Hexenkraut 27.02.2011, 20:53 Uhr 0 0

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„Du mein Tagebuch“ steht auf der Karte und einige zu einem Satz geformten Worte. Ich schiebe sie zurück unter den Magneten an der Kühlschranktür.

„Ich will endlich einmal ankommen“. „Ja. So geht es mir auch.“ Über Wochen hinweg Pläne, die ich selbst ein wenig ausbremse: „Lass uns nicht zu weit in die Zukunft denken, wer weiss, was kommt. Wie wäre es erst mal mit einem Vierteljahr?“ „Darauf freue ich mich. Auf die kommende Zeit mit dir.“ „Ja,“ erwidere ich, „ich auch. Wahnsinnig.“
Wenn die Zeit nicht ausreicht um sich zu sehen (und das tut sie überwiegend), ist es das Telefon. Meist täglich. Wochenlang. Dann nimmt es ab. Sein Urlaub, gebucht, ehe wir uns kennen lernten, naht. Südamerika. So vieles noch zu regeln vorher. Kaum noch Zeit, kaum noch gewechselte Worte. „Ich habe Angst,“ sage ich. „Angst, daß du einfach verschwindest.“ Wir erzählen uns jeder eine Geschichte. Gleiche Erfahrungen. „... deshalb werde ich nicht einfach verschwinden. Und wenn ich also jemanden verlasse, dann mit einem Paukenschlag. Damit man mich so schnell nicht vergisst.“ Er lacht.
Die Abreise steht gewissermaßen vor der Tür. „Ich werde dir Karten schreiben. Einmal die Woche. Bei dreien sollte doch mindestens eine ankommen. Und vielleicht ist auch ein Brief dabei. Meldest du dich? Nur eine SMS. Alle paar Tage. Das würde mich freuen.“ „Du solltest dich mehr auf deinen Urlaub konzentrieren. Wir wissen beide, wie nötig du ihn hast. Aber... ja. Gern. Und du musst mir nicht schreiben – aber wenn... dann freut es mich umso mehr.“ „Aber ich hab doch Zeit. Ich schreib dir.“


Wieder blicke ich auf die eine Karte, die eine Woche nach seiner Rückkehr angekommen ist. „Du mein Tagebuch“ steht darauf und einige zu einem Satz geformten Worte. Ich schiebe sie zurück unter den Magneten an der Kühlschranktür. So, daß man auf den ersten Blick den Text sieht, aber nicht, daß sie von den Malediven kommt.


Zwei Wochen zuvor starrt mein Herz, mein Schmerz von einem Bruder mich provozierend an. „Du willst also abgeholt werden?“ Wir sind beide betrunken. „Nein! Das ist es nicht, ich weiss nur nicht, warum ich...“ „Du bist bereit, etwas zu ändern, alles zu ändern, gut, aber aus dir selbst heraus änderst du nichts, seit Jahren! Du wartest immer nur! Stehst da, wie an einer Bushaltestelle und...“ „Du weisst doch, daß ich immer einen Grund brauche! Berlin! Du weisst, ich wäre nie freiwillig nach Berlin gegangen, wenn es nicht nötig gewesen wäre, um mein Ziel zu erreichen. Ausgerechnet Berlin! Und trotzdem hätte mir nichts besseres passieren können.“ „Dann mach es erneut! Zieh um! Seit 10 Jahren hockst du da. Du musst da raus!“ „Das geht nicht, weil...“ „Jaja, wegen der Katzen, wegen des Gartens, wegen der Wohung, wegen des Geldes, von dem du jetzt allerdings mehr hast als damals... Mein Gott, siehst du nicht, daß du dich nur selbst belügst?“ „Ich müsste den Job wechseln....“ „ Das müsstest du nicht.“ Ich werde zornig. „Ach nein? Gut, dann ziehe ich in das nächste verkackte Dorf, in dem alles genau so sein wird wie hier auch. Oder ich ziehe direkt in die Kleinstadt und damit erst recht die Arschkarte, weil sich die ganzen Einäugigen hier wie die wahrhaft Sehenden vorkommen! Glaubst du wirklich, es würde etwas ändern, wenn ich nur die Wohnung wechsle? Mal ab davon, daß ich den Balkon streichen könnte, geschweige den Garten. Und wenn mich ansonsten noch wirklich etwas interessiert, sind es meine Kräuer und Rosen, das weisst du!“ „Aber es wird nur alles anders, wenn du es trotzdem tust! Dann erst hast du die Chance! Weisst du, wie weh es tut, dich so zu sehen?“ Seine Eindringlichkeit lässt mich die Tränen spüren. Ich weiss nicht, wie lange ich schon weine. Ich werde leise. „ Aber ich habe die Kraft nicht. Ich habe kein Ziel mehr außer dem, was ich geschafft habe. Nur noch das eine...“ „... abgeholt zu werden.“ Er klingt bitter. „Aber es wird dich niemand abholen, weil du dich selbst nicht bewegst.“
Als er seine Anklage zum Klo mitnimmt, geht mein aufgelöstes Ich ohne ein „Gute Nacht“.


Er hat sich entschuldigt am nächsten Morgen. Der andere hat mir nach seinem Urlaub eine Mail geschrieben, „Du fehlst. (<- PUNKT)“ als einziger Inhalt. Wir haben das gleiche Empfinden um Satzzeichen und ihre Bedeutung, vielleicht weil wir das gleiche Empfinden um uns haben. Tagebücher. Der nächste hat einen Anruf und darin selbst den Glauben an Zukunft hervorgelockt – und ist mit seinen Zusagen vorerst verschwunden.

Alles hat sich gesetzt. Ich fasse nüchtern und mit einem Bier neben mir Möglichkeiten ins Auge. Schafscherer in Neuseeland. Hundesitter in Australien. Rosen- und Kräuterzüchter in einem von beidem. Vielleicht alles drei. Mein jetziger Beruf als Hobby. Pro und contra auf der Strichliste.

So könnte es gelautet haben."Wichtige Links zu diesem Text"
http://www.youtube.com/watch?v=weJ7UOo2glo

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