dasLaecheln 24.03.2010, 23:07 Uhr 58 17

Prinzipien über Bord

Heute habe ich meine Überzeugungen verraten. Ich bin nach sechs Jahren wieder in die Kirche eingetreten.

Der Aufgang befindet sich ganz hinten in einem Café, welches in zweiter Reihe neben der Fußgängerzone liegt. Hier verläuft sich mit Sicherheit niemand zufällig hin.
Frau Bendler empfängt mich am oberen Treppenabsatz. Sie entschuldigt sich, dass sie mich nicht am Eingang abgeholt hat, aber die Stufen wären für sie doch recht beschwerlich und ich ja noch jung. Lachend schüttelt sie meine Hand. Tiefe Falten tanzen über ihre Wangen. Ich sehe sie vor mir, wie sie am ersten Frühjahrstag die Kästen auf ihrem Balkon mit Petunien bepflanzt und, später im Jahr, eine Woche lang Obst einkocht, Gläser mit geblümten Stoffresten bedeckt und mit kleinen Etiketten beklebt. "Brombeermarmelade August" steht darauf oder "Quittengelee September 2009". Ihr Haar ist weiß und fein und fühlt sich bestimmt an wie Seide.

Wir betreten ein kleines Büro. Der Raum ist alles andere als feierlich: Ein Schreibtisch, Regale mit aufeinandergestapelten Büchern, grauer Teppich, weiße Wände, ein Deckenfluter. Es ist eng und etwas unaufgeräumt. Der pragmatisch-unaufgeregte Charme, der allem evangelischen anzuhaften scheint. Wir sitzen auf Holzstühlen, die mich an meine Schulzeit erinnern, an einem kleinen Tisch. Einige Papiere liegen darauf und ein Prospekt für eine Veranstaltung der Kirchengemeinde nebenan. Das ist das einzige, was mich daran erinnert, warum ich hier bin. Ansonsten könnte es genauso gut um die Verlängerung meines Bibliotheksausweises gehen.

"Haben Sie sich informiert, wie der Kircheneintritt vonstatten geht?"
"Ich hab was im Internet nachgelesen", sage ich und komme mir ziemlich dämlich dabei vor. Im Internet nachgelesen. 'Ich muss unbedingt noch das tolle Zucchinistrudel-Rezept von Katjas Geburtstagsparty nachlesen. Ach, wenn ich schon dabei bin, kann ich ja auch mal nachlesen, wie man wieder in die Kirche eintritt.' Dabei wollte ich versuchen mir nicht anmerken zu lassen, welchen Stellenwert das ganze für mich hat.
"Fein. Dann bräuchte ich einmal Ihren Personalausweis."
Sie nimmt ein Blatt, auf dem "Aufnahmeantrag" steht und beginnt meine Daten mit säuberlicher Schrift darauf zu übertragen. Sie schreibt so ähnlich wie meine Oma, bedächtig aber mit festem Druck, und macht kurze Striche statt i-Punkte. Es wirkt sehr gewissenhaft, wie sie da schreibt.
"Haben Sie auch eine Emailadresse?" Ich nicke schmunzelnd und diktiere. Als @-Zeichen malt sie einen kleinen Kreis und darum einen größeren und setzt einen Querstrich zwischen beide. Als sie zögert, buchstabiere ich den Namen des Providers: W E B

"Sie haben nicht zufällig...?" Doch, habe ich. Sowohl meine Taufurkunde als auch meine Austrittserklärung. Als sie die Urkunde sieht, wirkt sie fast gerührt. Andächtig streicht sie über das vergilbte, feste Papier mit der Taube in der linken Ecke und dem langen Taufgebet zwischen meinem Namen und der Unterschrift des Pfarrers.
"Wer hat die denn so sorgfältig aufbewahrt?"
"Meine Eltern", antworte ich und frage mich, ob andere Eltern so etwas wegschmeißen.
"Wissen Sie, meistens wird die Taufe nur im Stammbuch vermerkt. Viele Kirchen geben gar keine gesonderte Taufurkunde aus. Aber Sie haben noch eine", erklärt sie und lächelt warm. Ich lächle zurück. Ich sage nicht, dass ich dieses Papier heute zum ersten Mal in meinem Leben in der Hand gehalten habe und es heute Abend wieder in einem Ordner verschwinden wird, irgendwo zwischen Krankenversicherung und Stromabrechnung.
"Oh, sehen Sie mal. Ist Ihnen das aufgefallen? Sie sind am 23. März getauft worden, auf den Tag genau vor 25 Jahren! Ist das nicht ein schönes Datum für Ihren Wiedereintritt?" Ihr Lächeln wird noch wärmer. Sie strahlt mich mit ihren blassblauen Augen an und ich lächle mit ihr, auch wenn ich nicht an solche Zeichen glaube. Aber sie freut sich so sehr.

Als sie den Antrag ganz ausgefüllt hat, schiebt sie ihn zu mir, damit ich ihn unterschreiben kann.
"Schauen Sie noch einmal drüber, ob alles so stimmt."
Ich überfliege kurz, dann krakle ich etwas, das mein Name sein könnte, darunter. Meine Handlung ist die gleiche wie vor einer halben Stunde an der Supermarktkasse und mir wird klar, dass ich ebenso wenig darüber nachgedacht habe. Ich habe unterschrieben und nun geht alles seinen Gang. 13,68 Euro werden in den nächsten Tagen von meinem Konto abgebucht. Und ich bin Mitglied der evangelischen Kirche, obwohl ich es nie sein wollte.

Frau Bendler nimmt ein weiteres Formular, das mir den Beitritt bestätigt, und schreibt auch dort gewissenhaft meinen Namen und meine Adresse in die leeren Felder. Sie lässt sich Zeit. Es könnte angenehm sein, hier zu sitzen und zu beobachten, wie sie ohne Eile ihre Arbeit erledigt, weil man merkt, dass es für sie viel mehr ist als nur eine Arbeit. Aber mir ist es unangenehm, weil ihr der Schritt, den ich gerade gehe, viel mehr bedeutet als mir, obwohl es umgekehrt sein müsste. Langsam bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Nicht der Kirche gegenüber oder meinem Arbeitgeber. Aber ihr gegenüber. Frau Bendler gegenüber.

"Darf ich Ihnen zum Abschluss noch einen Segen mit auf den Weg geben?"
Ich nicke. Natürlich darf sie. Sie dürfte mich auch fragen, wie es mir geht; mit ernstem Blick und vertraulichem Ton, so wie diese Frage nur selten gestellt wird. Dann würde ich ihr erzählen, was mich beschäftigt, was in mir vorgeht. Sie würde schweigend zuhören, ab und an nicken mit einem wissenden, verständnisvollen Ausdruck. Wahrscheinlich würden sich irgendwann meine Augen mit Tränen füllen, obwohl ich nicht gerne vor anderen weine. Dann würde sie mich in dem Arm nehmen und ich würde wissen, dass es in Ordnung ist.
Sie faltet die Hände. "Der Herr gewähre dir die Zeit, du selbst zu werden. Er gebe, dass dir gelingt, dich selbst zu finden, nicht eigenwillig, sondern einwilligend in seinen guten Willen für dich. . ." Sie liest so, wie sie schreibt: langsam und mit Nachdruck. Immer wieder blickt sie auf und schaut mich an, eindringlich und zugewandt. Sie kennt mich nicht. Sie hat mich vor 10 Minuten das erste Mal in ihrem Leben gesehen und wird mich in 3 Minuten zum letzten Mal gesehen haben. Trotzdem meint sie jeden Wunsch, den sie für mich an Gott richtet, ernst. Sie meint es gut mit mir. Einfach so. Sie glaubt. Mir sitzt ein Kloß im Hals.

Ich bin erleichtert, dass sie mich nicht nach dem Anlass für meinen Wiedereintritt fragt. Ich hätte sie nicht anlügen wollen. Es gibt ja auch gar keinen Grund dafür, außer dass es mir ihr gegenüber peinlich gewesen wäre, die Wahrheit zu sagen. Ihr gegenüber und mir.
Denn die Wahrheit ist, dass ich einen Job will. Einen bestimmten Job. Und ich kann ihn nur bekommen, wenn ich einer Konfession angehöre. Also verrate ich meine Überzeugungen, bin rückgratlos, lüge - nur um eine Chance auf diese Stelle zu bekommen, die ich mir in den Kopf gesetzt habe.
Ja, es kommt mir falsch vor, sehr sogar! Ich glaube nicht an Gott und auch nicht an Jesus. Ich halte die Kirche als Institution für äußerst bedenklich. Wenn ich wegen einer Trauung im Freundeskreis einem Gottesdienst beiwohne, komme ich mir vor wie ein Tourist in einem fremden Land, der halb irritiert, halb amüsiert beobachtet, wie mit viel Ernst und Pomp ritualhafte Handlungen vollführt und Dinge berichtet werden, die ihm abstrus erscheinen.
Ja, es ist falsch, nicht zu seinen Grundsätzen zu stehen. Aber ist es nicht ebenso falsch, dass mir in einem Staat, in dem Religionsfreiheit im Grundgesetz verankert ist, aus meinem Nicht-Glauben (besser gesagt meiner Konfessionslosigkeit, denn über die Gläubigkeit sagt die Konfession nur bedingt etwas aus) ein Nachteil entsteht? Damit versuche ich zumindest, das schlechte Gewissen, das ich mir selbst gegenüber habe, zu beruhigen. Und damit, dass meine Kirchensteuern immerhin Kindergärten und Frauenhäusern zugute kommen.
Als ich aufstehe, wird mir klar, dass ich von nun an einer Organisation, mit der ich nichts zu tun haben möchte, angehöre, weil sie Bedingungen schafft, die mich dazu zwingen sie zu unterstützen, wenn ich meinen Traum verwirklichen will, wodurch ich sie nur noch mehr verachte. Ich versuche, nicht zu lange darüber nachzudenken.

"Machen Sie es gut", sagt Frau Bendler zum Abschied. Ich wünsche ihr einen schönen Tag, gehe hinaus, durch das Café und stehe endlich wieder in der Fußgängerzone. Hier komme ich mir nicht mehr so heuchlerisch vor. In der einen Hand halte ich den kleinen Messingengel, den sie mir als Geschenk zum Wiedereintritt überreicht hat. Ich betrachte ihn nachdenklich. Für einen Moment wünsche ich mir, dass er etwas Bedeutsamkeit für mich erlangt. Aber er bleibt ein kühles Stück geformtes Metall. Also stecke ich ihn in meine Tasche und gehe zügigen Schrittes in Richtung des nächsten Fotostudios.

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58 Antworten

Kommentare

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    Keine Angst: der Kirche ist es vollkommen egal, ob du wirklich an bronzezeitliche Mythologie glaubst oder nicht, Hauptsache du bezahlst Kirchensteuer. Denn wenn es nach echtem Glaube ginge müsste sie 95% ihrer Mitglieder sofort ausschließen.

    22.05.2010, 12:22 von TST
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    Mich wundert´s dass Kirchen Arbeitgeber auch heute noch Mitarbeiter wegen ihrer Religion und ihres Geschlechts diskriminieren dürfen. Auch private Lebensverhältnisse (Homosexualität, Scheidung, Wiederheirat) sind allen Ernstes Kündigungsgründe.
    Derartiges gab es schon zu dunkleren Zeiten in Deutschland. Mich stört auch, dass jeder Arbeitnehmer auf seiner Lohnsteuerkarte seine Religion offenlegen muss. Was geht DAS den Arbeitgeber an? M.E. steht im Grundgesetz, und insbesondere in den Grundrechten etwas anderes. Und wenn immer auf das Selbstverwaltungsrecht der Kirchen in Art. 140 GG verwiesen wird, soll bitte erklärt werden, ob dies ÜBER den Grundrechten in Art. 1-20 GG steht.

    18.04.2010, 13:07 von Emil_Empire
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    Ekelhaft!

    Kein Job ist es wert, seine "Prinzipien über Bord" zu werfen. Es sei denn, man hat keine.

    14.04.2010, 17:19 von Malique
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      @Malique Prinzipien über Bord ? Ekelhaft ?
      Grundsätzlich ist es ekelhaft, ja. Wenn man sich selbst untreu werden muss aus Notlagen finanzieller Art zum Beispiel. Weil man sich dann fast alles gefallen lassen muss (um wieder Geld verdienen zu können).

      Hier jedoch, in diesem Artikel, geht es um Glaube. Wer von einer Religion fest überzeugt ist, der wird sie (zumindest innerlich) auch beibehalten. Wer nicht überzeugt ist begeht auch keinen Verrat in dem Sinne, wirft auch nichts über Bord. Kein Ekel, keine Scham. Moralisch zweifelhaft ? Ansatzweise, ja, aus Sicht der Kirche vielleicht. Doch was kann schlimmes passieren ? entweder der Glaube wird nicht angenommen, dann bleibt alles (außer dem formalen Beitritt) wie zuvor, ansonsten aber ist (das sage ich als gläubiger Christ) etwas gewonnen.

      15.04.2010, 12:07 von Cyro
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    Guter Artikel und es ist meiner Meinung nach OK aus pragmatischen Gründen in die Kirche einzutreten. Und das obwohl ich gläubiger Christ bin und wohl als einer von ganz wenigen auf eigenen Wunsch getauft wurde, auch wenn ich mit 10 Jahren sicherlich noch kein wirklich frei denkender Mensch war.

    Und auch nicht neu, dass dieses Thema immer wieder heftig diskutiert wird, aber ganz ehrlich Christ zu sein heisst für mich zuallererst nach den Prinzipien des neuen Testaments zu leben und das basiert auf Nächstenliebe und Vergebung. Das die Institution ziemlich grosse Macken hat und schon immer hatte ist glaub ich jedem klar und die Fehler müssen auch nicht jedesmal wieder rausgeholt werden, denn im Endeffekt hat das rein gar nichts mit christlichem Glauben zu tun sondern nur mit der Institution. Daher hat für mich dein Kircheneintritt des Papiers wegen nicht wirklich was mit Prinzipien über Bord werfen zu tun, nur schade dass es immer noch Pflicht ist und nicht das persönliche Gespräch über deine soziale Kompetenz entscheidet.

    Ansonsten, es gibt auch wirklich gute Pfarrer die tolle Sozialarbeit leisten und sehr kritische Predigten halten, man sollte nicht immer alle über einen Kamm scheren.


    12.04.2010, 22:50 von Lu18
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    ... käuflich, wurde mir immer gepredigt (gepredigt!!!), und ich, naiv wie ich war, hatte dies zwar immer für ein Gerücht gehalten, aber es scheint zu stimmen. Non olet.

    11.04.2010, 18:11 von KlausFfm
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    Finde ich gut.

    07.04.2010, 18:33 von apfel_saft
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    die evangelische kirche, das sind doch die ''guten''. kein grund so ein theater zu machen.

    05.04.2010, 21:21 von NeonBlond
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    Moin Lächeln :)

    ich kann dich gut verstehn...auf meiner Steuerkarte steht auch EV...ohne diesen Eintrag hätte ich nicht meinen Ausbildungsplatz erhalten und so bleibt mir die Möglichkeit offen, später wieder in ein christliches Haus zu arbeiten.
    Eigentlich schon bitter, dass es abhängig gemacht wird ob ich in der Kirche bin oder nicht...pflegen tu ich nicht schlechter (oder besser ) als andere Leute in meinem Beruf.

    lg

    03.04.2010, 13:18 von SchwesterS.
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    Moin Lächeln :)

    ich kann dich gut verstehn...auf meiner Steuerkarte steht auch EV...ohne diesen Eintrag hätte ich nicht meinen Ausbildungsplatz erhalten und so bleibt mir die Möglichkeit offen, später wieder in ein christliches Haus zu arbeiten.
    Eigentlich schon bitter, dass es abhängig gemacht wird ob ich in der Kirche bin oder nicht...pflegen tu ich nicht schlechter (oder besser ) als andere Leute in meinem Beruf.

    lg

    03.04.2010, 13:17 von SchwesterS.
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    Moin Lächeln :)

    ich kann dich gut verstehn...auf meiner Steuerkarte steht auch EV...ohne diesen Eintrag hätte ich nicht meinen Ausbildungsplatz erhalten und so bleibt mir die Möglichkeit offen, später wieder in ein christliches Haus zu arbeiten.
    Eigentlich schon bitter, dass es abhängig gemacht wird ob ich in der Kirche bin oder nicht...pflegen tu ich nicht schlechter (oder besser ) als andere Leute in meinem Beruf.

    lg

    03.04.2010, 13:14 von SchwesterS.
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