nutella 29.11.2005, 20:34 Uhr 23 1

Nett ist es hier

Ein Tisch, ein Hocker, ein leeres Regal, ein Fenster und ein Waschbecken mit Spiegel. Saubere, tapezierte Wände.

Der Raum ist ca. 10 qm groß, ein Bett mit Matratze steht drin, saubere, blaukarierte Bettwäsche. Ein großes Fenster und Frischluft gibt es auch. Bis auf das Klobecken in der Ecke könnte es auch ein Jugendherbergszimmer aus der Wendezeit sein.
Ist es aber nicht.

Ich bin zu Besuch in der ehemaligen zentralen Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen.

So sieht also das Böse aus. Ziemlich banal. Worin soll hier der Schrecken liegen? Die Zustände in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit sind schlimmer.

Der Teufel (im wahrsten Sinne des Wortes) steckt im Detail. Das Regal blieb immer leer. Keine Bücher, es gab sie nur als Belohnung für kooperative Gefangene. Und als Bestrafung konnten sie wieder weggenommen werden.
Das Bett war zum Liegen da. Zwischen 22 und 6 Uhr durfte man darauf liegen, auf dem Rücken, die Hände auf der Bettdecke. Sonst war es tabu. Zum Sitzen war der Hocker da. Ansonsten musste man in der Zelle hin- und herlaufen.

Man hätte auch noch seine Gedanken niederschreiben können. Zeit genug hatte man ja, in der DDR waren Ermittlungsverfahren zwar auf drei Monate begrenzt, aber nicht für politische Ermittlungsverfahren. Und genau um die ging es in Hohenschönhausen. Aber Papier und Stifte gab es nicht. Der Gefangene war allein mit seiner Zelle. Kommunikation mit anderen Gefangenen war nur über Klopfzeichen nachts möglich, so konnte man sich seine ganze Lebensgeschichte erzählen. Aber woher wusste man, dass auf der anderen Seite nicht ein Mitarbeiter der Staatssicherheit war?

Oder man hatte Glück und kam in eine der Zwei-Mann-Zellen. Reden war erwünscht, die Zellen waren doppelt so groß wie Einzelzellen. Das war schon mal eine Erleichterung gegenüber der Einzelhaft. Und der Zellennachbar konnte ein Netter sein. Oder ein Ekel. Denn natürlich wusste die Stasi fast alles über einen und auch, wie man den Menschen am besten „knacken“ konnte. Denn der „nette“ Zellennachbar war nicht selten ein Stasi-Mitarbeiter. Und „l‘enfer, c‘est les autres“, auch die Stasi kannte Sartre.

Auch das Fenster besteht aus Glausbausteinen, man kann es nicht öffnen und davor erkennt man Gitterstäbe. Die Außenwelt bleibt nur schemenhaft erkennbar. Hell und Dunkel, mehr nicht. Die Stasi wollte eben über jeden Teil des Gefangenen totale Kontrolle – auch über dessen Wahrnehmung der Außenwelt, auch wenn sie nur aus der Mauer der Haftanstalt besteht.
Nach 1975 fand keine körperliche Folter mehr statt, die Einzelhaft genügte, jeden früher oder später weichzukochen. Die einzige Aussicht auf Freiheit bestand darin, vom „Westen“ freigekauft zu werden. Aber auch darauf konnte man sich keinesfalls verlassen.

Die Führungen werden in der Regel von ehemaligen Häftlingen durchgeführt. Viele scheinen eine „Macke“ zu haben – wahrscheinlich durch die Haft.

Nett war es dort allenfalls oberflächlich betrachtet.

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    Das System erinnert mich ein "1984". Und meinen Respekt, dass du die Führung mitgemacht hast, ich könnte das nicht.

    Allerdings muss ich zu Sartres Zitat anmerken, dass er das anders gemeint hat, als es von den meisten verstanden wurde. Er bemerkte später dazu: Man glaubte, ich wollte damit sagen, dass unsere Beziehungen zu anderen vergiftet sind, dass es immer teuflische Beziehungen sind. Es ist aber etwas anderes, was ich sagen will. Ich will sagen, wenn die Beziehungen zu anderen verquer, vertrackt sind, dann kann der andere nur die Hölle sein. Warum? Weil die andren im Grunde das Wichtigste in uns selbst sind für unsere eigene Kenntnis von uns selbst" Aber das nur am Rande, ansonsten ein guter Text.

    03.02.2007, 15:15 von odradek
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    eine verhamlosung der grausamkeiten die den opfer des stasistaates wiederfahren sind, ist dieser artikel. er wird dem grauen nicht ansatzweise gerecht. einfach nur stümperhaft.

    "Die Führungen werden in der Regel von ehemaligen Häftlingen durchgeführt. Viele scheinen eine „Macke“ zu haben – wahrscheinlich durch die Haft. "
    dieser abschnitt ist der größte beweis deines mangelnden einfühlungsvermögens.

    19.12.2005, 14:24 von AK-47
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      @AK-47 ich weiss nicht, ob du es verstanden hast.

      das ist ein bericht. über einen teil von hohenschönhausen. schreckliche folterkeller gibt es viele. auch schrecklichere, als die, die man in hohenschönhausen sieht.
      ein erfolgreicher versuch, menschen systematisch zu brechen, ist meiner meinung nach einzigartig. und bei genauerem nachdenken schrecklicher als grausame körperliche gewalt. die es auch gegeben hat, die aber den rahmen gesprengt hat.
      kritik über auslassungen ist einfach - eine inhaltliche auseinandersetzung schwierig. darum ist auch bisher niemand über pauschale vorwürfe hinausgekommen.

      der artikel ist weder eine wissenschaftliche aufarbeitung noch eine moralische verurteilung noch ein beweis von einfühlungsvermögen. einfach ein bericht. gedanken machen soll sich jeder selbst. es wäre schön, wenn die leser - besonders die kritisierenden - sie sich machen würden.

      20.12.2005, 00:34 von nutella
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    guter artikel.

    und eine diskussion, die ... naja. es ist eben immer noch so: l'enfer, c'est les autres.

    schade eigentlich.

    08.12.2005, 07:41 von antagonist
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    und so gut recherchiert! so! :)

    08.12.2005, 01:35 von bliss
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    Vielleicht sollten die, die hier so die Klappe aufreisen auch erstmal hinfahren? Ich war auch da, ist zwar schon einige Jahre her und ich erinnere mich noch gut. Der Artikel ist ein Einblick in einen Bruchteil von dem was einem dort vermittelt wird. Ich finde ihn gut, ich denke er kann einige Leute dazu animieren sich das Stasigefängniss auch mal anzuschaun!
    Wer selbst dort war weiß, dass man eigentlich gar nicht alles schreiben kann, was man dort hört.

    Ach und Moep, kannst du auch mal nett sein? Und warst du schonmal in nem Ami Gefängniss? Scheinbar schon, denn du maßt es dir an darüber zu schreiben, welche Sitten dort herrschen.

    07.12.2005, 22:39 von Sternstundekind
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    Und solche Beleidigungen wie ab dem 4. Beitrag, das sind keine Artikeldiskussionen.

    07.12.2005, 14:32 von Milchblick
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    Mmh, der Text ist jetzt keine konstruktive Kritik, schade. Dass im Gefängnis sitzen, auch in der alten DDR, kein Leckerli ist, das weiß wohl jeder. Ein Besuch in einem heutigen Gefängnis fänd ich interessanter.

    07.12.2005, 14:31 von Milchblick
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      @Milchblick dazu mein vorheriger artikel "einmal hölle und zurück"...

      07.12.2005, 19:28 von nutella
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