Jubeljulia 07.05.2009, 22:53 Uhr 5 0

On the road again

Wir Pendler – wer jede Woche 1000 Kilometer im Zug verbringt, beginnt irgendwann die Welt mit anderen Augen zu sehen

Jeden Morgen das gleiche: In aller Frühe und in bitterer Kälte stehe ich am Bahngleis, springe von einem Bein aufs andere und wärme die steifgefrorenen Fingern an einem großen Becher heißem Kaffee. Leider ist der Kaffee noch zu heiß zum Trinken, der Wind bringt kalte Luft, die zischend mit jedem Zug durch den offenen Bahnhof braust. Ich friere und hoffe auf den ankommenden Zug. Erstaunlicherweise fährt der morgendliche Pendler-ICE fast immer pünktlich los. Da stehe ich also jeden Morgen zur selben Zeit am selben Bahnsteig mit denselben Menschen, die alle nach Frankfurt zur Arbeit fahren.

Wir Pendler. Wir legen jede Woche über 1000 Kilometer auf dem Weg zum Job zurück. Eine Stunde morgens, eine abends. Jeden Tag dieselben Gesichter, und doch spricht keiner mit dem anderen. Pendler sind keine Reisenden, sie sind auch keine normalen Bahnfahrer. Pendler sind eine eigene Subkultur.
Zunächst mal sind sie am Bahnhof, mag er noch so groß und voll sein, auf den ersten Blick von anderen Passagieren zu unterscheiden. Geübt springen sie über Trolleys, Koffer, Kinderwagen und Kleinkinder, sie bewegen sich am Gleis und drumherum so sicher wie in ihren eigenen vier Wänden. Sie wissen, wo der Milchkaffee noch für 1,80 zu haben ist und wo es die kürzeste Schlange zum Zigarettenkaufen gibt.
Auch während der Fahrt sieht man sofort, wer Pendler und wer Passagier ist: Ohne merklich aufzublicken, halten Pendler dem Schaffner routiniert die Bahncard 100 oder ein ICE-Monatsticket, das den Preis einer Monatsmiete übersteigt, vor die Nase.
Reisende hingegen fingern jedes Mal aufgeregt ein ordentlich gefalteten Umschlag mit ihrem Onewayticket aus der Tasche und zeigen es beinahe stolz dem uniformierten Bahnangestellten. Manchmal scheint es sogar, als seien sie ein wenig enttäuscht, wenn der Schaffner diesen Akt, der sie als ordentliche und zuverlässige Bundesbürger legitimiert, lediglich mit kurzem Kopfnicken sanktioniert.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Pendlern geht sogar so weit, dass ich manchmal tatsächlich das Gefühl habe, meinen Pendlerkollegen eine Erklärung zu schulden, wenn ich eine spätere Bahn nehme oder Bescheid zu sagen, bevor ich in Urlaub gehe. Als wären wir eine große Gemeinschaft, ähnlich wie ein Klassenverband, der erstaunt registriert, wenn jemand fehlt, der sonst immer da ist.

Endlich kommt der Zug, ich steige in meinen gewohnten Waggon, nicke den kaffeetrinkenden Männern im Speisewagen zu und setze mich im Großraumabteil an einen der Vierertische. Auch das sind dieselben Männer, die jeden Morgen kaffeetrinkend und BILD lesend am Tresen stehen. Abends treffe ich sie erneut, dann in größeren Gruppen. Den Kaffee haben sie gegen frischgezapftes Bier getauscht, die BILD-Zeitung begleitet sie allerdings weiterhin.
Ausspannen. Eine Stunde lang wird der Zug nicht halten und mich direkt nach Frankfurt bringen.
Ich packe die Zeitung aus und vertiefe mich in die Lektüre.

Alle sind wieder da: Die zwei geschwätzigen Mädels, jeden Tag in einem neuen unmöglichen Outfit mit viel Klimbim und großem Ohrgehänge. Sie arbeiten bei New Yorker, schätze ich, oder bei Pimkie. Außerdem ist es bedauerlich, dass sie sich den deutschen Durchschnitts-IQ offensichtlich teilen müssen, aber zugegeben: unterhaltsam ist es auch. Dann noch der hübsche junge Kerl mit Anzug und Hornbrille, der jeden Morgen den Zug auf den letzten Drücker erreicht und immer erleichtert in die Runde grinst, wenn er sich mit offenem Mantel und wehendem Haar in seinen Sitz fallen lässt.
Auch der lustige Mann mit Anzug und Laptop ist wieder da, der jedes Mal nervös auf die Tasten haut und ständig telefoniert. Lustig an ihm ist vor allem, dass er offenbar weder Englisch noch eine andere Fremdsprache zu beherrschen scheint. Manchmal glaube ich, dass er selbst dem Deutschen nicht ohne Weiteres mächtig ist. Und auch das mit dem Internet und besonders dem Unterschied zwischen Inter- und Intranet ist ihm anscheinend entgangen. Außerdem dachte er bis neulich, das Microsoft Excel und Microsoft Word dasselbe Programm sind. Doch dann erläuterte ihm Holger aus der Personalabteilung – man bekommt während einer Zugfahrt einiges mit – am Telefon, wie er es hinbekommt, das eine Programm für etwas zu nutzen, das das andere nicht kann. Und jedes Mal frage ich mich, wie er zum Teufel an einen Job bei einer Firma gekommen ist, die es verlangt, täglich im schicken Dreiteiler aufzutauchen, zudem eine Bahncard 100 bezahlt, die über 3000 Euro kostet, und die einem Sprach- und Computerlegastheniker einen Firmenlaptop zur Verfügung stellt. So schlecht können die Zeiten also nicht sein, wenn sogar völlig unqualifizierte Menschen gute Jobs bekommen.

„Hey“
Ich schrecke auf, schaue hoch und blicke in ein mir unbekanntes männliches Gesicht. Ein junger Typ mit wilden blonden Locken und einem viel zu großen grauschwarz gestreiften Wollpulli steht vor meinem Tisch. Er trägt einen riesigen grünen Sack, der schlaff über seiner rechten Schulter baumelt.
„Hey“, antworte ich.
„Ist da noch frei?“
„Klar.“
Eigentlich das normalste Gespräch der Welt. Vor allem, wenn man jeden Tag zwei Stunden im Zug verbringt. Eigentlich sind es aber auch meist die Schlipsträgerpendler oder die Omareisenden, die sich dazusetzen. Ein mir unbekannter hübscher junger Kerl ist was anderes.

Wenn er ein Pendler ist, werden wir uns nicht unterhalten. Wie schon gesagt, Pendler reden nicht. Sie grüßen nicht mal, sie nicken nur. Wahrscheinlich haben wir Angst davor, dass, einmal ein Gespräch geführt, an jedem Tag eine belanglose Unterhaltung erwartet wird. Das wäre dann eine Pendlerfreundschaft, die aber eindeutig auf dem täglichen Weg zur Arbeit nichts verloren hat. Denn belanglose Unterhaltungen gibt es nur in portionierten Zeitpaketen: im Fahrstuhl, im Flugzeug und natürlich auch in der Bahn, aber nicht täglich mit denselben Leuten. Denn wer auf einer Fahrt bereits übers Wetter gesprochen hat, kann sich auf der Rückfahrt noch obligatorisch über die Tücken der Deutschen Bahn unterhalten. Dann sind alle Banalitäten geklärt und es müsste persönlicher werden. Sogar der Zweck der Fahrt ist – im Gegensatz zu den Gesprächen unter Reisenden – schon zu intim für Small Talk. Deshalb reden wir nicht, wir nehmen uns nur wahr.

Aber mit Reisenden ist das natürlich was anderes – vor allem wenn sie so blaue Augen haben.
Der Schaffner kommt, ich ziehe meine graue BahnCard 100 aus der Tasche und der Typ gegenüber beginnt zu kramen.

5 Antworten

Kommentare

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    Als Zugbegleiterin muss ich zugeben... ich liebe meine Pendler :D Aber auch nur weil ich so oft eine bestimmte Strecke fahre dass man übers Guten Morgen Gebrumme sogar zu einem Lächeln übereingekommen ist ;)

    01.10.2009, 04:25 von Riku_Hana
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    Schön geschrieben der Text. Die Passage mit den Fahrkarten find ich super. Auch dass das am Ende wieder aufgegriffen wird. Unterhaltsam!

    19.05.2009, 21:41 von buschdi
    • 0

      @buschdi Danke!

      22.05.2009, 11:14 von Jubeljulia
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    Wenn das mal wieder nicht nur Klischees bedient...

    07.05.2009, 23:48 von Steifschulz
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