ilofi 17.02.2011, 11:28 Uhr 2 3

Perspektive

Arschlöcher

Wenn ich nach unten schaue, sehe ich nur Scheiße. Wenn ich nach oben schaue, Arschlöcher.

Manchmal nehme ich mir Zeit und wenn ich alles in Ruhe und mit Abstand beobachte, dann sehe ich Dinge, die mich jedes Mal erstaunen.

Ich weiß noch genau, wie vor 15 Jahren in einer Plattenbauwohnung, mitten in Pankow, der Grundstein durch Heino und Hannelore gelegt wurde.
Beide sind leider nicht mehr am Leben. Heino ist sogar in meinen Armen gestorben. Doch wie heißt es so schön? „Jeder und alles ist ersetzbar“.
Es geht immer weiter. Gerade nach der Wende war alles so schnelllebig, da wurde gebaut, abgerissen, aufgenommen, gepflegt, verworfen und wieder weiter gemacht.

Irgendwann, ich glaube 2003, wurde der Standort gewechselt. Es wurde alles größer und moderner – endlich ein Domizil mit Brunnen und Fußbodenheizung – mitten im grünen Umland von Berlin.

Mittlerweile leben und schaffen hier 20 Bewohner aus ganz verschiedenen Herkünften – meistens gemeinsam. Oft sind es Pflegefälle und schwer vermittelbare Persönlichkeiten, die sich hier irgendwann eingelebt haben. Ich kenne deren persönliche Ziele, Wünsche oder Träume nicht, dafür bin ich zu selten hier.

Ich putze hier nur.

Am Wochenende nehme ich mir dann mehr Zeit – vor allem in den Frühlings- und Sommermonaten, wenn es draußen schön ist und ich unter einer alten Eiche alles beobachten kann und nicht bemerkt werde. Gemeinsam mit Aldi, meiner Katze. Für uns beide ein Erlebnis wie im Freilichtkino.

Ich versuche mir die Namen der Bewohner zu merken und beobachte sie. Kerstin war ein besonders schlimmer Fall. Als „aggressiv“ und „zänkisch“ wurde sie angekündigt. Sie wurde trotzdem aufgenommen. Unser Soziologe hat sich ihrer angenommen. Mit Erfolg. Ich glaube, da läuft was zwischen den Beiden.

Aber ich weiß nichts genaues, ich kann nur beobachten – ich putze hier nur.

Die Zwillinge Klaus und Klaus aus Niedersachsen sind grau und unauffällig.
Rosi und Rolf kommen aus dem Umland und sind noch in der Probezeit.
Harald, Herbert und Hannelore haben sich von Horst trennen müssen, der wohl bald von Burkhard ersetzt wird, dessen Bewerbungsgespräch in der nächsten Woche stattfindet.

Trudy hat Zucker und es geht ihr nicht gut. Berthold ist eindeutig pädophil. Mit dem augenscheinlichen Burnout-Syndrom beim Kücken war es für alle klar. Sie konnte sich nicht mehr wehren. Angeblich hat keiner was gemerkt - alle haben weggesehen. Schlimme Sache damals.

Als komplettes Team wurde damals die insolvente Truppe von der Agentur Enjo übernommen. Ich nenne sie nur „die Bayern“. Willi ist in Altersteilzeit und agiert nur noch aus seinem Home Office raus. Wilma ist stinksauer und schielt öfter nach Bernhard.

Aber hier läuft was. Ich erkenne das, auch wenn ich nur die Putzfrau bin.

Monogam lebt keiner von ihnen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass hier kreuz und quer gevögelt wird. Nicht vor meinen Augen, aber ich weiß es, denn die Firma hat schon eigenen Nachwuchs hervorgebracht. Die Praktikantinnen Bertha und Barbara sind mittlerweile eingearbeitet und flügge geworden.

Ich putze nur hier und stehe in meiner Vogelvoliere. Wenn ich nach unten schaue, sehe ich nur Scheiße. Wenn ich nach oben schaue, gefiederte Arschlöcher.

Jetzt muss ich los. Arbeiten.
Und umdenken – es ändern sich eben nicht nur die Namen.

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2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich mag den Blickwinkel.

    18.11.2011, 13:49 von no_ah_
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  • 0

    da musste ich doch glatt schmunzeln!

    mir gefällt der name "aldi" für deine katze!

    17.02.2011, 13:00 von konsTante
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