allnewpeople 20.07.2012, 02:59 Uhr 0 3

Pretty Bridge

"Ich merkte, wie ich meine Gedanken nicht mehr aufhalten konnte. London brachte mich zum Nachdenken."

Ich konnte einfach keine Sekunde länger drinnen bleiben. Den ganzen Tag wanderte ich planlos durchs Haus, auf der Suche nach irgendeiner sinnvollen Tätigkeit. Denn mein größter Gegner war und ist schon immer die Langeweile gewesen. Sie macht aus mir nämlich das, was ich immer so verzweifelt versuche eben nicht zu sein - einen Kopfmenschen, jemand der einfach viel zu viel nachdenkt!

"In London gibt es doch immer irgendwas tolles zu tun", dachte ich mir deshalb und startete meinen Laptop, in der Hoffnung etwas halbwegs spannendes zu finden. Doch irgendwie war mein Elan etwas in dieser grandiosen Stadt, in der ich mich jetzt seit knapp 9 Monaten aufhalte, zu erleben, nicht so groß wie ich es mir erhofft hatte. Ich schaffte es nicht einmal die Begriffe "London" und "Events" bei Google einzugeben.

Stattdessen saß ich Stunden vor dem Laptop, auf die Facebook-Startseite starrend und mit der Hoffnung darauf, dass irgendjemand irgendetwas interessantes postet, etwas "liked" oder mich einfach anschreibt - alles vergebens und höchst peinlich, wie ich irgendwann feststellte.
Ich war in meiner kleinen "Internet-Langeweile-Blase" eingesperrt, fand keinen Weg heraus. Doch irgendwie wehrte ich mich auch nicht wirklich dagegen. Die Langeweile hatte mich nun da, wo sie mich am liebsten hat - ohne Aussicht auf Unterhaltung und bereit zum Nachdenken!

Die Gedanken fingen an sich in meinem Kopf aufzustauen, so als ob immer mehr und mehr Wasser gegen einen Damm drücken würde. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser dem Druck nicht mehr standhalten und brechen würde.

Ich hielt noch länger durch als gedacht. Meine Lieblings-Sitcom lenkte mich, wie immer, von der Wirklichkeit und den damit verbundenen Problemen und Gedanken ab. Eine Gedankenüberflutung wurde so, vorerst, verhindert.

Doch irgendwann können einen nicht mal mehr deine witzigen "Freunde" auf dem Bildschirm von der Realität ablenken. Ich merkte, wie ich meine Gedanken nicht mehr in diesem Haus halten konnte - es war Zeit den Gedanken, im wahrsten Sinne des Wortes, freien Lauf zu lassen!
Ich zog meine Schuhe an, setzte meine Kopfhörer auf, schloss die Tür hinter mir ab und ging los. Ich wusste genau, wo ich jetzt hingehen muss.

Es gab nur einen Ort hier, der jetzt wirklich etwas bei mir bewirken konnte: Die Albert-Bridge oder von vielen Londonern einfach nur die "Pretty Bridge" genannt.
Diese Brücke wurde 1872 von Königin Victoria nach ihrem geliebten Ehemann, Prinz Albert von Sachsen, benannt und sollte ein Zeichen dafür sein, dass ihre Liebe alles überwinden kann. Die Geschichte wurde über die Jahre so berühmt, dass die Brücke zu einem kleinen Symbol für die Liebe hier in London wurde. Da die Albert-Bridge zu diesem Zeitpunkt vom Stil her aber noch überhaupt nicht als romantisch angesehen werden konnte, entschied man sich ihr einen neuen Anstrich zu geben und sie durch gezielte Beleuchtung in ein neues, romantischeres Licht zu tauchen - die Pretty Bridge war geboren.

Bevor ich zur Brücke ging, machte ich noch einen kurzen Umweg, um mich bei meinem Lieblings-Cornershop mit ungesundem Essen zu versorgen. British Pastries, Schokoriegel und ein Bier. Genau das was ich jetzt brauchte.
Ich setzte mich auf den kleinen Hügel im Battersea Park, der direkt an der Themse und der Brücke liegt und schaute mich erstmal um. Ich bemerkte die vielen Jogger, die zu dieser Zeit untwerwegs waren und fühlte mich ein wenig unwohl. Ich saß hier als einziger einfach nur herum und stopfte das Essen in mich hinein, während die anderen Leute versuchten fit zu werden. "Morgen gehst du auch wieder joggen.", dachte ich mir und wusste eigentlich schon von vornherein, dass das gelogen war.

Grade als mein MP3-Player keinen Akku mehr hatte und ich mich nun wirklich mit meinen Gedanken konfrontiert sah, hörte ich ein lautes Scheppern, welches immer näher auf mich zukam. Es klang metallisch, bewegte sich rhythmisch voran und ließ mich für eine Sekunde denken, dass hier gleich ein Roboter um die Ecke kommen würde.
Ich schüttelte kurz den Kopf, fing an zu grinsen und fragte mich selbst, wo dieser idiotische Gedanke schon wieder herkam.

Als das Scheppern endlich bei mir angekommen war stellte sich heraus, dass es sich um eine Frau handelte, die ihre Schlüssel in der vorderen Tasche ihres Kapuzenpullovers hatte. Sie lief in einem sehr hohen Tempo an mir vorbei, lächelte mich trotzdem an und schien etwas neidisch auf meinen Schokoriegel zu gucken. Ich grinste zurück.

Ich schaute ihr noch etwas länger hinterher und dachte insgeheim, dass eine Roboterinvasion eigentlich grade ziemlich cool gewesen wäre. Doch dann wanderte mein Blick wieder in Richtung "Pretty Bridge" und so begann die, längst erwartete, Flut an Gedanken.

Ich dachte über die letzten 9 Monate nach, die ich hier in einer der tollsten Städte der Welt verbracht hatte. Dachte über die Menschen nach, die ich hier kennengelernt hatte und wie sie aus EINER der tollsten Städte DIE tollste Stadt der Welt gemacht hatten.

Ich erinnerte mich an all die Dinge, die ich hier gesehen hatte. Diese ganzen schönen Plätze, die London in sich trägt. Den Trafalgar Square, der trotz der großen Menschenmassen immer irgendwie idyllisch wirkt. Die Brick Lane, die mit all ihren verschiedenen Charakteren die perfekte Abwechslung vom grauen Alltag ist. Camden Town, eine schon fast bizarre eigene, kleine Welt voller Anarchie, Tattoos und Bier. Oder Little Venice, eine kleine Oase mitten in der Stadt. Perfekt um die, von der Großstadt geplagten, Akkus wieder aufzuladen.
Ich dachte an die ganzen Abende, die ich mich der Feierei hingegeben hatte und fühlte mich nochmal bestätigt: London weiß wirklich, wie man feiert!

Irgendwann atmete ich ganz tief ein, so als ob ich London in mich aufsaugen wollte und stand auf. "Meine Gedanken hatten jetzt genug Auslauf", dachte ich mir. Ich streckte meinen nachdenklichen und nostalgischen Körper und schaute ein letztes Mal, für diesen Abend, auf die Brücke.

Ich fing an mich auf die verbliebenen 3 Wochen hier zu freuen. Auch wenn die Zeit langsam ablief, so ganz war ich mit dieser Stadt noch nicht fertig.

Als ich mich langsam von der Brücke entfernte, musste ich anfangen zu grinsen, denn eins war mir da schon klar: Selbst wenn es Jahre dauert, es würde nicht das letzte Mal sein, dass mich die "Pretty Bridge" mit ihrem Anblick zum Nachdenken bringt.

London vergisst man nunmal nicht so leicht!



Tags: Gedanken.
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