SchwarzerKolibri 18.01.2019, 23:54 Uhr 0 0

Remember Aurora

Italien: Rassismus und plötzliche Polarlichter an dunklen Himmeln

Italien - Wein, Parmeggiano,guter Kaffee, traumhafte Strände. 

Italien - engstirnig, intolerant, rassistisch? 

Das menschliche Gehirn ist bilateral aufgebaut, es besteht also aus zwei Gehirnhälften. Übertragen auf meine jetzige Situation, wie ich hier im mailändischen Café sitze, etwas angeheitert vom Espresso Macchiato, könnte das heißen: eine Seite meines Gehirns liegt einem glänzenden Italien zu Füßen, einem Italien der Gastfreundschaft, des kulinarischen Paradieses, der südlichen Sonne die auf die sakralische Architektur strahlt. Die andere Seite…denkt nach, wirft skeptische Blicke hinüber auf das andere Ufer. „Halt mal“ wirft sie ein, „Erinnerst du dich an die Gruppe geselliger Männer die ihr letztens in einer bolognesichen Bar getroffen habt?“ Es waren vier Italiener, einer davon dunkelhäutig, ursprüglich aus Nordafrika. Alle sehr sympathisch, habt euch nett unterhalten. Plötzlich fiel dir auf, dass alle den dunkelhäutigen Kumpel nur „Negro“ nannten, sein wahrer Name, Henry, fiel kein einziges Mal. Halb belustigt, aber dennoch mit gerunzelter Stirn, fragte ich Henry: „Wirst du immer Negro genannt?“. „Ja“ antwortete dieser darauf, und fuhr fort: „Italien ist noch nicht so weit. Über Schwarze wird sich hier noch immer lustig gemacht, jeder Schwarze hier wird eigentlich Negro genannt.“ 

Was mich an Henrys nüchterner Festellung vorallem schockierte, war wie ruhig, ja beinah resigniert er sie machte. Und wieder klopft die andere Hirnhälfte an: „Erinnerst du dich an die Gastfreundlichkeit deiner Freunde? An die Kochkünste, die sie bei jeder Gelegenheit den deutschen Kommolitonen demonstrierten, an die netten Unterhaltungen?“. „Ja tue ich“ antwortet die Andere wieder „Aber, erinner dich an Aurora.“ Und dann fängt sie an die Geschichte von Aurora zu erzählen: 

Es war vorletzte Nacht in der Toilettenschlange eines Edelclubs in Reggio Emilia. Wir standen eng gedrückt zwischen spindeldürren Italienerinnen in der Kloschlange an. Alle Frauen um uns herum schienen in dem schwarz-glänzenden Versuch gefangen zu sein, ihre wichtigsten Körperteile mit dem kleinstmöglichen Stück Stoff zu bedecken. Als wir endlich an der Reihe waren, schoben sich drei Italienerinnen an uns vorbei. Drei Frauen, die die lange Schlange ignoriert haben und versuchten sich direkt in die Kabine vor uns zu schlängeln. Als wir anfingen auf italienisch - Englisch zu protestieren wurden wir schnell auf unmissverständliche Weise zum Schweigen gebracht, inklusive dramatischem Extension-nach-hinten-werfen und erhobenem Zeigefinger. Bevor die drei jedoch kichernd in der Kabien verschwanden, bekamen wir noch ein abschätziges „Where you from?“ entgegen geschrien. Das hätte sie lieber nicht getan, denn das war zu viel für das osteuropäische Blut meiner Begleiterin. Sie drehte sich zu mir und den anderen Wartenden um und ahmte — (nur leicht) überzogen — die Reaktionen der Frauen nach. Das alles, die ganze Szenerie, ist weiter nicht ungewöhnlich auf Damentoiletten von Nachtclubs, auch in Deutschland. Das Schockierende an der Situation aber war die Reaktion der anderen Italienerinnen. Kein Wort haben sie während des gesamten Vorfalles verloren, beschämt schauten die meisten zu Boden, in einer stummen, einmütigen Unterlegenheit. Nur eine Italienerin mit Nasenring klopfte dann am Ende doch noch meiner Freundin auf die Schulter. Nie würde sich eine der anderen Frauen trauen den Frauen etwas zu entgegen zu sätzen, geschweige denn sich öffentlich über sie lustig zu machen, erzählt sie. Außerdem, gesteht sie uns, dass das Verhalten der Frauen daran gelegen habe, dass wir Ausländer sind. Die meisten Italienerinnen mögen keine ausländischen Frauen. Vorallem die reichen Italienerinnen, sie gehen in den Club, bleiben unter sich und versuchen jeglichen Kontakt mit Lebewesen außerhalb ihrer Gruppe zu vermeiden. Und dieses Gruppenverhalten beobachten wir auch später in der tanzenden Menge. Keine der Frauen würdigt uns eines Blickes, vollkommen beschäftigt waren sie damit ihre dünnen Hüften zu schwingen, sich von der besten Seite, und vor allen Dingen, unantastbar, aussehen zu lassen. Meine Versuche andere Frauen anzulächeln, zu grüßen, werden kontinuierlich ignoriert. Nur mit einer Russin komme ich für kurze Zeit ins Gespräch. Wir sind geschockt und machen uns auf den Weg zum Ausgang. 

Da sahen wir Aurora. 

Aurora stand im Rahmen der Toiletteneingangs und fuchtelte gerade am Saum ihres Kleides herum. Sichtbar verzweifelt versuchte sie den viel zu kurzen Stoff so zu ziehen, dass er wenigstens ihre Brustwarzen verdecken konnte. Als sie uns im Vorbeigehen Englisch sprechen hörte, rief sie zu uns herüber, ob wir ihr kurz helfen könnten. Während ich ihre kleine Brust unter den Glitzerstoff zwang, erzählte sie uns, dass sie unseren kleinen Eklat auf der Toilette eben beobachtet habe. Sie drückte uns ihren Respekt aus und wie sehr sie sich freue, dass wir den Frauen etwas entgegen gesetzt haben. Und, zu unserer größten Verwunderung - entschuldigte sie sich dann, entschuldigt sich für den Ausländerhass den wir erleben mussten, der normal hier sei, wie sie uns wieder erklärte. Das sei wegen der mangelnden Bildung, fuhr sie fort, dem mangelnden Englisch und Interesses an der Welt außerhalb Italiens. “But please, remember we are not all like this.” waren ihre Worte zum Abschied, und in herzerwärmend talienischem Englisch fügte sie hinzu “Remember Aurora. “

Aurora, ein Polarlicht am nächtlichen Himmel, denke ich jetzt im mailändischen Café. Als ich plötzlich innehalte - was war das? Ein schnalzendes Geräusch vom Nebentisch, an dem ein dunkelhäutiger junger Mann sitzt. Augenblicklich bildet sich ein angewidertes Gefühl in meiner Magengrube, wie das meistens ist, nachdem ein fremder Mann öffentlich sein Interesse an einer Frau zeigt. Ich schaue nach links, einen wachsam prüfenden Blick an den Nebentisch werfend. Und sehe wie der junge Mann schmatzend an seinem Cappuchino nippt. Kazo, sage ich beschämt in mich hinein. Und denke an das russische Sprichwort, das mir ein Reisender gestern erzählt hat. “Schau immer erst in den eigenen Spiegel.”




Tags: Reisebericht, Reisen, Italien, Rassismus
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