frauen Sammler.«

    Grober Unfug

    05.05.2011, 11:43 von sailor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Simone de Beauvior genau wie Judith Butler betrachte ich eher kritisch. Erstere argumentiert meist zu stark emanzipatorisch und Butler verliert sich teilweise selbst in ihren abstrus-philosophischen Argumentationen. Viel interessanter finde ich hierbei Hirschauer, der untersucht, wie die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern übehaupt gemacht wird, warum genau eigentlich nach Geschlecht unterschieden wird.

    Die praxeologische Perspektive dabei ist sehr interessant, wenn auch nicht immer einfach, kann ich nur ans Herz legen, da mal reinzulesen. Anschaulich wird das ganze unter anderem bei Breidenstein, der vor allem bei Kindern und Jugendlichen einige Feldforschung betrieben hat. Lesenswert!

    05.05.2011, 11:26 von srsly_improvable
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Dem öffentlichen Anschein nach wäre ich also unglücklich und seltsam...
    Schöner Artikel. Dabei geht es Männern teilweise nicht anders. Das emanzipatorische "Danke, ich kann auch alleine eine Tür öffnen" sorgte bei mir später oftmals für ein gewisses Zögern, wenn ich einfach "nur höflich" sein wollte. Wieviel Höflichkeit ist einem Mann noch erlaubt, ohne den Eindruck erwecken zu wollen, der Frau gewisse Fähigkeiten (wie z.B. Türen öffnen) abzusprechen...

    Das ließe sich noch immer weiter fortführen :-)

    30.04.2011, 20:00 von MadActor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Diskutabel. Sehr diskutabel.

    Lesbar. Ernsthaft. Witzig, wie die Welt!
    Abendfüllend. Danke.

    06.12.2010, 22:31 von Kokomiko
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare