Noch keine "Schöne Neue Welt"
Kritik des Neon-Artikels "Wir Zappelkinder": Wo ist denn der Bezugsrahmen geblieben?
Lieber Christoph Koch,
ich wurde gerade, weil ich etwas wütend ob des "Neon täglich" zu diesem Thema wurde, auf den Artikel "Wir Zappelkinder" in der aktuellen Neon (beide Links am Ende des Textes) verwiesen und möchte nun so sachlich wie möglich auch dazu ein Feedback geben. Mir ist sehr daran gelegen, dass die Diskussion um das Thema unaufgeregter und sachlicher wird und gebe mir nun also selbst alle Mühe dazu:
1. Beispiel Daniela aus Berlin (mittlere Spalte, S. 64): obwohl weiter hinten geschildert wird, dass sie Ritalin eben NICHT lange weitergenommen hat, weil sie in der Lage war, zu erkennen, was es mit ihr machte und dass es ihr nicht gut tat, wird sie als Beispiel für viele hingestellt und diese vielen sollen es ja angeblich alltäglich und unkontrolliert nehmen.
2. Es wird von "Studien" gesprochen, die schwanken und sagen, dass 3-25 Prozent der Studenten beim Lernen zu Medikamenten greifen. Woher kommen diese unterschiedlichen Zahlen? Wurden tatsächlich kranke mit einberechnet und in anderen Studien nicht? Wo ist die Auseinandersetzung zu dieser Frage? Es fehlt auch hier: Der Bezug, die Einordnung in eine Kategorie, die der differenzierten Analyse des Themas hilft.
3. Dann springt es in die USA: "Nature" habe eine Leserbefragung gemacht. Zwei völlig neue Bezugsrahmen werden eröffnet: 1. die Nature-Leserschaft, 2. die USA. Es fehlt im weitern Artikel aber eine Auseinandersetzung und Abgrenzung zwischen Deutschland und den USA, denn nach meinen Informationen gibt es dort himmelweite Unterschiede im Umgang mit Psychopharmaka im Alltag. Der Satz "die Umfrage war keinesfalls repräsentativ" fällt immerhin, der Bezugsrahmen wird aber nicht eindeutig gesteckt.
4. Dann die Verkaufszahlen: Wenn man davon ausgeht, dass ADS über fünf Prozent der Bevölkerung betrifft, aber erst seit gut zehn Jahren anerkannt ist und systematischer behandelt wird, dann sind steigende Ritalin-Verkaufszahlen plötzlich sehr unaufregend.
5. Es fehlt eine Beschreibung des Verfahrens (man könnte es auch Aufwand nennen), das dazu führt, Methylphenidat in einer Apotheke überhaupt zu bekommen. Es fällt unter das Betäubungsmittelschutzgesetz und unterliegt strengsten Richtlinien.
6. Von den deutschen Apotheken wird wieder in die USA gesprungen, nach Pennsylvania. Eine „Neuroethikerin“ wird zitiert, die zu bedenken gibt, dass in Schulen und Universitäten zukünftig ähnliche strenge Anti-Doping-Regeln nötig sein könnten, wie im Sport. Dazu siehe oben meine Anmerkung zum Thema Bezugsrahmen Deutschland und USA. Die Frage allerdings, ob sich Wohlhabende in Zukunft mit Gehirndoping im Leistungskampf fit machen könnten, finde ich spannend. Hier wären ein paar Zahlen nett gewesen, die eine Relation zwischen Einkommen und Einnahme solcher Mittel zeigt. Gibt es die überhaupt? Wäre spannend.
Der Rest des Artikels wirkt panisch. Es tut natürlich Not, sich Huxleys "Schöne Neue Welt" im Zusammenhang mit dem Konsum von Psychopharmaka ins Gedächtnis zu rufen. Und ein Aufschrei gegen die manchmal unmenschlichen Anforderungen gegen die Leistungsgesellschaft ist sicherlich auch nicht grundfalsch.
Dass aber Beispielsweise Russell Foster von "New Scientist" unkritisch zitiert wird mit der Aussage, man könne in zehn bis zwanzig Jahren den Schlaf völlig ausschalten, ist ein weiterer Beleg für die unkritische Haltung des gesamten Artikels. Denn den "Schlaf ausschalten zu können", weil man ja immer mehr über den Schlaf wisse, halte ich für völlig unrealistisch. Im Gegenteil: Je mehr man über den Schlaf lernt, so mein Eindruck - und ich beschäftige mich einigermaßen regelmäßig mit aktuellen Ergebnissen aus der Schlafforschung - desto deutlicher wird, wie WERTVOLL und unersetzlich dieser für das menschliche Gehirn ist.
Lieber Christoph Koch,
bitte nicht persönlich nehmen, aber diese Kritik muss erlaubt sein. Ich möchte einfach davon wegkommen, panikartig über dieses Thema zu schreiben und das wird hier leider getan, weil es momentan einfach auch "en vogue" ist. Wirklich sehr sehr schade. Denn _tatsächliche_ Gefahren, wie sie vielleicht in den USA schon an die Oberfläche treten, können nur dann angegangen werden, wenn sie differenziert analysiert werden.
Es besteht, wenn ohne Bezugsrahmen berichtet wird, die Gefahr, dass alle stigmatisiert werden, die zu bestimmten Medikamenten greifen. Daneben geht in der Emotionalität die tatsächliche Ernsthaftigkeit schnell verloren. Wenngleich der Zweck des Artikels ein "Weckruf" sein soll, so stellt er Ritalin und Co. als jetzt schon völlig "normale" Alltagsdroge zur Leistungssteigerung hin, so, als würden es eh schon "alle" machen. Was nicht der Fall ist, im Zweifel aber die Hemmschwelle, dazu zu greifen sogar senken kann.
Huxleys "Schöne Neue Welt" ist trotzdem ein Muss, oder gerade deswegen.
Mit lieben Grüßen,
eine untreue Leserin






Kommentare
Da weis wieder so eine Klugscheißerin alles besser, pfuii!
24.03.2009, 17:34 von nina90@nina90 nina:
31.03.2009, 22:12 von frl_smillakillerphrase für jeden gut strukturierten artikel.
gehst du nicht in die schule? da lernt man das argumentieren. ich musste das damals sogar schriftlich machen. mehrmals.
23.03.2009, 09:41 von zzebraReg dich nicht auf, meine Liebe. Journalismus lebt nun einmal vom Reißerischen. Egal wie aufgearbeitet. Aber schön, dass es noch Leute wie dich gibt, die dagegen sachlich anschreiben. An der Aufmachung erkennt man schon oft, ob man etwas wirklich lesen will oder ob man sich nur mal eben so ein bisschen aufregen lassen mag.
Klar, schade, dass unser Liebkind NEON ähnlich verfährt, aber warum einer knallbunten Journaille dies vorhalten? Wir wissen doch, woran wir sind. Sollten wir zumindest.
That's Entertainment. Und es gibt verflixt viel von dieser Art scheinintellektueller Unterhaltung im Angebot. Siehe unten auf dieser Seite die vielen hübschen weiteren Online-Angebote des Verlagshauses G J AG & Co KG...
Es gibt aber auch genug Bedarf beim Klientel, das unreflektiert konsumiert, schluckt und verdaut. Die Ausscheidungsprodukte findet man dann zuhauf in Kommentarteilen.
Mir gefällt dein Engagement.
zz.
20.03.2009, 14:17 von LudwigMartinIch hab das nicht gelesen und hab generell zu wenig Ahnung von der Thematik. Aber das kritische Hinterfragen und Aufzeigen von Fehlern im Journalismus kann ich nur empfehlen.
.
20.03.2009, 14:00 von katzenjammer.