Kokomiko 15.03.2012, 10:47 Uhr 19 34

Pennergame

Vom Leben gelernt

Auf NEON.de las ich kürzlich, dass man Solidarität nur unter den Schwächsten findet. Da ich wie immer verwirrt für 2 bin, beschließe ich, wenigstens dieses Geschenk ab sofort zu teilen. Das fühlt sich solidarisch an. Im Abgeben hatte ich schon in der C-Jugend versagt. ‚Gib ab!!’ haben sie immer geschrien, während ich verstolperte. So will ich Versäumtes nachholen. Daneben doch mal sehen, ob auch die Armen ein gutes Herz haben. So mein Vorhaben. Ohne hinzufallen erreiche ich mein Badezimmer und schreibe mir dort mit Edding ‚Armut’ auf die Stirn. Das brennt auf der Haut, aber dafür ist es mir jetzt ins Gesicht geschrieben. Ich will authentisch wirken und ziehe mir daher ein Armanijackett und eine zu enge Badehose an. So verlasse ich vorgetäuscht gramgebeugt das Haus durch den Kellerausgang. Ein schöner Tag. Der Frühling ist gerade gekommen und spritzt mir aufs Gesicht. Es regnet umsonst.

Ob Frau Wulff schon da wäre, frage ich ohne Grund bei Rossmann und ob sie Hungertücher hätten. Ich lerne den Marktleiter kennen und wundere mich, als er ‚Sie werden mich gleich kennen lernen’ droht. Kostenlos bekomme ich ein Hausverbot. Er hat Sprechkäse im Mundwinkel. Ich verstehe ‚Hausboot’. Sie haben hier ab sofort ‚Hausboot.’ Das ist doch kein Satz, denke ich und wo soll ich denn damit hin? Erschüttert frage ich nach und warte dann, bis die Polizei eintrifft. Der Beamte spricht deutsch schon von Amts wegen. Ich weiß nun, dass das Hausboot ein Versprechen war, Bettina bei Conti anfängt und ich mein Klopapier jetzt bei dm kaufen muss. Der Marktleiter ruft mir ‚schleich dich du Penner’ hinterher. Ich überlege kurz, ob ich einen Herzanfall simulieren soll und stelle mir die Schlagzeile in der BILD vor. ‚Klopapierpreise explodieren. Verwirrter Bettlerazubi stirbt vor Drogeriemarkt!’ Ich lasse vom Vorhaben ab. Sie haben Charming 4-lagig im Angebot und ich will mein Jackett nicht ruinieren. Der ‚Penner’ beflügelt mich.

Wie ich es in ‚Gangs of New York’ gesehen habe, ziehe ich auf dem Weg zum Kaufhof mein eines Bein nach. Dabei lasse ich meine Arme wie knochenlos hängen, verdrehe den Kopf und die Augen schräg himmelwärts, versuche möglichst flehentlich zu wirken und hoffe, dass die Leute den Film auch gesehen haben. Ein Solariumopfer mit Gesichtshaut wie ein alter Schulranzen kennt den Film. ‚Pass doch auf Du Penner’ adelt mich der tote Elefant in Vorkriegsblond, als ich in seine Douglas-Letztehilfetasche hineinschlurfe. „Die Natur lässt sich nicht betrügen." murmele ich mit mahnend gekrümmtem Zeigefinger, als die UV-Ledermaske ihr Anti-Agingvergebens vom Gehsteig aufsammelt. „Lanĉome für 48 Euro?" kann ich noch fragen, als sie ein lautes „Tyson!!?" in Richtung einer Ed Hardy-Lederverwünschung in XXXL trompetet.

Wenn Männer keinen Hals haben, dafür Nackenwülste wie die Ledertasche Speckrollen unter ihrem Miss Sixty-Top, dazu goldenen Ohrbehang groß wie Eheringe in 64 und übergroße Kinderjacken mit Totenkopf und Rosenmuster tragen, sollte einem körperliche Unversehrtheit wichtiger sein, als ein wohlmeinender Feldversuch zur Straßenarmut. Meine Generalprobenfrage, ob sie mal einen Euro hätte, verschweige ich ihr also ebenso, wie das letzte Gutachten der Stiftung Warentest, wonach sie soeben 47 Euro 85 für einen schicken Rauchglastiegel ausgegeben und als Dreingabe für 15 Cent Niveacreme bekommen hat. „Miss Sixty passt so richtig gut zu Ihnen. Und besser Orangenhaut, als gar keinen Eindruck hinterlassen, gell?" sage ich noch zu der Wellpappe, meine es fast freundlich, verkneife mir das Kompliment, ihre Pigmentstörungen als gute Gesichtspunkte zu würdigen, beschließe lieber sodann umgehend, dass ich ‚in die Flucht schlagen’ von Tyson nicht brauche. Das schrillgekeifte ‚Der da!!’ beziehe ich noch auf mich, während ich wundergeheilt in der Schlendermenschmenge abtauche und dabei doch ein stolzes Lächeln nicht vermeiden kann. Der zweite ‚Penner’ lässt mich wachsen.

Auf dem letzten Stück kommt mein Stylingfinish. Ich verwuschele meine Haare und hoffe, sie sehen fettig genug aus. Dazu versuche ich eine halbseitige Gesichtslähmung zu imitieren. Mit dem nachgezogenen Bein müsste ich jetzt mindestens so hoffnungslos aussehen, wie die Gestalten von der Leprainsel im ‚Tiger von Eschnapur’.

Vor dem Kaufhof kauert meine Lieblingsverwahrloste. Die Spannung steigt. ‚Häufchen Elend’ ist der Mittelstand der Berufsgruppe. Sie allerdings ist eine der ‚Unteren 10000’. Die Unerreichten aus dem alten Film mit Glenn Ford und Bette Davis. Ein Mülltonnenmensch dieser Gesellschaft. Eine der Schwächsten. Wie sie da sitzt, nein vielmehr kauert in Lumpen gehüllt, den Star Bucks Large-Becher als Menetekel der Wohlstandsungerechtigkeit, die sich einer Hybris gleich über die Schwächeren erhebt mit Parkinsonzittern dem Reichtum umhin entgegenstreckt. Wer, wenn nicht sie, wird Mitleid mit mir haben. Solidarität zeigen und geben. Das Wenige teilen, was sie hat. Und sei es nur ein wenig der Wärme. Menschlicher Wärme. Es fällt mir schwer, meine Tränen zurück zu halten, während ich auf sie zu, ja fast schon krieche.

2 soeben noch halbtote Hundekadaver wachsen zur Kalbsgröße aus der Decke hervor. „Zisch ab du Penner. Hier ist mein Platz. Verschwinde, sonst hetzte ich die Hunde auf Dich." Erkennt sie mich als ihresgleichen an. Doch war sie nur verschreckt, denke ich. All diese schlechten Erfahrungen. Wie mussten die Menschen sie gepeinigt, gedemütigt haben. Sie zu Boden gedrückt, ihr alles genommen. Welch schreckliches Schicksal. Und doch sitzt sie noch tapfer und bittet doch nicht nur für sich. Und hat sie nur wenig, nur einen trockenen Kanten Brot, selbst das teilt sie noch mit den Tieren, die einzig getreu ihr noch beistehen. Ich schlurfe näher. Die Hunde beginnen zu knurren.

„Eine milde Gabe. Eine milde Gabe nur. Nur einen Euro. So habe ich doch seit Tagen, ach was rede ich, seit Wochen nichts mehr gegessen." biedere ich mich mit versagender Stimme an und finde mich randgruppenüberzeugend. Die Hunde kommen unter der Decke hervor. Die bodensätzige Armseele fasst in ihr letztes Hemd. Nun wird sie mir geben, triumphiere ich glaubensgut. „Warte. Du kriegst, was Du verdienst." murmelt sie und zieht ein trendweißes Iphone 4S aus dem Jammergewand. „Kommst Du mal?" spricht sie hinein. „Ohne Schufa?" und „Bist zu auch bei Pennergame? Da gibt’s eine app." Mehr fällt mir nicht ein und ich komme in diesem Jahrhundert an. Zahnfaules Braun strahlt mich an. Der Karies vorbildlich.

Ein schwarzer Hummer h2 kommt in Schrittgeschwindigkeit neben dem gegenüberliegenden Kaufhaus hervor und hält an. Ein Mensch groß wie 2 in einer…Ed Hardy Lederjacke steigt aus der Beifahrertür und kommt schnellen Schritts auf uns zu. „Darf ich vorstellen? Das ist Tyson. Für den arbeite ich. Gib’s ihm Tyson." Nun bekomme ich also doch noch, was ich verdiene, beschleicht mich ein Vorschmerz, als Tyson mir die Sonne verdunkelt. Die Hunde fangen an, mit dem Schwanz zu wedeln. Gerade will ich fragen, wie Hollyfields Ohren schmecken. Er begrüßt mich zuvorkommend. „Wir kennen uns doch. Freund." höre ich Tyson noch fast akzentfrei aussprechen und freue mich auf Serbien in der EU. Und „Viele Grüße von Chantalle soll ich dir bestellen." Dann deckt er mir den Gabentisch und ‚Beitrittskandidat’ bekommt eine greifbare Bedeutung.

Ich brauche mich heute nicht mehr anzustrengen, ein Bein nachzuziehen. Das geht ganz von allein. Wenn ich in den Spiegel schaue, überlege ich immer, wie mein Gesicht früher ausgesehen hat und frage mich, warum gebrochene Kniescheiben schneller heilen, als Ellenbogen. Auch werfe ich keine Münzen mehr in hingereichte Becher von unten, sondern USB-Kabel und MicroSD-Karten. Meinen NEON-Account habe ich gekündigt. Auszeit. Genug vom Leben gelernt.

 

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19 Antworten

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    Zum zweiten Mal gelesen. Immer noch groß!

    15.04.2012, 15:14 von SarahJoesy
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    wie immer du, wa? ich kanns mir bildlich vorstellen. sehr sogar.

    17.03.2012, 18:20 von Icke_un_du_ooch
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    Kommt zwar keine Socken namentlich drin vor, aber ich mag's trotzdeeeem, das Textgeeeeeem.

    16.03.2012, 15:46 von Justaff
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    .. na diesem text hast du ja wohl dem spottgott geschenkt. ich grinse immer noch ;))

    16.03.2012, 13:01 von ilofi
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    Albern muß auch mal sein. Nennt man auch Satire, Leute. Ich hab gegrinst. Und das mach ich nur in Schaltjahren. Hey....wir haben eins, Glück gehabt, Koko!

    16.03.2012, 08:34 von cosmokatze
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    Die Leprakranken!

    15.03.2012, 23:08 von B.tina
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    Schnappatmung und Lachtränenspringflut im Vorabendbismitternachtprogramm liebe ich besonders. Da kann ich "schlank im Schlaf" gratis haben. Danke Kokomiker ;-)

    15.03.2012, 20:56 von limpstone
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    Erster Gedanke bei dem Titel: "Das Game kenn ich!"

    15.03.2012, 14:52 von rubs_n_roll
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