Yate 27.04.2012, 20:50 Uhr 11 3

Notfalls Bildung.

Wenn das eigene Dasein zur Last einer ganzen Gesellschft wird.

Befindet man sich heutzutage in der misslichen Lage, Student an einer großen deutschen Universität in einer großen deutschen Stadt eines großen deutschen Bundeslandes zu sein, darf man in regelmäßigen Abständen davon ausgehen, deutlich zu spüren, wie lästig man der großen deutschen Gesellschaft mit seinem Studententum ist.
Erst die Anmeldung zum Erststudium und die (für viele Studenten) sehr unklare Finanzierung desselbigen: Wie 500 Euro im Semester zusammensparen, während man in einer neuen Stadt noch keine Ahnung hat, wo das Geld zum Leben zu verdienen ist.
Dann der erste Gang durch die neue Uni. Hörsäle und Seminarräume sind Nachkriegsbauten, Bibliotheken verfehlen ihren Sinn durch Baulärm. Setzt man sich auf einen Stuhl, knarrt er vor Erschöpfung, weil er seit 60 Jahren gelangweilte Studenten tragen muss. Seit 60 Jahren dient dieser Stuhl in seinem anvertrauten Hörsaal und hat Magister, Diplomer und Doktoranden kommen und gehen sehen. Seit etwa 10 Jahren nehmen nun auch Bachelor und Bachelorette auf ihm Platz. Eine davon bin ich.

Meine erste Vorlesung handelte von der Epstorfer Landkarte und das Weltbild im Mittelalter. Ich saß in einem dieser riesen Hörsäle und fühlte mich erwachsen, wie ich da an dem herunterklappbaren Tischbrettchen meine eifrigen Notizen machte, über geostete Landkarten und einflussreiche Klöster im 12. Jahrhundert. Am Rednerpult ein müder, alter Professor. Herr X. schien immer abgespannt, genervt und müde, vor allem müde. Seit der ersten Sitzung ärgerte er sich über die Technik der Hörsäle, über fehlende Sitzplätze für seine Studenten, aber auch über die Unart, vor Ende seiner Vorlesung den Saal zu verlassen. Kein gutes Wort ließ er an der Anwesenheitspflicht, beklagte sich über die neuen Bachelorstudiengänge, den allgemeinen Arbeitsaufwand, die viel zu vollen Hörsäle. Ich verstand wohl seinen Unmut, war aber trotz stetig latenter Langeweile recht zufrieden mit meiner Situation in der Vorlesung. Mich störte weiterhin nicht, dass einige meiner Seminarräume zwecks fehlender Fenster nie das Licht der Welt erblicken konnten und ich fand es normal, weil nie anders erfahren, dass es immer diese Zuspätkommer gab, die nun eben auf dem Boden sitzend dem Seminar folgen mussten. Dass es ständig technische Probleme oder dauerhafte Totalausfälle der Ausstattung in den Seminarräumen gab, störte mich nur peripher.

Das war das erste Semester und bis jetzt, im 6. Semester, sind die strukturellen Ungereimtheiten weniger beseitigt als vermehrt. In zwei von drei Bibliotheken, die mich fachlich interessieren, kann man nicht ausreichend arbeiten. Bücher sind vorübergehend im Keller oder Arbeitsplätze immer noch, oder mal wieder, mit Baustaub bedeckt. Kopierer sind zeitweise nicht zu benutzen, bitte kommen Sie nächste Woche wieder. Ich verbringe Großteile meiner Zeit in Räumen mit jahrzehnte altem Teppich und bin jedes Mal dankbar, keine Stauballergie zu haben. Es würde mir 2 von 5 Seminaren unmöglich machen und ich müsste auf einen formgerechten Studienabschluss nach 6 Semestern verzichten. Ich erinnere mich an den alten, müden Professor X.. Hätten mich mittelalterliche Klöster damals auch über die erste Sitzung hinaus emotional ergriffen, könnte ich bald meine Abschlussprüfung bei ihm machen. Ich wäre in seine 60 Minuten Sprechstunde gegangen und hätte mit etwa 20 anderen Studenten vor seinem Raum darauf gewartet, endlich mit ihm sprechen zu können, um ihn demütig darum zu bitten, mir 40 Minuten seiner bezahlten Zeit zu schenken, die für mich einen Bachelorabschluss bedeuten würde. Im Akkord hätte er 20 andere solcher Anfragen beantwortet, Prüfungszulassungen widerwillig unterschrieben. Es ist ja immerhin sein Job.

Mittelalterliche Klöster haben bekannterweise nicht lange in meinem Interessensvorrat überlebt, stattdessen (und wahrscheinlich war es klar) dominiert Büchner weiterhin fröhlich meine Hauptmotivation für mein Studium. Endlich, nach 5 Semestern hoffen und bangen, kam die Uni zur Vernunft und bescherte uns ein ganzes Seminar über jenen, nach dem der wichtigste deutsche Literaturpreis benannt ist. Endlich für mich, endlich für viele andere. Wie schläfrig und motivationslos ich in Venusfigur-Seminaren und Diskussionen über Enzensberger saß! Jetzt war alles anders. Wie in meiner ersten Vorlesung bei Herrn X. sitze ich nun fleißig, motiviert und aufmerksam und höre, was es schlaues über Georg Büchner zu sagen gibt. Und davon gibt es viel. Frau Prof. Dr. Y. hält dieses Seminar mit Sympathie und Fairness und lässt uns Studenten gleichberechtigt zu Wort kommen. Mit 65 Studenten, nicht alle davon gleich motiviert, wird einmal wöchentlich geprüft, was Büchner so zu schreiben hatte. Dass meine Teilnahme an diesem Seminar nur geduldet wird, ist ein anderes Thema. Aber sicher war immer, dass ich mich darüber prüfen lasse.

Gestern also saß ich wartend vor Frau Y.s Zimmer. 60 Minuten Zeit hat sie für diesmal 15 Studenten. Vergleichsweise wenige, guckt man sich die Warteliste der vergangenen Woche an, wo 23 Studenten auf ein paar Minuten Redezeit hofften. Ich jedenfalls bin Nummer 13 auf der Liste. Ich fange an zu rechnen. 15 Studenten wollen reden, 60 Minuten Zeit. 4 Minuten für jeden Studenten. 4 Minuten, um Prüfungsthemen anzusprechen, abzusprechen, festzulegen. 4 Minuten für die Besprechung möglicher 25-seitiger Hausarbeiten. 4 Minuten für das 30-minütige Referat nächste Woche. 4 Minuten also, für alle möglichen studentischen Belange. Ich, die Nummer 13, denn Namen sind eine umständliche Information an der Universität, wäre also um 15.48 an der Reihe. Zeit habe ich bis 15.52. Frau Y. kennt meinen Namen nicht, Frau Y. hat mich erst zwei mal gesehen, irgendwo zwischen ihren 65-Büchner-Seminar-Teilnehmern saß ich und manchmal hat sie vielleicht gesehen, wie ich aufzeigte und meinen Senf dazugeben wollte. Jetzt brauche ich vier Minuten ihrer Zeit, um sie davon zu überzeugen, dass ich bei ihr und über Büchner meine Prüfung ablegen will. Aber vier Minuten, nicht viel Zeit für Überzeugungen.

Frau Y. bitte mich herein und ich nehme Platz. Zögerlich taste ich mich heran, wie es prüfungstechnisch bei ihr aussieht. Frau Y. atmet tief ein, hält kurz die Luft an und sagt dann, etwas beschämt, mehr genervt: ” Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.” Weiter, dass sie für die nächste Phase schon viele Prüfungen hat, dass andere Professoren auch prüfen und vielleicht auch, dass ihr das alles zu viel wird. Ich weiche aus und biete die nächste Prüfungsphase an, September bis Oktober, statt Juli. Es würde mich ein paar Monate kosten, aber besser das als eine Prüfung zu einem Thema, das mir nicht liegt. Frau Y. will nicht, dass ich wegen ihr Zeit verliere und sucht nach einem Termin. Juli ginge notfalls, aber nur notfalls. Ich soll abklären, wie es mit Oktober aussieht, ob ich dafür noch ein Semester eingeschrieben sein muss. Ich bin ein Notfall.

Das steht fest nach dieser Sprechstunde. Frau Y. kann nichts dafür, dass sie eine beliebte Professorin ist und beliebte Seminare hält. Frau L. kann nichts dafür, dass man ihr nur 60 Minuten für ihre 300 Studenten in der Woche zuspricht. Frau Y. kann generell nichts für uns, uns 300 Notfälle, die notfalls auch eine Prüfung im Oktober ablegen würden.
Ich verlasse ihre Sprechstunde, bedanke mich vielleicht dreimal und wünsche einen schönen Tag. Frau Y. ist jung und trotzdem, Frau Y. erinnert an Herrn X.: müde, genervt, zu viel Arbeitsaufwand. Und ich frage mich: Welchen Stellenwert hat Bildung in unserer Gesellschaft? Wie hoch kann Bildung in einer Gesellschaft geschätzt werden, deren Politik den Zugang dazu durch eine fast unmögliche Finanzierung nur privilegierten Menschen ermöglicht? Warum fühle ich mich privilegiert, weil meine Studium glücklicherweise nie ernsthaft in Frage stand? Warum kann ich, obwohl ich 1000 Euro im Jahr gezahlt habe, jetzt, in der heißen Prüfungsphase, keine Bibliothek anständig nutzen? Warum muss ich auf fachfremde Bibliotheken ausweichen, um Ruhe und Konzentration zu haben? Warum fühle ich mich seit gestern so richtig lästig? Notfalls kann man mich prüfen, notfalls findet man einen Termin für mich und notfalls bekomme ich mein Recht darauf zugesprochen, mein Studiumsabschluss eigenständig und für mich vorteilhaft zu gestalten?

Hallo Gesellschaft, in vergammelten Nachkriegsbauten und lauten Bibliotheken versammelt sich deine Bildung, die zu einem prekären Notfall geworden ist und im Vierminutentakt abgefertigt wird. Gesellschaft, du solltest deine Prioritäten überdenken.

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Mittlerweile glaube ich, dass ich mit der LMU München verwöhnt wurde, wenn ich so Sachen les...
    Vielleicht liegts aber auch am Studiengang- also bei Prüfungsfragen und Organisation gabs nie irgendwelche Probleme oder Engpässe. War aber auch ein Staatsexamen und kein Bachelor, da gibts doch gewisse Vorgaben und Reglements..

    29.04.2012, 17:42 von Dalek
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  • 0

    Trotz Anonymisierung: Studierst du in Köln? :D

    28.04.2012, 16:58 von wordmage
    • 0

      haha.. nein, Namenskürzungen sind wahllos und der Artikel ist schon etwas älter. ;)

      28.04.2012, 17:01 von Yate
    • 0

      Na gut, die Beschreibung der Renovierung und des Gebäudes klingt aber genau so...und in der Kölner Germanistik gab es einen Prof. Z. und es gibt eine Prof.in L.

      28.04.2012, 17:05 von wordmage
    • 0

      Gibt es da auch welche, die X und Y heißen? ;) Z und L waren wirklich wahllos, aber vielleicht zu wahrscheinlich Anfangsbuchstaben für Nachnahmen. ;)

      28.04.2012, 17:12 von Yate
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      Ich sollte Lotto spielen.

      28.04.2012, 17:13 von Yate
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      Mr. X ist einer, der beim Landesprüfungsamt arbeitet. Den kennt man nämlich nur vom Hörensagen, zu sehen ist er (so gut wie) nie.

      Schön übrigens, dass du Schweden magst.

      28.04.2012, 17:33 von wordmage
    • 0

      Ich kann jetzt nicht auch noch Rücksicht auf Mr.X nehmen! ;)
      Und ja, Schweden ist fabelhaft!

      28.04.2012, 17:52 von Yate
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  • 0

    Absätze wären ein echter Fortschritt für den Text.
    Was lernt man heutzutage eigentlich an der Uni...

    28.04.2012, 08:51 von sailor
    • 0

      Du bist so weise! Danke für den Tip, auf die Uni und das, was man dort lernt, ist ja kein Verlass mehr.

      28.04.2012, 11:45 von Yate
    • 0

      Ich bin nicht weise. Ich hab nur Augen im Kopp...

      28.04.2012, 11:47 von sailor
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