Raunächte (1)
Der Franzose nippte noch immer an seiner Pfeife und leckte sich nach jedem tiefen Zug die Lippen wie ein maulwundes Schwein.
Als ich am Morgen nach dem Fest erwachte, hatte sich der Sturm gelegt. Die Fenster waren verschlossen und der Franzose saß noch immer auf seinem Stuhl in der Mitte des Zimmers, nippte an seiner Pfeife wie an einem Longdrink und leckte sich nach jedem tiefen Zug die Lippen wie ein maulwundes Schwein.
„Du stinkst.“, sagte er zu mir, kaum, dass er gemerkt hatte, ich schlief nicht mehr.
„Und du redest im Schlaf, dass man neben dir kein Auge zubringt, dabei kommt kein einziges Wort über deinen Mund. Du schnarchst wie ein Seemann und furzt wie ein Baby, das schlummernd an der Mutterbrust hängt. Es ist kein Wunder, dass sie dich hasst.“
Ich war nicht mehr schlaftrunken genug, um seine Worte ignorieren zu können, aber noch zu schwach, um aus dem Bett zu springen und ihm die Fresse zu polieren.
Der Franzose wusste das. Er wusste beinahe alles, was es über mich zu wissen gab und was er wusste, das plauderte er aus. Ich hingegen wusste so gut wie gar nichts über ihn; nur, dass er seit drei Nächten über meinen Schlaf wachte und mein Gewissen spielte. Ich war mir ziemlich sicher, dass er seinen Hintern in keiner dieser Nächte auch nur einen Zentimeter vom Stuhl erhoben hatte.
Seinen Namen kannte ich nicht. Er war mir als „der Franzose“ vorgestellt worden, auf einer dieser Partys, von denen man später weder weiß, wie man hin- noch wie man weggefunden hat.
Der Franzose, so hatte er mir selbst versichert, sprach nicht mehr als zehn Wörter Französisch – und die auch nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ, so sein Wortlaut.
Mir war das egal gewesen.
Er hatte neben mir Platz genommen, zu reden angefangen und damit begonnen, mit faszinierender Sorgfalt seine Pfeife zu stopfen. Es schien ihn nicht zu stören, dass ich ihm nicht zuhörte, sondern gebannt dabei zusah, wie seine feisten Finger eine kleine Menge Tabak aus einem Beutel klaubten, zu einem Kügelchen zusammenrieben und in einem ausgeklügelt scheinenden Verfahren im Pfeifenkopf platzierten.
Jede seiner Bewegungen war so eingeübt, so ritualisiert, dass ich mich der Eleganz darin nicht erwehren konnte.
Ich las in seinem Gesicht, während sein Blick seiner Beschäftigung galt, ließ mich einnehmen von jeder seine der Konzentration geschuldeten Stirnfalten und seiner exquisit gebogenen Nase, die wie der Prototyp des Riechorgans für Stammeshäuptlinge wirkte. Ich hing an seinen Lippen, die schmal waren und sich beim Sprechen kaum öffneten, was höchst erstaunlich war, denn der Franzose sprach mit einer so eindringlichen Gründlichkeit, dass das Gesagte fast visuell erschien.
Bei allem sprach er aber nicht scharf, sondern einfach nur sauber, jedes einzelne Wort war blankgeputzt und schob sich zwingend ins nächste und obwohl die Stimme des Mannes eher knarzig als melodisch klang, ergab sich auf diese Weise eine unwiderstehliche Musik. Verzaubert lauschte ich ihrem Klang, während ich die in ihrer Präzision anmutig erscheinenden Handlungen des Franzosen verfolgte. Ich hatte den Eindruck, ihm gefiel es, jemanden gefunden zu haben, der seinen Redefluss nicht durch mit hilfloser Höflichkeit vorgetragene Zwischenkommentare oder gar Fragen unterbrach. Irgendwann zündete er ein langes Streichholz an und zog die Flamme in den perfekt gestopften Pfeifenkopf. Trotz der mäßig lauten Geräuschkulisse aus Partymusik, Stimmengemurmel und Gelächter vermeinte ich ganz genau zu hören, wie sich der Tabak entzündete, wie die heiße Luft in die Fasern drang und der Brand in aromatischen Rauchschwaden an die schwach eruptierenden Wangenwände des Häuptlings gezogen wurde.
Wonach der Tabakrauch auch immer schmecken mochte, er zerkaute ihn mit Hochgenuss und einer Exaktheit, die der seiner Sprache in nichts nachstand.
Ich erinnere mich, wie er von Zeit zu Zeit zu einer der vielen Flaschen griff, die auf dem Tisch vor uns standen und mir daraus in mein Glas goss. Daran, wie ich es zum Mund führte und daraus trank, entsinne ich mich nicht.
Es kam irgendwann der Punkt, an dem ich in den Worten des Franzosen Platz nahm wie auf einem fliegenden Teppich und mich von ihm forttragen ließ in die stille Welt aus Bildern, die mein betrunkener Geist für mich ersann.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit verrenkten Gliedern und schmerzendem Nacken auf einer Couch, die ich mir mit ein paar Kissen teilte – und sonst niemandem. Der Pfeifenduft hing nun wie ein Gestank über mir, der Franzose hingegen war fort. Ich setzte mich auf, um mir über meine Lage klarzuwerden und merkte schnell, dass Klarheit eine Sache war, von der mich eine ganze Nacht voll Schlaf trennte.
Die meisten Gäste waren gegangen, die wenigen verbliebenen mit der Beseitigung derer Hinterlassenschaften beschäftigt. In Rufweite sammelte ein junges Mädchen Abfälle ein.
Ich fragte sie nach dem Franzosen, sie schaute mich nur fragend an und zuckte mit den Schultern. Allein das Sprechen verursachte mir eine so große Übelkeit, dass mir nichts ferner lag als der Wunsch, mich vom meinem Platz zu erheben und meinen Körper aus der Ruhe zu zwingen. Ich versuchte es trotzdem. Nach drei Schritten, die ich in alle Richtungen tat, eilte das Mädchen auf mich zu und hielt mich mit großer Not vom Fallen ab. Es sah besorgt aus.
„Es geht schon.“, murmelte ich, ließ mich von ihm langsam zur nächstgelegenen Wand begleiten und setzte, hinlänglich gestützt, meinen Weg in eines der anderen Zimmer fort.
Zweifellos befand ich mich in einer Privatwohnung, hatte aber nicht die geringste Ahnung, wer darin lebte, ob ich die Bewohner kannte oder ob zumindest ich ihnen – und sei es flüchtig - bekannt war.
Der Wand und einigen Stimmen folgend, schob ich mich mühsam durch einen dunklen, schmalen Flur, bis ich schließlich an der Türschwelle eines Raumes stand, den ich als Küche erkannte. Zwei Frauen spülten ab, ein Pärchen lehnte am Fenstersims und fand Gefallen an der Kunst wortloser Sprache und ein knappes Dutzend anderer Gäste stand in kleinen Grüppchen in den Ecken herum. Keines der in meinem Blick schwimmenden Gesichter kam mir bekannt vor. Mein wackeliger Auftritt wurde zwar bemerkt, jedoch keines zweiten Blickes gewürdigt.
Ganz offenkundig war ich nichts weiter als ein betrunkener Fremder, der die allgemeine Lage sondierte. Vom Franzosen fehlte jede Spur und auch der Mann, der ihn mir vorgestellt und an die Seite gesetzt hatte, war nirgends zu sehen. Die junge Frau mit der Abfalltüte eilte an mir vorbei, streifte mich kurz und sah sich nach mir um. Vielleicht erregte mein Anblick ihr Mitleid, möglicherweise wollte sie mich eben so schnell und bequem loswerden wie den Müll; jedenfalls brachte sie mir ein Glas Wasser und fragte, ob sie mir irgendwie behilflich sein könne.
Sie war hübsch, zumindest schien sie es zu sein, wenn ihr Gesicht stillstand. Klein und zierlich war sie, vermutlich südosteuropäischer Abstammung, ihre Gesichtszüge weich und slawisch. Ich hatte große Mühe, gegen die Doppelbilder, die mein vergiftetes Bewusstsein mich sehen ließ, anzuschielen und es kostete mich Kraft, meine Stimme zu Worten zu sammeln. Es schien mir unmöglich, ihr auf die Schnelle klarzumachen, wie verirrt und orientierungslos ich war; dass ich nicht den blassesten Schimmer hatte, wo ich mich befand und wann, wie, warum und mit wem ich hergefunden hatte. Also fragte ich sie erneut nach dem Franzosen, nur erwähnte ich diesmal seinen Titel nicht, sondern erkundigte mich nach dem Mann mit der Pfeife.
Ihr Gesicht erhellte sich. Ich solle mir keine Gedanken machen, sagte sie, mein Freund sei schon vorausgegangen. Ob sie mir ein Taxi rufen solle, wollte sie wissen. Ihre Worte fanden mein Gehör, jedoch nur zur guten Hälfte mein Verständnis. Ich sah mich außerstande, das Missverständnis bezüglich des Franzosen aufzuklären, die Aussicht auf ein Taxi jedoch, das mich beinahe unverzüglich und auf kürzestem Wege nach Hause bringen würde, gefiel mir so gut, dass ich ihren Vorschlag begeistert abnickte.
Zu meinem Glück hatte die Party in einer Erdgeschosswohnung stattgefunden, ich musste also nicht befürchten, meinen wankenden Körper Stufe für Stufe an einem Treppengeländer entlanghangelnd ins Freie zu entlassen. Es schien mir die beste Idee zu sein, draußen auf die Ankunft des Fahrers zu warten. Es war eine kalte, aber beinahe windstille Nacht. Die Luft war klar und erfrischte mit jedem Atemzug. Ich setzte mich auf die oberste von drei Eingangsstufen, stellte Kragen und Kapuze hoch und atmete mir die Trunkenheit aus dem Leib. Ich befand mich in einer ruhig und vornehm wirkenden Siedlung, die mir nicht im Geringsten bekannt vorkam. Noch immer war es mir ein Rätsel, wie ich dort hingefunden hatte.
Das Taxi ließ gottlob nicht lange auf sich warten. Ich war froh, mir mein Besäufnis nicht für die kurz bevorstehende Silvesternacht aufgespart zu haben. Der Fahrer war ein bulliger, dicker Typ, der den Sitzgurt mit seinem ausnehmend voluminösen Bauch verschlang. Ich nannte ihm meine Adresse und richtete mich auf eine schweigsame Fahrt ein. Obwohl der Fahrer nicht langsam fuhr, schien es Ewigkeiten zu dauern, bis wir die nächste Hauptstraße erreichten. Die Gegend war ländlich und mir gänzlich unvertraut. Ich konzentrierte mich und kniff die Augen zusammen, um in der Dunkelheit eines der wenigen Straßenschilder zu entziffern, an denen wir vorbeirasten, jedoch ohne Erfolg. Die Straße führte schnurgeradeaus und es kamen uns weder rote Ampeln in die Quere noch andere Wagen entgegen. Der Fahrer hatte die Heizung auf höchste Stufe gestellt. Warme Luft blies mir ins Gesicht und die Sitzheizung wärmte meinen Rücken und mein Gesäß wie ein Ofen. Die wohlige Temperatur und das gleichmäßige Motorgeräusch machten mich schläfrig. Ich lehnte meinen Kopf zurück und schloss einen Moment lang die Augen, als mir plötzlich ein wohlbekannter Geruch in die Nase stieg, dezent zwar, jedoch unverkennbar. Ich war ganz sicher: Ich roch die Pfeife des Franzosen.
Zuerst sah ich den Fahrer an, für einen kurzen Augenblick in der Erwartung, nicht in sein Gesicht, sondern in das des Häuptlings zu blicken. Am Lenkrad aber saß niemand anders als der Mann, zu dem ich eingestiegen war. Er behielt seine Augen auf der Straße und zuckte mit keiner Wimper, selbst dann nicht, als ich meinen Oberkörper ruckartig ins Wageninnere drehte, diesmal in fester Gewissheit, den Franzosen auf der Rückbank zu erspähen; die Pfeife im Mundwinkel, die Lichter der Straßenbeleuchtung in den Augen. Doch hinter mir gähnte nichts als Dunkelheit, die Sitzbank war selbstverständlich leer, leer wie die Straße hinter und vor uns.






Kommentare
Kann mich nyx und Moogle anschließen: Fein beobachtet, einige Adjektive zu viel für meinen Geschmack, aber das Beobachtete elegant zur Sprache gebracht, insgesamt zu langatmig für einen ungeduldigen Leser wie mich.
Ich warte imer auf die Indianer, wenn schon von Häuptlingen die Rede ist.
Oder wie sagte Kaiser Joseph II. angeblich zu Mozart: " Gewaltig viele Noten, mein lieber Mozart."
So geht es mir mit diesem Text, aber immerhin Mozart.
01.02.2012, 04:25 von WinterwandererStil ist ein selten Gut, und du besitzt es.
22.01.2012, 22:29 von hihihimmelSag, irre ich oder verweist der Franzose auf einen Franzosen?
es ist ein solcher trost, dass du hier schreibst.
ich bin noch nie von deinen texten enttäuscht worden. und selbst wenn ich sie zehnmal lese, sie nehmen mich immer wieder gefangen.
20.01.2012, 12:41 von YOLKDas freut mich sehr!
20.01.2012, 13:39 von VarekesUnd wieder kann ich nur sagen: Du bist ein sehr feiner Menschenbeobachter und dazu noch einer, der diese feinen Beobachtungen in ebenso feine Worte kleiden kann.
09.01.2012, 17:43 von SasaliFein.
Wenngleich mich die sicherlich bewusst gewählten, in Überpräzision und Nüchternheit steril wirkenden Beschreibungen eher kalt lassen, bin ich schwer beeindruckt von deinem begnadeten schriftstellerischen Talent, mein lieber Düsseldorfer Vorstädtler.
02.01.2012, 20:36 von MoogleNur: Hätte es des "selbstverständlich" im letzten Satz wirklich zwingend bedurft?
Den Franzosen mag ich.
Wann geht's weiter?
30.12.2011, 17:27 von NotLadyLikeDie "exquisit gebogenen Nase" brachte mich zum schmunzeln. Ansonsten sehr bildhaft beschrieben. Beinahe schon zu genau für mich. Teils bisschen sehr geschwollene Wortwahl. Aber ich mag es.
29.12.2011, 23:13 von nyx_nyx