Reise nach Jerusalem
Von der Schwierigkeit einen Platz zu finden
Der Tag beginnt wie immer. Ich wache auf, nachdem ich eine Stunde lang die Schlummertaste gedrückt habe. Um 09.03 Uhr stehe ich in der U-Bahn. Auf der Reise nach Jerusalem habe ich heute keinen Platz bekommen. Der Zug biegt in eine Kurve, ich verlagere mein Gewicht. In den Ohren die weißen Kopfhörer schlürfe ich meinen Latte Macchiato. Es läuft der Soundtrack meines Lebens, ohne dass ich wahrnehme, was um mich herum passiert. Ich bin so taub wie meine Generation. Und das meine ich wörtlich. Ich habe gelesen, dass junge Leute zu einem gewissen Grad bereits taub sind, weil sie ständig ein Rockkonzert im Ohr haben.
Am Alexanderplatz steige ich um und schalte von Automatik auf Manuell. Sich jeden Morgen einen Weg durch die Menschenmassen am Gleis zu bahnen, ist wie ein Wettrennen. Jeder will zuerst einsteigen, aussteigen, ankommen. Ich auch. Obwohl ich mich heute frage, warum ich es eigentlich so eilig habe. Auf mich wartet ein Tag in der Uni. Mit 23 stecke ich im zweiten Semester eines Englisch-Studiums. Es ist klar, dass ich es nicht zu Ende bringe. Aber irgendetwas muss ich machen. Vier Jahre sind seit dem Abitur vergangen. Vier Jahre, die dazu geführt haben, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin. Auf der Suche nach mir selbst bin ich per Ausschlussverfahren vorgegangen:
Den Studienplatz bekam ich, weil ihn ein anderer nicht wollte. Zuweilen sitze ich in der Bibliothek oder Mensa und zappele mit den Füßen. Ich will eigentlich etwas anderes machen. Dagegen spricht die Angst, dass meine Suche nach einem Platz in der Gesellschaft von Arbeitgebern als Sprunghaftigkeit aufgefasst wird. Aber wie soll ich mich in einer Welt, in der mir jede Information zugänglich gemacht wird; in der ich Bücher, Schuhe oder Sex per Mausklick haben und problemlos in achtzig Tagen um die Welt reisen kann, jemals für nur eine Sache entscheiden? Das ist so, als würde ein Vater mit seinem Kind ins Disneyland fahren und ihm dann sagen, es müsse sich für eine Achterbahn entscheiden!
Endstation. Die Doppeltüren öffnen sich, ich tauche ein in den Strom aus Studenten auf dem Weg nach oben. Ich bin wütend. Auf mich selbst, auf die Welt, auf meine Generation und darauf, dass wir alle so verdammt anders sein wollen! Wir können alles werden, was wir wollen und leisten uns einen Kampf darum, wer am originellsten ist. Wir sind kreativ, wir machen was mit Medien, wir haben eine Spiegelreflexkamera und einen Blog, wo eine unikale Sicht auf die Welt geschildert wird. Wir kaufen die gleichen Markenprodukte, die wir personalisieren. Wir wissen, was Latte To Go, Status-Updates und DSLRs sind, googeln aber das Wort Apartheid*, um es korrekt zu buchstabieren. Wir sind nicht dumm, nein, wir sind nur verwöhnt, wir sind faul geworden. Wir interessieren uns nur für unsere eigene Entwicklung. Warum wir das tun? Aus demselben Grund, warum sich ein Hund die Eier leckt: Weil er es kann. Wir leben in Frieden, wir haben Geld, wir haben liebende Eltern. Wir sind Gewinner. Wir müssen etwas aus uns machen.
Ob wir wollen, hat keiner gefragt. Uns selbst eingeschlossen. Heutzutage muss jeder anders sein - genug Zeit für Selbstfindung ist schließlich da. Den Satz „Du siehst aus wie jemand, den ich kenne“ empfinden wir deshalb als Beleidigung. Wir sind Backpacker und in der Welt zu Hause, Flüge nach Asien kosten weniger als eine Zugfahrt nach München. Dass wir uns einsam fühlen und zurück in Mamas Bauch wollen, sagen wir nicht. Denn wer in diesem Zirkus verdient schon Mitleid, der sich jeden Job in der Manege aussuchen kann – einschließlich dem des Direktors? Nein, um Mitleid können wir nicht betteln. Darum ziehen wir in die Ferne, um uns selbst zu finden. Ein Widerspruch in sich. Wie sollen wir uns finden an Orten, die nichts mit uns zu tun haben?
Egal. Irgendwas werden wir finden, solange wir unseren eigenen Weg einschlagen. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Aber wenn alle gegen den Strom schwimmen, fließt er dann nicht bergauf? Sind wir auf dem Weg aus der breiten Masse nicht längst wieder zu Einheitsbrei verschmolzen? Und macht mich das, was ich tue glücklich? Ist es das, was ich will? Habe ich mich das jemals gefragt? Wäre es nicht besser, ja ehrlicher, aufzugeben und weiter zu suchen? Fordert es nicht viel mehr Mut, Neues anzufangen, anstatt durchzuziehen, was sich falsch anfühlt?
Ich bin an dem Punkt, den ich den "point of no return" nenne. Ich war oft hier in den letzten Jahren, die Umgebung ist mir vertraut. Eine Wüste. Niemand stört, niemand lenkt ab. Ich bin allein. Erleichterung. Ich darf aufgeben. Ich darf aufhören, so zu tun, als würde mir das Studium Spaß machen. Ich darf neu anfangen. Beim Film vielleicht. Ich wäre sicher eine gute Regisseurin und beim Film sind Lücken im Lebenslauf nicht mehr als die Narben geschlagener Schlachten.
Ich atme auf. Als ich in der Uni ankomme, bin ich frei. Menschen gehen an mir vorbei und ich kann aufhören, sie als Kommilitonen zu bezeichnen - den Ausdruck habe ich nie gemocht. In der Vorlesung schreibe ich nicht mehr mit. Wozu noch? Ich fange neu an. Ich beobachte die anderen, wie sie sich Mühe geben, dem Prof zu folgen. Sie haben diesen wissbegierigen Blick, in dem ich Zukunftsangst erkenne. Der Saal ist überfüllt, hier ist kein Platz für alle. Ich stehe auf. Sofort setzt sich einer, der vorher stehen musste. Soll er doch. Ich steige in die U-Bahn und finde hier einen Platz. Irgendwann werde ich nicht mehr anfangen. Irgendwann werde ich weitermachen. Ich bin erst 23. Das ist nichts! Ich habe noch so viel Zeit. Ich bin erst 23. Jerusalem ist noch weit weg.
*dieses Wort wurde erst später hinzugefügt.
*dieses Wort wurde erst später hinzugefügt.
Tags: Studium






Kommentare
Hm, steigste wenigstens in die U5 Richtung Hönow ein?
07.07.2012, 00:58 von stereoGhttp://www.youtube.com/watch?v=WctK5EI76mA
06.07.2012, 23:30 von gesaberlinOoch...
06.07.2012, 08:57 von sailorIch kann ja eigentlich diese Jammer-was-soll-ich-bloß-mit-mir-anfangen-Texte nicht mehr sehen, aber deiner ist zum einen ech mal gut geschrieben und zum andern reißt das Ende es voll raus. Für mich zumindest. :)
06.07.2012, 06:57 von halbkindmfIch/wir/Ich. Das finde ich interessant. Und wie geht es weiter?
06.07.2012, 05:38 von Mrs.McH