Shehera 30.06.2011, 23:31 Uhr 23 16

Reflexion über Liebe

In seltenen Momenten denke ich darüber nach, ob ich vielleicht schuld war. Schuld daran, dass du auf einmal von heute auf morgen weg warst.

Die vier Jahre waren immer sehr harmonisch gewesen, und für mich hatte sich nie angedeutet, dass es zwischen uns Schwierigkeiten gab.
Wir waren eigentlich ein Bilderbuchpaar.

Ich habe dich morgens immer gerne geweckt, dich gewaschen und angezogen, dir dein Frühstück gemacht und dann mit den Pflichten im Haushalt begonnen. Es war immer schön, wenn du dann auch irgendwann von der Arbeit heimgekommen bist. Das war ja sehr unstet, manchmal bist du auch erst am darauffolgenden Tag heimgekehrt. Das war nicht schlimm, ich wusste ja, dass du mit deiner Sekretärin in einem Hotel warst, oder eventuell mal wieder eine der Praktikantinnen mitgenommen hast.

Du warst immer sehr zuverlässig. Stets hast du mich angeschrien, wenn ich dir nicht das Essen zubereitet hatte, dass du erwartet hast. Das fand ich immer gut, schließlich soll man in einer Beziehung immer ehrlich zueinander sein. So konnte ich dir auch immer sagen, wenn mir etwas nicht recht war. Beispielsweise, als ich gegen die Anschaffung von Hagen war, da ich nach wie vor allergisch gegen Hundehaare bin. Dass du mir daraufhin eine gescheuert hast, war dein gutes Recht, schließlich habe ich da in deinen Kindheitstraum hineingefunkt. Und das sah auch immer zu komisch aus, wenn ich mich dann die ganze Zeit gekratzt habe, mit meinen roten Augen! Kein Wunder hast du dich dann immer bei deinen Arbeitskollegen über mich lustig gemacht, oder mich bei Besuch daheim gebeten, in der Küche zu bleiben.

Du warst immer so liebevoll. Selten hast du das Geschirr zu Boden geschmissen, wenn du mal wieder wütend warst, sondern es meist an seinem Platz stehen lassen. Ich konnte mich jederzeit mit dir vor den Fernseher setzen, also zu deinen Füßen. Und du hast mir dann immer so vertrauensvoll deine Füße hingestreckt, und meine Hände damit gestreichelt. Dann habe ich dir auch natürlich gerne dieselben massiert.

Wir konnten beide immer unsere Freiheiten ausleben. Du bist, ohne fragen zu müssen, mit deinen Jungs durch die Stadt gezogen und konntest Spaß haben. Immer wieder nett, wenn du erzählt hast, welche Toilette du diesmal genutzt hast, um es mit einer spontanen Bekanntschaft dort zu treiben. Oder wie du mich dann immer gebraucht hast, wenn du noch in derselben Nacht oder am folgenden Tag alles vollgekotzt hast.
Auch ich habe meine Freiheit genossen. Wenn ich mal nicht mit der Leine an die Heizung angekettet war, habe ich gerne deine Socken in einer von mir gewählten Farbe gestrickt und mal ein verrücktes Kuchenrezept ausprobiert.

Vielleicht war es dir manchmal zuviel, wenn ich nach mehr Schlägen gerufen habe. Oder ich habe nicht flehentlich genug gebeten, dass du endlich mit der Peitsche aufhören sollst. Vielleicht hätte ich mal unser Codewort "Hagen" nutzen sollen, aber mir war einfach nie danach. Möglich, dass dir das zu eintönig wurde. Daher natürlich auch deine wechselnden Partnerinnen außerhalb unserer Ehe.

Du warst immer sehr großzügig! Welch schönen Schmuck und welch schöne Kleider du deinen Affären immer geschenkt hast! Manchmal konnte ich dir beim Aussuchen helfen, das war immer ein Spaß! Ich brauchte das ja nicht, mir hat das ausgewaschene Leinenkleid gereicht, Unterwäsche mochtest du eh nicht an mir, und Schmuck hätte mich ja schrecklich bei der Gartenarbeit gestört. Wozu hätte ich auch dann eigenes Geld benötigt? Wenn etwas kaputt war, hast du es gekauft, sofern ich dir erklären konnte, warum ich das wirklich brauche. So wie bei der Waschmaschine, als du erkannt hast, dass es wirklich sehr zeitaufwändig ist, zum Fluss zu laufen und alles von Hand zu waschen.

Alles war immer sehr harmonisch.
Und dann warst du weg.
Und nun sitze ich hier immer noch, festgekettet an der Heizung, und weiß nicht, warum.

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23 Antworten

Kommentare

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    Verstehe ich nicht. Also, was dahintersteckt.

    Aber die Ironie ist mir hier zu simpel.

    06.07.2011, 18:26 von Zaqueisha
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    Da hat wohl jemand Nietzsches Geheimnis, das mit der Frau und der Peitsche, fehlinterpretiert?

    Ich weiß nicht so recht, ob ich den Text mag oder nicht, ich stimme im ersten Augenblick Red Sonja zu, wenn sie sagt, das Schiff sei gesunken, vielleicht auch Mystic Flower, wobei ich mir da auch nicht ganz sicher bin.

    Hm hm hm, was soll man mit diesem Text nur machen? Eine "Reflexion über Liebe" ist es keinesfalls, da fehlt das reflexive Moment. Vielleicht ist es eine surreal ästhetische Einleitung dazu, bei der man nicht genau weiß, ob weniger wirklich mehr gewesen wär...

    05.07.2011, 23:21 von Smileys
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      @Smileys PS, jetzt weiß ich was mich persönlich daran stört, nach dem Abschicken der Nachricht fiel es mir auf, die Rubrik "Geschlechterrollen", das ist des Pudels Kern, das Bedienen der Klischees..

      05.07.2011, 23:24 von Smileys
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    Gut zu lesender Text... baut eine Erwartungshaltung auf... die am Ende leider nicht ganz so erfüllt wird wie man es sich vielleicht gewünscht hätte... ^^... trotzdem guter Text! Danke...

    05.07.2011, 13:18 von Skywave
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    Hart.

    05.07.2011, 02:26 von JaneWirrLalaine
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    Etwas zu übertrieben, aber gute Grundlage.

    03.07.2011, 14:31 von LIEBEMACHEN.
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