Notfalls Bildung.
Wenn das eigene Dasein zur Last einer ganzen Gesellschft wird.
Befindet man sich heutzutage in der misslichen Lage, Student an einer
großen deutschen Universität in einer großen deutschen Stadt eines
großen deutschen Bundeslandes zu sein, darf man in regelmäßigen
Abständen davon ausgehen, deutlich zu spüren, wie lästig man der großen
deutschen Gesellschaft mit seinem Studententum ist.
Erst die Anmeldung
zum Erststudium und die (für viele Studenten) sehr unklare Finanzierung
desselbigen: Wie 500 Euro im Semester zusammensparen, während man in
einer neuen Stadt noch keine Ahnung hat, wo das Geld zum Leben zu
verdienen ist.
Dann der erste Gang durch die neue Uni. Hörsäle und
Seminarräume sind Nachkriegsbauten, Bibliotheken verfehlen ihren Sinn
durch Baulärm. Setzt man sich auf einen Stuhl, knarrt er vor
Erschöpfung, weil er seit 60 Jahren gelangweilte Studenten tragen muss.
Seit 60 Jahren dient dieser Stuhl in seinem anvertrauten Hörsaal und hat
Magister, Diplomer und Doktoranden kommen und gehen sehen. Seit etwa 10
Jahren nehmen nun auch Bachelor und Bachelorette auf ihm Platz. Eine
davon bin ich.
Meine erste Vorlesung handelte von der Epstorfer
Landkarte und das Weltbild im Mittelalter. Ich saß in einem dieser
riesen Hörsäle und fühlte mich erwachsen, wie ich da an dem
herunterklappbaren Tischbrettchen meine eifrigen Notizen machte, über
geostete Landkarten und einflussreiche Klöster im 12. Jahrhundert. Am
Rednerpult ein müder, alter Professor. Herr X. schien immer abgespannt,
genervt und müde, vor allem müde. Seit der ersten Sitzung ärgerte er
sich über die Technik der Hörsäle, über fehlende Sitzplätze für seine
Studenten, aber auch über die Unart, vor Ende seiner Vorlesung den Saal
zu verlassen. Kein gutes Wort ließ er an der Anwesenheitspflicht,
beklagte sich über die neuen Bachelorstudiengänge, den allgemeinen
Arbeitsaufwand, die viel zu vollen Hörsäle. Ich verstand wohl seinen
Unmut, war aber trotz stetig latenter Langeweile recht zufrieden mit
meiner Situation in der Vorlesung. Mich störte weiterhin nicht, dass
einige meiner Seminarräume zwecks fehlender Fenster nie das Licht der
Welt erblicken konnten und ich fand es normal, weil nie anders erfahren,
dass es immer diese Zuspätkommer gab, die nun eben auf dem Boden
sitzend dem Seminar folgen mussten. Dass es ständig technische Probleme
oder dauerhafte Totalausfälle der Ausstattung in den Seminarräumen gab,
störte mich nur peripher.
Das war das erste Semester und bis jetzt, im
6. Semester, sind die strukturellen Ungereimtheiten weniger beseitigt
als vermehrt. In zwei von drei Bibliotheken, die mich fachlich
interessieren, kann man nicht ausreichend arbeiten. Bücher sind
vorübergehend im Keller oder Arbeitsplätze immer noch, oder mal wieder,
mit Baustaub bedeckt. Kopierer sind zeitweise nicht zu benutzen, bitte
kommen Sie nächste Woche wieder. Ich verbringe Großteile meiner Zeit in
Räumen mit jahrzehnte altem Teppich und bin jedes Mal dankbar, keine
Stauballergie zu haben. Es würde mir 2 von 5 Seminaren unmöglich machen
und ich müsste auf einen formgerechten Studienabschluss nach 6 Semestern
verzichten. Ich erinnere mich an den alten, müden Professor X.. Hätten
mich mittelalterliche Klöster damals auch über die erste Sitzung hinaus
emotional ergriffen, könnte ich bald meine Abschlussprüfung bei ihm
machen. Ich wäre in seine 60 Minuten Sprechstunde gegangen und hätte mit
etwa 20 anderen Studenten vor seinem Raum darauf gewartet, endlich mit
ihm sprechen zu können, um ihn demütig darum zu bitten, mir 40 Minuten
seiner bezahlten Zeit zu schenken, die für mich einen Bachelorabschluss
bedeuten würde. Im Akkord hätte er 20 andere solcher Anfragen
beantwortet, Prüfungszulassungen widerwillig unterschrieben. Es ist ja
immerhin sein Job.
Mittelalterliche Klöster haben bekannterweise nicht
lange in meinem Interessensvorrat überlebt, stattdessen (und
wahrscheinlich war es klar) dominiert Büchner weiterhin fröhlich meine
Hauptmotivation für mein Studium. Endlich, nach 5 Semestern hoffen und
bangen, kam die Uni zur Vernunft und bescherte uns ein ganzes Seminar
über jenen, nach dem der wichtigste deutsche Literaturpreis benannt ist.
Endlich für mich, endlich für viele andere. Wie schläfrig und
motivationslos ich in Venusfigur-Seminaren und Diskussionen über
Enzensberger saß! Jetzt war alles anders. Wie in meiner ersten Vorlesung
bei Herrn X. sitze ich nun fleißig, motiviert und aufmerksam und höre,
was es schlaues über Georg Büchner zu sagen gibt. Und davon gibt es
viel. Frau Prof. Dr. Y. hält dieses Seminar mit Sympathie und Fairness
und lässt uns Studenten gleichberechtigt zu Wort kommen. Mit 65
Studenten, nicht alle davon gleich motiviert, wird einmal wöchentlich
geprüft, was Büchner so zu schreiben hatte. Dass meine Teilnahme an
diesem Seminar nur geduldet wird, ist ein anderes Thema. Aber sicher war
immer, dass ich mich darüber prüfen lasse.
Gestern also saß ich wartend
vor Frau Y.s Zimmer. 60 Minuten Zeit hat sie für diesmal 15 Studenten.
Vergleichsweise wenige, guckt man sich die Warteliste der vergangenen
Woche an, wo 23 Studenten auf ein paar Minuten Redezeit hofften. Ich
jedenfalls bin Nummer 13 auf der Liste. Ich fange an zu rechnen. 15
Studenten wollen reden, 60 Minuten Zeit. 4 Minuten für jeden Studenten. 4
Minuten, um Prüfungsthemen anzusprechen, abzusprechen, festzulegen. 4
Minuten für die Besprechung möglicher 25-seitiger Hausarbeiten. 4
Minuten für das 30-minütige Referat nächste Woche. 4 Minuten also, für
alle möglichen studentischen Belange. Ich, die Nummer 13, denn Namen
sind eine umständliche Information an der Universität, wäre also um
15.48 an der Reihe. Zeit habe ich bis 15.52. Frau Y. kennt meinen Namen
nicht, Frau Y. hat mich erst zwei mal gesehen, irgendwo zwischen ihren
65-Büchner-Seminar-Teilnehmern saß ich und manchmal hat sie vielleicht
gesehen, wie ich aufzeigte und meinen Senf dazugeben wollte. Jetzt
brauche ich vier Minuten ihrer Zeit, um sie davon zu überzeugen, dass
ich bei ihr und über Büchner meine Prüfung ablegen will. Aber vier
Minuten, nicht viel Zeit für Überzeugungen.
Frau Y. bitte mich herein
und ich nehme Platz. Zögerlich taste ich mich heran, wie es
prüfungstechnisch bei ihr aussieht. Frau Y. atmet tief ein, hält kurz
die Luft an und sagt dann, etwas beschämt, mehr genervt: ” Ich weiß
nicht, wie ich das schaffen soll.” Weiter, dass sie für die nächste
Phase schon viele Prüfungen hat, dass andere Professoren auch prüfen und
vielleicht auch, dass ihr das alles zu viel wird. Ich weiche aus und
biete die nächste Prüfungsphase an, September bis Oktober, statt Juli.
Es würde mich ein paar Monate kosten, aber besser das als eine Prüfung
zu einem Thema, das mir nicht liegt. Frau Y. will nicht, dass ich wegen
ihr Zeit verliere und sucht nach einem Termin. Juli ginge notfalls, aber
nur notfalls. Ich soll abklären, wie es mit Oktober aussieht, ob ich
dafür noch ein Semester eingeschrieben sein muss. Ich bin ein Notfall.
Das steht fest nach dieser Sprechstunde. Frau Y. kann nichts dafür, dass
sie eine beliebte Professorin ist und beliebte Seminare hält. Frau L.
kann nichts dafür, dass man ihr nur 60 Minuten für ihre 300 Studenten in
der Woche zuspricht. Frau Y. kann generell nichts für uns, uns 300
Notfälle, die notfalls auch eine Prüfung im Oktober ablegen würden.
Ich verlasse ihre Sprechstunde, bedanke mich vielleicht dreimal und
wünsche einen schönen Tag. Frau Y. ist jung und trotzdem, Frau Y.
erinnert an Herrn X.: müde, genervt, zu viel Arbeitsaufwand. Und ich
frage mich: Welchen Stellenwert hat Bildung in unserer Gesellschaft? Wie
hoch kann Bildung in einer Gesellschaft geschätzt werden, deren Politik
den Zugang dazu durch eine fast unmögliche Finanzierung nur
privilegierten Menschen ermöglicht? Warum fühle ich mich privilegiert,
weil meine Studium glücklicherweise nie ernsthaft in Frage stand? Warum
kann ich, obwohl ich 1000 Euro im Jahr gezahlt habe, jetzt, in der
heißen Prüfungsphase, keine Bibliothek anständig nutzen? Warum muss ich
auf fachfremde Bibliotheken ausweichen, um Ruhe und Konzentration zu
haben? Warum fühle ich mich seit gestern so richtig lästig? Notfalls
kann man mich prüfen, notfalls findet man einen Termin für mich und
notfalls bekomme ich mein Recht darauf zugesprochen, mein
Studiumsabschluss eigenständig und für mich vorteilhaft zu gestalten?
Hallo Gesellschaft, in vergammelten Nachkriegsbauten und lauten
Bibliotheken versammelt sich deine Bildung, die zu einem prekären
Notfall geworden ist und im Vierminutentakt abgefertigt wird.
Gesellschaft, du solltest deine Prioritäten überdenken.





Kommentare
Mittlerweile glaube ich, dass ich mit der LMU München verwöhnt wurde, wenn ich so Sachen les...
29.04.2012, 17:42 von DalekVielleicht liegts aber auch am Studiengang- also bei Prüfungsfragen und Organisation gabs nie irgendwelche Probleme oder Engpässe. War aber auch ein Staatsexamen und kein Bachelor, da gibts doch gewisse Vorgaben und Reglements..
Trotz Anonymisierung: Studierst du in Köln? :D
28.04.2012, 16:58 von wordmagehaha.. nein, Namenskürzungen sind wahllos und der Artikel ist schon etwas älter. ;)
28.04.2012, 17:01 von YateNa gut, die Beschreibung der Renovierung und des Gebäudes klingt aber genau so...und in der Kölner Germanistik gab es einen Prof. Z. und es gibt eine Prof.in L.
28.04.2012, 17:05 von wordmageGibt es da auch welche, die X und Y heißen? ;) Z und L waren wirklich wahllos, aber vielleicht zu wahrscheinlich Anfangsbuchstaben für Nachnahmen. ;)
28.04.2012, 17:12 von YateIch sollte Lotto spielen.
28.04.2012, 17:13 von YateMr. X ist einer, der beim Landesprüfungsamt arbeitet. Den kennt man nämlich nur vom Hörensagen, zu sehen ist er (so gut wie) nie.
28.04.2012, 17:33 von wordmageSchön übrigens, dass du Schweden magst.
Ich kann jetzt nicht auch noch Rücksicht auf Mr.X nehmen! ;)
28.04.2012, 17:52 von YateUnd ja, Schweden ist fabelhaft!
Absätze wären ein echter Fortschritt für den Text.
28.04.2012, 08:51 von sailorWas lernt man heutzutage eigentlich an der Uni...
Du bist so weise! Danke für den Tip, auf die Uni und das, was man dort lernt, ist ja kein Verlass mehr.
28.04.2012, 11:45 von YateIch bin nicht weise. Ich hab nur Augen im Kopp...
28.04.2012, 11:47 von sailor