hib 07.11.2008, 14:36 Uhr 8 16

Nachricht aus dem Schützengraben

Wenn mich nicht bald jemand findet, dann komme ich zu dir.

Mein lieber Vater!

Seit Tagen nun lieg ich schon in meinem schützenden Graben, den ich mit weichen Kissen und Decken ausgelegt habe. Neben mir auf dem Boden stehen halbvolle Wasserflaschen, mit denen ich mehrmals in der Stunde die Zuversicht in mir gieße. Leere Schüsseln und verbogene Löffel liegen dort, aus denen ich warme Hoffnung für meinen kalten Magen schöpfe. Unter mir schlägt das Laken wilde Wellen, die mich immer wieder an die schwarzen Strände der Tage werfen. Ein Requiem zieht in naher Ferne seine klagenden Kreise unter der Lampe und hängt in Fetzen zwischen meinen Lidern. Die Decke gezogen bis knapp unter das Kinn, damit mich niemand an den krummen Beinen erkennt. Den Kopf halte ich eingezogen und hebe ihn nur dann ganz kurz, wenn der Wind an die spärlichen Blätter vor meinem Fenster klopft. Um zu sehen, ob er mir die Nachricht vom finalen Frieden an den Sims hängt. So liege ich hier, aus Angst davor, von einem weiteren Geschoss getroffen zu werden. Denn noch ein Krater in meinem Körper und die letzte tragende Säule gibt unter meiner Last endgültig nach. Schon jetzt ächzt es bedrohlich im Fleisch. Wenn noch ein Teil von mir abgerissen wird, höre ich auf mich beim Namen zu nennen.

Ich kann nicht aufstehen, lieber Vater. Es ist, als hätten sie mir in der letzten Schlacht alles unterhalb meines gerippten Auffangbeckens weggeschossen. Ich kann mich nicht bewegen, und dass obwohl ich meine Füße hin und wieder sehen kann am unteren Ende meines Grabens, wie sie vor Ungeduld scharren. Aber ich kann sie nicht benutzen. Ich kann nirgends hin und werde hier bleiben, bis einer einen Waffenstillstand für mich unterschreibt oder die Welt unter meinem Rücken zerbricht und mich dem freien Fall übergibt. Ich habe mich hier versteckt, so wie du einst auch, nachdem die letzte Bombe nur knapp neben meinem Brustbein einen Krater gerissen hat. Ihr schrilles Pfeifen auf den letzten hundert Metern Luftweg zu mir höre ich noch jetzt, wenn die Kampfgeräusche in und außer mir zum Abend hin verstummen. Ich habe in der Kiste, die du für mich bei meiner Mutter hinterlegt hast, die Messer gefunden, mit denen du dir in deinem Krieg so oft den steinigen Rückweg abgeschnitten hast. Und sie benutzt. Mit einem einzigen sauberen Schnitt. Du hättest nicht besser aufgeschlitzt Vater, das glaube mir. Jetzt habe ich mir gerade auch noch den runden Knorpel von den hinteren Schläfen abgeschnitten. Denn ich will nichts mehr hören. Außer meinem kranken Herzen.

Mein Vater, draußen auf der Straße tobt der Krieg. Jeden Tag höre ich die Maschinen brummen, noch bevor es am Himmel einen Schimmer gibt. In ihnen die Soldaten, mit grimmigen Gesichtern, mit müden Augen und mit dem sicheren Tod im Angesicht. Sie sind auf dem Weg zu ihren Schlachtfeldern, wo sie sich selbst verheizen für die Interessen der Generäle und Sklaventreiber unserer Zeit. Sie schlagen ihre Schlachten mit Worten größtenteils, mit lauten und leisen Manövern, die dem Gegner das Fürchten lehren. Sie nutzen ihre Ellenbögen wie unsere Großväter einst ihre Gewehre. Sie haben verlernt an sich selbst zu denken oder werden mit Wänden aus Papier davon abgehalten, sich selbst zu finden. Ein Labyrinth, nicht nur mit Mauern, sondern mit vorgeschriebener Laufzeit - immer von jetzt an bis zum Ende des Lebens. Es ist derselbe Krieg, der schon zu deiner Zeit tobte und der uns Menschen wohl vorbestimmt ist. Nur die Waffen sind moderner geworden. Mein Vater, wir selbst sind jetzt die Feuerbüchsen.

Ich bin deshalb desertiert. Fortgelaufen, als die Explosionen über meinem Kopf zunahmen und mich das Dauerfeuer der immergleichen Tage mehr und mehr zum Sieb machten, in dem nichts weiter hängen blieb, als die Ahnung von ungezählten, verpassten Momenten. Ich konnte es nicht mehr ertragen, diesen Kampf gegen Gleichgesinnte. Ich konnte in ihnen keine Feinde mehr sehen. Sie erschienen mir mit jedem Tag immer mehr wie eingesperrte Verbündete, wie mögliche Freunde, wie verirrte Verwandte, die nur vom Weg zu mir abgekommen waren. Ich versuchte sie zu locken, schoss mit Leuchtmunition ein Lachen in ihr Gesicht, setzte Nachrichten per Feldpost ab, schrieb mit meinen verbliebenen zwei Händen ihre Namen in die kalte Luft. Doch ich kam zu keinem durch, denn ein Soldat schaut nicht ins Gesicht seines Gegenübers, bevor er abdrückt. Er schaut, dass seine Füße für den Schuss sicher stehen. So ging ich also täglich durch die langen Flure und kroch unter den Geschützen hindurch, zupfte hier und da jemandem am Mantel und fragte mit vorgehaltener Waffe um Rat, verriss wo ich konnte einen geraden Schuss zum Querschläger. Aber retten konnte ich keinen - nur mich, für den ersten Moment. An dem Tag, an dem ich merkte, dass ich einer von ihnen zu werden drohte. An dem Tag, an dem ich nicht mehr ohne meine Waffe hinausgehen wollte. An dem Tag ging ich hierher, wo ich jetzt liege, duckte mich in meine schwere Uniform hinein und blieb einfach liegen. Und jetzt warte ich darauf, dass sich vor meinen Augen die nasse Erde auftut und mich aufnimmt, oder an einer Stelle so fest wird, dass man darauf gehen kann.

Mein Vater, du hast es mir vorgemacht. Aber ich habe Angst vor dem letzten Schritt. Ich wünschte ich könnte dich fragen wie es wahr, den Fuß ins Nichts zu setzen. Zu spüren, wie die Dinge vornüber kippen und ein letzter Windhauch die Gedanken befreit vom Gestank der modernden Körper. Hast du es bereut auf deinem Weg nach unten? Oder hast du dich mit einem tiefen Schrei befreit von dem Stein, der dir in der Brust gelegen und dich am Boden gehalten hat? Ich würde dich so gern fragen. Aber du bist ja gegangen, damit du keine Fragen mehr beantworten brauchst. Du hast gekämpft bis zur letzten Minute, hast deine Feinde nieder geworfen und dich schützend vor das wichtigste gestellt, das du hattest - dich.

Seit Tagen lieg ich hier in meinem schützenden Graben und frage mich, ob es wirklich so weit kommen muss. Ob der Krieg da draußen wirklich meiner ist. Ob ich noch Munition übrig habe und wofür ich sie verwenden soll. Ob meine verloren geglaubten Kameraden vielleicht wie ich im Boden eingegraben liegen und auf Rettung warten. Vater, wenn mich nicht bald jemand findet, dann komme ich zu dir. Lege mich in deine Arme und wir vergessen zusammen, dass wir jemals Krieger waren. In dieser Schlacht, die sie Leben nennen.

Dein Sohn

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8 Antworten

Kommentare

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    Da schreibe ich doch gern mal ein Kompliment drunter.. der Inhalt gefällt mir, auch wenn ich mich von der Flut von Bildern fast erschlagen fühle. Aber die Bilder sind die Richtigen, passend zum Thema.

    30.08.2010, 12:35 von Cyro
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    Wow...so tragisch...und wie immer großartig geschrieben.
    Ich konnte nicht schlafen und habe nach neuen Texten von dir gestöbert...eine schöne gute Nachtgeschichte ist dieser allerdings nicht. Bin immer noch im selben Gefühlszustand, in den mich dein nahe geschriebener Text versetzt hat.
    Trotzdem gibts, du ahnst es bereits, die Empfehlung sofort.

    11.11.2008, 04:38 von Existenz
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    Das ist mitten rein und NICHT wieder hinaus. Es kommt nie wieder heraus aus jedem, der es gelesen hat.
    Großartig, wahnsinnig.
    Genial, schön.

    !!!

    10.11.2008, 16:27 von kleinepiratin
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      @[Benutzer gelöscht] und? bist du mittlerweile am ende?

      10.11.2008, 15:26 von hib
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    sprachlich versierter als sonst.
    und irgendwie erwachsener.

    wirklich großartig.

    08.11.2008, 01:39 von touchthesky
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    wow, gänsehaut. ich bin platt.
    mehr kann ich im moment gar nicht dazu sagen.

    07.11.2008, 16:10 von latentneurose
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    krassmatisch, der herr. der herbst, der herbst, weckt ein wenig "im westen nichts neues"- untergangsgefühle...?
    sehr dicht und einen mit ziehend, wohin man gar nicht will.

    *Wenn noch ein Teil von mir abgerissen wird, höre ich auf, mich beim Namen zu nennen.* - meine hochachtung.

    vertrüge vielleicht noch ein paar absätze, ist inhaltlich schon so kompakt.

    07.11.2008, 15:06 von sophietrauer
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      @sophietrauer ja. immer das gleiche mit dem november. :)

      ich bin für vorschläge offen, was das absetzen angeht. ich kann mir grad keine vorstellen. bin wohl zu tief drin.

      ach ja. und danke. von einer, die selbst die worte so wundersam zusammen fügt, hört man das gern.

      07.11.2008, 15:09 von hib
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      @hib bissl gegenseitig ego-kraulen gegen den novembernebel? ^^ merci. und gut jetzt.

      finde, prinzipiell sind hier viele absätze drin. vor allem, wenn du grad mit einem substantiv ein bild so abrundest, dass der satz einen nachhall kriegt.

      07.11.2008, 15:16 von sophietrauer
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      @sophietrauer ach lass mich doch kraulen. das kitzelt so schön. ^^

      ich schau mal wegen den absätzen. danke für den hinweis.

      07.11.2008, 16:19 von hib
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    Noch ein bisschen großartiger als sonst, falls das überhaupt geht...

    07.11.2008, 14:59 von Maibowle
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