Kaddinsky 09.11.2007, 15:02 Uhr 18 13

Neunundachtzig

Wir hatten alles verkauft, für ein neues Leben.

Juni '89
Alles hatten wir verkauft. Fast alles. Zuerst kam die Ausreisegenehmigung, dann haben wir alles verkauft und die Wohnung, in der ich einen Großteil meines Lebens gelebt hatte, sollte künftig von anderen Menschen als uns bewohnt werden. Die Koffer mit unserem letzten Hab und Gut waren gepackt. Hinter uns ließen wir Freunde, Verwandte. Zum Beispiel meine Freundin Diana, mit der ich immer Ponyhof gespielt hatte. Oder meinen Freund Martin, der sich beim Spielen so oft den Kopf aufgeschlagen hatte. "Schon wieder ein Loch im Kopf" hieß es dann immer. All diese Kinder, die seit meinem dritten Lebensjahr jährlich mit mir um einen runden Kuchen gesessen und zugeguckt hatten, wie ich die Kerzen ausblies – sie alle blieben dort. Und ich fuhr fort. Doch ich war nicht traurig, denn Juni '89 sollte der Monat einer Wiedervereinigung werden. Mein Vater, der seit zweieinhalb Jahren im Westen lebte, er war das Ziel unserer Zugreise. So fiel es meiner Mutter und mir nur mäßig schwer, all das hinter uns zu lassen. Das Warten, die ständigen Behördengänge, das Bitten und Betteln um Ausreise, die Lügen, das heimliche Treffen, der Trennungsschmerz – das alles hatte im Juni '89 ein Ende.

September '89
Einschulung. Nach über zwei Monaten in der neuen Heimat, ein zaghaftes Herantasten an diese Menschen, die so anders (so schwäbisch) redeten, sollte ich nun ein bisschen fester in der neuen Umgebung verankert werden. Diana, Martin, meine Oma, meine Tanten und Onkels – sie alle waren zwar nicht vergessen, doch die Aufregung um den ersten Schultag vertrieben die Gedanken an sie allzu oft. Neue Dianas, Martins und auch Dirks warteten doch dort! Dort, wo Papa schon so lange war, dort waren Mama und ich jetzt auch angekommen und bauten an einem neuen Leben. Der Tanz der zweiten Klasse-Kinder für uns Erstklässler faszinierte mich ebenso, wie mein Lehrer Herr Neumann, der die nächsten zwei Jahre meines Lebens eine entscheidende Rolle spielen und mich, das sächselnde kleine Mädchen, in die schwäbelnde erste Klasse integrieren würde. Erfolgreich übrigens – wenn auch mit ein paar Startschwierigkeiten. Und so waren wir alle – Mama, Papa und ich – so sehr mit unserem neu gewonnenen Leben beschäftigt, dass wir die anderen, die zurückgeblieben waren zwar nicht vergaßen, sie aber auch nicht schmerzlich vermissten.

November '89
Eines Abends saßen Mama und Papa vorm Fernseher und machten ganz erstaunte Gesichter. „Die Mauer ist gefallen“ (oder etwas in der Art) sagte Mama zu mir und guckte – ich weiß gar nicht – erschrocken? Froh? Erleichtert? Ernst? Mir war es nicht möglich, diesen Gesichtsausdruck zu deuten und er verwirrte mich sehr. Noch mehr verwirrte mich, was sie da sagte. Jahrelang hatte ich von „der Mauer“ gehört. Die Erwachsenen sprachen ständig darüber. „Die Mauer“ und „der Westen“, der auf der anderen Seite lag – so viel hatte ich schon verstanden. Mir war nie ganz klar gewesen, ob „der Westen“ nun gut war, oder schlecht. Papa war doch dort, also musste ja etwas Gutes daran sein. Andererseits sprachen nicht wenige Erwachsene damals „vom Westen“, als sei es ein gefährlicher Ort. Als Papa eines Tages plötzlich weg war, da hatte ich vorm Westen manchmal Angst, so als sei er ein hungriger Löwe, der meinen Papa verschlungen hatte. Nun saß ich selbst dort - „im Westen“ - und weg war die Angst. Ich sah, wie Menschen im Fernsehen über das kletterten, was wohl „die Mauer“ war. Zum ersten Mal sah ich bewusst „die Mauer“ im Fernsehen und dann gleich in so einer Ausnahmesituation, wo alle drüber kletterten! Mir war bewusst, dass da gerade etwas Großes, etwas Wichtiges passierte. Die Tragweite dessen, die genaue Bedeutung waren mir rätselhaft. „Die Mauer“ und „der Osten“ - also Oma, Opa, Diana, Dirk und Martin! - alles begann zu bröckeln, zu verschwinden. Es war faszinierend und unbedeutend zugleich: ich hatte meinen Papa, hatte meinen Herr Neumann in der Schule, hatte meine ersten schwäbischen Brocken, die sich mit meinem Sächsisch zu mischen begannen. Hatte so viel zu tun: musste Freunde finden, musste mich einfinden. Dass dieser Tag bedeutete, dass Martin, Diana, Oma und Opa nun bald nicht mehr „der Osten“ und somit unerreichbar waren, das lernte ich erst später. Dass dieser Tag der erste Entscheidende in der Geschichte einer neuen vereinigten Republik war, erst Jahre später.

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18 Antworten

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    Ich glaub an den 9.11.89 hat jeder eine besondere Erinnerung - meine Familie und ich saßen damals zwischen den Umzugskisten (übrigens auch Richtung Schwabenland) und stritten uns wegen des bestehenden Umzuges, als plötzlich im Fernsehen die Meldung kam. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie fassungslos meine Mutter war - hatte sie mir doch so oft erzählt, wie sie als Kind den Mauerbau miterlebt hatte.

    24.11.2007, 22:43 von the_actress
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    mir wird es immer wieder bewußt, wie sehr mich der mauerfall geprägt hat. ich war damals gerade 7. mein vater war damals in der antarktis und hat gar nichts mitbekommen, meine mutter war mit mir auf den demos. natürlich habe ich die hintergründe damals nicht verstanden. ich hatte ein dumpfes gefühl vom westen als paradies, durch die ganzen westpakete. ich hatte die mauer gesehen, und ich dachte, daß ich niemals nach nürnberg käme (ich fragte mal, den wegweiser nach nürnberg an der autobahn sehend, warum wir nie dorthin führen und erhielt zur antwort, daß wir nicht dürften).
    tja, und dann die stimmung, die aufregung, als die mauer fiel und die ereignisse sich überschlugen.
    und nun? noch immer geht mir ein schauer über den rücken, wenn es auf's thema kommt. dieses jahr war ich gerade in england am 9.11., und stieß abends im pub mit studenten von überall her auf den fall der mauer an. aber sie werden das wohl nie so euphorisch nachfühlen können...

    21.11.2007, 14:58 von zimmerleut
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    Als ich die Geschichte las, bekam ich irgendwie einen Rückenschauer. Ich selber kann mich noch sehr gut an diese Zeit erinnern, weil ich mit meinen Eltern Ende Áugust/September 89 über Ungarn entflohen bin. Ob mir damals bewusst war, was das alles so zu bedeuten hat, die Gewehrläufe der ungarischen Soldaten, die uns festnahmen, deuten konnte, weiss ich nicht, aber das Gefühl, dass etwas großes passiert ist an diesem Tag, das habe ich bis heute. Es ist wichtig nicht zu vergessen, dass Leute in diesem Land unterdrückt worden im Namen des Sozialismus und manche Querdenker einfach beseitigt wurden. Und was leider an der Wiedervereinigung von vielen Mauerfreunden vergessen wird: wichtiger als das neue Auto, die neue Wohnung oder die coolen Klamotten ist der Gewinn unbezahlbarer Güter wie Freiheit von Geist und Körper, Menschenwürde und Toleranz.

    Danke für Deinen Text!

    15.11.2007, 23:39 von CheGuevara_79
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    Guten Morgen,

    ich habe mich damals, ohne nachzudenken, ins Auto gesetzt und bin 8 Stunden nach Berlin gefahren, weil ich dabei sein wollte. Keine Ahnung wieso, es war ein Gefühl, daß etwas einmaliges im Leben eines Menschen passiert und da musste ich mittendrin sein.

    Als ich endlich in Berlin ankam, war ich soooo müde, daß ich Auto eingeschlafen bin. Aber der Tag darauf waren duzende Gespräche, Lachen, feiern, glücklich und unbeschwert sein, ohne genau zu wissen warum. Es war ein unvergessliches einmaliges Erlebniss ohne sog. spektakuläre Highlights, wobei die ersten Schritte durch den Osten, durch die Straßen hinter den Fassaden, sehr beklemmend und ruhig, still und erfüllt mit einem ungefähren Gefühl der Ahnung wie "drüben" gelebt wurde, waren.

    Sehr schöner Text - tooper

    12.11.2007, 02:10 von trooper
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    gänsehaut...
    Als die Mauer fiel war ich gerade drei Jahre alt, kann mich also an nichts erinnern.
    Aber es ist doch erstaunlich, dass man sich genau an die Dinge, die man an diesem Tag getan hat, erinnert, so wie stesti es beschrieben hat...

    11.11.2007, 22:32 von endless-sunshine
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    Ich bin erst nach dem Mauerfall geboren. Ich kann mir also gar nicht vorstellen wie es in Deutschland, besonders im Osten vor dem Mauerfall gewesen ist. Im Sommer war ich in einem ehemaligen Stasigefängnis. Da ist mir erst mal richtig bewusst geworden, wie schlimm das doch alles war. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass so etwas vor noch gar nicht all zu langer Zeit passiert ist.

    10.11.2007, 20:24 von Lusisa
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    richtig schöner Text :=)

    10.11.2007, 16:22 von Kiivi
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