Nurksel
Ja, entschuldigen Sie bitte, der Begriff ist Ihnen natürlich nicht geläufig...
Sie saß in einem Café
und hatte gerade erfahren, dass sie versetzt worden war. „Sorry, Babe… ich
schaffe es nicht… Kunde droht mit Auftrag, muss mich kümmern! Wir sehen uns
zuhause, ich koch uns Lieferpasta, okay? Kuss…“
Dann ab nach Hause. Sie
hatten sich auf neutralem Gebiet treffen wollen, um ihre Entscheidung, derer
sie sich noch immer nicht sicher waren, noch einmal zu besprechen. So langsam
lief die Zeit davon, aber gut, dann würden sie eben doch zu Hause darüber
reden. Wenn sie sich beeilte, würde sie vielleicht gerade so an der bald
einsetzenden Rushhour vorbei schrammen. Sie legte einen Fünf-Euro-Schein auf
den Tisch - die dämliche Bedienung hatte zwar kein Trinkgeld verdient, aber sie
wollte einfach nur schnellstmöglich weg - und verlies das Café Richtung
Parkhaus.
„Hallo! Halloooho!“ Sie
drehte sich um, da kam er auf sie zugelaufen. Ein etwas älterer 0815-Opi, wild
mit seinem Regenschirm wedelnd. „Sie haben Ihren Schirm vergessen!“ Sie
lächelte den Opi an und sagte „Das ist aber lieb von Ihnen, das ist aber nicht
mein Schirm.“ Sie wandte sich bereits ab, als er sagte „Oh! Sind Sie sicher?“
„Ja, ich denke schon!“ „Aber haben Sie nicht eben im Café gesessen? Der Platz
am Fenster? Sie waren doch die Dame, die sich lauthals darüber beschwert hat, dass
die Bedienung Ihnen den Cappuccino mit Sprühsahne gebracht hat, oder?“ „Mmh.
Ja, schon! Aber was hat das mit dem Schirm zu tun?“ fragte sie ihn
stirnrunzelnd. Der Opi greift sich an sein Ohr und erscheint kurz etwas
abwesend. Sie zuckt mit den Schultern und dreht sich erneut weg um weiter zu
gehen.
„Entschuldigen Sie,
junge Frau!“ Sie mag es ja ganz gerne, wenn man 'junge Frau' zu ihr sagt, bei
dem alten Knacker relativierte sich das allerdings wieder. „Gut. Ich gebe zu,
dass mit dem Schirm, war nur eine Ausrede, um sie anzusprechen.“ Instinktiv wich
sie einen halben Schritt zurück. Wurde sie jetzt mitten auf der Shoppingmeile
von einem Opi überfallen? „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ „Was denn?“
„Eben im Café. Kann es sein, dass Sie sich auch beschwert hätten, wenn die
Kellnerin Ihnen den Cappuccino mit aufgeschäumter Milch gebracht hätte? Einfach
aus Prinzip, weil sie nicht danach gefragt hatte und so unfreundlich zu Ihnen
war?“ Sie war baff und fühlte sich ertappt. „Ähm… Ja, kann sein. Aber wie kommen
Sie darauf?“ „Ach, einfach so. Ich habe Sie beobachtet und… Also ehrlich gesagt…
ich versuche mich im Gedanken lesen und glaube, es gelingt mir inzwischen ganz
gut. Aber natürlich weiß ich es erst sicher, wenn ich es verifiziert habe.
Danke, dass Sie es mir bestätigt haben!“ Er lächelte sie an. ‚Du Arschloch!‘
dachte sie ‚Hast Du das auch gelesen?‘ und sagte höflich „Okay. Fein. Dann haben wir
das ja geklärt. Auf Wiedersehen!“ Zum dritten Mal wendete sie sich ab und
tatsächlich schien er sie nicht aufzuhalten. Sie hörte ihn noch vor sich
hinmurmeln, wollte aber nicht zurückschauen.
Sie war vielleicht vier
oder fünf Schritte gegangen, als er wieder nach ihr rief. „Ähm, entschuldigen
Sie bitte nochmal!“ Sie ging einfach weiter. Er kam hinterher. „Bitte! So bleiben
Sie doch stehen! Ich… Ich muss Ihnen etwas Wichtiges sagen!“ Jetzt wurde ihr
der Alte wirklich lästig und sie überlegte, in welcher Ecke ihrer Tasche das
Pfefferspray war. Sie blieb stehen, drehte sich zu ihm herum und sah ihn mit
einem warnenden Blick an. „Hören Sie! Bei allem Respekt! Lassen Sie mich bitte
in Ruhe!“ „In Ordnung, in Ordnung. Aber bitte: Schenken Sie mir nur wenige Minuten
Ihrer Zeit! Sie werden es nicht bereuen!“ Sein Blick wurde plötzlich flehend.
Vielleicht sogar verzweifelt. Geld! Der alte Mann würde sie jetzt bestimmt
gleich nach Geld fragen und sie wusste jetzt schon, dass sie ihm auch welches
geben würde. Sofort sprang ihr Mitleidsmodus an, obwohl der Opi sein Anliegen
noch gar nicht preisgegeben hatte. Wieder hatte er seinen Finger am Ohr und
schien sich selbst zuzunicken. Sie sah ihn erwartungsvoll und wieder etwas
freundlicher an.
„Danke, junge Dame,
vielen Dank! Darf ich mich zunächst einmal vorstellen: Mein Name ist
Zeitstehler!“ Na klasse, doch ein Irrer! Trotzdem musste sie grinsen. „Jaja,
Sie lachen, aber so ist es. Zeitstehler ist mein Name, mein Beruf und…“ Er
klopfte sich zweimal mit der flachen Hand auf seine Herzgegend. „…meine
Berufung!“ „Das glaube ich Ihnen aufs Wort, Herr Zeitstehler!“ Irgendwie war er
doch knuffig. „Mc Hide!“ Sie reichte ihm versöhnlich die Hand. „Ich weiß…!“
„Bitte?“ „Ähm… Ich
weiß auch nicht, aber das ist ja mal ein interessanter Name! Wie…woher...?“ „Mein Mann.“
„Natürlich! Also sehr erfreut, Mrs. Mc Hide! Wie ich schon sagte, meine
berufliche Tätigkeit ist der Zeitdiebstahl! Die genauen Hintergründe sind mir
nicht immer bekannt, aber das ist es was ich tue: den Nurkseln Zeit stehlen! Ich
saß gerade an der Vorbereitung eines neuen Auftrags und las das Nurkselprofil,
als Alarm ausgelöst wurde. Da ich zufällig mit Ihnen im Café saß, war natürlich
klar, dass ich die Order bekam und mich sofort um sie kümmern musste. Mir war
nicht klar warum, da Sie ja in Sicherheit waren. Aber Auftrag ist Auftrag und
es würde sich mir schon erschließen. Leider ist aber Spontanität nicht gerade
meine Stärke. Ich bin schon sehr lange im Nurkselgeschäft, aber schließlich
auch nicht mehr der Jüngste. Und die Zeit ist so schnelllebig geworden, es ist
wirklich von Jahr zu Jahr komplizierter geworden, welche zu stehlen. Es ist verrückt,
denn die Zeit ist ja nicht ‚mehr‘ geworden. Entschuldigung… ich schweife ab.
Jedenfalls, kaum hatte ich Sie übernommen, da erfuhr ich auch schon, dass mein
Kollege ‚Herr Dazwischengekommen‘ einen logischen Fehler begangen und Ihren
Mann bereits abgefertigt hatte und Sie deshalb im Begriff waren zu gehen. Daher
die Sache mit dem Schirm und dem Cappuccino, dem Gedanken lesen… mir ist
einfach nichts Besseres eingefallen! Ich bin etwas unter, hihi, Zeitdruck und so
erhielt ich gerade die Freigabe, dass ich offen mit Ihnen sprechen darf! In
dringenden Fällen ist das eine Option die nach spontaner
Risiko-Nutzen-Abwägung…“
Sie verstand überhaupt nichts und es gefiel ihr nicht, dass der irre Opi ihren Mann erwähnt hatte. Was sollte das heißen ‚abgefertigt‘? Sie griff intuitiv nach ihrem Handy, um ihn anzurufen. Während sie wählte und auf das Freizeichen wartete, musterte sie den Alten skeptisch von oben bis unten und fragte sich, ob er bewaffnet sein könnte. „Was erzählen Sie da eigentlich? Was war das mit dem Murksen?“ Besetzt.
„Nurksel! N. U. R. K. S. E. L. Einfach
Nurksel. Ja, entschuldigen Sie bitte, der Begriff ist Ihnen natürlich nicht
geläufig. Das ist der Ausdruck unserer Behörde für Euch Menschen.“ Heilige
Scheisse! Sie drückte die Wahlwiederholung. „Okay! Alles klar! Danke für das
Gespräch! Sie haben mir jetzt ja erfolgreich die Zeit gestohlen, was auch
immer. Ich geh…“ Freizeichen. „Ja? Sie
meinen, ich habe meine Sache gut gemacht?“ Der Opi strahlte über das ganze
Gesicht. Wieder die Finger am Ohr. Sie war nicht sicher, ob er die letzte Frage
wirklich an sie gerichtet hatte, denn sein Blick ging dabei an ihr vorbei. Sie
drehte sich um, um zu schauen, ob jemand hinter ihr stand. Aber da war niemand,
den er gemeint haben könnte. Ihr Mann ging nicht ans Telefon. Sie wendete sich
wieder dem Opi zu, als er ihr noch einmal seine Hand reichen wollte. Sie ließ
ihre Hand in der Manteltasche und schüttelte grimmig den Kopf. Jetzt war sie
sauer und hatte genug. „Nichts für ungut, junge Frau!“ Plötzlich sah er ganz
entspannt aus. „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit!“ Er drehte sich um und spazierte
in aller Seelenruhe davon. Verdutzt schaute sie ihm nach. Klar, er hatte ja
jetzt ihre Zeit gestohlen. Nun begann sie auch schon damit. Apropos
‚gestohlen‘… Sie überprüfte Ihre Taschen… alles da. Spinner!
Natürlich geriet sie
mitten in den schönsten Feierabendverkehr. Zusätzlich musste sie wegen einer
Vollsperrung auf der Autobahn einen dadurch völlig verstopften Umweg fahren und
brauchte dreimal so lange nach Hause, wie sonst.
Später erzählte sie
ihrem Mann von dem merkwürdigen Opi und auch er hatte eine seltsame
Geschichte erlebt. Er wollte sich gerade auf den Weg in die Innenstadt zu ihrer
Verabredung machen, als er einen Anruf eines eventuell interessierten Kunden
bekam. Dieser bestand auf ausführliche Vorabinformation und sofortige
Vorortbesichtigung. Das konnte er natürlich nicht ablehnen und fuhr zu der
angegebenen Adresse, nicht weit entfernt, aber außerhalb. Dort angekommen fand
er außer einer heruntergekommenen Scheune nichts vor. Die Telefonnummer des
angeblichen Interessenten war „nicht vergeben“. Er war stinksauer und stand
später im gleichen Stau wie sie.
Da fiel ihr wieder
ein, dass der alte Mann etwas von einem Herrn „Dazwischengekommen“ geplappert
hatte und irgendwie ergab das mit dem „Ihr Mann sei bereits abgefertigt worden“
plötzlich einen merkwürdigen Zusammenhang. Aber keinen Sinn. Ihnen beiden war
das alles etwas unheimlich und sie zweifelten ein wenig an ihrem Verstand.
Erst recht als sie später in den Nachrichten von dem Massenunfall auf der Autobahn erfuhren. Ihrer Haus- und Hofstrecke. Normalerweise. Wenn sie nicht aufgehalten und umgeleitet worden wären.
Ein Geisterfahrer
hatte eine Massenkarambolage ausgelöst, es gab einige Tote und viele
Schwerverletzte. Er war sprachlos, sie fing an zu weinen.
Sie versuchten den
zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren. Dafür schrieb sie alles, was der Opi
gesagt und an was sie sich erinnern konnte, auf. Sie glaubten zu verstehen,
doch andererseits überstieg es ihre Vorstellungskraft.
Zwei Tage später
schrieb Herr Zeitstehler ihnen eine Nachricht per Email. Darin erklärte er ihnen
„der Vollständigkeit halber“ ausführlich die Chronologie der Ereignisse. Er
trat jedoch auch mit einer Bitte an sie heran.
Ein ‚Herr Uhrenversteller‘ hatte selbst verschlafen und so das schlimmst mögliche aller Szenarien ins Rollen gebracht. Es wäre dessen Aufgabe gewesen, dafür zu sorgen, dass der Nurksel, dem es laut Nurkselprophezeiung bestimmt war, durch eine Unaufmerksamkeit viele Menschen zu töten, verschlafen zu lassen. Dadurch wäre der gesamte Tag dieses Nurksels völlig anders verlaufen und er am späten Nachmittag niemals in verkehrter Richtung auf die Autobahn aufgefahren. Als der Fehler viel zu spät bemerkt wurde, war der Unglücksnurksel längst unterwegs und nicht mehr aufzuhalten gewesen.
Sofort wurden alle
verfügbaren Nurkselbeauftragten angepiept und auf alle möglicherweise
betroffenen und für die Nurkselchronik noch sehr wichtigen Nurksel in ihrer
Nähe angesetzt. Eine reine Notfalllösung, es konnte nur gerettet werden, wer zu
richtigen Zeit am richtigen Ort war. In der ganzen Aufregung und
unübersichtlichen Lage wurden dann versehentlich noch weitere Nurksel
fehlgeleitet. Sie hätten am Ende zwar die ursprünglich vorgesehene Anzahl der Toten
reduzieren können, aber selbstverständlich sei die Behörde untröstlich über
diese vielen nicht wieder gut zumachenden Fehler. Herr Zeitstehler versicherte ihnen,
dass der Vorfall lückenlos aufgeklärt werden würde und die Sicherheitsmaßnahmen
bereits entsprechend erhöht wurden.
Aber eines wolle er
noch loswerden: Die Sache mit dem Gedankenlesen wäre keine Erfindung gewesen. Natürlich
könnten alle in der Behörde Nurkselgedanken lesen, anders wäre der Job ja gar
nicht durchführbar. Er dankte ihr für ihre Geduld mit ihm, denn wenn sie ihm
nicht zugehört hätte, wäre die Nurkselchronik an einigen Stellen noch schwerer
zu Schaden gekommen. Sie möchten beide doch bitte ihre Entscheidung überdenken.
Denn wenn nicht und sie dabei blieben, wäre auf gewisse Weise – und sie möchten
das bitte nicht falsch verstehen – der Notfalleinsatz umsonst gewesen. Es würde
ihn und seinen untröstlichen Kollegen sehr beglücken, wenn sie melden könnten,
dass die Aufträge „mit Sternchen“ abgeschlossen werden konnten. Sie bräuchten
ihm darauf nicht zu antworten, abgesehen davon, dass es Ihnen auch gar nicht
möglich sei. Seine Behörde würde es schon auf ihre Weise registrieren, wenn der
Name des neuen Nurkselkindes feststünde…
Als sie die Nachricht später anderen zeigen wollten, war sie verschwunden und nicht mehr auffindbar.
Sie haben nie mehr
über die damals anstehende Entscheidung gesprochen, es war kein Thema mehr.
Gerne hätten sie ihrem Sohn den Zweitnamen Nurksel gegeben, aber irgendwie
konnten sie es niemanden plausibel erklären.





Kommentare
sehr unterhaltend :)
27.04.2012, 08:47 von MiguelStinsonDas freut mich sehr :) Merci!
27.04.2012, 22:28 von Mrs.McHWie immer, hast mich nicht enttäuscht..!
21.04.2012, 21:27 von FrauuziWie immer: Danke für Deine Zeit und Herz :)
23.04.2012, 06:30 von Mrs.McHmupsel?
21.04.2012, 14:48 von zehnmomenteschnurzel?
Kennste nicht?
23.04.2012, 06:30 von Mrs.McHDanke, dass Sie es mir bestätigt haben!“ Er lächelte sie an. ‚Du Arschloch!‘
20.04.2012, 00:31 von Danny0511dachte sie
Ich mag den Opi :)
Ich mag Nurksel, die Opi mögen :)
20.04.2012, 00:43 von Mrs.McHDa kommt mir "Nupsi" in den Sinn. :)
20.04.2012, 00:48 von Danny0511Nupsi? Das darfst Du mir beim nächsten Mal erklären, bütte! Nach der nächsten... Maus!
20.04.2012, 00:52 von Mrs.McHDamit lassen sich prima kleine Dinge beschreiben, deren eigentlicher Name gerade nicht einfallen will.
20.04.2012, 10:45 von Danny0511:)
Ach so was wie "Dings"?
20.04.2012, 15:38 von Mrs.McHDingsda oder Dingensda, na du weist schon. ;)
20.04.2012, 15:39 von Danny0511Ach Danny, wir hatten doch letzten das Thema über Dings. Weißt Du noch, als wir uns nicht einig waren wegen Bums? Ich sagte Tschilp, aber Du wolltest unbedingt Wlapp? Diese elendige Diskussion über Plitsch und Co. Wir haben uns dann am Ende auf Snirz geeinigt... Das war schön :)
20.04.2012, 15:50 von Mrs.McHSnirz! :)
20.04.2012, 16:02 von Danny0511einmisch..!! gibt einen super spruch: Seitdem ich das Wort "Ding" kenne, kann ich alles erklären!"
21.04.2012, 21:26 von Frauuzi