nyx_nyx 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 24

Reset und Reboot sind zwei Paar kaputte Schuhe

Immer wenn statt Vogelgezwitscher das Surren der Drohnen zu hören war, wussten wir, dass es bald wieder Einschläge geben wird.


Jedes Mal, wenn ich hier am Brunnen sitze und die Menschen beobachte, versuche ich die Welt zu verstehen und etwas zu fühlen. Ich sehe ein streitendes Paar, er trägt die Einkäufe, sie schiebt den Kinderwagen, darin ein schokoladenverschmiertes Gesicht. Eine alte Dame mit Rollator, wie sie versucht, ihr Leben selbständig hinzubekommen; zwei Männer, die Hand in Hand gehen. Gurrende Tauben, das Plätschern des Brunnens, Kinderlachen, Skateboards auf Asphalt, Gesprächsfetzen, in der Ferne die Kirchturmglocken, der stockende Feierabendverkehr. Der Rauch meiner Zigarette mischt sich unter die Eindrücke, die ich nicht zuordnen kann – und trotz aller Bemühungen, fühle ich nichts. Zumindest nichts anderes, als das einzig folgerichtige Gefühl, wenn kein Funke an Zuhause erinnert, mir keines der Gesichter bekannt ist, es kaum Vertrautes gibt.
Zwischen all der Fremde bin ich derjenige der fremd ist und es ist schwer, nicht zu hassen, wenn der Mut gebrochen und der Hunger nach Leben genommen wurde. Die furchtbaren Dinge, die ich in meinem Herzen spüre, sind das Ergebnis dessen, was ich gesehen und erlebt habe. Und dann ist man gezwungen, Entscheidungen zu treffen, die nicht nur das eigene Leben von Grund auf verändern.

Vor 10 Jahren hätte ich meinen besten Freund beerdigen sollen. Wir gingen viele Jahre gemeinsam zur Schule, normalerweise versuchten wir, an der Ecke aufeinander zu warten. Wer zuletzt kam, musste auf dem Gepäckträger fahren, wer um 10 nach 7 nicht da war, musste alleine zu Fuß gehen, war es zu gefährlich, kehrte man um und blieb Zuhause – so lauteten drei unserer Regeln, von denen es viele gab. In einer solch unsicheren Umgebung braucht man das, um sich an etwas festhalten zu können und ein wenig Ordnung zu schaffen.
An diesem Morgen war ich spät dran, da ich das kürzeste Streichholz gezogen hatte und somit nach meinen vier Geschwistern als letzter ins Bad gehen konnte. Die Streichhölzer kamen immer dann zum Einsatz, wenn wir alle gemeinsam im Keller schlafen mussten, außer Papa, der schnarchte zu laut, hielt nachts Wache und schlief erst, als wir in der Schule und damit andere für unsere Sicherheit verantwortlich waren.

Wie ich ihn kannte, rechnete mein bester Freund mit meinem Zuspätkommen, so wie er wahrscheinlich auch mit der Rakete gerechnet hatte. Immer wenn statt Vogelgezwitscher das Surren der Drohnen zu hören war, wussten wir, dass es bald wieder Einschläge geben wird und hofften, dass es niemanden trifft, den wir kennen. Die ersten Minuten im Unterricht waren sehr still, man sah sich um. Die Lehrer konnten uns meist erst Tage später sagen, warum der Sitzplatz leer bleibt. Dann folgte ein kurzes, gemeinsames Gebet und der Alltag nahm seinen Lauf. Ich wünschte, es wäre immer so einfach, ich wünschte, Kalil wäre an diesem Tag zurück nach Hause gefahren. Ich musste ihn anhand der Papiere identifizieren, die er, wie jeder von uns, als Vorsichtsmaßnahme bei sich trug. Nichts anderes blieb übrig. Mit ihm wurde ein großes Stück von mir in Fetzen gerissen, ich hoffe nur, dass ihm die Rakete diesen Schmerz ersparte, den ich seither in mir trage.


Sehe ich mir meine jetzigen Tage an, an denen ich zwischen fröhlichen Menschen als der einsame, rauchende Fremde sitze, oder abends im Bett wachliege, quälen mich Gewissensbisse und mir wird klar, dass ich den Großteil meiner Zeit damit beschäftigt bin, mir Sorgen zu machen. Sorgen um meine Familie, um meine Heimat, um die Zukunft der Welt. Dabei weiß ich objektiv betrachtet, dass ich es hier gut habe. Ich fahre ein Auto, habe mich an den Geschmack von Bier gewöhnt, habe geheiratet. Insgesamt fühle ich mich außerhalb meiner Träume sicher. Falls ich eine Fußballspielübertragung sehen möchte, werden keine Drohnen geschickt, um das Signal zu stören und mich zu filmen. Niemanden interessiert es, dass ich eine eigene Auffassung meiner Religion habe, es ist in Ordnung, sich durch diverses Essen zu probieren und ich kann sorglos durch die Straßen und einkaufen gehen, ohne beklaut zu werden. Nur wenn ich in Clubs feiern gehe möchte, sollte ich vermeiden meinen andersfarbigen Ausweis vorzuzeigen. Sobald sie sehen, dass ich zwar eine Aufenthaltserlaubnis habe, aber faktisch staatenlos bin und deswegen nicht abgeschoben werden kann, lerne ich, dass ein schlichtes Dokument Feinde schaffen kann.

Wenn ich im Dunkeln sitze und meine Heimat im besetzten Staub liegt, gibt es nicht mehr viele Grautöne und es fällt mir schwer, die schönen Momente in dieser völlig anderen, heilen und bunten Welt zu würdigen. Ich weiß, dass die Menschen sehen, dass ich nicht von hier bin, weiß aber nicht was sie über mich denken. Vielleicht besser so. Wenn ich gefragt werde, ob ich ‚auch antisemitisch‘ bin, ob ich die angeblich vielen Vorteile genieße, mit einer deutschen Frau verheiratet zu sein, ob ich die deutsche Staatsbürgerschaft oder doch lieber zurück möchte, merke ich, dass die Menschen keine Ahnung haben, was es bedeutet ein solches Leben zu bestreiten. Ich weiß nicht woher all die Vorurteile kommen und schäme mich automatisch für meine Landsleute, die ich dafür verantwortlich mache.

Ich habe keinen Schimmer was Kaffeekränzchen bedeutet, was der Unterschied zwischen einem Grübchen und einer Grube ist, oder welchen Artikel Butter hat, doch ich habe gelernt, mich in ihrer Sprache mit ihnen zu unterhalten und versuche zu verstehen, wie das Miteinander funktioniert. Ich passe mich an. Ich trenne meinen Müll, frühstücke und höre westliche Musik. Ich lerne neue Menschen kennen und freunde mich mit ihnen an, erweitere meine Sprachkenntnisse, lerne ihre Kultur und von ihren Erfahrungen. Ich weiß, dass hier Hunde erzogen werden, wie Kinder spielen und dass man nicht darüber sprechen sollte, dass man in kürzester Zeit ein Gewehr auseinander und wieder zusammenbauen kann, weil man kein anderes Spielzeug besaß und keine Möglichkeit hatte, auf der Straße Ball zu spielen.

Meine Familie sagt mir regelmäßig, es gehe ihnen gut. Telefonate sind nicht möglich, daher nutze ich Facebook, um irgendwie in Kontakt zu bleiben. Ich wünschte ich könnte es sein lassen, Nachrichten zu lesen. Ich bin dankbar über die Chance eines waffenfreien Neustarts, auch wenn er mir die Erinnerungen an mein früheres Leben nicht nimmt. Immerhin Europa kann ich ohne Visum bereisen, ich arbeite viel, studiere im Master, dolmetsche nebenbei für andere, die es wie ich lebendig weg geschafft haben. Ich setze ein Lächeln auf, wenn ich nach meiner Herkunft, kulturellen Unterschieden oder nach den politischen Disputen und erlebten Kriegen gefragt werde, möchte keinen Ärger machen. Ich möchte helfen und fühle mich hilflos. Neue Freunde lenken mich ab und trösten ein wenig über düstere Gedanken hinweg. Meine Frau gibt sich Mühe, mir das Gefühl zu vermitteln, ein neues Zuhause zu haben und dass Unterschiede keine Rolle spielen. Alle finden toll, dass ich mich integriere und zeigen mir dabei täglich in den kleinen Dingen, dass ich dennoch immer ein Fremder sein werde. So fremd, wie mir mittlerweile meine eigene Heimat erscheint, die ich nicht besuchen, jedoch auch nicht abschütteln und hinter mir lassen kann.

Dann kommt meine Frau zufrieden lächelnd mit vollen Taschen aus dem Laden. Das Wort Schnäppchenjägerin hat sie mir beigebracht. Sie kennt nur einen Bruchteil meiner Geschichte und ausschließlich ihre schillernde Welt. Ich drücke die Zigarette aus, sie hilft mir vom Brunnen auf und fragt mich, was ich heute Abend koche – sie hat ihren Hunger nie verloren und ich tue alles dafür, dass das so bleibt.

24

Diesen Text mochten auch

16 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Whenever I visited this blog I always find some new and informative articles. Actually I am from Dissertation Editing and Proofreading Service and I always looking for some new topics for my articles.

    21.06.2018, 08:31 von sarahtaylor
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ah.. und gut, dass der Teaser geändert wurde.... den anderen fand ich reichlich unpassend... da hätte ich nicht draufgeklickt.

    26.08.2016, 10:47 von Tanea
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Mich stört daran wirklich nur eines... die Passage, wo erklärt wird, dass die Sprache nicht komplett beherrscht wird... das passt für mich nicht zum perfekten Aufbau von Text, Gramatik, Rechtschreibung usw.... aber vielleicht bin ich da auch einfach zu einfallslos.

    Ansonsten nimmt mich der Text in Gedanken mit.

    Danke fürs teilen!


    26.08.2016, 10:46 von Tanea
    • 0

      :)
      Ja, wenn du es so sagst, ergibt das Sinn, weil aus der Ich-Perspektive.
      Hab ich so nicht drüber nachgedacht. Danke!

      26.08.2016, 10:59 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ich finde das alles sehr einfühlsam. andererseits sind mir da zu viele inkonsistenzen und recherchefehler drin (staatenlos trotz deutscher gattin; das vogelgezwitscher, das vom surren der drohnen verdrängt wird; das kind im kinderwagen, dessen schokoladenverschmierten mund man aus sicherer distanz sieht usw.)

    23.08.2016, 22:18 von udo_juergens
    • 1

      :)

      Das sind keine Recherchefehler. Das ist, was ich mit den "angeblichen Vorteilen" meine. Nur weil man eine deutsche Frau heiratet, hat man nicht automatisch eine Staatsangehörigkeit. Wer aus Palästina kommt, ist nach wie vor staatenlos, da das Land unverändert besetzt ist.

      Sobald irgendwo Raketen niederprasseln, sind alle Vögel weg, und das nicht nur weil sie auch keine Bäume mehr haben, um sich zurückzuziehen. Auch ansonsten sieht man kein Tier mehr, das freiwillig auf der Straße ist, Hunde jaulen schon bevor die Raketen zu sehen sind, weil sie es zuvor spüren.

      Und von einer sicheren Distanz war keine Rede. Vielleicht ist das Paar ja ganz dicht an ihm vorbei gegangen? Ich sehe im Normalfall auch aus mehreren Metern entfernung, wenn ein im Kinderwagen sitzendes Kind ein schmutziges Gesicht hat, da gehört nicht viel dazu.

      Danke für deine Lesezeit und die Auseinandersetzung mit der Geschichte.

      24.08.2016, 11:54 von nyx_nyx
    • 0

      ja, das mit dem kinderwagen lässt vielleicht auch spielraum für andere
      assoziationen. bei mir war es aber so: wenn im kinderwagen offenbar nur
      das gesicht des kindes hervorguckt, stelle ich mir vor, dass es
      zugedeckt im kinderwagen liegt, also in einem von den modellen, bei
      denen man normalerweise nur von oben hineinsehen kann, und wenn das paar
      gerade streitet, fand ich es naheliegender, dass es sich nicht direkt
      vor der nase des erzählers befindet.

      25.08.2016, 07:43 von udo_juergens
    • 1

      Ich hoffe einfach mal, dass Kinder die in so einem Wagen liegen, keine Schokolade bekommen ;)
      Und schön, dass du in einer solch rücksichtsvollen Umgebung lebst, dass die Menschen zum Streiten extra ein bissken Distanz einräumen.

      25.08.2016, 11:34 von nyx_nyx
    • 1

      Wenn ich lese, dass ein Kind im Kinderwagen ein schokoladenverschmiertes Gesicht hat, dann gehe ich automatisch von einem Buggy aus und einem 3-4 jährigen Kind, das darin sitzt.

      26.08.2016, 10:43 von Tanea
    • 0

      So war es gedacht, ja, war auch mein Gedanke.

      26.08.2016, 11:00 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • 2

    sehr angenehmer Tonfall den du anschlägst! Sehr lesenswert

    23.08.2016, 11:57 von jakob2222
    • Kommentar schreiben
  • 1

    hätte ich mir länger gewünscht, den text. toll!

    23.08.2016, 10:48 von BlondBlauBloed
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Oh weh.

    23.08.2016, 08:37 von Hattori-Hanzo
    • Kommentar schreiben
  • 1

    schön leise und dabei nicht anklagend.

    gerne gelesen! 

    22.08.2016, 16:51 von jetsam
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare