FinsterLicht 21.09.2014, 15:03 Uhr 0 4

Peter Pan 1

Mit 17 verließ ich mein Elternhaus. Mit 17 verließ ich die Schule. Mit 17 fing ich an zu leben?!

Kennt ihr diese Momente, wenn ihr euch an bestimmte Sachen erinnert und genau das spürt, was ihr damals gespürt habt, genau das riechen könnt und es euch vorkommt, als wäre es gerade gestern gewesen?


Ich habe viele dieser Momente irgendwo gespeichert.
Aber keiner ist so intensiv und nah, wie die Erinnerung an diesen Tag im September.

Mit 17, da wissen viele noch nicht, wo sie hinwollen und wenn doch, dann wissen sie nicht, was sie da wollen.
Bei mir war das anders.

Natürlich fand ich mein Leben ganz bequem, so im warmen Elternhaus, auch mit dem bisschen Schule, den kleinen, ganz großen Lebenskrisen, den ersten Erfahrungen mit Alkohol und so weiter.

Aber mir fehlte einfach das Abenteuer.
Dieser Nervenkitzel, der dich am ganzen Körper zittern lässt, bei dem du spürst, wie sich deine Nackenhaare aufrichten, dein Herz schneller schlägt und du schneller atmest, sich deine Pupillen weiten und die Sekunden so zäh dahin fließen, dass du dir wünscht, du könntest die Zeit anschieben.
Genau das fehlte immer.
Genau das durfte nicht mehr fehlen.

Draußen war es stürmisch und es nieselte ein wenig, als ich meinen Rucksack nahm, 3 Garnituren an Klamotten, sowie einen Schlafsack einsteckte und ein wenig Geld aus dem Geheimfach meiner Eltern stahl.

Während meine Eltern shoppen waren, ging ich zum Bahnhof und kaufte mir ein Zugticket nach Hamburg.
Hamburg deswegen, weil ich mich da begrenzt auskannte und das Ticket so teuer war, dass ich mir die Rückfahrt nicht mehr hätte leisten können.

Im Zug kam ich mir vor wie Peter Pan.
Auf in mein Nimmerland.

In Hamburg angekommen, war ich mir dann doch nicht mehr so sicher.
Die Menschen, wirkten alle seltsam fremd und als ich den Bahnhof verließ, spürte ich dieses Gefühl, wegen dem ich aus meinem Leben ausgebrochen war.
Aber es hatte eine etwas andere Note, das Gefühl kam mehr vom Kopf her.
Es war Angst.

"Jägermeister ist die ultimative Medizin gegen alles", hatte ich mal mit meinen Freunden sinniert.
"Jägermeister hilft gegen Erkältung, Langeweile, Liebeskummer, Magenbeschwerden, schlechte Laune, Montag, Kater, Aufregung, Depri-Phasen und gegen Angst."

Ich suchte mir also den nächsten Discount-Markt und holte mir eine Flasche Jagdfürst.
Nicht ganz Jägermeister, aber zumindest eine Idee davon.

Beruhigt von der Wirkung des Alkohols trottete ich durch meine erste Nacht in Freiheit.
Das typische Hamburg-Wetter hieß mich regnerisch willkommen, bis alles was ich hatte durchnässt war.
Nachts ist die Innenstadt Hamburgs noch nie der "Place to be" gewesen.
Aber vielleicht hab ich mich gerade deshalb in den Eingangsbereich eines Versace Geschäftes gesetzt, weiter gesoffen, an die Tür gepisst und bin letzten Endes in meinem nassen Schlafsack davor eingeschlafen.

Der nächste Tag war ein Sonntag, die Sonne schien und es war auch ein wenig wärmer.
Was mich weckte, war aber ein klimpern, als mir ein Passant 50 Cent vor die Nase schmiss.
Nachdem ich den Kampf gegen die Müdigkeit gewonnen hatte, musste ich kurz grinsen.
Das Geld liegt also doch auf der Strasse.
Trotzdem war ich dankbar, konnte ich mir jetzt doch schon einmal 3 Brötchen kaufen. Das würde für den Tag reichen.

Mein nächster Gedanke galt meinen Klamotten, die ich gestern in die Ecke hinter mir gelegt hatte.
Die waren weg.
Was für ein beschissener Tausch, 50 Cent gegen mein ganzes Zeug.
Zumindest den Schlafsack hatten sie mir gelassen.
Besser als nichts.

Die nächsten Tage waren noch weniger angenehm.
Ich irrte durch die Stadt, die mir deutlich weniger bekannt war, als ich angenommen hatte, versuchte mich mit dem sammeln von Pfandflaschen über Wasser zu halten, was mir gerade so gelang und Nachts verkroch ich mich in die U-Bahn-Haltestellen, schlief meistens eine oder zwei Stunden, bevor mich irgendein Sicherheitsbeamter wieder verscheuchte.
Meine Klamotten wusch ich in der Alster, sie trockneten an mir.
Und ich vermied es tunlichst in Spiegel oder Fensterscheiben zu gucken, die mir mein Spiegelbild präsentieren könnten.

Trotzdem war es irgendwie cool.
Dieses Gefühl Jäger und Sammler der Moderne zu sein.
Diese Freiheit zu tun, wonach mir gerade der Sinn stand und zu lassen, was ich nicht wollte- irgendwie machte mich das glücklich.

Zumindest bis der Alkohol nicht mehr wirkte.

Mit der Zeit hatte ich ein paar andere Herumtreiber, so nannten wir uns selbst, weil wir nicht fanden, dass wir Penner waren, und Obdachlos so nach "wir haben keine andere Wahl" klingt, getroffen und wir hatten uns ein wenig organisiert.
Die Innenstadt hatten wir aufgeteilt, jeder hatte seinen Bezirk.
Insgesamt gab es 7 Bezirke und jeden Tag wurden die untereinander getauscht, sodass jeder ungefähr die gleichen Chancen auf Kohle hatte.
Am Ende des "Arbeitstages" trafen wir uns dann vor dem Hauptbahnhof, schmissen zusammen und aßen meist bei Mcces.
Danach gingen wir los und klauften uns Alkohol und verbrachten die Nacht dann zusammen und feierten uns und das Leben.

Eigentlich ging es uns verdammt gut, wenn es im Winter nicht manchmal so arschkalt gewesen wäre.

Und einmal, als wir zusammen saßen und froren und der Alkohol nichts dagegen tun konnte, drückte ich mir meine erste Ladung.
Einer hatte zwei Tüten dabei und keiner fragte, wo er die herhabe.
Er hatte sie einfach.
Dieses Gefühl der unendlichen Leichtigkeit, der Sorglosigkeit war berauschend, ja himmlisch.
Habe ich gerade geschrieben, dass ich mir im Zug nach Hamburg wie Peter Pan gefühlt habe?
Vergesst das!
Peter Pan fährt nicht mit dem Zug, Peter Pan kann fliegen.
Jetzt war ich endgültig Peter Pan.
Und ich flog durch diese Nacht.

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