lavish 26.04.2011, 14:03 Uhr 21 34

Peng

Blaue Bänder flicht der Frühling, grünt herum und motiviert Suizidenten. Ruhelos lärmt das Volk umher.

Explosionsartig blüht der Flieder auf, dicke weiße und violette Dolden wiegen sich duftend im Wind. Katzen sind auf der Pirsch nach zartem Fleisch frisch geschlüpften Federviehs. Amseln keifen.
Das gute Wetter saugt die Menschen aus ihren Behausungen, sie taumeln in Armeestärke in "Szene"-Viertel, in denen sie ihre Körper dem Sonnenlicht aussetzen. Die Haut färbt sich umgehend hummerfarben. So sehen die Unterröcke britischer Damen an der italienischen Riviera aus. Liebevoll in weiße Söckchen gesteckte Füße in Sandalen wippen nervös auf und ab, raue Fußsohlen verlieren sukkzessiv Hornschichten. Leberwurstähnliche Beläge unter den Zehennägeln trocknen in der Sonne und fallen irgendwo ab, bröseln auf den Trottoir, niemand vermisst sie hernach. In vorgespannter Gewebsstruktur chicer Tops mit Spaghettiträgern bullern Speckrollen über den Bund geblümter Röcke, hie und da die klassische Dreiviertelhose in Kombination mit Muskel-Shirts. Es fehlen: die Muskeln. Eintrag ins Klassenbuch, "Unentschuldigt gefehlt".

In den Gärten sitzen Menschen und schreien lauthals ihre Freude über den Frühling in die Membran eines Telefons, "hör' mal, wie die Vögel zwitschern!", pflichtschuldigst piept es aus der Blautanne, dann kommt kreischend der Eichelhäher. Er kann noch lauter.
Grillende Gruppen huldigen den ersten warmen Tagen, sie schildern sich gegenseitig ihre individuellen Lebensformen und gleichen sich. Während die Kohle vorglüht, halten die Frauen ihr Seminar ab: Mütter erzählen denen, die es noch nicht sind, was es zu beachten gilt. Bei morgendlicher Übelkeit hilft der Verzehr von drei Mandeln. Wochen später wird ein Heißhunger auf "Snickers" daraus. Bei mir war das so, nein, bei der war es anders, die Mütter haben eine Menge hinter sich. Die Kinder haben eine Menge vor sich. Just drangsalieren sie ihre Babysitter mit dem Wunsch nach Extrawürsten. Die Herren trinken sich in die Gesprächslaune hinein, vorerst eher schweigendes Beisammensitzen und "App"-Vergleich beim smart-phone. Via "Nasa-App" verfolgen sie die Flugroute der ISS.
Preiswertes Grillgargut wird auf das Rost gelegt und mit Bier bespritzt. Die Hormonsstörungen nach einem Stück überwürzten Putenkadavers wird in erster Linie die Frauen durcheinander bringen, sie werden ihre Tage eine Woche zu früh bekommen. Arzttermin. Kann ich noch schwanger werden?
Bei den Herren bringt die Promillezahl die Gesprächslaune in Wallung, die Bundesligatabelle wird referiert, später Computer, einer wird von wichtigen Bands sprechen, das Lenkrad wird herumgerissen, Kultur, Pop und Poppen, haha, noch ein Bier, die Verklemmung muss weg. Poppen! Was sagt ihr denn so dazu? Popp-Kultur.
Die Nachbarkinder haben ein großes Trampolin bekommen. Zu viert hüpfen sie darauf herum und schreien zwei Stunden lang. Atmet eines tief ein, schreien die anderen für das Kind mit, es ist ein Geben und Nehmen. Kinder sind da nicht so.
Auf der Straße rasen die Notarztwagen durch den Feierabendverkehr, wer weiß, wer nun schon wieder nicht mehr konnte oder gar wollte. Die Pumpe, die Atemwege, vollgestopft mit Pollen und verschwollender Schleimhaut. Suizidenten baumeln in Apfelbäumen, die geschockte Nachbarin wird vom Hausarzt krank geschrieben.
Rasenmäher summen, die Erde vibriert, Rasenkantenschneider sirren und schneiden die laue Luft in handliche Stücke, der Mensch bringt die Natur zur Räson, bevor sie sich überhaupt gezeigt hat, Äste werden abgesägt, dabei wird geredet, telefoniert oder sich sonstwie connected, der Mensch, er findet keine Ruhe.
Es klingelt. Der Bruder hat bei "e-Bay" ein Betäubungsgewehr ersteigert, nebst Munition, neu und ungebraucht, nun wird es geliefert.
Die Patronen eingelegt und gezielt - at first mal die Kinder auf dem Trampolin, ploing! fallen sie wie pralle Wäschesäcke vom federnden Gummi und rollen sich auf der Wiese zum Schlafen ein. Bald kommt die Dämmerung, da werden sie aufgelesen und zu Bette getragen. Popp! die Jungs am Grill, erst gucken sie erstaunt, dann sinken sie schnarchend auf den Gartenstühlen zusammen. Bier kippt auf den Rasen, er wird dort besonder schön grün werden.
Das ist ja fein, da bleibt ja noch eine Menge Fleisch für die Damen übrig, die eine ist zum Beispiel im vierten Monat und steht da grad total drauf.
Und bing! der Typ, der seit einer Stunde telefoniert und ständig "das geht ja gar nicht" und "wie geil ist das denn?" sagt. Gespräch bis auf weiteres beendet, kann morgen fortgesetzt werden, so lange wirkt das Betäubungszeugs ja nun auch nicht, keine Panik. Es sollte kein Mord sein, nur mal den Pegel senken.
Die Patronen sind alle. Reicht ja auch für's erste.

Die Amsel staunt. "Ooooh, da kann ich ja mal in Ruhe mein Nachtlied singen!" und jubiliert in den Abendhimmel, unter dessen Firmament Katzen Rotkehlchen reißen und rülpsend verdauen. Auf der Wiese liegt ein Schnabel.

In der Stille zwischen all den Schlafenden das Rauschen der Blätter in großen alten Bäumen, der Staub der Lindenblüten färbt Laptopdeckel gelb (wird es dem Laufwerk schaden?), schwerer, fast ein bisschen tantiger Duft aus den dicken Fliederbüscheln überdeckt Grillgeruch, leise klagend ziehen Paarungsgeräusche durch den Hinterhof, dann wieder Stille. Rauschen. Duft.

Aus dem Garten der Griller die Stimme einer Frau, "eigentlich will ich gar keine Kinder."

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21 Antworten

Kommentare

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    Ich mag ereignislose Texte ohne dramatischen Höhepunkt und doch präziser Detailtreue. :)

    06.01.2012, 01:51 von Felja
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    Dass ich den noch nicht mochte! Bald ist es wieder so weit...

    04.01.2012, 00:50 von justanotherpicture
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    Es fehlen: die Muskeln. Eintrag ins Klassenbuch, "Unentschuldigt gefehlt"

    herrlich.

    04.01.2012, 00:35 von mo_chroi
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    Irgendwie doch auch sinnlos, oder? Hö? Was war der Inhalt?!?

    02.05.2011, 18:27 von Aerosmiths-Fan
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Schwafelnde Autoren rümpeln und rumpel aneinandergereihte Satzgeflechte in den Äther, auf dem eigene Balkon, jenseits von jedem (wie wird es die Leserschaft aufnehmen?).

    Naja. Wenigstens kein Herzschmerz.

    28.04.2011, 12:15 von mixtapeape
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    ui ui. beim Klassenbucheintrag wusste ich, dass ich den Text mag (=

    27.04.2011, 13:36 von MademoiselleChoco
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    Ich mag Deinen Text!

    27.04.2011, 09:01 von tenamei
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    I like.

    27.04.2011, 04:13 von NeonBlond
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  • 0

    Den ganzen ersten Absatz hätte es meinetwegen nicht gebraucht, aber die Botschaft des Ganzen mag ich.
    Aber zu sagen, der Text sei "schön".. ich weiß ja nicht ^^

    26.04.2011, 19:57 von nyx_nyx
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