GrosserSchnabel 30.11.-0001, 00:00 Uhr 44 28

Produktivitätswahn: Morgenroutine statt Zigarettenpause

Immer mehr Jugendliche beschäftigen sich heute mit grünen Smoothies, Produktivitäts-Life-Hacks und Selbstliebe. Wohin führt das?


Was muss das für eine Welt sein, in der für Schüler der neunten Klasse nicht mehr klar ist: „Die Coolen stehen da drüben, in der Raucherecke.“ Als ich noch zur Schule ging und so verwirrt und getrieben war, wie man es eben als Pubertierender ist, jedes halbe Jahr einen neuen Held und einen neuen Feind fand, gab es eine bleibende Konstante: Die Coolen stehen, trendunabhängig, da drüben, in der Rauchecke. Dieses Stehen, zu Beginn meiner Gymnasialzeit noch auf einer bestimmten Fläche des Pausenhofs, später dann auf der anderen Straßenseite bei der Backbude, war ein Symbol. Keines, das für U.S.-amerikanische High School-Klischees, Marlboro und Mobbing steht, sondern für Freiheit. Das Rauchen an sich war dabei eigentlich völlig egal. Aber dort zu stehen, bedeutete Rebellion und Spaß. Wer dort stand, konnte ganz unterschiedlich sein: Hübsch, traurig, gefährlich, witzig, hässlich oder alles auf einmal. Jedenfalls stand man da, rauchte, nahm es mit etwaigen Anwesenheitspflichten nicht ganz so genau und hatte auf irgendeine Weise Spaß am Leben. Das heutzutage viel weniger junge Erwachsene zur Zigarette greifen ist ein großer Gewinn für deren Gesundheit und Lebenserwartung. Aber das Streben nach Freiheit wurde gegen ein Gieren nach mehr Produktivität eingetauscht.

 

Immer mehr Jugendliche beschäftigen sich, anderen Vorbildern als Popstars nacheifernd, heute mit grünen Smoothies, Produktivitäts-Life-Hacks und Selbstliebe. Im besten Fall dokumentieren sie diese Selbstoptimierungsprozesse nur auf Instagram, im schlechtesten auf YouTube. Im allerschlechtesten Fall machen sie diese Orgien nach dem Abitur zum „Beruf“, werden also 19-jährige Ernährungs-, Meditations-, Fitness- oder gar Life-Coaches. Dann leben sie von YouTube-Klicks und Afilliate-Links und Taschengeld. Sie haben Morgenroutinen, weil alle Topmanager um 05:30 Uhr aufstehen. Sie sind Minimalisten, geben aber horrende Summen für Technikprodukte aus. Sie leben weitgehend vegan, fliegen aber von ihrem Taschengeld nach Bali. Und sie finden sich sehr toll, lieben sich sogar und wollen deshalb die beste Version ihrer selbst werden und keine Sekunde ihres Lebens verschenken. Ronja von Rönnes Idee, dass der Besitz eines eigenen Körpers auch ein Recht auf Abnutzung, ja gar Zerstörung dessen einschließt, lässt sie zusammenzucken. Und mit ihren gedetoxten Bodies in ihren instagramgefilterten Leben, die farblich zwischen Apple-weiß und Billy Regal-weiß changieren, vergessen sie, dass es ohne Nacht keinen Tag gibt. Der Positivitäts- und Produktivitätswahn treibt derart absurde Blüten, dass der in dieser Szene gefeierte Autor Tim Ferriss gar behauptet, man solle sich nur mit Informationen belasten, die man in Taten umsetzt. Ich habe weder aus häufigem Serien Binge-Watchting, noch Christian Kracht Büchern oder dem LEGO Film Konsequenzen für mein Handeln gezogen. Und trotzdem waren das doch keine verschenkten, sondern immer nur geschenkte Stunden. Und das gleiche gilt für zu früh am Tag geöffnete Biere auf dem Balkon meines besten Kumples oder verpennte Stunden auf der Dachterrasse eines Hostels im marokkanischen Tangier.

Die selbstoptimierenden, angeblich weltverbessernden Matcha-Junkies allerdings würden das nie tun. Sie behaupten zwar Gegenentwürfe zur konservativen Berufswelt zu leben, sind aber in Wirklichkeit der sich selbst benebelnde feuchte Traum des Kapitalismus in Reinform: Früh aufstehen, Dankbarkeitstagebücher schreiben und an den eigenen Schwächen arbeiten um noch produktiver zu werden, das macht ihnen Spaß. Mehr Follower, mehr Geld, mehr ich. Da bleibt keine Zeit um langsam in die Küche zu schlurfen, sich ein paar Tassen Kaffee zu kochen und mal auf den Morgen zu schimpfen. Auch wird immer an sich selbst herumgedoktert, anstatt mal in Ruhe die Welt zu betrachten und sich zu überlegen, ob mit den anderen überhaupt alles richtig geht. In „Don’t look back in anger“ sangen Oasis „So I start a revolution from my bed“ und bezogen sich dabei auf John Lennons „bed in“. Dahinter steht aber tatsächlich die Idee, dass eben aus Entspanntheit und im Bett bleiben auch Großes entstehen kann. Um Rockstar, egal in welcher Branche, zu werden braucht es eben Talent, das durch Arbeit und Schweiß nicht ersetzt werden kann. Getriebenheit und Verbissenheit führen sicherlich weiter, aber bestimmt nicht zum Glück.

Natürlich ist nichts falsch an dem Wunsch ein vielleicht noch besseres Leben zu führen und dafür etwas zu unternehmen. Ich selbst zum Beispiel nutze gern ein kleines schwarzes Notizbuch, das zwar äußerlich seinem prominenten und geschichtsträchtigen Vorbild ähnelt, innerlich aber kopflosen Menschen Struktur vorgibt. Da kann man seine Ziele für Wochen und Erfolge für Monate aufzeichnen. Und wirklich, mit diesem Buch zahle ich Stromrechnungen schneller und plane Projekte präziser, mir geht es damit besser. Aber dieses Buch ist für mich nur ein kleines Hilfsmittel für mehr Entspanntheit, kein Ausdruck eines Produktivitätsstrebens. Und es hält mich nicht davon ab, mal einen Morgen zu verpennen, öfters ein „Lost Weekend“ zu haben und in regelmäßigen Abständen auf Dinge zu scheißen und mir ein Bier aufzumachen. Ist das dann auch der Grund, warum ich weder mal meine Romanidee zu Ende gebracht habe oder ein Start-Up gegründet habe? Vermutlich ja. Aber das ist nicht schlimm, das ist ein Leben. Voller Popmusik, Spaß, Kaffee, Langeweile und frei von grünen Smoothies.


Zurück in der Raucherecke. Hier redet man über die vergangenen und kommenden Wochenenden, Musik, Filme und Bücher. Man lebt sein Leben und ja, machmal fliegt es vorbei und man fragt sich, wo Tage oder gar Jahre geblieben sind. Es ist nichts, aber auch wirklich gar nichts falsch an dem Wunsch, etwas großes im Leben zu erreichen. In der Tat würde ich es vielen Menschen wünschen einen großen Traum zu haben, dem sie nacheifern können. Aber ein Leben, dessen Takt aus der Zukunft mit der Effektivitätspeitsche diktiert wird, zieht dann eben doch genau so schnell vorbei, wie eines voller Kaffeetrinken im Sonnenschein auf dem Raucherplatz. Es macht nur viel weniger Spaß. Listen und Pläne für morgen zu schreiben kann jungen Menschen helfen, aber man kann nicht in ihnen leben.


Tags: Produktivität, Selbstliebe, Meditation
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44 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Und was dein schwarzes Notizbuch angeht...
    Hier sind die Alternative Facts dazu...

    01.12.2017, 15:05 von sailor
    • 0

      Ein Phänomen, das ich nun an Heidegger denke.

      03.12.2017, 13:58 von Freyr
    • 0

      Ein Schelm, der Böses dabei denkt...

      03.12.2017, 14:14 von sailor
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  • 0

    Pilsette...?

    01.12.2017, 15:04 von sailor
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    Ker, da stell ich mich doch jetz erstmal mit Kaffee und Kippe aufn Balkon ;)

    01.12.2017, 12:45 von TrustYourself
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  • 0

    Wäre ich ein Pfarrer und man würde mir zuhören, wenn ich spräche, wäre das meine Predigt am Sonntag.
    Jeden Sonntag.

    22.11.2017, 00:04 von Ein.Enthusiast
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  • 0

    Verstehe null Warum die ältere Generation über die junge Generation pöbelt. Diese Junge Generation die Miley Cyrus und Justin Bieber anhimmeln, dass sind in Wirklichkeit wir und die ältere Generation beschwert sich über uns wie man nur Justin Timberlake und Britney Spears anhimmeln kann. 

    02.06.2017, 00:30 von LiedvonEisundFeuer
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  • 3

    Gefällt mir. 
    Und erinnert mich an Tschechow, wenn er sagt: 

    "Wer es mit Liebe nicht schafft, schafft es auch mit Strenge nicht".

    :-)

    09.01.2017, 22:40 von Lalotte
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  • 0

    Einfach klasse zur Abwechslung mal einen Text, in dem die Raucherecke und Oasis geehrt werden. Authentisch und vor allem schön zu lesen!

    09.01.2017, 19:12 von ches_blnd
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  • 0

    Maximale Freiheit und maximale Optimierung führen eben nicht zu maximalem Glück.

    Dein Text ist erfrischend. Gefällt mir sehr.

    28.12.2016, 11:01 von sofia.
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  • 1

    Mal abgesehen von der Rauherecke (fand ich einfach nie cool), meine ich zumindest zu verstehen, worauf das hinaus will. Berufsbedingt durfte ich mich eine ganze Zeit mit diesen Selbst-Optimierungstrends in Ernährung und Co. beschäftigen und zog ein recht banales Fazit: locker bleiben. Wenn einem etwas gut tut, dann ist das natürlich super, aber völlig verkrampft daran zu arbeiten, ein möglichst perfektest (für wen eigentlich?) Leben zu führen, führt doch nicht zu mehr Lockerheit und innerer Ruhe. In dem Sinne sitze ich auch gerne weiterhin nichtrauchend einfach nur mal so auf der Terrasse, trinke dazu einen völlig normalen Kaffee und freue mich darüber, einfach nur Zeit zu haben und diese nicht sofort zwanghaft mit etwas ausfüllen zu müssen.

    02.09.2016, 11:22 von Ellie30
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  • 0

    komisch - ich fand es noch nie cool in der ecke zu stehen.

    31.08.2016, 00:32 von horus_falke
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