PhildeSaxe 11.06.2012, 14:06 Uhr 1 2

Nostalgie gegen Moderne

Gedanken zur Architektur

Was macht ein urbanes, lebendiges Zentrum einer Stadt aus ?


Ist es die Geschichte? Was uns das Gefühl der Stabilität gibt? Ist es die Klarheit und Kühle der meisten modernen Bauten?

Ist es die Farbigkeit des Kapitalismus? Sind es die Menschen oder die Freiräume, welche sich weiten und verengen und durch die Menschen und Vegetation gefüllt werden?


Das Bild unserer Städte ergibt sich aus der Vielfalt all dieser Faktoren.


Meist sehen wir solche Städte als qualitativ hochwertig an, welche der Moderne nur teilweise anheim gefallen sind, jene, die mit ihren Gebäuden die Blüte ihrer Zeit symbolisieren, Stolz und Erhabenheit.

Doch hatte dieses Land vor 67 Jahren intakte Städte, welche durch die folgenden Jahrzehnte verstört wurden. War es Krieg, die Sozialistischen Gedanken des Regimes der DDR oder der Fortschrittswahn des Wirtschaftswunders der BRD. Dessen Folgen, einhergehend mit dem Strukturwandel des deutschen Wirtschaftssystems sind heute noch zu überwinden.

Die Zeiten der Wende, Aufbruch in ein geeintes Deutschland, wie ein geeintes Europa ermöglichten die „neuen Mitten“, Stadtzentren aus der Planung.

Zu nennen sind hier die Städte der Region Ruhr, Chemnitz, die verlorene Industriestadt des Ostens oder Dresden, Metropole und „Elbflorenz“, hochstilisiertes Beispiel des Krieges, das deutsche Coventry.

Diese Städte standen vor der gleichen Thematik, jedoch mit anderen Symptomen und Lösungsansätzen.


Konzentrieren wir uns auf Dresden. Einst die Residenz Sachsen-Polens und seit August dem Starken Sinnbild des Absolutismus auf deutschen Gebiet, Stadt des Barock, der Kunst und mediterrane Urbanität am Lauf der Elbe.

Nach 1945 lag das Herz der Stadt, zwischen Hauptbahnhof und Elbeknie brach, 3 mal 5 km maß die völlige Zerstörung. Der Plan die Stadt als Sozialistisches Muster zu bebauen, scheiterte an den finanziellen Möglichkeiten der DDR, doch nur Ruinen der größten Sehenswürdigkeiten alter Zeit blieben unangetastet, der Rest, planiert und geräumt, diente als Schafweide und späterer Parkplatz. Erst in den 80er Jahren entstanden vereinzelte, überdimensionierte Gebäude, das Herz flickten sie nicht.

Nach der Wende begann der Bau der Frauenkirche, barockes Sinnbild des Bürgertums, die Steinerde Glocke sollte die Silhouette der Stadt wieder prägen und ihr zusammen mit Hofkirche, Kreuzkirche, Rathaus und Schloss alte Blickachsen und Bezüge ermöglichen.

Der Bau von George Bähr löste einen Run auf die Grundstücke des Herzens Dresden aus und ermöglichte ein Bauvolumen ungeahnten Ausmaßes.

Doch was sollte dazwischen? Beton und Leere zwischen einzelnen Bauten der DDR? Historiesierende Bebauung oder Moderne?

Ziel war stets das Urbane Herz der Stadt zurück zugeben.


Doch war der gewählte Weg der Richtige? Welche Folgen hatte der Bebauungsplan für die Stadt?


Dresden entschied sich für eine Mischung aus Disneyland und Moderne, zu groß waren Wunden und zu klein der Mut. Das Ziel: „ Neumarkt vor '45“, mit selbst gewählten Gebäuden, egal ob sie je dort 45 standen. Einst ein urbanes, dem Wandel unterworfenes Zentrum, sollte als Skulptur der Wunsch des perfekten Barock entstehen. Auch geschützte Gebäude des Sozialismus sollten dem historischen Traum weichen. Die Bewohner und die Sozialstruktur standen hinten an.

Barocke Leitbauten entstehen, Neubauten spielen Barock und engagierte Moderne wird per Stadtrat und Bürgerentscheid gestoppt.

Doch schlägt auch heute nicht das Herz Dredens am Neumarkt, es schlägt an anderen Orten oder Plätzen. Sind Stadträume heute so egal?

Die Fragestellung muss sein, was ist gute Architektur in Zentren wachsender Metropolen.

Die Sicht darauf bestimmt den Nutzen, so liegt der Neumarkt abends verlassen, Einwohner sieht man kaum, Verkehrströme laufen abseits. Die Architektur schafft eine Illusion der Historie, löscht die Gesichte der Stadt und ihrer Bewohner aus. Der Neumarkt ist so nicht Herz, sondern Inklave. Bevölkerungsstrukturen, den zentralen Ort des Einzelhandels stellt er seiner Mischung aus Tourismus und High-Class- Läden nur für eine ausgelesene Schicht der potentiellen Nutzer wieder her.


Moderne Grundrisse hinter barocken Fassadenimitationen? Ist dies der Sinn heutiger Architektur in unseren Zentren?

Die Antwort darauf muss jeder selbst geben oder sollte Architektur nie den Sinn ihrer Selbst verlieren, da sie nur dadurch eine Berechtigung und einen Sinn erhält.

Ein Rückgriff auf die Formensprache der Umgebung, der Traufhöhen und des historischen, gewachsenen Rasters der Straße ist wünschenswert.

Doch sollte der Architekt die Freiheit schätzen und nutzen. Bestimmt er die sozikulturelle Gestalt unserer Städte, den Raum in dem wir einen Großteil unseres Lebens verbringen.

2

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    "Moderne Grundrisse hinter barocken Fassadenimitationen? Ist dies der Sinn heutiger Architektur in unseren Zentren?" Genau hier liegt die grösste Herausforderung unserer Zeit - Die Suche nach einer neuen Monumentalität.

    Toller Text!


    06.09.2012, 11:15 von Lukas_87
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android