LauraPhilomenaTheresa 27.09.2012, 15:26 Uhr 6 15

Olaf

Der Moment ist gekommen, der Augenblick, der unweigerlich kommen musste. Das Leben stellt ihm eine Frage und niemand antwortet.

Von Anfang an wirft Olafs Leben lästige Fragen auf. In jeder Minute, jeder Sekunde seines Kinderlebens mit klebrigen kleinen Händen, Nudelsoße am Kinn und durchgescheuerten Knien in der Latzhose stürzt die unendliche Flut wie unverständliches Geplapper auf ihn ein. Die Antworten geben zunächst andere, meistens die Erwachsenen: seine Eltern und Lehrer. Der nette Dr. Blomsund von Gegenüber gibt ihm Medizin, wenn er krank ist und Harry, sein cholerischer Tennistrainer, macht die Überlegung ganz überflüssig, ob er heute überhaupt Lust hat zu trainieren. Manchmal ist es auch seine große Schwester Anna, die ihn in den Schwitzkasten nimmt und zwingt, einen toten Regenwurm zu essen.

Doch Olaf wird älter und die Grenzen verschwimmen. Er erkennt die Erwachsenen nicht mehr, weil er selber erwachsen geworden ist. An einem Morgen wacht er auf und plötzlich ist es ganz still. Der Moment ist gekommen, der Augenblick, der unweigerlich kommen musste. Das Leben stellt ihm eine Frage und niemand antwortet. Olaf wartet noch eine Weile, lauscht geduldig in die Stille, bis sie sich ohrenbetäubend aufbläht, ihn bedrängt und eine leichte Beklemmung in ihm auslöst. „Vielleicht braucht ja nicht jede Frage eine Antwort“, denkt er hoffnungsvoll und macht sich ganz klein, damit das Leben ihn nicht erwischt. Aber natürlich stellt das Leben keine Fragen, die keine Antworten erfordern, bestenfalls gewährt es augenzwinkernd einen kleinen Aufschub, bevor es dich sacht oder verheerend an die Antwortpflicht erinnert, in Form von Rechnungen, Inkassoschreiben, einer chronischen Bronchitis, einer verdreckten Wohnung, Arbeitslosigkeit und großer Einsamkeit. In Form von verpassten Gelegenheiten.

Für Olaf sind die Fragen des Lebens einfach zu schwer. Er fühlt sich wie damals in der Schule, wenn er in Englisch ausgefragt wurde und keine Vokabeln gelernt hat. Er zerbricht sich den Kopf, Panik lähmt seine Gedanken und er weiß einfach nie, wie die richtige Antwort lauten könnte. Im Gegensatz zu damals sehen andere Menschen ihn jetzt mit Unverständnis scheitern, sie hören das Leben gar nicht fordern, weil sie ihm immer einen Schritt voraus sind. Sie wissen nicht, wie schmerzhaft die Fragen in den Ohren dröhnen und im bangen Herzen widerhallen. Andere Menschen haben die Miete schon überwiesen und die Bewerbung schon geschickt, und wenn sie abends unterwegs sind müssen sie nicht überlegen, wie man am Ende aufhört zu trinken. Sie sitzen zusammen auf der anderen Seite der Glasscheibe, eingehüllt in warmes Licht, während Olaf draußen steht und friert. In ihrem Leben führt eines zum anderen und ihre Kleidung riecht nach Sonne und Geborgenheit. Seit Olafs Eltern tot sind und seine Schwester in Australien, wo sie jetzt ihre eigenen Kinder mit Regenwürmern füttert, riecht in Olafs Leben nichts mehr nach Geborgenheit. Es riecht nach Verzweiflung und Überforderung. Und das Leben hört nicht auf, immer wieder fragt es laut, wie es weitergehen soll. Aber Olaf hat keine Antwort.



Es ist Dr. Blomsund, der Olaf findet, zusammengerollt in einem Haus aus Karton, und seine Kehle wird ganz eng, als er fünfzehn Jahre von dem Gesicht abzieht und seinen ehemaligen kleinen Patienten erkennt. Daheim bei Dr. Blomsund ist Olaf wieder sauber, er fühlt sich zurückversetzt in eine Zeit, die unbegreiflich glücklich war, eingetaucht in warmes Leuchten, gedämpft hört er die Erwachsenen reden und es riecht nach einem Auflauf aus dem Ofen. Dr. Blomsund setzt sich zu ihm und ordnet seine Gedanken. Olaf weiß jetzt, dass er nicht hier bleiben kann, Dr. Blomsund ist zu alt, um die Fragen des Lebens dauerhaft für ihn zu beantworten. Er ist so froh, dass jemand über ihn entscheidet, dass er alles tut, was Dr. Blomsund will. „Trink mal diesen Kaffee Olaf, der tut dir gut“, sagt der weißhaarige Doktor und geht mit dem Telefon in den Flur. „Er ist nicht behindert, Anna, er ist ein guter Junge. Er ist einfach nicht für die Moderne geboren, es ist alles ein bisschen zu viel für ihn allein“, hört er den Doktor murmeln. Olaf kuschelt sich in die weiche Decke auf dem Diwan und schläft sofort ein.

Als er aufwacht ist die leere Kaffeetasse verschwunden, nicht mal ein feuchter Ring auf dem Tischchen erinnert an ihre Anwesenheit. Olaf staunt und dreht sich suchend um. Dr. Blomsund hat ihn nicht allein gelassen. Er sitzt mit gefalteten Händen in dem Sessel gegenüber und beobachtet Olaf freundlich. „Na, ausgeschlafen Olaf?“ Olaf nickt. Dr. Blomsund fragt nicht: „Und jetzt, was willst du jetzt machen Olaf?“ Er weiß, dass Olaf die Antworten fehlen. Er fragt ihn stattdessen: „Gehst du oft in die Kirche Olaf?“ Olaf schüttelt den Kopf. Es zieht ihn nichts in die kalten Gemäuer mit all den sauber frisierten Leuten, die über ihn tuscheln, wenn er nichts in die Kollekte wirft. Der Doktor nickt. „Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit“, sagt er entschlossen. „Du gehst zum Militär.“


Tags: Individualisierung, Entzauberung der Welt, Militär, Kirche
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6 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Sehr sehr schöne Schreibe. Die Überschrift stört, weil sie von Anfang an klar macht, worauf es hinausläuft. 

    28.09.2012, 22:15 von T-A
    • 1

      Schließe mich an.

      29.09.2012, 00:51 von First.Of.The.Gang
    • 0

      Ich auch.

      04.10.2012, 18:09 von verpixelt
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  • 1

    Das ist gut und nachvollziehbar geschrieben. Besonders gefällt mir das hier:
    "Aber natürlich stellt das Leben keine Fragen, die keine Antworten
    erfordern, bestenfalls gewährt es augenzwinkernd einen kleinen Aufschub,
    bevor es dich sacht oder verheerend an die Antwortpflicht erinnert"
    und das:
    "Sie wissen nicht, wie schmerzhaft die Fragen in den Ohren dröhnen und im bangen Herzen widerhallen."
    Der Doktor hat Recht, Olaf braucht jemanden, der für ihn Entscheidungen trifft. Kirche und Militär sind da nur folgerichtig.
    Gern gelesen.

    27.09.2012, 19:07 von Songline
    • 0

      schöner kommentar :)

      29.09.2012, 21:15 von Gluecksaktivistin
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