Ohne Titel-1
"Fertig." sagt Bibo und wischt die letzten Blutspuren weg. "Schau. Gefällt's dir?"
Der Schmetterling ist schwarz. Ohne Muster. Die Flügel weit und ausladend. Schörkellos. Unschön. Wie ein Engel. Ein schwarzer Engel. Auf der Innenseite meines rechten Oberarms. Düster, schlank. Ein Mal.
Bibo packt die Maschine beiseite und tippt mir auf die Außenseite. Eine gerade Narbe. "Hat das eigentlich weh getan damals?"
"Hat es denn bei dir weh getan?" frage ich zurück. Bibo grinst schief und schaut auf den Boden. Er antwortet nicht.
Er hat die gleichen Narben. Wir sind nicht nur mehr Körper. Wir wurden verdrahtet. Und es wird gemessen, was in früheren Zeiten mal ausschließlich Seeleneigentum war.
"Du willst wissen, ob das andere weh getan hat. Der Termin bei der Psychologin."
"Ja."
Die Psychologin spricht nicht mit dir. Sie setzt nur das Messer an. Nimmt dir Teile deines Körpers weg.
"Danke für alles. Wir hören uns." Ich stehe auf und gehe.
Er sitzt mir gegenüber. Im weißen Anzug, weißer Zylinder. Weiße Handschuhe. Das rötliche Haar streng nach hinten. Seine Pupillen sind riesig und schwarz. Lächelt milde und blass. Der Doktor.
"Willkommen."
Ich antworte nicht. Ich bin breit.
Der Wächter verschwindet in der Schwärze des Raumes, nachdem er mich an den Stuhl gebunden hat. Ich trage ein blaues Armband. Potentiell gefährlich. Also festbinden.
"Ist alles in Ordnung mit dir?" Er beugt sich leicht nach vorne. Er sieht traurig aus.
Ich antworte nicht. Nicht gleich die ganze Kraft ins Nichts feuern. Es hat noch nicht mal angefangen.
"Sind die Narben vom letzten Mal gut verheilt?" Er macht sich Sorgen. Er ist traurig. Er ist immer traurig, wenn die Werte schlecht sind.
"Die Psychologin hat ihre Arbeit sauber gemacht." antworte ich. Betonungslos. Nicht von seiner Milde einlullen lassen. Augen auf. Wach bleiben. Anspannen. Lockerlassen. Anspannen. Lockerlassen.
Der Wächter legt mir seine schwere Pranke auf den Nacken. "Ruhig!" zischt er mich an. Er hat es bemerkt. Wird wieder eins mit der Schwärze, die um uns herum herrscht.
"Gut." Der Doktor zieht eine Akte. "Kommen wir zu deinen Werten."
Sie messen die Werte mit Sonden, die sie dir in den Körper jagen. Kleine Chips mit langen Tentakeln, feiner als der dünnste Draht. Je eine in jeden Arm, jedes Bein, zwei in den Hals, vier in den Torso. Machen dich zum Datenträger. 365 Tage messen sie dich, werten dich aus.
Sie operieren dich und wenn du aufwachst, bist du ein Teil des großen Ganzen. Ein Teil der Gesellschaft. Und es ist immer die gleiche große Lüge: Es ist nur zu deinem Besten. Also musst du auch deinen Teil dazu beitragen.
Ich fühlte, wie die Sonden wandern. Ich hatte brutalste Schmerzen. Ich konnte kaum schlafen. Wenn ich schlief, hatte ich Alpträume. Meine Augenhöhlen wurden immer schwärzer. Ich ging zu Micky und bestellte mir Drogen. Etwas für den Schlaf und gegen die Schmerzen. Manchmal konnte sie mir helfen. Manchmal knallte ich mir billiges Schwarzmarktzeug hinter die Haut, das so schlecht war, dass ich nicht wusste, ob ich die nächste Stunde überleben würde. Manchmal ging ich zu Bibo, der hatte auch.
Ich hoffte, mein Körper würde die metallenen Fremdkörper abstoßen. Ich ging oft allein am Kanal spazieren und wünschte, die Dinger würden aus meinem Körper platzen, ich würde kopfüber ins Wasser fallen und ich hätte endlich meine Ruhe.
Meine Akte ist dick. Meine Werte sind immer schlecht.
Am Anfang meinen sie es noch gut. Da stopfen sie dich mit "Medikamenten" voll. Drogencocktails aller Art. Behalten dich zur Beobachtung. Notieren sich gewissenhaft und mit ernsten Gesicht, wenn du den Raum zehnmal am Tag vollkotzt und das Leben aus dir herausbricht und wischen nichts weg. Niemand spricht mit dir. Das künstliche Licht verschluckt die Zeit und du weißt nicht, wann der Tag aufhört und die Nacht anfängt. Dann geben sie dir was anderes. Du musst nicht mehr kotzen. Aber windest dich unter höllischen Schmerzen. Irgendwann schicken sie dich kommentarlos nach Hause.
Er packt einen Stapel kleiner Papiere neben die Akte. Seine Stimme ist ein säuselnder leiser Singsang.
"Ich fange mit dem Unwichtigen und dem Positiven an." Er fächert den Stapel Papiere durch und lächelt.
"Deine körperliche Fitness ist überdurchschnittlich gut."
"Das war vor einem Jahr auch schon so."
"Du kannst bei uns einsteigen. Wenn du dich jetzt dafür entscheidest, sehe ich von einer weiteren Auswertung deiner Akte ab."
"Gleiche Antwort wie vor einem Jahr: Nein."
Er sieht mich prüfend an.
Bibos Drogen schwappen nach oben. Ich grinse ihn an.
"Laufen euch die Leute weg, hm? Habt ihr keine Krieger mehr in eurer scheiß Armee? Müsst ihr jetzt schon im Widerstand wühlen, um Menschen zu finden, die kämpfen können?"
Ein Tritt gegen den Stuhl. Ich kippe zur Seite um und lande mit Ellenbogen und Schläfe. Ich höre meinen Kopf auf den Boden knallen und frage mich, ob man es spüren kann, wenn der Schädel bricht.
Der Doktor schüttelt den Kopf und blättert weiter.
"Du bist mit deinen Lügen extrem im Plus."
Er wartet auf meine Reaktion. Ich sage nichts. Wurde wieder aufgerichtet.
"Besser noch als letztes Jahr. Du hast kaum welche gebraucht."
Ich blicke zur Seite. Ich kann ihn nicht ertragen.
"Leider gleicht es deine dermaßen schlimmen Restwerte nicht wirklich aus." Er klingt, als würde er gleich weinen.
Er macht langsam. Wartet immer noch auf mich. Ob ich reagiere. Ob ich Reue zeige, weil ich nicht so lebe, wie sie es gerne hätten.
Er blättert die Liste auf.
"Gut. Du hast anscheinend nichts dazu zu sagen. Ich gehe es mit dir durch."
Micky fing an zu weinen, als sie die Zehenstumpen und den fehlenden kleinen Finger sah.
Die Psychologin arbeitet immer sauber. Schnell und präzise nimmt sie dir die ausgewählten Körperteile ab.
Micky und die anderen haben versucht, mir die Sonden rauszuschneiden.
Micky fluchte, weil sie nicht durch die Strichnarben schneiden konnte sondern sagte, sie müsse von der anderen Seite rein.
Ich blutete viel zuviel.
Die anderen hielten mich fest, weil die Narkose nicht mehr wirkte und Micky mir nicht noch mehr dubioses Zeug vom Schwarzmarkt in die Venen pumpen wollte.
Sie schlugen mich bewusstlos, weil ich so schrie und um mich schlug auf der Werkbank im Keller von Stu, der an der Tür saß, rauchte und Wache hielt.
Und dann konnten sie nicht alle Sonden rausnehmen, weil ich zu schwach war und zu viel geblutet habe und die äußeren Umstände alles massiv erschwert haben.
Er liest die Werte leise runter. Was ich habe, was normal ist. Zwei Wertwelten. Nicht kompatibel.
"Wut: 85, Normal ist 5 bis 10. Gleichgültigkeit: 16, normal ist 2 bis 5. Trauer: 22, normal ist 0 bis 8. Hass: 133, normal ist 0 bis 10."
Dann macht er eine Pause.
"Also, du bist dermaßen weit von einem durchschnittlichen Wertebild entfernt, das ist – hier: Liebe: 1, normal ist 80 bis 100, Sehnsucht: 30, normal ist 25 bis 75."
Er lässt die Akte sinken.
"Ich verstehe das nicht. Die Wut ist überdurchschnittlich hoch, Hass verläuft in Kurven und die Liebe ähnlich gegengleich dazu... Aber die Sehnsucht ist...dein einziger relativ konstanter Durchschnittswert" Er macht eine Pause. "Deine Aggressionen sind extrem. Von den guten Gefühlen bleibt quasi nichts übrig."
Ich starre ihm auf die Kante zwischen Zylinder und Stirn.
Er fährt fort: "Unsere Gesellschaft kann so nicht funktionieren, wenn wir den Ballast des Schmerzes nicht endlich aktiv zu bekämpfen wissen. Und jeder einzelne von euch muss seinen Beitrag dazu leisten. Warum fällt dir das so schwer?"
Bleib ruhig. Er will es nicht wirklich hören. Er tut nur so.
"Warum?"
"Warum was?"
"Warum du dich nicht eingliedern willst in unseren großen Frieden."
Ich wollte ruhig bleiben. Ich spüre die Wut, wie sie mich auskocht. Ich zische: "Großer Frieden? Ha, dass ich nicht lache!". Der Wächter tritt hinter mich. Wenn ich laut werde, wird er wieder handgreiflich werden. Letztes Jahr hat er so fest zugeschlagen, dass ich aus dem Stuhl geflogen und mit dem Gesicht an der Tischkante gelandet bin. Nasenbeinbruch. Danach haben sie mir dann das blaue Armband verpasst.
"Du kennst doch die Methode. Soll ich es dir nochmal erklären? Den Sinn? Die Absicht? Das Ziel?"
Ein falsches Glitzern in seinen Augen. Diese aufgesetzte Traurigkeit. Diese groteske Milde. Dieses abartig falsche Mitgefühl.
"Wir haben uns doch dazu entschlossen, die dunklen Seiten zu eliminieren. Wir können jetzt alle lieben und hoffen, ohne dass es schmerzt. Wir haben einen Weg gefunden! Aber den müssen alle gehen sonst wird sich nichts ändern. Deshalb bekommt ihr von uns Sonden eingepflanzt. Das ist zu eurem Schutz. Damit ihr auf dem richtigen Weg bleibt. Es wird alles leichter werden, verstehst du."
Er sieht mich an. Seine Augen. Die Iris wie gesprungenes Glas.
"Antworte bitte." sagt er leise.
"Antworten? Worauf denn?"
"Warum du es dir selbst so schwer machst!"
Ich möchte ihm ins Gesicht spucken. Ich möchte brüllen und schreien. Ich möchte ihm die Nase ins Gehirn prügeln.
Ich möchte. Ich hätte bitte gerne. Ich überlege. Ich sage nichts.
Der Wächter packt meinen festgebundenen Arm und dreht ihn. Ich bekomme kaum Luft. Mir zerreißt es schier die Schulter.
Der Doktor sieht sich die neue Narbe an. Auf der Innenseite des Arms. Quer durch den Schmetterling.
"War es das wert, ja?"
Bibo streicht über die neue Narbe.
"Jetzt ist er tot. Dein schwarzer Schmetterling. Ich hatte mir solche Mühe gegeben." Er lächelt schwach.
Micky hatte direkt am linken Flügel angesetzt. Es ist unschön verheilt. Der Schmetterling ist kein Engel mehr, sondern ein Krüppel mit Flügeln. Knotig, verzerrt. Nicht mehr zu gebrauchen.
"Zwei sind noch drin." sage ich. "Ich bin geliefert."
"Warum?" Bibo serviert schwarzen Kaffee.
"Der Jahrestermin für meine Werte ist viel zu bald. Ich bin noch nicht wieder operierbar, sagt Micky. Ich kann aber auch nicht abhauen, solange ich noch welche in mir habe. Sie würden mich finden. Rausschneiden ist doch hier wie Hochverrat."
Er sagt nichts. Fährt mit dem Finger verlegen über seine dreckige Hose.
"Hast du schon mal gebetet?" fragt er mich.
"Nein."
"Nein? Auch nicht, als sie dir die Zehen und den Finger abgenommen haben?"
"Nein. Du?"
Bibo schämt sich. "Ja. Immer. Die machen mir echt eine Scheißangst."
Ich sage nichts. Er schaut mich verlegen an. "Tut mir leid. Ich kann nicht anders. Ich bin schwach."
Ich stelle die Kaffeetasse auf den Boden. "Mein Jahrestermin ist in einer Woche. Gib mir bitte irgendwas, damit ich das durchhalte."
Der Doktor kann nicht schreien. Er verzerrt nur sein Gesicht und faltet die Hände. Seine Handschuhe reiben aneinander.
Der Zylinder wirft Schatten.
"Es ist unter Höchststrafe verboten, Sonden eigenhändig herauszunehmen!" jammert er und schaut mich nicht mal an dabei.
"Es tut mir so leid. Wirklich."
Ich sage nichts.
Er fängt an zu weinen.
Der Wächter fängt an, mich loszubinden.
Ich weiß, dass ich verloren habe.
Wir hatten keine Zeit mehr und ich hatte keine Kraft.
Zwei sind noch drin.
Das war's dann.
Sie werden mir nicht nur Zehen und Finger abschneiden diesmal.





Kommentare
Ich habe ihn zwei Mal gelesen, um richtig in den Lesefluss reinzukommen, und mit jedm erneuten Abschnitt meine ich, mehr zu verstehen. Ich glaub, ich muss noch 1 bis 2 Mal lesen, aber so wie ich es bislang deute, kann ich nur sagen:
01.02.2011, 21:40 von topfbluemchenSpitzenklasse!!
@[Benutzer gelöscht] Fick Dich!
11.09.2009, 15:52 von SteifschulzAlso, Snilli, da hab ich dir ja schon am Morgen nach unserer heissen Nacht im Bett gesagt, dass ich den Text sehr geil finde. Als du ihn vorgelesen hast, war er aber intensiver!
20.07.2009, 10:51 von SurecampLiest sich so kräss, wie ne Platte von CELESTE oder dieser Film, dieser Englisch/Russische...EASTER EGGS oder so..daran musste ich dabei denken.
Wenn die Story verfilmt wird, dann so mit dunklen Kellern, ekligen Ärzten und stumpfen Schlägen zwischen Stirn und Tischplatte und Haut, die so eklig reisst...
so stell ich mir das vor, Du!
@[Benutzer gelöscht] Paß auf, ich schreib gleich was über bemalte Penise (Penisse?)
14.07.2009, 13:44 von quatzatSurreal, visionär und düster. Wieder zwei Erzählebenen. Wieder viele kurze Phrasen, kurze Eindrücke, wie kleine filmische Szenen, deren Cuts allerdings (siehe Waschbärs Kommentar) manchmal zu schnell gesetzt sind.
08.07.2009, 12:39 von DarenBRensDieser Text ist 100% Smilla und gibt einen special Punkt, der später in einen Schnaps (Bierpause!) umgetauscht werden kann!
@DarenBRens Smilla, eigentlich kannst Dich hier auch mal selbst empfehlen. ;)
09.07.2009, 17:27 von Steifschulz@Steifschulz smilla, ich denke, ich verstehe Deinen Text anders als Du ihn meinst, aber ich fühle mich berührt, erschüttert....
11.07.2009, 00:36 von HeikeT.Visionär und düster trifft es....
applaus!
08.07.2009, 09:59 von AnnaEckeich war überrascht, weil der Text so enorm anders ist. Wo ist der Rest des Buches? Los, ab an den Schreibtisch!
08.07.2009, 07:51 von Dunnaghganz schön kerlig geschrieben
07.07.2009, 12:40 von rolfradolfski@rolfradolfski Mich gruselt dieser Text. Und er berührt mich...
07.07.2009, 23:28 von kratzbuersteKann mir jemand oder auch die Autorin diesen Text erklären?
Was bedeutet der schwarze Schmetterling?
Geht´s um Drogen oder doch um die Beeinflussung von aussen?
Die Angst, sich verstellen zu müssen, um "alltagstauglich" zu sein?
Ich finde Deinen Text sehr spannend, aber bin mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstehe....
@kratzbuerste Hehe!
11.09.2009, 15:50 von Steifschulz